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uY<<&dM<>r .< $s/k,
Locke' s
V e r f u c h
über den
menfclilichen Verltand.
Aus dem Englifchen überfeizt
mit einigen Anmerkungen und einer Abhandlung
über
den Empirismus in ckr PhilofophU
von
D, Wilhelm Gottlieb Tennemann.
Zweiter T h e i 1.
L e i p z i g,.
htj Iohann Arabrofius Barth,
17 9 7.
Inhalt
des zweiten T heil 3.
Zweites Buch.
Ein und zwanzigfies Kapitel. Von dem Ver-
mögen und der Kraft. S. i
Zwei und zwanz. Kap. Von gemifchten Be-
fiimmungen. — ioi
Drei und zwanz. Kap. Von unfern zu fammen-
gefetzten Begriffen der Subftarizen. — 11$
Vier uud zwanz. Kap. Von coliectiveu Begrif-
fen,der Subfianzen. l5<>
Fünf und zwanz. Kap. Von dem Verhältnifs 162
Seclis und zwanz. Kap. Urfachc und Wirkung
nebfi andern Verhältniffen. — 172'.
Sieben und zwanz. Kap. Von der Identität
und Verfchiedenbeit. j^cj
Acht und zwanz. Kap. Von andern Verhält-
nifTen. 219
Neun und zwanz. Kap. Von klaren und dun-
keln , deutlichen und undeutlichen Voritel-
lungen. — 244
Dreifsioftes Kap. Von realen und erdichteten
Vorlullungen. v_ 263
Inhalt.
S.
Ein und ireibiellei Kap. Von vollkommt.
nen und unvollkommenen Vorßellnnge». _ ;-■>
Zwei und drei&igftea Kap. Von wahren und
i'dllchcn Vorftellungen. — s8jj
Drei und dieifsigftes Kap. Von der Vcrge-
rcHLli.iiiiuig der Voritellungen. _ 3 U
Drittes Buch.
Elftes Kap. Von den Worten oder der Sprach«
überhaupt. — 3. 9
Zweites Kap Von der Bedeutung der Worte. _ 55|
Drittes Kapitel. Von allgemeinen Sprachzei-
chen. — 34I
Viertes Kap. Von den Sprachzeichen einfa-
cher VorfU-llnngen. — 360
Fünftes Kap. Von den Weiten der gemifch-
ten Beftimnwngen und Verhältnille. — 3*3
Seclifles Kap. Von jden Worten für Subftan-
7.CH. — ; 388
Siebentes Kapitel. Von den Partikeln. — 429
Achtes Kap. Von abftrakten und concretea
Worten. — 434
Neuntes Kap. Von der Unvollkonirnenheit
der Worte. __ 437
Zehntes Kap. Von dem Mifsbrauch der Worte — 463
Eilftes Kap. Von Jen Gegenmitteln gegen die
Unvollkoinmenheit und den Mifsbrauch der
Werte. — JOI
LokkeS
Locke' s
V e r f u c h
über den
rnenfchlichen Verftand.
Zweites Buch.
Ein und zwanzigfte3 Kapitel.
Von dem Vermögen und der Kraft. *)
$. i.
Entflehung diefes Begriffs.
J-'ie tägliche Erfahrung von der Veränderung
der Gegenßände der einfachen Voiftellungen aa
AnfTen-
•} Ich habe das Wort power bald mit Vermö-
gen bald mit Kraft überfetzt, weil Locke die-
le beiden Begriffe nicht forgfältig unierfcheidet.
In einigen Stellen fchien es mir fogav nothwen-
dig , beide Bedeutungen neben einander zu
letzen.
Locke1*. II, Thcil. A
4 Zweites Cuch,
Auflendingen ; die Bemsrkung, dafs hier einDing
auf »ort zu feyn, dort ein andres an feine Stelle
tritt; die Beobachtung des beftändi»en Wech.
fels der Vorftellungen in dem Gemiithe, der
theils von den Eindrücken ätifserer Objecte auf
die Sinne, theils von der Beftimmung unfercr
eigenen Wahl abhängt; alles diefes leitet den
tnenfchlichen Verftand auf den Schlufs , dafs
eben diefelben bisher beobachteten Verän-
derungen auch in der Zukunft an denfelben Ob-
jeeten, durch diefelben Urfachen und auf die-
felbe Weife ftatt finden werden. Er denkt
fich demnach in dem einen Wefen die Möglich-
keit, dafs die einfachen Merkmale dcllelben
wechfeln, und in dem andern die Möglichkeit,
diefen Wechfel hervorzubringen, und kommt
hierdurch auf den Begriff von einem Vermö-
gen» So fagt man* das Feuer habe ein Ver-
mögen das Gold zu fchmelzen , oder die'Kon-
fiftenz feiner Beftandtheile und feiner Härte zu
zerftöhren, und es in einen flüffigen Körper zu
verwandeln, und das Gold habe das Vermögen
gefchmolren zu werden« In diefem und ähnli-
chen Fällen wird das Vermögen nur in Bezie»
hung auf den Wechfel der Vorüel-
laugen und der dadurch vorliellbaren Be-
fchaffenheiten betrachtet. Denn wir können
keine Veränderung in einem Objecte, keine
Einwirkung auf dailelbe als nur vermittelt der
Veränderung in der Vorllellung deflelben wahr-
nehmen und denken.
§. S.
Ein und zwanzigstes Kapitel. 3
Thatiges und leidendes Vermö-
gen.
Das Vermögen ift Jn diefer Rückficht zwei-
erlei, infbfern es in der Möglichkeit befteht, eine
Veränderung Zu bewirken, oder eineVeränderung
anzunehmen, Ienes kann thätiges, diefes
leidendes Vermögen heifTen. Ob nicht
die Materie aller mutigen Kraft beraubt, ihr
Urheber hingegen über alle leidendeKraft erha-
ben fey, und ob nicht der Zwifchenzuftand der
erfchafienen üeifter in der Vereinigung thati«
ger und leidender Kräfie beftehe, das verdien-
te wohl eine eigne Unterfurhung. Dazu ift
aber hier der Ort nicht; denn mein Zweck ift
nicht, den Urfprung der Kräfte, fondern die
Entftehungsart diefes Begriffs zu unterfuchen.
Die thätjgen Kräfte machen , wie wir hernach.
fehen werden, einen grofsen Theil unfrer zu-
fammengefetzten Begriffe von körperlichen
Subftanzen aus , und ich führe fie der gemei-
nen Vorftellungsart gemäfs hier als folche an.
Aber vielleicht find fie doch im Grunde nicht
fo thätige Kräfte, wofür wir fie zu voreilig neh-
men, und es dürfte daher nicbt unzweckmäfsig
feyn, um dem Begriffe von Vermögen und Kraft
die gröfste Klarheit zu geben, auf die Betrach-
tung Gottes und der Geifter zurückzugehen»
A 2 §. 3t
4 Zwen«s Buch.
$. 3-
Das Vermögen fchlie fst etwas Re-
latives ein.
Der Begriff von Vermögen ent-
hält zwar etwas Relative», eine Be-
ziehung auf eine Handlung oder Ver-
änderung; aber bei welchem Begriff fin-
det fich uithi nach aufmerk. amer Betrachtung
das nehinliche ? Enthalten nicht die ßegtiffd
Ton der Ausdehnang Datier und Zahl einever
fhckte Beziehung auf Theile? Bey der Figur
und Bewegung iß das noch fichtbarer. Was find
die finnlichen Bafchaffenheiten , Farben , Ge-
rüche u. f, w. anders, als die Krafie verfchiede-
ner Körper in Beziehung auf unfre \ orftellun-
gen , und hängen diefe Kräfte nicht felbft von
der Gröfse, Geftalt, Verbindungsart und Bewe-
gung der Körpertheile ab? Da alfo bei allen
Begriffen etwas ßeziehliches flatt findet, fo
daif auch der Begriff von Kraft mit Recht
eine Stelle unter den einfachen Begriffen er-
halten, weil er einen HauptbefUndtheil des
2u(aininengefeizien Begriffs von der Subflanz
ausmacht*
§♦ 4»
Den klärften Begriff von thatigen
Vermögen erhalt« a wir aus dem
Geilt erreiche.
Vorftellnngen von leidenden Vermögen er-
halten wir in reichlichen Rlafse fad durch alle
Ob-
Ein und zwanzigstel Kapittl. i
Qbjeete der Sinne. Durchgehend« drin-
gen uns die Sinae die Wahrnehmungauf,
cafs die finnücben Befchaffenheiten , ja fo-
gar die Subftar.z ao den meiften Außen*
dingen in eine» beftandigen Veränderung
und , und wir denken fie uns daher mit
Grund als durchaus veränderlich. Auch
von thäiigfn Vermögen (welches die eigentli'
che Bedeutung des Worts power ift) finden
fich in der Erfahrung nicht weniger BeiTpiele,
Denn wo nur eine Veränderung wahrgenom-
men wird , da tnufs fich der Verftand auch ir-
gendwo eine;<Kraft, von welcher die Wirklich-
keit abhängt, und in dem veränderten Dinge
eine Empfänglichkeit für diefelbe denken. In-
defs wird uns eine aufmeikfamere Unterfuch-
ung überzeugen, dafs die Sinne keinen fo deut-
lichen Begriff von wirkenden Kräften als
die Reflexion über die Thätigkeiten unfers GA-
ftes an die Hand geben. Denn da fich jede
Kraft auf eine Thätigkeit bezieht, und es über-
haupt fo viel wir willen zwei Arten von Thf«
tigkeiten , das Decken und die Bewegung
giebt . fo wolleu wir unterfuchen , woher wir
die kläTfte Vorftellung von den Kräften diefer
Thätigkeiten erhallen, 1) Von dem DenAen
giebt uns die Körperwelt nicht die gerin-jfte
Voiftellung; fie entlieht allein durch, die Re-
fl xion. 2) Durch rüe Körper erhalten wit
auch keinen Begriff von einem Anfange der Be-
A 5 we*
6 Zweites Euch. —
wegim», Ein ruhender Körper giebt uns kei-
ne Vorftellung \ on einer thürigen Bewepun^s-
krift, und wenn er in Bewegung gefezt wird,
fo ift die Rpwegung in ihm mehr .ein Leidet»
ah eine Th ä t i gkei t. Wenn die Billiardku-
gel dem Stofse des Stahes mchgiebt, fo ver-
hiilt fich die Kugel nicht thätig, fondern lei-
dend; und wenn fie durch den Siofs eine andre
im Wege liegende in B -wegung fetzt, fo theilt
fie diefer nur die Bewegung mit, die fie wo
anders empfangen hatte, und verliert fo viel
davon, als de der andern mittheilet. Wir er-
halten alfo nur einen dunkeln Begriff von ei-
ner Bewegungskraft in dem Körper, weil er
die Bewegung nur inittheilt, nicht anfangt, und
diefes nicht den Anfang einer Thätigkeit fon-
dern die Fortfetiung eine« leidenden Zuftandes
in fich enthalt. Die Vorftellung von dem An-
fan»e einer Bewegung erhalten wir nur allein,
wenn wir über das, was in uns vorgehet, Te-
flectiren. Denn die innerre Erfahrung lehrt
uns, dafs wir durch ein blofses Wollen, durch,
eine blofse Vorftellung runende Glieder des
Körpers in Bewegung fetzen können. Die
Wahrnehmung der Wirkungen in der Körper»
weit fcheintmir alfo nur einen unvollkommnen,
dunkeln Begriff von einer thärigen Kraft zu
gewahren, weil fie uns in derfelben keine
Kraft auf Weifet, welche eine Thätigkeit, es fey
iJenfcen oder eine Be wegung, anlangt, Glaubt
aber
Ein und zwanzig/tes Kapitel. y
aber doch jemand in dem Stofse, mit welchem
Körper auf einander wirken , fchon einen kla-
ren Begriff von Kraft entdeckt zu haben, fo
ftreitet das mit meinem Zweck gar nicht. Denn
auch die Anfchauung ift eine von den Quellen,
woraus der Verftand feine Begriffe gewinnet.
Nur fchien mir die Unterfuchung, ob nicht der
Verftand durch die Reflexion einen klärern Be-
griff von der thätigen Kraft als durch die An-
fchauung erhalte, kein der Aufmerkfamkeit
unwürdiger Gegenstand zu feyn,
§• 5-
Verftand und Wille find zwei
Kräfte.
So viel ift zum wenigften einleuchtend, dafs
wir in uns ein Vermögen finden, verfcbic-
dene geiftige Handlungen und Bewegungen
des Körpers anzufangen, zu unterlaffen ; fortzu-
fetzen und abzubrechen, und zwar durch die
bloTse Vorftsllung oder Wahl des vorftellen-
den Subjects, wodurch die Vollbringung oder
UnterlalTung der Handlung gleichfam vorge-
fchrieben wird. Diefes Vermögen der Seele,
in einem beftimmten Falle die Aufmerkfamkeit
auf eine Vorftellung zu lenken oder abzuziehen,
die Bewegung eines Theils des Körpers der
Ruhe, oder diefe jener vorzuziehen, ift der
Wille, Die wirkliche Ausübung deffelben,
A 4 durch
3 Zweite» Biuh.
durch die BpPimmung zu einer Handlung oder
ihrer (JnterlaüuDij heif^t das Wollen, Will-
kübrlich heifsr -ie Handlung, welche zu-
fol je der Vorfchrift des Gemüths gethan oder
un'erlafleu wird; un w il 1 k ü h rl i eh aber,
wenn he ohne eine folche beftirnmende Vor-
ftellun^ zur Wirklichkeit kommt. Das Ver-
mögen wahrzunehmen ift der Veiftaiad. Das
Wahrnehmen als Handlung des Verftandes ift
too dreierlei Art; I) das Wahrnehmen der
VoTitelliin*e': ; 2) da» Wahrnehmen der Bedeu-
tungen der Gedankenzeichen ; 3) das Wahrneh-
men der Verknüpfung oder des Widerfpruchs,
der Uebereinftirnrnung oder Nichtübereinfijm-
muijg der Vorftellungen, Alle diefe Wirkun-
gen werden dem Verftande oder dem Vorftel-
lungsvermögen beigelegt; das Denken begreift
aber nach dem Sprachgebrauche nur die bei-
den letzten.
§. 6.
Seelenkräfte.
Das Vorftellungs- und das Willensvermo-
gen der S.:ele werden gewöhnlich mit einem
Ausdrucke, S e elenk rä fte bezeichnet, der
immer paflend genug ift, wenn er nur nicht
fo gebaucht wird, dafs er Verwirrung und
(was wohl hier wirklich der Fall feyn möchte)
deu Wahn veranlafst, ab wenn dadurch ein
realc'6 Wefcn in der Seele angezeigt würde,
wel-
Ein und zwanzigßes Kapitel. 9
welches diefp Handlungen verrichtete. Wenn
man fagt: der Wille ift die oberfte und beftira-
inende Kraft der Seele; fie ift frei oder nicht
frei, fie benimmt die niedern Kraft«, fie folgt
der Vorfchrift der Vernunft: fo mögen diefe
und ähnliche Ausdrücke zwar für diejenigen
einen beftim raten und deutlichen Sinn haben,
welche ihre eignenBegriffe fcharf unterfcheiden,
und ihre Gedanken mehr nach der Evidenz der
Dinge als dem Schalle der Worte beftimmen.
Allein ich befürchte doch> dafs der Ausdruck
Seelenkräfte bei manchen i\en verwirrten Be-
griff von mehreren verfchiedenen handelnden
Wefen in uns erzeugt hat, die vermiedene
Wirkungskreife und Rechtsanfprüche hätten;
von denen eins Gefetze gäbe, das andre fie
befolgte, und das dritte fie ausübte. Diefer
Wahn hat nicht wenig Dunkelheit, Verwirruag
und Zänkereien in der Unterfuchung diefer
Gegenftände veranlagt,
?♦ %
Begriff von Freiheit und Entfte>
hang deffelben.
Jeder Menfch muTs unßreitig ein Vermögen,
verschiedene Thätigkeiten anzufangen oder zu
unteilafien, fortzufetzen oder zu unterbrechen,
in fernem Innern entdecken. In der Betrach-
A 5 tung
• o Zweites Buch.
lei Vnita< gs diefes Vermögens der S«ele
• inenfciiltehe Handlungen liegt der Grund
der. Begriffe tob Freiheit und Nothwen*
djgkeit,
$. 8.
Alle Thäti«keüen, die wir kennenl laffen fich.
wie wir fclio.) gefaxt haben, auf zwei Arten,
pehinlich auf d3i Denken und die Bewegung
zuiückführen. Infofern nun der Menlch das
Vermögen hat, nach eigner Wahl und Beftim-
nmng zu decken und nicht zu denken, Geh zu
bewegen oder nicht zu bewegen, infbfern i(t
er frei. V\ o die Vollbringung oder Unterlaf-
fung einer Handlung nicht in gleichem Grade
in der Gewalt des Menfchen (lebet, ein Thun
oder Nichtthun nicht, das eine wie das andre,
auf die beftimmende Wahl der Seele erfolgt, da
ift er nicht frei, aber die Handlung kann
noch immer willkührlich feyn. Der Begriff
der Freiheit ift alfo der Begriff von dem
Vermögen eines handelnden Wefens, eine be-
ftiimnte Handlung zu thun, oder zu unterlaf-
fen, der Vorttellung od^r der Beftimmung der
Seeh? gemäfs , wodurch das eine dein andern
vorgezogen wird. Wo das eine oder das am
dere nicht in der Macht des handelnden We-
fens ftehet, und nicht durch fein Wollen her-
vor«
Ein und zwanzigstes Kapitel. H
vorgebracht wird, da ift keine Freiheit,
fondern das handelnde.Wefen fti'hpt unter dem
Gefetz der Nothwendigkei t.*) Freiheit
ift alfo nicht möglich, wo kein Denken, Wollen,
und kein Wille ift, aber das Denken und Wol-
len , und der Wille kann ohne Freiheit feyn»
Ein kleine«; Nachdenken über ein oder zwei
bekannte Falle wird das klarer machen,
$- 9*
*) Man darf in der folgenden weitläufigen Abhand-
lung nicht erwarten , dafs Locke zur Auflöfung
der Schwierigkeiten in der Lehre von der
menfchlichen Freiheit etwas beitrage. Er be-
frachtet die Freiheit eigentlich nur in pfycholo-
gifcher Hinlicht, al* das Vermögen der Seele,
iich durch Vorftellungeu zur Ilervororingung
oder Nichthervorbringung einer Handlung zu
beftimraen. Der Wille ift gleich fam die wirk-
liche Aeufserung jenes VWpäögens > wodurch,
die unbeftimmte Möglichkeit iich zu einer Hand-
limg oder ihrem Gegentheil zu entfcbli«fsen in
Wirklichkeit verwandelt wird. Daher betrach-
tet Lo' ke die Freiheit als ganz unvereinbar mit
dem Willen. Der Wille wird durch d.is Begeh-
ren, welches durch die Vernunft modiiicirt i(t,
beftimmt * §• 7*. Es ift alfo hier nur von der
comparativen oder pfychologifchrn Freiheit die
Rede, auf welche die iin.ere Wahrnehmung
leitet, aber nicht von der abfoluten moralifcnen
Freiheit, welche die Vernunft um des mibe,
dingten Sollens wegen, welches mit dem Sit-
tengefetz verbunden ift, annehmen mufs.
H Zweites Buch.
§ 9-
Fin Ha!! wird r;ir keiu .'r-^andelnde? We-
fen »ehalten , t-r ruhe o.ler bewege fich durch
d Schi g »Ines Rdckets und zwar, aus keiner
»ri lei i '.'.'fache, als weil m;in glaubt, er könne
ht lenken oder Wollen, und daher auch nicht
ieWegung der Ruhe oder di'("e jener vorzie-
hen; beide ' eränderungen desBalls gehören un-
ter den Begriff (ier NrjlbWendigkeit. Wenn ein
JVleofch in di* WafTer fallt, indem die Knicke
unter ihm eirjOürzt, !o ift er darin kein frt-ihan-
delndes Wcfen; denn ob er glrich den Willen
hat, nicht in das Waller zu fallen, fo fiehet
doch die Umerlaffuug diefer Bewegung nicht
in feiner Gewalt; und fein Wollen hat keinen
Emfluls auf das Aufhören derftdben. Eben fo
ift es, wenn ein Menfch durch eine konvulfivi-
fche Bewegung fieb oder feinen Freund fchlägt j
es fteht nicht bei ihm, durch feinen Willen
oder die Beftlni mim» feiner Seele diefe Bewe-
gung zu unte>!aiTen, oder aufzuheben. Nie- ,
m >nd legt ihm in diefem Fdls Freiheit bei;
jeder bemitleidet ihn als einen, der aus Zwang
Mnd FsotUwendigkcit handelt.
§. 10.
Die Freiheit gehet den Willen
nicht an.
Man detike fich noch einen andern Fall.
Ein JMenfcU wird fchlafcud in ein Zimmer ge-
bracht
Ein und zw-nzigfies Kapitel. l5
bracht, wo Geh einePerfon befindet, die er zu
fehen und zu fpTechen feunlichrt wünfehte,
und roeirgefchk flen. dafs es nicht in feiner Ge-
walt ftehet hinauszugehen. Er erwacht ,
freuet fich , in einer fo erwüniebteu Gefell-
fchaft zu feyn , und bleibt fehr gerne da, d,
i. er ziehet das Bleiben dem Weggehen vor*
llt fein Bleiben nicht eine Handlung feines
Willens? daran zweifelt wohl niemand. Da
er aber eingefrhloüeii ift, fo hat er offenbar
nicht die Freiheit, nicht zu bleiben oder zu
gehen. Die Freiheit ift alfo kein Merk-
mal des Willens, oder des Vermögens zu
wählen, fondem der Perfon, welche das
Vermögen hat, zuhandelnund nicht
zu handeln, nachdem die Vernu. ft cas
eine oder das andre befiiramt oder wählet, to
Weit diefes Vermögen reicht, fo wejU«rftreckt
fich auch der Urnfang de B - '5 vo. F eih. .r,
Wo tjie Aeufseruii^, ueffeiben gehemmt, oder
durch Zwang die unbeftiinrnte Möglichkeit einet
Handlung und ihres Gegentheils aufgehoben iß,
da rft diu h keine Freiheit und keine AuW^dung
da üegnüi ftdtthaft.
§• II.
Das W i 1 1 k ü h r 1 i c h e i ft d e m U n w i 1 1-
kührlichen aber nicht dem Not h-
w endigen entgegengefetzt.
Hiervon haben wir Belege genug, und
felbfl
I/| Zweit« Buch.
felbft' an unTerm Körper. Das Herz fthlngf»
dns Filut cirkuliret, kein Gedanke, keire Wil«
len-harjdlung kann es hemmen. In Rückficht
auf diefe Bewegung ift der Menfch nicht frei,
weil das Gegentheil derfelben nicht von feiner
Wahl abhiinet, und wenn er es wollte, doch
nicht durch die Beftimmung feiner Seele wirk-
lich werden würde. In der fonderbaren
Krankheit, dem Veitstanze, bewegen lieh die
Füfse des Kranken convulfivifch , dafs ergän-
zen mufs, er mag wollen oder .nicht, und er
kann durch keinen Einflufs feiner Vorftellungen
die Bewegung hindern. Ein lolcher Wunfeh
hat bei diefer Handlung keine Freiheit > er ift
unter dem Gebiet der Notwendigkeit, wie ein
Stein der fällt, Wie ein Bali , der durch das
Kacket fortgetrieben wird. Auf der andern
Seite wird die Ausführung des Vorfatzes, den
Körper an einen andern Ort zu bewegen, ge-
hindert , wenn ein Menfch die Gicht hat oder
in Feffeln gelegt ift. In diefen Fällen Fehlet
die Freiheit; aber das Stillfitzen felbft des
Gichtkranken ift noch immer eine Willenshand«
lung, wenn es dem Herumgehen vorgezogen
wird. D as Wil 1 kür liehe ftehet alfo nicht
dem Not h wendigen fondern nur dem
1\ icht will kü hr lieh enen tgegen. Denn
ein Menfch kann feine Handlung einer andern
nicht möglichen, oder feinen jetzigen Zufland
dem Nichtdafeyn oder der Veränderung deffel-
ben
Ein und zwanzigfies Kapitel. l£»
ben vorziehen, Tollte auch die Nothwendig-
keit alle Veränderung dabei unmöglich gemacht
haben*
Was Freiheit i ft.
Wie es Geh mit den Bewegungen des Kör-
pers, fo verhält es lieh auch mit den Vorfteihin-
gen. In Rückficht derfelben Gnd wir nur da
frei» wo wir eine Vorftellunc nach eigner Be-
ftimmung ergreifen, oder inrückweifen kön*
üen. Da ein Menfch in dem wachenden Zu-
ftande immer einige \ o: fieUurgeii in dem Be-
wut'stfeyn haben mufs -, fo hat er eben fo wenig
Freiheit , ob er denken oder nicht denken
will* als ob fein Körper einen ändert! berüh-
ien oder nicht berühren foll. Aber er hat
zuweilen die Wahl, ob er feine Aufmerkfam-
keit von einem Gedanken ab* auf den andern
richten will , und in Rücklicht dieser Vorftel-
lungen ift er frei, to wie in Anfehung der Kör*
per. aufweichen er ruht, die er nach Wiilkühr
verändern kann. Es giebt aber gewifle Vor-
sehungen , fo wie einige Bewegungen des
Körpers, welche unter gewillen Umftänden
unvermeidlich find, und durch keine, auch die
gröfste Anftrengung nicht abgewendet werden,
können. Ein Menfch auf der FobeT bat nkln die
Freiheit, die Empfindung des Schmerzes zu un-
ter-
IjS Zweites Buch.
terdn'icken , und (ich mit andern Betrachtun-
gen zu zerftreuen. Zuweilen reifst eine ftiir-
ni'ihe Leider.fchaft unfere Gedanken fort,
wie ein Orkan unfere Körper, ohne uns die
Freiheit zu laflen , an einen andern Gegen,
fhnd zu denken , den wir eher wählen füll-
ten. Soh-dd aber ein Menfch wieder fo viel
Gewdl über Och erhält, dafs er eine äuff re
Bewegung des Körpers, oder eine Vorftellung
in feinem Innern durch die Vorftellung des
BeiTerfeyns aufhalten oder fortfetzen, anfangen
oder uuterlalTen kann , fo betrachten wir ihn
auch wieder als ein freihandelndes
Wefen.
§• 33-
Wo das Denken ganz und gar oder das
Vermögen, fich durch das Denken zum Handeln
oder Nichthandeln zu beftimmen, fehlet, da
rindet Not h wendigkeit ftatt, Sie heifst
bei einem Wefen, das der Willensbeftiramung
fähig ift, Zwang, wenn der Anfang oder die
Fortsetzung einer Handlung gegen eigne Wahl
und Ueberzengung lauft; Einfchränkung,
■wenn die Veihinderung oder Hemmung einer
Handlung mit feinem Wollen ftreitet. Wefen,
die des Denkens und Wollens völlig beraubt
find, und in jeder Kückficht noth wendig
(pbyfifcn) wirkende Wefen.
Ein und zvr.ir.zigftes Kapitel, 17
Wenn dieses richtig ift. wie es mir fcheint,
fo ftelle ich den L. f< :r» anheim ob es nicht
dazu dienen kann, eine Streitfrage zu beendi-
gen , welche fcbon fo lange Zeit den Denkern
zu fcli-ffen machte, unti, wie mir dünkt, r.icht
vernünftig ift. weil fte nicht denkbar ift, die
Frage nehmlirh: ob der rnenfchliche
Wille frei fe y oder nicht. Denn, wenn
ich mich nicht irre, fo folgt aus dem Gefügten,
dafs die Frage ganz i mtattbaft ift, und fo
weoigzu bedeuten bat. al die: ob der Schlaf des
Menfchen fchneh, oder feine Tugend vierek-
kigt ift. Die Fteibeit lülst fifch fo wenig mit
dem Willen als die Gefchwindigkeit der Bewe-
gung mit dem Schlafe, oder die viereckige
Figur mit der Tugend zufammendenken. Ue-
berdiß Ungereimtheit der letztem Fragen lacht
Jedermann, weil die Unvereinbarkeit der Vor-'
Teilungen einleuchtend ift. Uh'tl über die er-
llere wird man nicht anders urtheilen , wenn
man nach reiflicher Unterfuchong eingefehen
hat, dafs die Freiheit, ab ein bloßes Vermö-
gen; nur ailein dem handelnden Subjente zu-
kommen, und nicht für eine Jfii^enfchaft oder
IModification des Willens , der auch nur ein
Vermögen ift, gehalten '.Verden kann.
Locke's. H. Tteft B $»'*$,
8i Zweites Buch.
§. I*
Von dem Wollen.
Es ift änfferft fchwer, die innern Handlun-
gen des Gemü'hs durch klare Begriffe zu erklä
xen, und fie durch Worte auszudtücken , und
ich mufs d^her die Lefer erinnern , dafs die
Ausdrücke, Vorrchreiben, Anordnen,
Wählen, Vorziehen, keinesweges das
Wollen deutlich genug darfteilen, woferne
fie nicht felbft darüber reflectiren , was fie bei
dem Wollen thun. Der Ausdruck Vorzie-
hen fcheint die Willenshandlung noch am be-
ften auszudrücken, und beftimmt fie doch
nicht fcharf genug. Es ift möglich, dafs ein
Menfch das Fliegen dem Gehen vorzieht; aber
kann man wohl Tagen : er wi 1 1 es? Das Wol-
len ift offenbar eine Thätigkeit des Gemülhts,
wodurch es mit Befonnenbeit die Herrfchaft
äuffert, die es über etwas in dem Menfthr>n
fich verfchaft hat, um dadurch eine Handlung
zu vollbringen oder zu verhindern. Und Was
ift der Wdle anders als die Kraft diefes zu
thun? Ift aber diefe Kraft wirklich etwas mehr
als ein Vermögen, und zwar der Seele, ihre
Gedanken zur HervO'bringung , For fet/ung
oder Unterbrechung einer Handlung zu befttm.
inen, iu!o^ern das von uns abhängt? Kann
in im wohl laugneu , da s ein wirkendes Wefen,
verfehen mit dem Vermögen über feine Hand-
lun-
Ein und zwanzigftes Kapitel. ig
hingen nachzudenken un 1 ihre Ausübung oder
Unterteilung zu beVhliefsen , diefes Vermögen
des Willens befitze? Der Wille ift alfo nichts
anders als diefes Vermögen. Die Freiheit ift
auf der andern Seite das Vermögen des Men-
fchen, (ich zur Vollbringuiig einer Handlung
zu beftimmen oder nicht zu beftimmen, je nach-
dem die Ausübung oder die Unterlaifung der-
felben wirklich in der Seele vorgezogen wor-
den, oder, mit andern Worten, je nachdem
lie das eine oder das andere will.
$. 16.
Die verfchiedenen Vermögen ge-
hören dem handelnden Subjec-
te an.
Es ift alfo einleuchtend, dafs der Wille
nichts anders ili, als ein Vermögen oder eine Fä-
higkeit, und dafs die F r e i h e i t ein andres Ver-
mögen ift. Die Frage; ob der Wille frei
fey, heifst alfo mit andern Worten fo viel
als: ob ein Vermögen ein andres, eine Fähig-
keit eine andre Fähigkeit befitzt, eine Frage,
deren Ungereimtheit zu fehr in die Augen
fällt, als dafs Ge eine Antwort oder Unterteil-
ung verdiente, Wer flehet nicht ein , dafs
Vermögen nur handelnden Wefen angehören,
nur Eigen fchaften der Subftanzen nicht
anderer Vermögen find? Wer die Frage auf«
B 2 ftellt;
20 Zweites Buch,
ftel't: ob der Wille frei fey, fragt In der
That nicht» anders als: ob der Wille eico
Subftanz, ein handelndes Wefen fey ? oder
fetzt das weni^flens voraus, da die Freiheit
nur einer Subfhuz beigelegt werden kann.
Wrenn die Freiheit in einer beftimmten Bedeu-
tung einem Vermögen beigelegt werden kann,
fo ift a das Vermögen des Menfchen durch
eine Wahl eine Bewegung in einem Theile
feines Leibes hervorzubringen, oder zu uuter-
laflenf das ift aber eben das, weswegen man den
Menfchen frei nennt , ift die Freiheit felbft.
Und wer noch fragen könnte, ob die Freiheit
frei fey, von dem würde man mit Recht urthei-
len , er wiffe nicht, was er fchwatze und ver-
diene nicht weniger mit Midas Ohren geziert
tu werden, aL einer der fragen wollte: ob der
Reichthum felbft reich fey.
$• 17*
Man kann zwar das Ungereimte des Ausdrucks
Kraft CFaculty,) wodurch man das Willens.-
vermögen bezeichnete, und welches Veranlaf-
fung g.b, von demfelben als einem für fich be-
gehenden handelnden Welen zu reden, durch
eine gewiffe WTendung , die den wahren Sinn
aus den Augen rückt, einigennaafsen verbergen*
Allein der "\\ ilie b beutet in Wahrheit nur ein
Vermögen , eine Fähigkeit zu wählen oder
vorzuziehen. Und in diefer Ilückucht leuch-
tet
Ein und zwanzigfi.es Kapitel. 21
tet es von felbft ein , wie ungereimt es ift,
dernfelben Freiheit beizulegen. Wenn es ver,
nünflig ift , Kräfte als für fich beftehende Hin-
ge anzunehmen , welche wirken können (wie
r.ian unter andern fagt, der Wille beftimme,
der Wille fey frei), fo darf man auch eine
Kraft zum Sprechen, Gehen, Tanzen anneh-
men , wodurch diefe Wirkungen als gewiffe
Modifioatjouen der Bewegungen hervorge-
bracht werden, fo wie man den Verftänd und
den Willen als Kräfte betrachtet , welche das
Vorftellen und Wählen, als Modificationen des
Denkens , hervorbringen. Dann kann man eben
io richtig fagen : die Kraft zum Singen finget,
die Kraft zum lenzen tanzet, als der Wille
wählet, der Verftänd denket; die Kraft zu
reden beftirnmt die Kr*ft zum Singen und
diefe ift der erften gchorfam oder un^ehorTam.,
als der. Wille beftimnu den Verftänd, der Ver-
ftänd befolgt den Willen oder befolget ihn
nicht,
§. 18.
Gleichwohl haben diefe Ausdrücke allge-
meinen Eingang gefunden , zugleich aber auch
grofse Verwirrung geftiitet. Denn alles jenes
lind verfchiedene Vermögen der Seele oder des
ÄJenfchen auf verfchiedene Art zu wirken,
nnd er äuffert f;e, jenachdem er es für gut
hält, Aber kein Vermögen wirkt auf das
ß 3 an-
22 Zweites Buch.
andere; das Vermögen zu wühlen nicht auf
dav Vermögen zu denken, oder umgekehrt, noch
das Vermögen zu tanzen auf das Vermögen zu
fingen, oder umgekehrt. Und doch drückt man
fich gewöhnlich fo aus; der Wille wirke auf den
Verftand , oder der Verftand auf den Willen,
§. 19.
Ich will gar nicht läugnen , dafs ein Ge-
danke Veranlaffung zu einer Willensbandlung
geben, und diele das Nachdenken über einen
beftitnmteu Gegenfland veranLfien kann. Eben
fo kann der Gelang einer gewiflen Melodie mit
einem gewilTen Tanz, und ein Tanz von einer
Art mit einem Gefange in Verbindung flehen.
Aber in allen diefen Fällen wirkt kein Vermö-
gen auf «las andre. Es ift die S.'cle, die wir-
ket und diele Vermögen ausübt ; es ift der
Mönrch. der die Handlung ausübt, er befitzt
das Vermögen oder die Fähigkeit zu der be"
ftimmten Handlung. Das Vermögen flehet
in Beziehung auf das handelnde S u b-
jeet, aber es ift diefes nicht felbft. Das Su b-
jeet, welches das Vermögen zu wir-
ken oder nicht zu wirken be fitzt,
k an n alle in fr ei od er nicht fre i fey n,
aber nicht das Vermögen, Die Freiheit
kommt nur demjenigen zu, was ein Vermögen
zu wirken h^r.
§- 20.
Ein und zwanzigftes Kapitel. 23
§. 20,
Alle (liefe Vorftellungsarten find dadurch
veraniafst worden, dafs man den Kräften bei-
legte, was ihnen nicht zukommt. Die Ein-
führung und der häufige Gebrauch diefes Be-
griffs in der Seelenlehre und Armeikunde
hat unfre Erkenntnifs von der Natur unfers
SeJbft und unfers Körpers wenig befördert.
Ich läugne nicht das Dafeyn von Kräften fo-
vrohl in der Seele als in dem Körper, Beide
würden nicht wirken, wenn fie nicht gewiffe
Vermögen dazu hätte". Denn kein Wefen.
kann wirken, wenn es nicht fähig dazu ift,
und es ift nicht fähig, wenn es kein Vermögen
befitzt. Ich läpgue auch nicht, dafs diefe
und ähnliche Worte, da fie einmal in Umlauf
gekommen Gnd, in dem Sprachgebrauche ih-
re Stelle behalten muffen. Sie ganz abfchaffen
wollen, würde nur zu fehr Ziererei verrathen.
Und felbft die Philofophie, fo wenig Ce ein
üppiges Gewand liebet, raufs doch, wenn fie
vor dem Publikum auftritt, fo viel als es mit
der Wahrheit und Deutlichkeit beftehen kann,
2u gefallen fuchen , und fich in die Mode und
Sprache des Volkes kleiden. Man begieng nur
dabei den einzigen Fehler, dafs man von den
Kräften fo fprach, als wären fie eben fo viel
befonders wirkende Wefen. Denn wenn man
fragte: was ift es , das macht, dafs die Spei-
B 4 fen
»4- Zweiirs Buch,.
Ten in demMasen verdauet, d^fs etwas aus dem
Körper ausgelühre< wird, und da/s lieh etwis
b-weget, fo beg' ügte m in fich mit der leich-
ten Antwort: e> fei die Verdauungs- die Aus-
; Iriings und Bewegkraft. Und fo Tagte man
auch in Ansehung der Seele: die Denkkrdfß
oder der verltand denket die Willenskraft will
oder gebietet. Das ifr. mit andern Worten
fo viel als: das Vermögen zu verdauen ver-
dauet , das Vermögen zu denken denket«
Denn Kraft, Fähigkeit, Vermögen find nu*
vrrfchiedene Ausdrücke für eine und diefelbe
Spi.he, Jene Sätxe, auf eine verftändliclure
Weife ausgedrückt, bedeuten aTo nuT fo viel:
die Verdauung, die Bewegung, das Denken
wird durch etwas verrichtet, was die Fähigkeit
zum Verdauen, zum Bewegen und zum DenA
ken hat. Und das kann auch wohl nicht an«
ders (Vyn , fo wie der Menfch ohne ein Ver*
tnögnn der Freiheit nicht frei feyn kann.
Die Freiheit gehört dem handeir-
den Wefen oder dem Menfchen
nicht dem Willen an»
Doch wir kehren wieder zu unfrer Unter»
[uchung über die Freiheit zurück. Die Frage
ift eigentlich nicht, ob der Wille, fondern
ob der Menfch frei ift. Ich bemerke er ft-
• lieh
Ein lind zwanzigfiej "Kinkel. %h
lieh, dafs ein Menfch fo weit frei ift, als
er durch die Beftimmung oder Wahl feiner Seele,
welche die Wirklichkeit einer Handlung der
JSichtwirklichkeit oder diefe jener vorzieht»
bewirken kann , dafs die felbe wirklich oder
nicht wirklich werde , z. B. den Finger in ße«
wegung zu fetzen , wenn er ruhet oder umge»
kehrt ihn wieder ruhen zu laffen , Worte aus-
zufprechen oder zu fchweigen. So weit a I fo
das Vermögen zu handeln oder nicht
zu handeln zufolge der Beftiminung
des Denkens, welche das eine oder
das andere verzieht, rei c[h t i n f Q f e r n
ift ein Menfch frei. Denn läfst Heb wohl
oine größere Freiheit detken, als dt$ Vermö-
gen zu thun was man wi'l? Man kann aber
thun was man will, wenn man dadurch, dafs
man' einem Handeln oder Nicht handeln den Vor«
zug giebt, das eine odrr das andere wirklich
macht. Denn Wollen heifst, eine Handlung
dem Nichtdaftyn detfeiben vorziehen in
Rückficht auf die Handlungen , welche in dem
Gebiete diefes Vermögens liefen, fcheint aiio
der Menfch fo frei zu f"eyn, als er es durch die
Freiheit cur immer feyn kann,
§. 22,
Allein das befriediget noch nicht] den Un-
terfuchungseeift des Menfchen, der von fich
alle Gedanken einer Schuld, fo weit als mög*
B 5 hch
26 Zweites Buch.
lieh, entfernen will, und Tollte es auch dadurch
gcfciienen, dafs er fich in einen fchliininera
Zuftafld als einer blinden Notwendigkeit ver-
letzte. Eine Freiheit, welche nicht inehr als
das in'' fich beg"ift, fcheint nich* des Na-
mens Werth zu leyn; und man betrachtet es
als ein'- gute Ausfließt, dein Menfch en alle F ■ i-
heit äbzü Tprectie n , weil er nicht fo t r *- i ift,
zu wollen, als zu thun was er will. M.m hat
daher in Beziehung auf die Freiheit auch di«
Frage aufgeworfen: ob der Menfch Freiheit
des Willens befiue? Diefes ift wo il der
Sinn der Sireilfrage, ob der Wille frei ley.
$. 23.
Ich denke darüber fo. Das Wollen ift eine
Handlung. Die Freiheit beliebet aber in ei-
nem Vermögen tu handeln oder nicht zu han-
deln. Ein Menfch kann alfo in A n fe-
il u n g des W o 1 lens oder der Willens-
h .. .i d i u n g nicht frei l'eyn, wenn fich
der Verftand einmal eine Handlung,
die in feinet Gewalt (lebet, als etwas,
das fo gleich a usg ef ü h r t w er d en in u fsi
vorge (teilt hat' Der Grund davon liegt
vor Augen. Denn da eine Handlung, welche
von feinem Willen abbangt , unvermeidlich
entweder wirklich oder nicht wirklich werden
nmfs, und da das eine fowohl als das andere
auf
Ein und zvranzigftes Kapitel. aj
auf die Beftimmung und Wahl feines Willens
regelmäfsig erfolget, fo ift es für ihn fchlech-
terdings nothwendig, das eine oder das andere
zn wollen, d. i. eines dem andern vorzuzie-
hen, weil eines von beiden nothwendi^ folgen
inufs; und was erfolgt das erfolgt durch die
Wahl und Beftimmung feines, Geiftes , das ift,
durch fein Wollen: denn wollte er es nicht,
fo würde es auch nicht zur Wirklichkeit kom-
men. In Rück ficht auf die Willenshandlung bar;
alfo ein Menfch in einein folchen Fall keine
Freiheit; denn das Vermögen zu handeln oder,
nicht iu handeln, worin die Freiheit bellehr,
findet bei dem Wollen nicht ftatt. Es ift unver
meidlich noth wendig, die Vollbringung oder
UnterlafTung einer Handlung, die in der Ge-
walt des Menfchen ftehet, vortuziehen, wenn
fie einmal befchioflen ; und man mufs das eine
erder das andere nothwendig wollen, und hier-
auf folgt die Handlung oder die UnterlafTung
derfelbtn wirklich und zwar ganz willkühriicb»
Das Wollen ift alfo der Nothwendigkeit unter-
worfen, und in An^ehiiug deflen hat der Menfch
keine Freiheit; fonft müfste Freiheit und Noth
wendigkeit beifainmen beftehen , und der
MenCch zugleich frei und nicht frei feyn
können.
Es ift alfo einleuchtend, dafs der Menfch
in dem Augenblick, da er fich eine Handlung
%or-
?8 Zweites Buch.
vorfet't, keine Freiheit hat, zu »vol-
le n o d e r nicht zu w o 1 e n , weil das
XV o i 1 e ; b fti i int und unvermeidlich i ll.
Wenn eiu Mendel) ftüle fitzt, fo ift er doch
m»ch frei, infoftrn er £e*hen kann, wenn er
will, er ift nicht frei , wenn er nicht das Vc*~
iri) en hat fi'cb zu bewegen, fo wie einer, der
von einer fteiien Höhe herabftürzt , weil er
diele Bewegung nicht aufhalten kann, wenn
er gleich wollte. Diefes vorausgefetzt, i(t es
offenbar, dafs ein lUsnlch, der gehet, wenn
er Geh vorgefetzt hat nicht mehr zu gehen, kei-
ne Fieiheit mehr hat. fich zu dem Gehen oder
Nichtgehen zu entfchlieilen« Zu dem eine»
o U t a in! ein niul's er (ich nothwendig beftimmen.
So verhält e^ fich mit allen andern Handlun-
gen die in unfrer Gewalt find, wenn einmal
eiu Entfchlufs gelafst ift. Von diefer Art lind
die in eifteti luenfchiicheo Handlungen, Dem:
unter der giafsen Anzahl willkührlicher Hand- -
Jungen , welche während des ganzen l ebens
im wachenden Zufrand je en Augenblick auf
einander folgen, find nur wenige, weh he voi
der Vollzienung überdacht und dem Willen
vorgehalten werden. Bei allen diefsn Hand-
lungen hat das Gemüth in Anfehung des Woi-
lens kein Vermögen zu wirken oder nicht zu
wirken, alfo auch keine Freiheit; denn es
fohlt an dem Vermögen, die Willenshandlung
zn untei;:»ffen ; es tnufs in Anfehung derfelben
et
Ein und zwanzigfies Kapitel, 29
etwas befti.nmen die Ueberlegung fey noch
to kurz, der Gedanke fb fchnell, fie lauen den
Meuteren entweder in dem Zuitand vor dem
Denken, oder verändern ihn, fie beftimruen
das Geinüth entweder zur Fortfetzung oder
zur Umerldilupg der Handlung» Das Geinüth,
entCchüefst lieh alfo offenbar eius vorzuziehen,
und das andre nachzufefzen , und die Förtfetz.-
ung oder Unterbrechung einer Handlung iä
dann willkünrlicu aber unvermeidlich.
So viel ift alfo klar, dafs der Menfch in
den meiften Fällen keine Freiheit hat, zu wol-
len oder rieht zu wollen. Näcbft diefem ent-
fteht aber die Frage: Ob der MenTch die
Freiheit hab.e, das zu wollen, was
ihm von zwei Dingen gefällt, z, B. Ru-
he oder Bewegung, eine Frage, die zu
offenbare Ungereimtheiten enthält , als dafs
fie nicht die Ueberzeugung herbeiführen füllte,
dafs die Freiheit den Willen nichts angehet.
Denn fie heifst foviel als: ob ein Menfch wol-
len kann, was er will, oder ob ihm das gefal-
len kann, was ihm gefällt. Die Fja;e bedarf
wohl keiner Antwort. Wer aber fo fragen
kann, mufs einen Willen vorausferzen, der die
Handlung diefes Willens, und einen andern,
der wieder jenen und fo ins Unendliche, be-
ftitnmr.
.§ 26,
30 Zweites Bucli.
§• 26.
Zur Vermeidung diefer und andrer Unge-
reimtheiten ift nichts fo nüt7.1ich, als die Be-
griffe von dem Gcgenftande einer Untersuchung
genau zu beftimmen. Halte man immer die
Bp^rifFe von der Freiheit und dem Wollen feft-
gefetzt, und zu allen Streitigkeiten über dieTe
Gtge '^iinde mitgebracht, fo würde unftreiiig
ein grqfser Theil der Schwierigkeiten , welche
die Menfchen bei ihrem Denken verwirren,
leichter aufgelöfst, und der Punc! u^ld entdeckt
•werden, wo die unentwickelte Bedeutung der
Worte, oder die Natur des Gegenftandes die
Duukelheit verurfacht,
§. 27. 2g. 29.
Man erinnere fich daher immer an folgen-
de lJ unkte. Erftlich, die Freiheit he-
fte ht in der Abhängigkeit der Wirk-
lichkeit oder Nicht Wirklichkeit ei-
ne r H a n dl u n g von dem Wollen, aber
nicht in der Anhangigkeit einer
Handlung oder ihres* Gegentheils
\ o n unfrer Wahl. Em Menfch, der auf
einer Klippe ftehet, hat die Freiheit zwanzig
Klaftern abwärts zu fpringen , nicht weil er
das Vermögen hat, die entgegengeletzte Hand-
lung zu thun , d, i. zwanzig Klaftern in die Ho-
he zu fpiingen, denn das ift unmöglich; lon-
dein
Ein und zwanzigßcs Eapitel. 3i
dem weil er das Vermögen h;t. zu rprin«:^n
oitr nicht zu fpringen. Wenn ihn aher (ine
gröffere Gewalt feft halt, o er hin'unterfmrzt,
i'o hurt feine Fieiheit ai f, weil das J hun o 1er
Nichtihun nicht mehr in feiner Gewalt ift.
Ei» Gefangner in einem wohlverwahrten Zim-
mer von 20 Fufs im Viereck, der auf der
r.ördlichen Seite deffelben ift, hat die Fteiheit,
20 Fwfs füdwärts zu gehen, denn er hit das
Vermögen, das zu thun , oder nicht zu thun.
Aber darin ift er nicht trei, um in demfelben
Augenblick 20 Futs nordwärts zu gehen« Die
Freiheit beliehet alfo in dem Vermögen zu
handeln oder nicht 211 handeln, nachdem .ran
lieh durch den Willen zu dem einen o<ier i\en
andern beftimtnt. Zweitens. Das Wol-
len ift eine Handlung der Seele, indem f:e ihr
Denken auf die Htrvo.bricgung einer Hand-
lung richtet, und dadurch ihr Vermögen fie
hervorzubringen äufserr« Man erlaube mir
zur Erfparung vnn Worten, unter einer Hand-
lung allezeit aach die Unterlailung einer vOr-
gefetzten Handlung zu verliehen. Denn die
Unterlaflung einer Handlung erfordert nicht
weniger eine ßefthnmung des Wilieus, und
hat oft eben fo wichtige Folgen als eine wiik-
liihe Handlung; fie kann d^ner in dieler Kück-
hcht gar wohl für eine Handlung gehen. Ich
erinnere das nur, damit man mich nicht mifs-
vsrltehe, wenn ich der Kürze Wegen mich fo
52 * Zweites Buch.
ausdrücke. Drittens. Du Will« ii\ Jas
Vermögen der Seele, di« wirkenden Kräfte des
Meufc'hen zur Thäiigkeit oder NichtthätigkeU
zu beftimmen, infofern diefes von der Bcftim-
mimg des Willens abhängt. Wenn man fragt:
was bcflimmt den Willen? fo ift die einzig
richtige um! paffende Antwort: die Seele: denn
dasjenige, was das allgemeine Beliimmungs-
vermögen zu diefer oder jener Richtung be-
ftimmt ift nichts anders, als, das handelnde
Subiect teibft, indem |es fein Vermögen auf
diefe befondere An äußert. W7enn diefe Ant-
wort nicht befriedigend ift, fo ift jene Fura-
ge offenbar mit diefer gleichgeltend: was
beilimmt die Seele in jedem befondern Fall,
ihr allgemeines \ ermogen üch zu beftimmen
auf diefe beftimmte Thätigkeit oder Nichtthä-
tigkeit zu richten ? Hierauf antworte ich: der
einzige Bewegungsgrund zur Fortfetzung des
nehmlicheu Zuftandes oder derfelben ihä'ig-
keit ift das damit verknüpfte Vergnügen. Zur
A. nderung eines Zuftandes oder einer 1 hä-
tigkeit kann uns aber nichts reitzen , als etwas
Unangenehmes; Unluft ift öer giofse Bewe-
gungsgrund, der auf die Seele wirkt, um fie
rin Thätigkeit zu letzen, weh lies ich, der Kürze
wegen, das lieftimmen de*. Willens nenne. Die-
fes werde ich jett ausführlicher erklären, j
§• 30.
Ein und zwanzigftes Kapitel, 53
U n t e r f c h i d z w i feh en dem Wol-
len und Begehren (Wiiiinfch e'n
d e fi r e).
Diefer Unterfuchung miiiTen wir noch eine
Betrachtung vorausschicken. Ich fuchte eben
die W i ilen shan d 1 u n g durch die Aus-
drücke Wählen, Vorziehen und ähnliche
zu erklären, welche fowohl einen YVunfch
als den Willen bezeichnen, weil ich keine
andern Worte dazu fand. Da es aber eine
fehr einfache Handlung ift , fo wird man fie
immer beiTer durch die RefiexiOB auf das, was
bei dem Wollen in dem Gemüthe vorgehet,
als durch noch fo mannigfaltige Ausdrücke ken-
nen lernen. Diefe Warnung, fich nicht durch
Worte tänfchen zu lallen , welche den Unfer-
fchied zwifchen dem Willen und andern Thä-
tigkeiten des Gemüths nicht fcharf genug be-
ftiiumen. fcheint defto nothwendiger zu feyn,
da ich das Wollen oft mit andern Gemüthsbe-
Üimmungen vorzüglich mit dem Wünfchen
wnd Begehren fogar von denjenigen verwech.
feit finde, welche fich hier Undeullichkeit in
Begriffen und Ausdrücken nicht gerne möch-
ten vorwerfen lalfen. Ein großer Theil der
Dunkelheit und der Mifsverftändniffe in diefer
Sache fcheint mir eine Folge diefer Wrwech-
felung gewefen zu feyn ; um fo mehr mufs
Locke's. II Theil. C man
34 Zweites Buch.
man fie zu vermeiden fliehen. Wer fein«
Aufmerkfamkeit auf die Veränderung richtet,
welche in dem Geinöthe bei dem Wollen vor-
geht, wird huderv, daTs der Wille ein Vermö-
gen ift, das nichts anders zum ; Gegenstände
hat, als die jedesmalige Beftimmung des Ge-
iniiths, vermitteln welcher es durch das blofjft)
Denken eine Handlung, die es in feiner Ge-
walt zu haben meint, anzufangen, fortzuse-
tzen oder abzubrechen ftrebt, Diefe Betrach-
tung zeigt oöenbar, dafs der Wille ron dem
Wunfche ganz verfchieden ift. Denn bei ei-
ner und derfelben Handlung kann ein Wunfeh
auf etwas g^nz anders gerichtet feyn , als der
Wille. Eine Perfon verlangt von mir, ich füll
eine andre zu etwas bereden, ich übernehme
das Gefchäft , weil ich es nicht wohl abfehia-
gen kann; aber indem ich Vorftellungen zu
dem Ende thue, kann ich wünfehen, dafs fie
keinen Eingang finden mögen. Mein Wille
und mein Wunfeh find in diefem Falle offen-
bar widerstreitend. Ich will die Handlung,
welche auf einen gewifTen Punkt gerichtet ift,
aber ein Wunfeh nimmt die ganz entgegen-
gefetzte Richtung. Ein Menfch findet bei
einem heftigen Anfa'l der Gicht in den Gliedern
feinen Kopf erleichtert und den Mangel an
Efslufl in feinem Magen gehoben j er wünfeht
auch von den Schmerzen in den Händen und
Füfsen befreiet zu feyn; denn wo Schmerz
ift,
Ein und zwanzigstes Kapitel, 23
ift, da ift auch ein Wunfch nach Entfernung'
deffelben. Und doch beftimmt fich fein Wille
zu keiner Handlung 1 die den Schmerz heben
konnte« weil er befürchtet, die fcbä Jüchen
Säfte möchten fich dadurch auf einen edler»
Theil werfen. Das Wollen und das Be-
kehren find alfo zwei ganz vetfchjedene
Thätigkeiten des Gemüths , und der Wille,
als das Vermögen zu wollen, mufs von dem
Begehrungsvermügen unterfchieden werden.
Die Ünluft beftiramt den Willen.
Wir kehren jetzt zur Unterfuchnng , was
den Willen in Rück ficht auf unfre
Handlungen beftimmt, zurück. Nach
ivied erholten Nachdenken bin ich überzeugt,
dafs nicht die Ausficht auf ein grofferes Gut,
wie man geglaubt hat; fondern dieUrlnft, vor-
züglich wenn fie fehr ftark ift, den Willen von
Zeit zu Zeit beftimmt i und zu Handlungen
jeitzt. Die Unruft kann man, wie fie es
auch ift, ein Verlangen nennen. Denn Verlan-
gen ift Unbehaglichkeit des Geiftes, welche aus
dem Bedihlnifs eines abwefenden Guts entfteht.
Jede Art des körperlichen Schmerzes, jede
Art der Beunruhigung des Gernülhs ift Unhiit,
mit welcher ein Wunfch in gleichem Verb .,1t-
nifs verknüpft» und kaum davon zu uoterfchei-
G 2 den
-Jj Zweites Buch.
den ilt , und man kann daher die Unluft fo
lan^e ein Verlausen nennen. bis jfnes Gut
erlangt ift. Denn niemand fohlet ein«-n
Schurerz, ohne in demfelben Verhältnifs zu
wünff hen, von demfelben bt freiet zu werden,
als der Schmerz empfunden wird. Aufler (lie-
fern Verlangen nach Befreiung von Schmerz,
giebt es noch ein andres, welches aus der Ab-
wefenheit eines poGtiven Guts emfpringt. Auch
hier flehet (las Verlangen und die Unluft in
gleichem Verhältnifs ; in dem Grade man ein
abwefendes Gut verlangt , in demselben leidet
man für daflelbe. Aliein jedes abwefende Gut
pflegt nicht eine Unluft zu erzeugen, welche
mit feiner wirklichen oder rorgeftellten GröTse
in gleichem Verhältnifs flehet, fo wie der
Schmerz allezeit ein gleich ftarkes Verlangen
hervorbringt. Denn der Mangel eines Guts
erregt nicht allezeit Unluft, und kann daher
ohne Verlangen betrachtet werden. Wo aber
Verlangen ift, da ift auch UnbehagÜchkeit und
beide flehen in gleichem Verhältnifs,
§ 32. (
Dals das Verlangen ein Zufland der Unluft
ift, davon kann lieh jeder durch Selbftbeobach-
tung überzeugen. Wer hat nicht in diefem
Gernüth6znftande empfunden, was jener Weife
von der HoftYung, die nicht lehr davon ver-
fchieden ift, fagt: Eine fleh weiter entfer-
nende
Ein und zwanzigftes Kapitel. 39
nende Hoffnung macht das Herz krank. Je
gröfser daß Verlangen ift, defto gröfser ifl
auch die Unluft, ja diefe fteigt zuweilen bis
a if den Grad, d^fs fie ähnliche leiden fchifiliche
Ausdrücke als jener wjr : gieb mir Kinder, oler
ich fterbe, ausprefst. Das Leben mit allem
feinen Genufs wird dann felbft zuweilen zu
einer Laft , die man unter dem fortdauern-
den Druck der Unluft nicht langer ertragen
mag.
§♦ 05.
Gutes und EöTcs, gegenwärtiges und abwe-
fenrles wirken zwar auf das Gemüth ; aber
doch, wird der Wille zu wiükührlichen Hand-
lungen unmittelbar nur durch, die Unluft be-
ftimmt, welche mit einem auf die Abwesenheit
eines Guts, theils eines negativen (Befreiung
von Schmerz), theils eines pofitiven (Genufs
eines Vergnügens) gerichteten Verlangen ver*
knüpft ift. Ich werde durch die Erfahrung
und durch objeetive G.ünde zeigen , dafs die
Unluft dtn Willen zu den fuccefnven willkür-
lichen Handlungen beftinamt , welche den
gröfsten Theil des menfchlichen Lebens aus-
machen , und uns auf verfchiedenen Wegen
verfchiedenen Zwecken entgegenführen.
C 3 $.34
3t Zweites Buch.
§• 54.
Wenn ein Mer.Uh mit feinem gegenwärti-
gen Zuftaide volikom ien zufrieden, d. h,
wenn er oh.e alle Unluftift. was bleibt denn
dem Willen, i'er Thäti, kut und Hetriebfamkeit
roch üb'ig, als in demfelben zu verharren?
Diefs ift eine Thatfachc, wovon lieh jeder
IWenfc-h durch Beobachtungen ubeizeugen kann.
Dsr weife Schöpfer , der wufste, was den
Willen befiiniint, unterwarf daher den Men-
fchen auf eit.e. feinem Zufiand und VVefen an-
gemrffene, Weife der Unbtha^Jichkeit des
Hungers, desDiufb, und anderer natürlichen
Bedürf-iifle, welche eu beRimmtcn Zeiten iu^
rückkehren » um den Willen zur Erhaltung
der Individuen und der Gattung zu beftim-
men und anzureitzen. Wenn die blofse Be-
trachtung der guten Folgen, welchen uns die
unangenehmen Empfindungen ent^egenführen,
zureichend gewei'en wäre, den Willen in Tha>
tigkeit zu fetzen, fo dürfte wohl wenig oder
gar kein Schmerz und phyfifches Uebel in der
Welt angetroffen werden. Allein das Gefühl der
kleinften Unbeha^lichkcit ift ein ftärkerer Be-
wegungsgrund als die Ausficht auf ein grofses
Vergnügen, i
i. *
Ein und swanzigßes Kaphel. 3p
Nicht das gTöTste pofitive Gut,
fondern die Unluß beftirarat den
Willen.
v Dafs die Vorftellung eines Guts und eines
großem Guts den Willen beftimrae, fchein*
ein fo gründlicher, und durch die allgemeine
Einfütnmung aller Menfchen beftätigter Grund-
fatz zu feyn , dafs ich mich nicht wundere,
wenni ch inj der erden Ausgabe denfelben an-
nahm. Und vielleicht werden die Menfchen
dies für verzeihlicher halten, als dafs ich jetzt
von diefer allgemein angenommenen Meinung
abzugehen wage. Allein nach einer fcbärfem
Umerziehung kann ich nicht umhin zufchliefsen,
dafs ein Gut, ja ein gröTseres Gut, obgleich
vorgeftellt und anerkannt, doch den Willen
nicht beftimmet, wenn nicht ein mit demfelben
verhältnifsmäfiiges Verlangen entlieht , und
durch das Bedürfnifs eine unangenehme Em-
pfindung erzeugt. Man überzeuge einen Men-
fchen noch fo fehr, dafs Ueberflufs der Ar-
muth vorzuziehen ift; man laffe ihn erkennen
und eingesehen, dafs die Bequemlichkeit eines
feinern Lebens hefler ift, als eine fchmuzige
Dürftigkeit, alleß das wird ihn nicht rühren,
fo lange er mit der letzten zufrieden ifi, und
nichts Läftiges in <|erfelben findet ; fein Wille
wird fich zu keiner Thätigkett entfchlieflen,
C 4 um
4° Zweites Buch.
um (ich in einen andern Zuftand zu verfetzen.
Wenn ein Menfch bei voller Ueberzeugung
von den Vorzügen der Tugend, dafs fie für ei-
nen Menfcheu, der hohe Zwecke in diefem, und
grofse Hoffnungen in dem künftigen Leben bat.
fo unentbehrlich ift, als Nahrungsmittel für das
thieriTche Leben, noch nicht nach Recht-
feh a ff e n h e i t hungert und d ü r ß e r,
und keine Unluft über den Mangel derfelben
empfindet, fo wird fich der Wille zu keiner
Thätigkeit beftimmen, um diefem erkannten
gröfsern Gut nachzuftrebiju ; fondern ft-itt def-
fen durch andere unangenehme Etnpfiucliin-
gen zu andern Handlungen gereit/t werden.
Man lafle auf der andern Seite einen Zecher ein-"
fehen , dafs feine Gefündheit und fein Vern.ü-
gen zerrüttet wird; dafs Verachtung, Krankhei-
ten, Mangel an allen Dingen, felbft an feinein
geliebten Getränke ihn endlich bei diefer foit-
ge'etzten Lebensart treffen muffen; die zurück-
kehrende Unluft, wenn er feine Gefellfchafter
vermifst, und das zur Gewohnheit gewor-
dene Bedürfnifs wird ihn doch wieder zur
gewöhnlichen Zeit in das Zechhaus treiben,
follte er auch den Verluft der Gefündheit, des
Ueberfhiffes und vielleicht gar der Freuden ei-
nes andern Lebens vor Augen haben, und das
geringfle jener Güter dem Kitzel feines Gau-
mens und dem leeren Gtfehwätz einer beraufch-
ten Gefellfchaft vorziehen. Es fehlt ihm kei-
nes-
Ein und zwanzigstes Kapitel. 41
nesweges an der Keuntnifs des gröfgern Guter*
deun er erkennt es an, und entfchliefst (ich in
den nüchternen Au genblicken ihm nachzuge-
ben. Allein wenn ihu das Bedürfnifs der gewohn-
ten Zerfireuungen wieder quält, fo verlieren jene
Vorftellungen ihre Kraft , und die vorhandene
Unluft beftimmt dann feinen Willen wieder zu
der gewöhnlichen Handlungsweife, Diefe Em-
pfindung wurzelt alfo immer ftärker ein, dafs
fie bei nächfter Gelegenheit die Oberhand ge-
winnt, ob er lieh gleich in feinem Innern ver-
fpricht, nicht mehr fo zu handeln, und es das
letztemal feyn zu laßen, dafs er der Erlangung
eine9 gröf.ern Guts entgegen arbeitet. Er ift
alfo von Zeit zu Zeit in dem Zuftände jenes
unglücklichen Weibes, welches klagte: Ich
erkenne und billige das Beflere und wähle das
Schlechtere. *) Ein Gedanke, der, fo fehr
ihn die Erfahrung bestätiget, doch vielleicht nur
auf diefe Weife erkläret werden kann.
§. 56.
Wenn wir den Urfachen diefer unleugba-
ren Thatfache nachforfchen , fo werden wir
in Rückficht auf die Glückfeligkeit, worauf
C 5 all«
*) Ovids Verwandlung. , B. VIF. v. 20, 21. —
Yideo meliora proboqne — Deterioia feqnor.
/\t Zweites Buch.
alle unlYe Handlungen ab/wecken, es fim na-
türlich fiiiüen , dafs die gegenwärtige Empfin-
dung der Unluft nur allein aif die Wahl des
Willens Einflufs hat, weil nur eine Willensbe-
ßunmiuig auf einmal möglich ift. Denn fo
Lange wir Unluft empfinden, können wir uns
unmöglich überzeugen , d>fs wir im Befitz
oder auf nein Wege der G ürkf ligkeit find.
Unluft und Unbehaglrchkeit, die von jedermann
für unvereinbar mit der Glückl'eligkeit gehal
ten werden, rauben uns auch die Empfänglich*
keit für das Gute, das wir beGtzenJ, und ver-
bittern jeden Genufs des Vergnügens. So lan-
ge man daher noch Unluft enjpfindet, wird die
Entfernung dsrfelben als der erfie uud noth-
wendigfte Schritt zur Glückfeligkeit immer
In der Regel die; Wahl des Willens ;am elften
befti sinnen.
§. 37.
Ein anderer Grund beftehet darin. Die
Unluft ift allein gegenwärtig, und es ift gegen
die Natur, dafs das Abwefcrule da wirken foll,
tvo es nicht ift. Das abwefeude Gut, könnte
nian fagen , werde auch durch die Betrachtung
der Seele vergegenwärtiget. Die Vorsehung
davon kann in der Tbat der Seele vorfchweben,
und infofem als gegenwärtig betrachtet wer-
d«n; allein nichts kann als ein gegenwärtiges
Gut in der Seele den Wunfeh nach Entfernung
einer
Ein und xwanzigfies Kapitel. 43
einer Unluft; die uns jezt zur Laft ift , über-
wiegeo, bis es ein Verlangen erwecket, und die
damit verknüpfe Unluft mehr Einfiufs auf die
Befiiromung df s Willens hat, als je/e. Bh da-
hin ift die Yorfteliung jedes Guts von einer an-
dern Vorflellung ia nichts verfchieden, fondern
nur ein Gegenstand piner untbätigen Bctrach-
Inngi der auf den Willen niht wirket, noch
uns in Thäligkeit fetzt. Die Urfache davon
werden wir gleich zeigen. Wie viel* Men-
fchen gicbt es , weiche fear lebhafte Vorftellun-
gen von den unausfprechiichen Freuden de*
Himmels haben, und Ge für möglich ja w7ahr-
fcheinlich haken, und doch mit dem GenuTs
der irdifchen Glückfeligkeit zufrieden find?
Und fo beftimmt das übt 1 wiegende nnacgeneh-
me Gefühl ihrer auf die'es Leben eingefchräuk«
lenBedürfnifse ihren Willen unaufhörlich , ohne %
indt-ffen einen Schritt zu thun, um fich der künf-
tigen Glückfeligkeit zu nähern, wie grofs fie
fich diefelbe auch vorftellen,
§. 33.
Wenn der Wille nach der gewöhnlichen
Meinung durch die Aussicht eines Guts beftimmt
Würde, iu fo fern es in der Betrachtung dem
Verftande gröfser oder kleiner erfcheint —
und fo ift es mit jedem abwtfenden Gute —
[o fehe ich nicht ein , wie er fich von der un-
endlichen Glückfeligkeit des Himmels je los-
reif-
44 Zweites Buch.
rei'en kann, wenn e einmal als möglich vor»
grüpllt iit. Denn da jeck-r abwcit'ntie I
dmcii ('eilen blofce Vor t in • der Wille be-
nimmt wejrden foft , nur uro« ich aber nicht un-
trüglich gewiis iit.fo um i sie in i.ncndlicb grüf-
ftre« mögliche Gut einen regehnäfl ! be-
fiäudigen Einllufv aut den WjUen bei allen auf
einander folgenden Handlungen hdben; und
dann müf-ten wir auf der Laufbahn zum Him-
mel immer mit unverwandtem Blick, o;jne
Stiliftand fortrücken, und keine unfrer Hand-
lungen dürfte auf ein anderes Zielgerichtet feyn.
5o würde unter jener Vorausfetzung der
Zuft-tnd des Gemüthsund die regelmäßige Ilich-
tung des\V'llens bei allen feinen Beftimmungen
feyn. Allein dafs diefes sieht fo ift, lehrt die
Erfahrung offenbar. Das unendlich gröfste und
dafür erkannte Gut wird oft vernachläffiget ,
um die abwechselnden unangenehmen Empfin-
dungen, welche aus dem Bedürfnifs von Kler-
ni^keiten entflohen, zu befriedigen Es rührt
zwar zuweilen das Gemü:h. aber es erhält nicht
den Willen in einem unveränderlichen Streben
darnach Wenn aber eine grofse überwiegende
Unluft fich einmal des Willens bemächtiget hat,
fo hält lie ihn feft. Hieraus laTst fich ficher auf
das fcbliefsen, was den Willen beftimmt. Ein
heftiger körperlicher Schmerz, die unbändige
Leidenfchait der Liebe, die unruhige Begierde
nach
Ein und z'.v anzielt es Kaiitel. <jö
nach Rache erhält den Willen in beftändlger
Spannung, und fo lange er durch den Liiifiufs
diele r Harken Be im d der fortdauern-
den Unluft benimmt wiid, läfst er nie den Ver-
ftar.d dasObjrCt aus dem Gefichtspttnkt Tücken,
fondern lichtet alle Gedanken und Kräfte des
Küipers dahin. Hieraus fchciut mir einleuch-
tenri zu werden, da^s d-^r Wille oder das Ver-
mögen, den IVleiiCchen \ ovzncswe»fe zu einer
Handlung zu beftimmen, durch das Gefühl der
L'.iliiü beftimmt werde; um ! ich berufe mich
de h lb auf die Seibitbeobachtung eines jeden
Menlchen.
5 39.
Ich habe mich bi-her hauptfächlich auf das
mit dem Verlangen verknüpfte Gefühl der Ln-
luft eingefchränkt Denn dicfes wirkt vorzüg-
lich und am deutlich Ren auf den Willen; feiten
wir ! eine Handlung befchlofTen oder eine will-
kührliche Tath vollzogen, ohne dafs ein Ver-
lanen mitwirket. Diefs ift wohl auch die Ur-
fache, warum der Wille und das Begehren fo
oft verwechselt werden. Demungeachtet darf
man nicht glauben, daf> die Unluft, welche ein
Beftandtheil oder wenigftens eine Begleiterin
anderer Lcidenfthaften ift, hier ganz au<;ze-
fchloÄeTU fey. Mit der Abneigung, der Furcht,
dem Zorn, dem Neide', der Scbaaro u. f. w. ift
im.uer auch eine Art voa Uuluft verbunden ,
wo-
\6 Zweitem Rr
wodurch fie einen btfftimm enden Einrlu1"«; aut
den Willen erbalten. Seilen find ilh-fe Leiden
fchafien in (fem wirklichen Leben einfach, rein
und unvermifcht ; obgleich in philorophifcheu
Un'erfuchungen nureiue den Namen führt, wel-
che am ßärkflen wirkt und in dem Zuflandc
des G^mühs am meiften hervorfticht. Ia es
giebt meines Ei achtens kaum eine Lcidenfchaft,
mit welcher uicht ein Verlangen (Bpgehren)
verbunden ift. Wo eine Art von Unluft ift, da
ift auch gewifs ein Verlangen, Denn Glückfe-
lig'^eit ift der allgemeine Wunfeh ■, und in dem
Verhältnifs wir Unluft empfinden, in demfelben
fehlt es uns. auch, nach unfrer eignen Ueberzeu-
gung, ohneRückficht auf unfern übrigen Zufiand,
an Glückfeligkeir, Zudem ift der gegenwärtige
, Augenblick keine Ewigkeit; bei jedem Vergnü-
gen üt-het man über das Gegenwärtige hinaus;
das Verlangen hält mit jedem Blick in die Zu-
kunft gleichen Schritt und hat immer den Wil-
len, im Gefolge. Selbft bei der Freude wird
daher durch das Verlangen, es iemer zu genief-
fen und durch die Furcht es zu verlieren, die
Thätigkeit, von welcher das Vergnügen ab-
hängt, genährt und unterhalten. Wenn aber?
ein anderer höherer Grad der Unluft an die
Stelle tritt'! fo wird der Wille gleich zu einer
neuen Thätigkeit beftimmt und das gegenwär-
tige. Vergnügen vernachläffiget.
Ein und tvranzigftes Kapitel. 4?
§. 40.
Da es aber in der Welt nicht an mannich-
faltigen Anläfsen zu unangenthmen Empfindun-
gen and an verichiedenen zerftreuenden Wün-
fchen fehlet, fo entliehet zuur'chft die Frage ,
■was den gröfstpn Elnfiufs auf den willen hat»
In der Regel ift es das dringendfte Bedürfr.i's*
defseu Befriedigung in derufeiben Zeitpunkt
für n.öglich gehalten wird, Denn der Wille iß
das Vermögen, die wirkenden Kräfte zu einer
Handlung um eines Zwecks willen tu befiira-
men, und er kann daher zu keiner Zeit auf d-S
gerichtet werden, wa« gerade jtzt für uner-
reichbar gehalten wird. Cenn für fcir-e Sache
aibeiten, d>e nicht erreichbar ift, hiefse bey ei-
nem veiftändigen V\elen ;ovjei, als abfitutiiöEl
zwecklos handeln. Daner Wirkt das ftärklk Ge-
fühl clerUnluft nicht auf den Willen, Wenn diö
Kmiernung derfelben als unmö-lieh erfcheint.
IMit diefer Ausnahme beftimmt in der ganzen
Reihe von willkühnichen Handlungen, die das
menfehhehe Leben ausmachen, immer das drin-
gendste und ftarkfte Gefühl von L'nluft den
Willen: die Unlultift der ftärkfis Reitz zur ThäJ
tigkeit, und von ibr hängt in den rüeiften Fäl-
len die Wahl der nächlten Handlung ab. Denn
das eigentümliche und einzige Object des Wil-
lens' find unfre eigenen Handlungen und das
Wollen kann nichts hervorbringen, als eine
Handlung, die in unferm Vermögen flehet«
Diefs
1
48 Zweites Buch.
Diefs ift der Wirkung kreis, auf welchen der
Wüle eingefchrankt ift.
$. 41-
Alle Menlchen wünfeben G 1 ü c k f e-
ligke it.
Wenn man weiter fragt : was erregt das B e-
gehren: fo antworte ich: Nichts anders, als
die Glückfeligkei t. Glückfeligkek und
Unglückfeligkeit fiml Ausdrücke für zwei ent-
gegengefezte Zuftände, deren lezte Grenzen
wir nicht kennen; üe find das, was kein Auge
gefehen , kein Ohr gehört hat und w« keines
IVlenlchen Herzfafsen und begreifen kann. Doch
erhalten wir fehr lebhafte Eindrücke von eini-
gen Graden derfelben durch mannichfahige Em-
pfiudungen von Vergnügen und Freude und von
Schmerz und Kummer, die ich unter den Wor-
ten Vergnügen und Schmerz der Kürze wegen
zufa in men raffe. Es giebt ein Vergnügen und
Schmerz des Körpers und der Seele oder rich-
tiger, fie gehören beide der Seele an, nur mit
dem Lnterfchied , dafs einige in der Seele durch
gewiß,« Vorftelluugen , andere in dem Körper
durch gewifse Modificationen der Bewegung
ihren Urfpruug haben.
§, 42.
Ein und zwanzigftes Kapitel. 49
§• 42.
Gl ü ck fei i gkei* nach ihrem gröfstpn Um-
fa ge ift das h ö c b ft e Vergnügen utrfl Un-
glückfeligkeit deT höchfte Schinerz , dcffen Men-
f(hen empfang'ich find. Der niedrigfte Grad
der Glückfeligkeit beftehet darin, dafs man fo
wenig Schmer? und fo viel wirkliches Vergnü-
gen empfindet \ als man ohne d<2S nicht zufrie-
den leben kann. Vergnügen und Schmerz wer-
den in verfchiedenen Graden durch die Einwir-
kung gewiffer Gegerftande theils auf die Seele
theils auf den Körper hervorgebracht. Alles,
was daher fähig ift, Vergnügen zu erzeugen,
heifst Gut, und wa-, »Schmerz hervorbringen
kann/ Uebel und zwar nur weg^n Erzeugung
diefer Empfindungen, welche unfre Glückfelig-
keit und Unglückfeligkeit ausmacht n. Ob-
gleich aber jedes idbject g't an [ich ift, was
ei igen Grad des ^er^nügens, und böfe an
fich , das eiiiigen Grad des Schmerzen hervor-
bringen kann, fo werden doch beide wegen
KöliiliOn mit einem hohem Grade oft nicht o
genannt. Denn in holiilion-failen bat ein Grad
des Vergnügens und des Schmerzes einen Vor-
zug vor dem andern. Es kommt alfo bey der
richtigen Beurtheilung deiieu , Wa« gut und
böfe ift, Tehr viel auf die \ ergleichung an;
denn die U» fache eine« kleinern Grades • On
Schmerz und eines grölsern von Vergnügen
Locke1 ». 11. Tkeü, D Wird
5* Zweites Euch.
wird für ein Gut gehalten, und fo auch umge-
kehrt»
$. 43-
Welches Gut ein Objectdes Begeh-
rens oder nicht ift.
Jedes Gut ift zwar überhaupt das eigentüm-
liche Object des Begehrens; aber darum erregt
es doch nicht nothwendig in jedem Menfchen
ein Verlangen , wenn es gleich dafür erkannt
ift, Condern nur dann und in dem Grade, als
man glaubt, dafs ts einen notwendigen Beftand-
theil der Glückfeligkeit ausmacht. Ein Gut, das
nicht in Beziehung mit der Giückfeli°keit fte-
het, die bei jedem Menfchen individuell ift, er-
zeuget kein Verlangen, fo grofs es auch der
Wahrheit oder dem Scheine nach ift. Jeder
Menfch ftrebt in diefer Rücklicht nach Glück-
feligkeit und begehrt dasjenige, was zu derfel-
ben gehöret; andere Dinge, obgleich auch für
gut erkannt], betrachtet er ohne Verlangen, er
eutfaget ihnen, und lebt ohne fie zufrieden.
Kein Menfch ifi fo geiftlos, der nicht geliehen
follie, dafs die Erkenntnifs Vergnügen gewäh-
ret; und was das finnliche Vergnügen betrift,
fo findet es nur zu viele Anhänger , als dafs noch
die Frage feyn kann, ob es für Menfchen Reifz
habe. Wenn nun ein Menfch in dem finnli-
chen, ein anderer in dem geiftigenGcnufs feine
volle
Ein und zwanzigfies Kapitel, f t
volle Befriedigung findet, fo mufs zwar der eine!
und der andere gtftehen , dafs das Object, wel-
chem der andre nachflrebt, grofses Vergnügen
gewahret; allein da diefes keinen 1 heil feiner
Glückfeligkeit ausmacht, fo empfindet er kein
Verlangen darnach, er ift ohne den Genufs des
andern zufrieden und fein Wille wird nicht be-
nimmt, derafeiben nachzuftreben. — Da alfö
das Gefühl der Unluft in dem Bedürfnifs defferi
befteht, was zur Glückfeligkeit für nothwendig
erachtet wird, fo entftehet jederzeit ein Ver-
langen, wenn ein Gut, als zur Giückfeligkeif
gehörig, vorgeftelllt wird;
§. 44.
jeder Menfch kann zum wenigßen an fich
und» andern beobachten, dafs nicht immer die
Vorftellung eines gTöfsern Guts ein Begehren
erzeuget, welches mit der erkannten oder ein-
gebildeten Gröfse deflelben in Vethältnifs ftebetj
da hingegen jeder kleine Grad von Unluft
uns afficiret und zur Entfernung deifelben in
Thätigkeit fetzt. Der Grund diefer Erfchei-
nung leuchtet febon aus der Natur unfrerGlük-
feligkeit und ihies Gegertheils ein, Jede Art
von unangenehmer Empfindung macht eineri
Theil unfers jetzigen unglückfeligen Zuftandes
aus; aber nicht jedes abwefende Gut ift zu je-
der Zeit ein notwendiger Befbndtheil unfe-
rer Glückfeligkeit, noch der Mangel dtffeiben
D 2 ein
jj Zweitoe Bucb. ^
ein Unghirk in unfern Augen. Denn fonft
wi"i"'pn die Me riehen uoa ifliörticfa in dem
hür' ii n G m , da es uriendl h
viel . : en
Beliz fie r I« bl f. 1. Wenn .;iie unängeueh-
men Empfindungen-entfernt find, fu iTt f.hon
eiu kleiner Antheil an dein G tcr; und ein ge-
ring' r Grad \on Vergnügen in dem Kreife • e-
wöhnlicher Zerftreuungen hinreichend, eine
für die grö sie Anzahl von Menfchen heftiedi«
gei de G uckfeli^keit zu begründen. Und wo-
her käme es fonft, dafs der Wille fich fo gerne
einen fo großen Theil des Lehens hindurch
init fo gleichgültigen Dingen und Kleinigkeiten
befchänigte? Die meiften Menfchen find von
der Mo4hchkeit einer voll^ömmnen fichern und
ewigen Glückfeli^keit in jenem Leben und von
dem ^rofsen Vorzug derfelben vor der irdifchen
überzeugt j fie erkennen, dafs fie jene nicht
erlangen können , wenn fie in diefem Leben
ihre Glückfeligkeit auPblo^en Geuufs und die
xnedrigften Zwecke einlchräuken : gleichwohl
wird ihr Begehren durch jenes gröfsere Gut
nicht gereizt, und ihr Wille nicht zum Streber!
nach demfelben beftimmt.
§. 4S-
Die immer tmeiierten Gefühle, welche fich
auf die gewöhnlichen Bedürfnifie als Hunger,
Dürft, Hitze, haue, Ermüdung, Schlaf bezie-
hen,
Ein und zwanzigfles Kapitel. 53
hen, erfüllen einen grofsen Tneil des menfch>
liehen Lebens. Hiezu gesellen (ich noch man-
che zufällige Unannehmlichk« iten , eingebilde-
te Bedürfnifle, als das unruhige Streben nach
Ehre, Macht, Reiehthum, wozu uns die Er-
ziehung, die Mode und die öeifpiele einen
Hang einflöfsen. Alle diefe natürlichen und
zur Natur gemachten BedürfniiTe und Gefühle
lauen uns feiten ruhi* vor ihren Forderungen ,
um unbefangen nach einem entfernten Gute ftre-
ben zu können. Denn die Entfernung eines un-
angenehmen und luftigen Gefühls reifst uns aus
einem unangenehmen Zuftande, und ift der er-
fte Schritt zur Glückfeligkeit» Unterdeilen
denkt man wohl an ein entferntes Gutj weil
es aber durch feine Abwefenheit den unange-
nehmen Zuftand nicht vermehrt, fo weift man
es von fich, um nicht der Befriedigung der ge-
fühlten BedürfniiTe im Wege zu feyn, Eift
nachdem eine anfmerkfarne und wiederholte
Betrachtung es dem Gemüthe naher gebracht
und einen Vorfchmack davon gegeben hat,
wird es begehrt; es tritt nun mit andern un-
angenehmen Gefühlen in das Verhähnifs der
Gleichheit, fodert Befriedigung und befümmt
den Willen.
§. 4*.
Es ftehet airo in untrer Macht durch die auf-
merklame Betrachtung und Prüfung eines vor-
D 3 ge-
54 Zweites Buch.
geseilten Gutes ein Begehren hervorzubringen,
welches feinem Werthe angemeffen ift, und
den Willen rejjelmäOig beftimmen kann, Denn
fo lange ein Gut, es mag noch fo grofs in der
Vorftellung erfcheinen, kein Verlangen , keine
Unbehaglichkeit durch das gefühlte Bedürfnifs
verurfat lut, fo liegt es aufser dein Kreife der
Wirkhmkeit des Willens. Denn der Wille flehet
pur unter dem Einfluffe derjenigen ßedürfinfTe>
die wir jettt fühlen, und die eine augenblickli-
che Befriedigung fodern, und das Geinüth kann,
dabei nichts weiter erWagen, als welches Be-
gehren zuerft befriediget, welche Uuiuft zuerft
gehoben weiden fall.
§• 47-
Nähere Beftimmung der Freiheit»
Es ift natürlich, dafs aus der grofsen Man-
nichfaltigkeit von unangenehmen Empfindun-
gen, welche auf den Willen Einflufs haben, je-
desmal nur die ftärkfte und dringendfte den Wil-
len zunächft zum Handeln beftimmt. Das ge-
fchiehet gewöhnlich, doch nicht allezeit. Denn
die Seele hat, d,er Erfahrung zufplge, ein, Ver-
mögen, die Vollziehung und Befriedi-
gt] n g eines Begehrens auf/ulchieben , und alle
Objecte der Begierden, eins nach dem andern,
von allen Seiten zu betrachten und gegen ein-
ander abzuwägen. Hierin bsfteht die Frei-
heit
Ein un<J zwanzigftes Kapitel. 55
heit des Menfchen. Die unzähligen Verir-
rcDgen , Fehler und MiTsgriffe in dem menfch-
lichen Leben und in dem Streben nach Glück-
feligkeii entfpringen alle aus dem unrichtigen
Gebrauch der Freiheit, indem isau fich bei ße-
ftimmung des Willens übereilet, und handelt,
ehe die Sache ffehorig überlegt ift. Dagegen
fichert uns allein jenes Vermögen, die fiefriedi?
gung eines beftimmten Begehrens aufzufchie-
ben , worin mir die Quelle aller Freiheit und das
Wefen des nicht ganz fchicklich fogenannten
freie n Willens zu liegen fcheint. Denn ehe
der Wille beftimmt und die Handlung ausgeführt
wird , giebt uns diefer Auffchub Zeit und Ge-
legenheit, die gute und bö e Seite von dem,
was wir thun wollen , zu prüfen und mit Ue-
berlegung den letzten Entfchlufs zu faflen. Ift
das gefchehen , fo haben wir alles gethan, was
wir bei dem Beftreben nach Glückfeligkeit thun
konnten und follten.
§• 48.
Hierin liegt fo wenig eine Einfchrankunj
der Freiheit, dafs es vielmehr den End-
zweck, die Vollkommenheit und das Wehlthä-
tige derfelben ausmacht. Je weiter man fich
von diefer Beftimmur.g entfernt, defto näher
ift man dem Elend und der Sclaverei. Eine
vollkommene Gleichgültigkeit des Geinüths ge-
gen alle BelUtnmungen des enlfcheidenden Ur-
D 4 ibeils
$6 Zweites Buch,
theils über Gutes und Böfe% welches den Eut-
(chlufs begleitet , wäre kein Vorzug oder Voll-
kommenheit vprriüuf'igPT Wefen, fonderu viel-
mehr eine • ben fo grorse Uuvollkoinmenheit,
als der Mangel der Gleichgültigkeit zum Han-
deln oder Nicldhandeln vor det Belli mmung
des V\ illens. Es ift fo gut eine Vollkommen-
heit, dafs das Begehrungsvcrmöo« n durch das
Gute, als dafs dis Vermögen zu handeln durch
den Willen beflimmt wird, und je gtwifser
diefe Beßimmung ift, clefio gröfser ift die Voll-
kommenheit. Ia wir wären überhaupt nicht
frei, wenn wir durch etwas anders als das
letzte Refultat unfers über das Gute und Böfe
einer Handlung reflektirenden Ichs beftimmt
würden. Der eigentliche Endzweck der Fiei-
heit ift, das Gute zu erlangen, welches Wir
felbft gewählet haben. Jeder Menfch ift dahtr
fchon durch feine eigene Natur, als vernünfti-
ges Wefen, der Notwendigkeit unterworfen,
hch bei feinem Wollen durch feine eignen Ge-
danken und Urtheile über das, was iür ihn
das Befte ift, beftimmen zu lallen; fonft wäre
er der Beftiiniiiung eines andern Dinges, als fei-
nes Ichs, untei warfen, d. h, er hätte keine Frei-
heit, Leugnen zu wollen; ddfs der menfehliche
V\il!e bei feinen Bcftimmungen dem eignen Ur-
theile falge, heilst fo viel als: ein Menfch will
etwas und handelt für einen ge willen Zweck,
welchen er zu deiftlben Zeit nicht will und für
wel-
Ein und zwanzigftcs Kapitel. 5n
welchen er fich nicht intereffirt. Denn wenn,
er etwas nach feiner jetzigen Einficht allem an-
dern vorzieht, fo mtifs er es für das heilere er-
kennen, wofern er ni"ht zu einer und derfel-
uen Zeit es wünfehen und nicht wünfehen ,,
wollen und nicht wollen foll — ein Wider-
fpruch, der zu offenbar iß, als dafs man ihn
einräumen könnte»
V 49»
Richten wir unfern Blick auf Wefen, die
über uns erhaben lind und einer vollkommenen
Glückfeligkeit geniefsen, fo daif man wohl mit
gutem Grund vermuthen, dafs fie mit mehr
Feftigkeit als wir bei der Wahl des
Guten beftimmt werden, ohne deshalb
weniger glüekfelig oder frei zu feyn. Wäre es
nicht für fo endliche Wefen, als wir find, zu
vermellen, entfeheiden zu wollen , was die un-
endliche Güte und Weisheit thun könne, fo
dürften wir wohl behaupten, dafs Gott felbft
nichts wählen könne, was nicht gut ift , und
dafs die Freiheit des Allmächtigen nicht mit
dein Beftitnmivverden durch das Befte ftreite.
D s $. 5o«
50 Zweites Buch.
§• 50.
Die Freiheit wird durch das durch-
gängige Beftiinrnt werden zum
S treben nach Glück feiig keit nicht
ein ge fchr an k t.
Um das Mjfsverftändnifs , welches in die»
fem Tbeil der Lehre von der Freiheit herrlcht,
noch mehr ins Licht zu fetzen, fo frage ich:
kann wohl jemand wünfchen, ein Thor zu feyn»
weil diefer fich weniger als ein Weifer durch
vernünftige Gründe beftimmt? Verdient wohl
eine willkürliche Gewalt, die Rolle des Tho*
ren zu fpielen , und fich felbft Schande und Un-
glück, zuzuziehen, den Kamen der Freiheit?
Wenn wahre Freiheit darin befiehet, fich aller
Leitungder Vernunft zu entziehen, und alle Fef-
felu der Prüfung und Beurtheilung abzufchüt-
teln, wodurch man verhindert wird, Böfes zu
thun, fo find Wahnfinnige und Narren allein
freie Menfchen. Aber fichcrlich kann nur ein
Wahnfinniger um einer folchen Freiheit willen
Wünfchen, wahnfinr.ig zu reyn. Der allgemei-
ne Wunfeh nach Glückseligkeit und die da-
durch auferlegte Notwendigkeit, fie zum Ziel
aller H-mdlungen zu machen . wird wohl nicht
leicht von einem* Menfchen für einen, — zum
weniglen nuht für einen b» klagt nswerthen,
Abbruch der Freiheit gehalten werden. Der all-
mächtige Gott ftehet felbft unter der ISothwen-
dig-
Ein und zwanzigftcs Kapitel. Bcj
digkeit, feiig zu feyu J und je mehr es ein ver-
nünftiges Wefen i ft , defto mehr nähert es fich
der unendlichen Vollkommenheit und Seligkeif,
Damit wir kurzüchtige Wefen in dem jetzigen
Zuftands des Wahns uns nicht in der wahren
Glückseligkeit tätlichen Tollten, erhielten wir das
Vermögen, die Befriedigung einer einzelnen Be-
gierde aiif/.ufchieb*n , und zu verhindern, dafs
fie nicht foglcich den Willen zur Handlung
reitzte. -Man ftehet ftille, wenn man des rech-
ten Weges nicht verfichert ift; man prüft
um gleichfam einen Wegweifer zu befragen;
derfWi!!e entfchliefst fich nach der Unterfuch-
urg, d;:s ift : erfolgt dem Rath diefes
Wegweifcrs. Wer das Vermögen hat, nach
dieTen Beftimmungsgründen zu handeln, oder
nicht zu handeln, der ift ein frei handelndes We-
fen. Wie follte denn dadurch die Freiheit ver-
kürzt werden? Man nehme einem Gefangenen
die Feffeln ab, und öfne ihm die Thüren» fo
ijt er vollkommen frei, \veil er fortgehen oder
bleiben kann, wie es ihm gefällt; wenn er lieh
?ber wegen der Dunkelheit der Nacht, wegen
des üblen Wetters, oder des Mangels an einem
Nachtlager entfchliefst za bleiben, fo hört er
deshalb nicht auf frei zu feyn , wenn der
Wunfeh nach gtwiflen Bequemlichkeiten, die
er hier ruber» kann, ihn unabänderlich be-
nimmt, das Gtfäugnifs noch niciit zu Ver-
la II» n.
§• 51
Zweite« Buch.
P i e Notwendigkeit, nach wahrer
G I itckf el i g k e i t zu [heben, i (t der
(/rund der Freiheil,
Die hüchfie Vollkommenheit der vernünf-
tigen INatur befhhet alfo in einem ununterbro-
chenen und eifrigen Streben nach wahrer und
gründlicher Glückseligkeit, und die Achtfam-
keitaufuns, uru nicht eine eingebildete Glück-
feligkeit ftatt einer wahren zu ergreifen, ift der
Grund untrer Freiheit. Mit je fhirkeren Ban-
den wir an ein unveränderliches Sireben nach
Gluckfeligkeit überhaupt, welche unier höch-
ftes Gut ift, und ah folches alle unfre Wüniche
auf fich zhht, gebunden find, defio freier find
wir von der Beltiininung des Willens zu einer
einzelnen Handlung und von der erzwungenen
Erfüllung belonderer Wüofche, die auf ein
einzelnes fcheinbares grpfseres Gut gerich-
tet find, bis wir Teiflich überlegt haben, ob
fie mit der .Glückseligkeit vereinbar oder nicht
vereinbar find. Das Naturgeiefz, die wahre
Glückseligkeit als hücliftes Gut vorzuziehen
und zu fuchen, verpflichtet uns alfo die Bi-fncdi-
gung unfrer Wünichi.- in einzelnen fallen fo lan-
ge aufzufchieben, als es um noch an der Ktnnt-
nifs und U< beizeugung fehle:, welche die Wich-
tigkeit der Soihe und die ßelchaifenbeif, des
beftumuteu Falls eiiudert.
§. 52.
Ein und zwanzigfies Kapitel. 6l
§• 52.
Um dieren Pnnct drehet fich. die Freiheit
-Vernünftiger Wefen in den ununterbrochenen
Bestrebungen ruch wahrer Glück eügkrit , dafs
fie nehmlich in befiimmten Fällen das Handeln
auffchieben können, bis fie gehörig untemch-
tet lind, ob der Ge^enftand ihres Begehren«: zu
ihrem Hauptziele hi Führet., und einen reellea
Beftandtheil de< hörhften Guts ausmacht. Die
natürliche Neigung nrid Richtung zur Glückfe-
li^keit ift ein Verpflichtung« -rund für fie, fleh
vor Verirrungen und Mifs griffen darin zu hü-
ten . und empfiehlt ihnen bei der Wahl der Mit-
tel VorGcht , ßehutfamkeit und Üeberlegung*
Eben daflelbe NatuTgefetz; welches uns das
Streben nach Glückfeligkeit auferlegt, rnacltf
uns auch das letzte zur unerläßlichen Pflicht.
Diefes fcheint mir ein'grofses Vo. recht endlicher
vernünftiger Wefen zu U yn. Esifieine Unter-
fuchun'g, die alle Aüfineil^färnkeit und Empfeh-
lung verdient, ob nicht die Bedingung und Aus-
übung aller wirklichen möglichen und für Men-
fchen nützlichen Freiheit; von welcher die Rich-
tung der Handlung abhangt, darin befteht*
dafs fie die Befriedigung ihrer Regehrunsen und.
das Beftimmtwerden des Willpn- zu einer Ha «,d-
lnng anffchieben können, bis fie die gut« und
böfe Seite davon reiflich und gründlich , wie
es die Wichtigkeit der Sache erfodert, Unter-
fucht haben« Diefa können wir tihia und wir
ha-
62 Zweite» Bucht
haben dann alles gethan, was für uns Pflicht*
was in unferm Vermögen und überhaupt was
Für uns nöthig ift. Denn da der -Wille Kennt-
nilTe vorausfetrt , um feine Wahl 7.11 leiten, fö
ift alles, was man thun kann, den Willen nicht
beftimmt werden zu lallen, bis unterfucht ift, ob
das, was begehrt wird, gut oder büle ift. Die
Reihe von verketteten Handlungen, welche
darauf folget, hängt ganz, von dem letzten en(-
hheidenden Urlheil ab; ob diefes das Refultat
einer flüchtigen und übereilten Anficht oder ei-
ner reiflichen und gründlichen Unterfuchung
feyn foll, das flehet in untrer Gewalt; denn
die Erfahrung zeigt uns, dafs wir in den mei-
ften Phallen die augenblickliche Befriedigung ei-
ner Begierde auflchieben können.
I' 53-
Wenn aber in dem gtüfsten Aufruhr, in Wel-
chen das Gemüth zuweilen geräih , der Schmeri
der Folter oder eine ungcfiüme Leidenfchaftj
z, B, Liebe, Rache, uns dahin reifst, und uns
den freien Gebrauch des Denkens zur reilli
chen Uiitcrfut billig und Prüfung und die Herr-
febaft über uns felLfti raubt, fo wird Gott, der
Mitleiden mit unfrer Schwachheit hat, nicht
inelir fächert, als was in unfern Kriirteu flehet;
unfre Gebrechlichkeit kennt und ueifs, was in
unfrer Gewalt ifl, um als ein gütiger uachlichts-
1 oller Vater beurtheiieii. Ailein die eii^ig
Wdh'
£in und zwanzigstes Kapitel, 63
Wahre Einrichtung unfers Verhaltens zur Glück«
feligkeit erfüllen , daTs man fich die fchnelle
Befriedigung der Begierden vetfagt, die Lei-
denfchaften mä füget und einfchränket , damit
das Reht des Verbandes, zu prüfen , und der
unbeftechlichen Vernunft , zu entscheiden , im-
geftört bleibe^ Und das füllte unfre erfte Ange-
legenheit und unfer ernftliches Beftreben feyn.
Man füllte fich daher Mühe geben, dem Geifte
für das wahre innere Gm e undßöfean den Din-
gen mehr Sinn und Empfänglichkeit zu gebenj
und keinen Gedanken von einem möglichen
gTofsen und wichtigen Gut uns entziehen laf-
fen , ohne Gefchmack und Neigung dafür zu
empfinden, bis nach vielseitiger U'eberlegung
feines wahren Weiths eiu ihm angenieffenes Be-
gehren in der Seele entftehet, und das Bedürf-
nifs feines Befitzes fowohl, als die Furcht feines
Verluftes uns unruhig macht. Wie fehr diefes
in unfrer Gewalt i/t , kann jeder an fich felbft
erfahren, wenn er fulche Er.tfchliefiüngen fafst,
denen er treu bleiben kann* Niemand darf
fagen* es fey ihm unmöglich, feine Leiden-
fchaften zu beherr chen , ihren Ausbruch zu
verhindern und fich von ihnen nicht hinreiffen
zu laffen; denn wras er vor den Angen eines
Fürften oder großen Mannes kann , das kann
er auch, wenn er will, in der Einsamkeit durch
die Vorftellung von Gottes Allgegenwart«
$• 54.
6<\ Zweites Buch.
§. 54»
Warum die Beflrebungen der M e ii -
fchen fo verfchieden find.
Obgleich alle Menfiben Gliickfeligkelt ver-
langen, fo nimmt doch ihr Wille fehr cnige-
•»engefetzte Richtungen, und lenkt (Ich bei eini-
gen fogar aim Böfen. Diefe F.rfcheinung lafat
lieh ans dem Gcfjgten leicht erklären. Die
mannichfaltigen und entgegengefeUten Beftre-
bungen der Menfcheo beweifen nicht, dafs fie
nicht alle nach dem Guten ftreben , fondern
tlafs nicht jedes Object für jeden Menf< hen
gleich gut ifl; dafs fie nicht alle ihre Gliickfe-
ligkeit in einerlei Gfgenftande fetzen und nicht
immer denfelbfn Wc£ Wählen. ' So liebt der
eine Kenntniile, der andere Iagd und Vogel«
r\ing. ein dritter Luxus und \ r< 1 fchwtndm'g,
fein vierter Mäßigkeit und Reichlbum. 'l'iti-
fenl wir daher, du Antwort, welche ein Arzt
feinern augeakrinkeri Patienten g;>b: Wenn der
WeingeXchniacJj Ihnen mehr Veignügin gewäh-
ret, als der G -brauch der Augen i fo ilt der*
"Wein für fie ^ut; gewahrt ilmm aber das Se-
hen gröfseres Vergnügen , als das Trinken , fo
ift ihnen der Wein Ichadlich.
§• 5.5.
Der menfchliehe Geift hat einen eben fo
verfchiedentiu Geichuiack als der Gaumen« Die
Be-
Ein und zwanzigßes Kapitel. 6$
Blühung alle Menfchen mit Ruhm oder Reich-
thum, worin einige ihre Glückseligkeit fetzen,
zu befriedigen . ift eb^n fo vergeblich, als alle
mit Räfe oder Meerkrebfen fätiigen zu wollen,
Diefe Speifen find für einige ein ' eckeibifien,
für andere aber ekelhaft und widerlich; und
mancher würde die Unhehaglichkeit eines hung-
rigen Magens . diefen Gerichten vorziehen»
die für andre eine koftbare Mahlzeit und. Aus
dem Grunde war es ganz zwecklos, wenn die
alten Philosophen uuierfuchten , ob das höch-
ße Gut in dem Reichthum , dem köperücheft
Vergnügen, der Tugend oder Betrachtung he-
fte he , und es war eben fo vernünftig, als
wenn fie über» die Frage, ob Aepfel, Pflaumen
oder Nüfle am beften fchmecken, geftriften
und ficht, darüber in verfchiedene Sekten ge-
theilt hätten. Denn der Wohljjefchinack hänst
nicht von den Dingen felbft fondern von ih-
rem Veihältnifs zu dem Gefchmacksorgan ab ,
worinn eine grofse Mannichfaltigkeit ftatt fin-
det. Eben fo beftehet die gröTste Glückfelig-
keit in dem Befitz derjenigen Dinge, welche
das gröfste Vergnügeuj und in der Abwefen-
lieit derjenigen, welche Unannehmlichkeiten
und Unruhe verurfachen. Das find aber nach
Verfchiedenheit der Menfchen fehr verfchiede-
ne Dinge. Wenn daher Menfchen nur in die-
fem Leben Genufs finden und erwarten, fo
jft es nicht befremdend noch unvernünftig, dafs
Locke's. H, Tlieii. E fie
•jb Zweites Buch.
fie mit Fnifprnung alles de (Ten , was Unluft er-
zeugt, demjenigen nachftreben , was ihnen
* "igoügf-n macht, - welches ganz natürlich von
£rofser Manuichfdltigkeit ift — und dadurch ihre
Güickfeligkeit futhen* Gefetzt, es gäbe kei, e
Ausficht über das Grab hinaus, fo würde das :
1 a f s t uus eTfen und trinken, und
jedes Vergnügen geniefsen, denn
morgen find wir t od t, eine gan2 richtige
Folgerung feyn. Hieraus lüfst (Ich der Grund
einfehen, warum die Menfchen, obgleich alle
Wünfche durchgängig auf Giückfeli^keit ge-
richtet find, doch nicht von einerlei Gegen-
fiänden auf gleiche Weife geTührt werden.
Sie können verfchiedene Dinge, und dabei
doch alle richtig wählen. Man ftelle Pich die
Menfchen nur als einen Schwärm von elenden
Jnfekten vor, von denen einige, gleich den
Bienen, an den Blumen und ihrem füfsen Saft,
andere, als Käfer, an andern Nahrungsmitteln
Gefallen finden , und nachdem fie da> einige
Zr.t genofl'en, auf ewig in. ihr voriges Nichts"
zurückkehren fallen.
§. 56.
Inwiefern die Menfchen das Böf*
erwählen.
Die oigfältige Erwägung aller diefer Punk*
te wird uns . wie ich hoffe , einen hellen
Biic* in den Zuftand der menfehlichen Freiheit
v. ifchnffen. Die Freiheit beflehet, unleugbat
in dem Vermögen zu handeln und nicht zu
NU'
Ein um! zwantigftes Kapitel. 67
handeln, je nachdem fich der Wille zu dem ei-
neu oder andern entfchliefst. Da fie aber
mch diefem Begriff nur diejenigen Handlungen
in fich zu fairen fcheint, welche auf das Wol-
len erfolgen, fo hat man noch weiter gefragt:
ob der Menfch die Freiheit habe, zu wollen
oder nicht zu wollen? Die Antwort darauf war :
Der Menfch hat in den meiften Fällen kfine
Freiheit, die Willenshandlung zu unterlaffen ;
er mufs einen Akt des Wolleos ausüben, wo-
durch die vorgeftellte Handlung entweder zur
"Wirklichkeit kommt, oder nicht, doch giebt
es einen Fall, in welchem der Menfch in
Anfehung des Wollens Freiheit hat , nehmlich
ein entferntes Gut zum Ziele feine Beftrebun-
gen zu wählen. Hier kann er die Handlung
d~s Wählern auffchieben, ohne für, oder ge-
gen eine vorgeftellte Sache zu entfcheiden, bis
er unterfucht hat, ob fie ihrer Natur und ihren
Folgen nach von der Beschaffenheit fey, daf*
fie ihn glücklich machen kann. Nach gefche-
hener Wahl gehört das Object mit zum Inbe-
griff feiner Glückreligkeit , es .erweckt ein
Verlangen , und diefes verurfacht ihm ver-
häknifsmäfsig ein Mißbehagen, welches feinen
Willen beltimmt, und zur Uealifirung des Ent-
fchlufles in jedem Fall antreibt. Hieraus läfst
fich der Grund einfehen, warum ein Menfch
ftraffällig wird , wenn es gleich ausgemacht ift,
$als er bei jeder einzelnen wiilkührlichen
£ 2 Hand*
68 Zweites Buch.
Handlung mir das thut, und nothwendig thun
uiufs, was er zu der Zeit für gut hielte. Sein
Wille wird zwar immer durch das Urtheil des
Verftandes über das Gute beltimmt, das ift aber
keine Entfchuldigung , weil er durch feine
eigne übereilte Wahl falfcbe Begriffe vorn Gu-
ten und Böfen eingewogen hat, welche, obgleich,
betrüglich und unrichtig, doch denfelben Ein-
flufs auf fein künftiges Betragen haben , als
wenn he wahr und richtig wären. Er hat fei-
nen eignen Gefchmack verdorben , und inufs
fich felhft für den darauffolgenden krankliehen
Zuftand und Tod verantwortlich feyn. Das
ewige Gefetz und die Natur der Dinge darf
nicht verändert werden, um fich nach feiner
fehlerhaften Wahl zu bequemen. Wenn er
irre geführt wird, weil er die Freiheitj, zu
untersuchen , was wirklich zu feiner Glückfelig-
keit gehört, nicht gebraucht oder raifsbrauchr,
Co muffen die daraus entftehenden Fehltritte
feiner eignen Wahl zugefchrieben werden,
ilr konnte feinen Entfchlufs anffchieben; es
ftand bei ihm, die Sache zu prüfen, für feine
Glückfeligkeit zu wachen und fich vor Täu-
fchungen zu hüten. Er konnte nie urtheilen,
tlafs es, zumal in einer fo wichtigen ihn fo
nahe angehenden Angelegenheit, beller fey, be-
trogen als nicht betrogen zu werden. Aus
dem Getagten läfst fich alfo die Urfache einfe-
hen , warum die Menfchen in diefer Welt ver-
fehle-
Ein und zwanzfg/tes Kapitel. 6g
fchiedene Dinge vorziehen , und auf ganz ver-
leb iedenen Wegen ihre Glückfeli^keit fuchen»
Allein da fie in allenDingen, welche diefe Ange-
legenheit betreffen, [mit fo vielErnft und anhal-
tenden Eifer zu Werke gehen , fo bleibt doch
immer die Frage: Woh er kommt es, dafs
die Men fchen oft das Schlimmere
dem Befferen vorziehen und; dasjenige
wählen, was fie nach ihrem eignen Geftänd-
xuTs unglücklich macht?
$; $7.
Um diefe Frage zu beantworten, mufs zuerft
unterfucht werden , woher jdie mancherlei
unangenehmen Empfindungen entfpringen,
welche den Willen bei der Entfchliefsung
zu willkührlichen Handlungen beftimmen.
Er ft lieh entfpringen einige von Urfachen,
die nicht in unfrer Gewalt liehen, als körper-
liche Schmerzen von Mangel, Krankhtiteni
äüffern Verletzungen. Wenn diefe einmal vor-
handen und fehr ftark find, fo haben fie mei-
ftentheils einen überwältigenden Einflufs auf
den Willen, und ziehen die Befirebungen der
Menfchen von Tugend, Frömmigkeit, Rp'igi-
on und von alle dem ab, was fie vorher für
unentbehrlich für ihre Glückfeligkeit hielten.
Nicht jeder hat den Willen, auch oft wegen
Mangel an Uebung , nicht das Vermögen durch
die Betrachtung des entferntem , künftigen
E 5 Gu
70 Zweites Buch.
Gutes, ein Verlangen darnach zu erweck«!,
welches ftark genug ift , die Unbehaglichkeit
bei körperlichen Schinerzen aulzuwiegen, und
den Willen unverrürkt in di-r Richtung auf
die Mittel zur künftigen Glüclcfeeligkeit zu
erhalten. Ein benachbartes Land war vor
kurzem ein Schauplatz vou tragifchen Begeben-
heiten, welche, wenn es nüthig wäre, und
die Welt nicht zu allen Zeiten und in allen
Ländern ßeifpiele davon genug an die Hand
gäbe, die fchon oft gemachte Bemerkung:
Noth verleitetzu fchändlic henHa n d-
lungen, beftätigen und uns belehren könn-
ten, wie viele Urfache wir haben zu beten;
Führe uns nicht in Verfuch ung. Zwei-
tens andere unangenehme Empfindungen enr.
fpringen aus unferm Verlangen nach einem
abwefenden Gute. Diefes flehet allezeit in
Verhältnifs mit unferm Uitheil und deT Em-
pfänglichkeit für daffelbe. Doch find wir da-
bei mannichfaltigen Täufchungen , und zwar
durch unfere eigne Schuld , ausgefetzt«
§. 58.
Ich werde zueTft die falfcben Urtheile der
Menfchen über das künftige Gute und Böfe
betrachten , wodurch ihre Begierden fich ver-
irren. Denn in Anfehung der gegenwärtigen
Luft oder Unluft, an fich betrachtet, ohne
Rück-
Ein und zwanzigftes Kapitel. ;-l
Rückficht auf die Folgen, wählt kein Menfch
übel, infefem jeder weifs , was ihn am beüen
vergnüget, und das allen andern wirklich vor-
ziehet. Die Dinge find in Rücklicht auf ihren
gegenwärtigen Genufs das , was fie icheinen>
das wahre Gute hat in diefem Falle nichts
vor dem fcheiubaren voraus« Schmerz und
Vergnügen find gerade fo grofs und nicht grüf-
fer, als das Gefühl, und das gegenwärtige Gute
und BöTe alfo eben fo grofs als es erfcheint.
Wir würden daher , wenn jede Handlung auf
fich felbflt eingefchränkt und ohne alle Folgen
wäre, zuverläffig nie in unTrer Wahl irren,
fondern allezeit das Belle vorziehen. Man
lege einem auf einmal die Befchwerlichkeit
eines ehrlichen Fleißes und den Tod vor Hun-
ger und Kälte, die Befriedigung einer Luft»
und den augenblicklichen Be itz, der hirmnli-
fchen Glückfeligkeit zur Wahl cor; erjwirl 'o-
gleich wiffen , was er zu wählen hat, und ge-
wifs richtig wählen.
§♦ 5g.
Unfre willkührlichen Handlungen führe»
aber nicht fogleich bei ihrer Vollziehung alle
Glückseligkeit und alles Elend herbei , das
von ihnen abhängt; fie find die vorgängigen
Urfachen von einer langen Reihe von guten
und böfen Folgen, welche uns nur dann tief
£ 4 reo,
72 Zweites Buch.
fen . wenn fie felbft fchon lange vorbei find;
daher blcken unfie Wünfche über den gegen-
wärtigen Genufs hinaus , und leiten unfern
G. ift in d.m Verhältnis at.t abwefende Güter,
ah wir (]f l .r Beförderung oder Vermehrung
untrer Glückseligkeit für unentbehrlich halten.
Lnfre Meinung von ihrer Unentbehrlichkeit
giebt ihnen erft ihren Reitzj ohne diefen ha-
ben fie kein lutereffe für uns. Denn nach
unrern eingefchräi.kten Vermögen rührt uns
nicht jedes entfernte felbft fcheinbare Gut.
Wir genielsen nur ein Vergnügen auf einmal»
■nd !o lange diefes dauert und jedes Gefühl
d^-r Unluft eu'.fernt ift, kann es uns in unfern
Augen vollkommen glückfelig machen: wir
find dann mit diefern Zuftande zufrieden, und
wagen es nicht eine Veränderung zu vvün-
fchen, Wer zufrieden ift, der ift auch glück-
felig. Sobald aber ein neues Gefühl der Un-
luft eintritt, wird diefe Glückfeligkeit geftöh-
ret, und nun gehet die Betriebfarukeit für die-
felbe wieder von neuem an,
§. 6o,
Das Urtheil alfo, dafs man ohne das gröfste-
abwefende Gut glückfelig feyn könne , zu
welchem «He Menfchen fo geneigt find, ift die
erlte wichtige Urfathe von dem Mangel eines
Beftrebens nach demfelben. So lange diefes
Vor-
Ein und twanzigltes Kapitel. 73
Vorurtheü herrfcht , können die Freuden eines
künftigen Zuftandes keinen Eindruck rrucben;
man bleibt kalt , und ohne Intereffe; der
Wille, frei von dem EinflulTe diefer edlen
Wünfche , überläfst Och ganz dem Streben
nach nähern GenulTe und zur Entfernung der
unangenehmen Gefühle, welche das Bedürf-
nis und die Sehnfucbt nach jenem erzeugt.
Man fteile alfo nur einem Menfcben diefe
Dinge aus einem andern Gefichtspunkte dar,
man überzeuge ihn, dafs Tugend und Religion
für feine Glückfeligkeit unentbehrlich find;
man richte feinen Blick auf den künftigen Zu-
ftand der Seligkeit und des E!?nds; man lege
ihm ans Herz, dafs Gott, ein gerechter
Richter, jedem Menfchen nach fei-
nem Thun vergelten, denen die im Gu-
testbun gedultig ausharren , Ruhm, Ehre, Un-
Aerblichkeit , denen aber die Böfes thun, Qual
und Angft austheilen wird: feine Grundfätze
von dem Guten und Böfen , die ihn bei feiner
Wahl leiten , werden eine grofse Veränderung
erleiden, fobald er die verfchiedenen Zuftände
der vollkommenen Glückfeligkeit undUng! :ck-
feligkeit überfiebet , welche von feinem \ er.
halten in diefem Leben abhängen , und in je-
nem zu erwarten find. Denn da kein Vergrau«
gen, kein Schmerz diefes Lebens mit der end-
lofen Glückfeligkeit und Ungiückfeligkeit in
dem künftigen Leben kann verglichen werden,
E 5 f •
74 Zweifes Buch.
Po wird er natürlich hei der Beftimmung xu
- «•Ülki'ihrlichen Handlungen nicht auf das ver-
. tagliche Vergnügen oder Mißvergnügen, wel-
che1 fie für diefes Leben haben , fondern dar.
auf Ruct.icht nehmen, ob fie fiebere Mittel
find, feine künhig«, vollkommene, dauerhafte
Glückseligkeit zu befördern,
f. 61.
Wenn Wir die Urfache, warum Menfchen,
ungeachtet ihres ernftlichen Strebeiis nach
Glückftiigkeit, fich oft durch eigne [Schuld in
Unglück bringen, noch uraftändlicher erklären
wollen, müfTe.1 wir unterteilen , unter wel-
chem betrüglichen Schein die Din-
ge dem ßegehrungsver mögen vor-
g erteilt werden, Diefes gefchiehet über-
haupt durch ein Urtheil, das etwas Falfches von
ihnen ausfagt. Um nun den Umfang und die
Urfachen diefes falschen Urtheils einzufehen,
ift zu bemerken, dafs das Gute und ßöfe auf
eine gedoppelte Art beurtheilt wird. Erftlich:
das Gute and ßöfe i ft in dem eigent-
lichen Sinne nichts anders, als Ver-
gnügen und Schmerz. Zweitens: da
nicht nur das gegenwärtige Vergnügen |und
MLfsvergnügen , fondern auch alles, was durch
)• ine Wirk fa m kfrif und Folgen in der entfern-
tem Zeit angenehme oder unangenehme Era-
pfin»
Ein und zwznzigßes Kapitel. 7$
nfindurgen erweckten kann, das eigentümliche
Object des Brgehrens ift, und für ein WeTen,
das Vorftelluugen von der Zukunft hat, be-
ftimmend feyn kann, fo werden auch dieje-
nigen Dinge für gut und böfe gehal-
ten, welche Vergnügen und Schmerz
zur Folge haben,
§. 62.
Das falfche Urtheil, welche den Wil*
Jen zum Böfen verleitet, beftehet darin, daf$
man diefe veifcbiedenen Yergleichungen nicht
richtig anftellt. Da« fehlerhafte Urtheil, wo-
von hier die Rede ift, ift nicht dasjenige, wel-
ches ein IVlenfch nach wahrfcheinlichen Grün-
den von dem Entfcblufs eines andern fällen
mag, fondern welches jeder Menfch als falfch
eingeftehen mufs. Denn ich fehe es als einen
Gruntlfatz an, dafs jedes vernünftige Wefen
in Wahrheit nach Glühkfeligkeit ftrebt . welche
in dem Genufs des Vergnügens ohne beträcht-
liche Zumifchung von Unluft beftehet, und
es ift daher nicht anders als durch ein folthes
Urtheil möglich, dafs einer mit Willen in den
Inbegriff feiner Glückfeligkeit etwas unange-
nehmes aufnimmt oder aus demfelben etwas
Mögliches auslafst, welches zu Befriedigung
und zur Vollendung feiner Glückfeligkeit die-
nen kann, Ich weide hier nicht von deuje^
nigen
76 Zweites Bach»
ni^en Fehltritten redest« welche Folgen eines
linäbefwind liehen Irrthums find. Denn dirTer
v( fdient kaum den Namen eines fallchen Ur-
tlieils , fondern von demjenigen fehlerhaften
Urtheüe, weiches fclbft jeder Menfch dafüt
anerkennen mufs.
§. 63.
F a 1 f c h 9 U r t h e i 1 e in V e r g 1 e i c h n n g»
des Gegenwärtigen und Künfti
gen.
Der Verfhnd irrt nie in der Beurtheilung
des O-ten und BöTen in Beziehung auf das
gegen wattige Vergnügen und Mißvergnügen,
Denn das gsofsereVergnügen oderMifsvergnügen
ift gerade das , und fo , wie es eifcheint; die
Uni; rrchiede und Grade find fo klar und ein-
leuchtend, daf\ kein Irrthum ftatt finden kann.
Bei V er g lei ch uiig der gegenwärtigen
Luft und Uniuft mit d e 111 'künftigen,
welche gewöhnlich bei den withiigften Ent-
fehl üffen des Willens angeftellt wird, urthei«
len wir hingegen oft fehr falfch von dem
letztern nach Veifuhiedenheit der Entfernung
und des GeCchtspunKts. Objecte. die unferna
Auge näher find, erfahrnen gröfser als ent-
ferntere, wenn die letzten gleich an (ich gröf-
fer find. So ift es auch mit den angenehmen
und unangenehmen Gefühlen. j£ie Vergleich-
ungen
Ein und zwanzigßes Kapitel. 77
ungen fallen allezeit zum Vortheil der gegen-
wärtigen -und zum Nachtheil der entferntem
aus. Die ' meiden IV'Ienichen find wie vet"
fchwenderifche Erben, die ein kleines Vermö-
gen im Befitz für beller halten, als ein groltes
in der Hoffnung; und für den Belitz einer
Kleinigkeit rie ' nwartfchaft auf gröfsere Gü-
ter fahren laßen. Dals diefes aber ein falfches
Unheil fey , muis jeder einräumen, das Ver-
gnügen beftehe worin es wolle. Denn gewifs
kommt tinft die Zeit, da das künftige Vergnü-
gen ein gegenwärtiges feyn , und fleh durch
den Vortheil der Nähe in feiner vollen Gröfse
zeigen wird« Dann mufs fich der vorfetzliche
Irrthuro delTen , der es nach einem faKchen
Maafsftabe niaf*, offenbaren. Wäre die Luft des
Weintrinkens auf dei Stelle mit Schwächung
des Magens und Kopfweh verbunden, welche
bei einigen Menfchen nach einigen Stunden
gewifs erfolgen , fo würde unter diefen Umm
fiänden Hcheilich kein Menlch den Wein [ei-
ne Lippen berühren LiTen, wenn er auchüoeh
fo grofses Vergnügen daran fände; fo aber
fchüttet man ihn täglich- hinunter , und, £2,e-
täufcht durch einen kleinen Zeitunterfchieü,
wählet man da- Schlimmere. Luft und Unluit
kann alfo nach, Verlauf einiger Stunden vrr-
Tingert werden; und wie viel mehr mufs das
nicht durch eine gröfsere Zeitentfernung bei
einem Menfchen gefchchen, der durch richti-
ges
78 Zweites Buch.
ges Urtheil nicht das thun will, was einft die
Zeil Celbet thun wird, d. h, die üin^e (ich
_ iiwüi ti-en , und fie nach dem richtigen
ii'sftabe beurtheilen. Auf die'e Weife
hl man lic ii felbft in Rücklicht auf das
Tffiihl dei Luft und Unlult, und in An-
g «icr wdiren Grade der Glückleligkeit
Uli ;löclii«iligkeit, Djs künftige verliert
; iiciitiges Verliaitnifs, und das Gegenwärtige
wird als das Gröfsere vorgezogen. Ich erwäh-
ne j^tzt nicht des falfchen Unheils, wodurch
das Abwefende nicht nur verringert, fondern
auch in eine Null verwandelt wird, wenn
nehmlich Menfchen nur auf den gegenwar-
tigen Genufs beJacht find, und um üch denen
zu veruchern , den falfchen Schlufs machen,
dafs nichts Böfes daraus für fie folgen wüide.
Denn da liegt der Fehler nicht in der Verglei-
chutig der GrülVe; wovon hier die Kede üb
fon em in der falfchen Beurtheilung des künf-
tigen Guten und Bö feil als Urfache und Veran«
lailang des Vergnügens und Mißvergnügens»
§. 64.
Der G r u n d der falfchenBeurtheilung bei die»
fer Vetgleichung fcheint in der S cu w a ch h eit
und Eingefchrünktheit unfers Gli-
tte s zu liegen. Der Menfcb k^nn nicht zwei
angenehme Empfindungen auf einmal, und
faft
Ein und zwanzigßes Kapitel. ~.y
fafl noch weniger ein Vergnügen geniefsen,
wenn fein Gemüth von S»;hmerz, erfüllt ift,
T a gegei wärtige Vergnügen erfüllt ufifre be-
fcbränkte Empfänglichkeit! ganz aus, wenn
es rieht Z" matt ur.d e'Wjs wehr als Null ift;
es befchäftiget das Gemürh fo fehr , dars kaum
eine Vorftellung da Abwesenden Raum findet,
Oder wenn aueb eiid^e angenehme Empfin-
dungen nicht fo lebhaft find, dafs fie alle Be-
trachtung entfernterer Dinge ausfchliefsen , fo
jfl doch unfte Abneigung gegen unangenehme
Gefühle fo grofs * das febon ein kleiner Grad
derfelben alles Vergnügen zerftöhret. Wir
fchmecken das Siifse nicht, wenn nur ein
wenig Bitteres darunter gemifcht ift. So lange
eine Ichmerzhafte Empfindung dauert, hat de*
Menfch gar keine Empfänglichkeit für den ge-
ringeren Grad der Glück eligkeit. Daher flellt
er fich das gegenwärtige Uebel fo gröfs vnr,
dafs es mit keinem entferntem in Vergleichi.ng
kommt; daher wünfeht er, es koftewas es wolle
von demfelben befreiet zu werden. Belege
dazu find die täglichen Klagen der Menfchen:
Ich wollte lieber alles andere dul.
den, als diefs. Nichts kann fo uner.
träglich feyn, als was ich jezt leide.
Daher find alle Beftrebungen und Gedanken
vor allen Dingen auf die Entfernung de.« ge-
genwärtiger* Uebels gerichtet, ui d man glaubt,
diefa fey die eilte und ßothwendige Bedingung
der
S« Zweites Buch.
der Gliickfeligkeit , was auch immer darauf
folge. Nichts kann nach dem leidenfchahli-
chen Unheil den Schmerz, der uns jezt preist,
übertreffen, oder auch ihm nur gleich kom-
men. Und da d;js Entbehren eines Genuffts,
der fich felbft darbietet, ein fchmerzliches Ge-
fühl, und da5 oft in einem hohen Grade ilr,
wenn das Begehren durch einen nahen verfüh-
rerifchen Gegenftand gereizt wird, fo darf man
£ch nicht wundern, wenn diefes Gefühl eben
fo wie der Schmerz wirket, alle Vorftellungen
an das Künftige fchwächt, und uns zwinget,
den Gegenftand gleichfam blindlings zu er-
greifen.
0, 65.
Hierzu kommt noch, dafs ein abwefendes
Gut, oder, welches eben das ift, ein zukünfti-
ges Vergnügen, vorzüglich wenn es weniger
bekannt ift , feiten der gegenwartigen Unan-
nehmlichkeit, fie entlpiinge aus einem Schmers
dler einem Verlangen , das Gleichgewicht hal-
ten kann. Die Menfch^n find nur zu geneigt,
die Grörse deffelben , welche nichts anders ift,
als der Grad des Vergnügens, den man empfin-
det , wenn es wirklich genoflen wird , zu
Gunften einer gegenwärtigen Begierde herab-
zufetzen und anzu-ehmen, der V erfuch werde,
wenn es dazu komme, der allgemeinen Mei-
nung
Ein undzwanzigfies Kapitel. gl
Oung nicht entfprechen ; zumal da He oft die
Erfahrung gemacht haben, dafs dafs eisige,
was andere priefen, oder fie wohl felbft zu
einer Zeit mit Yorgnügen geuoften , zu einer
andern unfch mackhaft und ekelhaft war; und
daher finden fie nichts an dem , was tu erwar-
ten ift , um deflen Willen fie fich einen gegen-
wärtigen Gsnufs verfagen mäfsten. Dafs diefe
Art zu ur'.heilen, auf die Glückseligkeit des
iünfugen Lebens angewandt, falfch ift, mufs
Jeder eingerieben , wenn er nicht behaupten
will, Gott könne die zur Glückfeligkeit be.
fiimmten Wefen nicht glückfeüg machen. Denn
was zur Summe des glückfeiigen Zuftandes be»
ftimmt iß , das mufs jedes Wünfchen und ße-
gehrungsverraögen angemeffen feyn,
5. 66.
Falfche Urt heile in Betrachtung
der Folgen einer Handlung.
UebeT die Ding®, welche durch
ihre Folgen gut oder böfe find, und über
ihren Einfiufs auf unfern folgenden Zuftand,
urtheilt man auf v^rfchiedene Weife falfch.
Er ßlich, wenn man glaubt, dafs fie nicht
fo viel Bofes zur Folge haben, als doch wirk-
lich der Fall ift. Zweitens, man giebt die
Wichtigkeit der Folgen zu, bezweifelt aber ihre
Gewifsheit; man meint, fie könnten vielleicht
Locke's, ir. TheU. F an-
82 Zweites Euch.
anders auffallen, o le^ durch gewifle Miafs-
re^eln , als Arbeitfamkeit , üeichicklichkeit
und Reue vermieden werden. Dafs jedes die-
fer Urtheile ialfch iftf wäre leicht zu zeigen,
wenn wir fie einzeln ausführlich prüfen woll-
ten. Ich begnüge mich aber mir einer allgemei-
nen Bemerkung. Es ift ein fehr unrichtiges
und unvernüntSges Verfahren, ein größeres
Gut für ein kleineres auf das Spiel zu fetzen,
und das nach fehr unQchern Muthmafsungen,
ohne eine folche vorgängige Unterfuchung, als
die Wichtigkeit der Sacne und unfer Interelle
uns nicht felbft zu tätlichen, erfodert. Hie-
von kann lieh Jeder überzeugen , zumal wenn
er die gewöhnlichen Urfachen diefes falfchen Uf*
theils betrachtet»
§. 67.
Einige der gewöhnlichen Urfachen find ;
l) Un wi ffen b eit. Derjenige raufs not-
wendig falfch urtheilen , der fich nicht angele-
gen feyn läfst , fo viel , als in feinen Kräften
flehet , richtige KenntnilTe von der Sache zu
erlangen. 2) Unachtfamkeit. Wenn
ein Menfch auch das, was er weifs, unbeachtet
läfst. Es ift gleicbfam eine affectine Unwillen-
heit , welche eben fo viel fchädlicheu Einfhifs
auf unfer Urtheil hat, als die erftere. Urthei-
len ift gleicbfam das Abfcühelsern einer Rech.
XlllLIg
Ein uml zwaazigftes Kapitel. 83
nung, wodurch beftimmt wird, auf wrlcher Seite
der Ueberfchufs ift. Wenn man fich nun in
einem Theil der Rechnung übereilt, und ver-
fchiedene wefentliche Summen übergehet, fo
inufs diele Uebereilung nicht weniger als eine
vollkommene Unwidenheit fallche Urtheile
erzeugen. Die gewöhnliche Urfache davon
ift das Uebergewicht einer gegenwärtigen Luft
o ler Unlufl, und diefes eine Folge von der
Schwachheit des menfchlichen Herzens , dafs
es fich von dem 'Gegenwärtigen am (tärklien
rühren läfst. Um diefe Uebereilung zu
verhindern , wurde uns Verftand und Ver-
nunft gegeben, wenn wir üe recht anwen-
den , um zu unterfuchen und zu prüfen,
und dann endlich zu entfcheiden. Ohne Frei-
heit wäre der Verftand zwecklos und ohne
Verftand wäre die Freiheit, wo nicht unmöglich
doch ohne Bedeutung, Wenn ein Menfch
eintiehet, was für ihn gut oder böfe ift, was
ihn glückfelig oder elend machen kann , ohne
doch einen Schritt thun zu können, um fich
dem erftern zu nähern, und von dem letztern
zu entfernen, was hilft ihm dann die Eiaficht?
Wenn einer die Freiheit halte, in einer. dich-
ten Finfternifs herumzutappen , wäre er da-
durch befler daran, als wenn er wie eine Waf-
ferb'afe von einem heftigen Winde auf und
nieder getrieben würde? Ob man von innm
oder außen durch einen blinden Stofs getrie-
F 2 ben
8$ Zweites Buch.
ben wird, macht keinen grofsen UnterfcHerl
aus. Der erfte und wichtigste Zweck, der Frei-
heit ift daher, eine blinde Uebereilnrg m ver-
hindern . und die voriüglichfte Aeufierung der*
ftlben ifti ftille zu ftehen, mit offenen Au^.en
mn iich ber/ublicken , und nach dem Verhält-
nifs der Wichtigkeit des Gegenftandes alle
Folgen von dem, was man thun will, zu über-
fchauen. Ich übergehe hier den grofsen Ein-
flufs, welchen Trügbeit, Nachläffigkeit, leiden-
schaftliche Hitze, die Herrfchaft der Mode
oder der Angewöhnung aiif diefe Art von
falfchen Urtbeiien meiftentheiis hat. Aber
noch ein anderes falfches Urtheil, welches, un-
geachtet feines grofsen Einfhiffes, doen viel-
leicht noch nicht fehr ift beachtet worde^
kann ich nicht unberührt laffen.
§. 6S.
Falfche Li r t heile über das, was zu
unfrer G 1 ü ckf eligk ei t no t h we n-
d i g ilt.
Es ift eine ausgemachte Wahrheit, dafs alle
?vlen!chen GlücLi Ji°keit wüufchen, Allein
in he von einem unangenehmen Gefühl
btfreiet find , fo genügt ihnen leicht an einem
Vergnügen, das nicht weit zu lucben ift, oder
h die Mode einen Werth erhalten hat; in
a iic hch befiied>g\t und glütkfe-
lis
Ein und zwanzigstes Kapitel. 85
lig; und W"ia keine neue Begierde ihre "Ru-
he und Giückfeiigkeit ftöhret und ihnen die
Augen öffnet, dafs ße noch nicht im Befirz
derfelben find, fo blicken ße nicht weiter vor
fich. und ihr Wille wird zu keiner Thätigkeit
gereizt, um einem andern erkannten oder
fcheinbaren Gute nachzustreben. Denn weil
wir nicht alle Arten des Guten auf einmal ge-
niefsen können, und das eine das andre aus-
fchliefst, fo wird unfer Begehrungsvermögen
nicht von jedem vorgeftelken gröfsern Gute
gereitzt, woferne es nicht als GJückfeligkeit
angefehen wird. Hier findet fich eine neue
Veranlaflung zu einem falschen Urthcüe, wenn
man etwas nicht für nothwendig zur Glückse-
ligkeit hält, was doch nothwendig ift. Hier-
aus entliehen theils in der Wahl des Guten»
dem wir nachftreben , theils , wenn es ein
entferntes Gut ift, iu der Wahl der Mittel dazu
Verirrungen. In beiden Fällen verfehlt man
feines grofsen Endzwecks, und urtheilt daher
unrichtig. Die wirkliche oder vermeinte Un-
annehmlichkeit der Handlungen , welche
Mittel zu diefem Zweck find, trägt dazu fehr
viel bei , und es koftet Mühe , ehe fich die
Menfchen dazu entfcblieföen, weil es ihnen
ungereimt fcheint, fich um der Glückfeligkeit
willen unglückfelig zu machen»
F 3 §♦ 69.
86 Zweites Tauli.
§. 69.
Wir können die Annehmlichkeit
'oder Unannehmlichkeit der Din-
ge andern,
Die letzte Unterfuchung in diefer Sache be-
trifft alfo die Frage: ob es in des Menfchen
Gewalt (teilet, die Annehmlichkeit , oder Unan-
nehmlichkeit, welche eine beftimmte Handhing
begleitet, zu ändern? Offenbar ift das in vielen
Fällen möglich Die Menfchen können und füll-
ten die Empfänglichkeit ihres Gaumens verbef-
fern, um an dem Gefchmackzu finden, was wirk-
lich nicht, oder nur in. ler Einbildung unfehmack-
hafi: ift. Der Gefchmack des Geifte* ift eben
fo v^rfchieden und einer Aenderung fähig-, als
die Empfänglichkeit des Gaumens, Und es i(l
ein Irxthum. wenn man glaubt, die Menfchen
könnten das Widrige und Gleichgültige einer
Handlung nicht in Vergnügen und Verlangen
verwandeln. Freilich müden wir dabei thun»
\V3s in unfrer Macht ftshet. Eine reifliche Ue-
berlegung wird diefes in einigen, in den raei-
fien Fällen aber Uebung, Anhihfamkeit und Ge-
wohnheit bewerkftelligen. Die Handlungen
find entweder an fich angenehm, oder in fofe-m
fie als Mittel zu einem wichtigen und wünfehens-
werthen Zweck betrachtet werden. Das ElTm
einer Speife, die gut gewürzt und nach dem
Gaumen eines Menfchen ift, reizt vielleicht
fchon
Ein und zwanzigftes Kapitel. 87
fchon das Gemtith durch das unmi'telbar be-
gleitende Vergnügen ohne Rücklicht auf einen
andern Zweck. Die Betrachtung des angcneh ,
u. en Zuftandes der Gefundheit und Stärke, wo-
zu jene Speife dienlich ift, kann ihr einen ganz
ne en G fchmack geben, um defiVn willen man
•wohl auch ein weniger fchmakhaftes Nahrungs-
mittel geniefsen würde. Eine Handlung wird
nehr oder weniger angenehm durch die bloße
Betrachtung des Zwecks und den gröfsern oder
kleinern Grad der Ueberzeugung von dem Zu>
fammenhange zwifchen beiden, ^ber das Ver-
gnügen der Handlung felbft wird am beften
durch eigne Erfahrung und Uebung empfunden
und verftärkt. Die Erfahrung lohnt uns oft mit
Diugen aus, die wir in der Entfernung mit Ab-
fcheu betrachteten, und durch öftere Wiederho-
lung wird manche Handlung, die uns beim er-
ften Verfuche mifsfiel, zu einem Gegenftande
dos Vergnügens. Angewöhnung und Fertig-
keit ift fo anziehend und wirft um das, was
ni3n gewöhnlich thut, ein fo reitzendes Ge-
wand der Leichtigkeit und Gefälligkeit, dafs
man es wenigftens nicht ohne Gefühl der Un«
behaglichkeit unterlaffen kann. DieMenfchen
vernachläffigen aber diefe Sache, deren Mög-
lichkeit fo fehr einleuchtet und durch ihre ei-
gene Erfahrung beftätiget wird , gleichwohl in
ihrem Verhalten in Rückficht auf ihre Glück-
feligkeit in einem folchen Grade, dafs fie es wahr-
. F 4 fchein-
8g Zweites EikH.
fcheinlich paradox finden werden , wann man
behauptet, dafs fie Objecto und Handlungen
mehr oder weniger annehmlich inachen, und;
dadurch einer mit Recht dafür erkannten Ur-
fache vielen Verirr ungen abhelfen können.
Wenn die Mode und hergebrachte Meinung
falfche Begriffe, die Erziehung und Angewöh-
nung büle Fertigkeiten erzeugt hat, fo wird
der VVerth der Dinge unrichtig gefchätit und
die Empfänglichkeit der Menfchen verdorben.
Diefe zu verbeffern, follte man Geh alle Mühe
geben, und die dein Vergnügen widerftreiten-
den Gewohnheiten ändern und die Empfänglich*
keit auf alles das lenken, was für die Giückfe-
ligkeit unentbehrlich oder beförderlich ift. Ie-
der Menfch mufo eingeftehen, dafs diefes ia
feinem Vermögen ftehet, und wenn fein Glück
fich in Elend verwandelt, Geh felbft wegen Ver*
nachläffiguag die Schuld davon beirneffen. Und,
ift nicht jeder Menfch oft in diefem Fall ge*
wefen ?
§. 7o.
Es ift ein o ff enbar verkehrtes Ur>
theil, wenn man das Lauer der
Tugend vorzieht«
Doch ich will nicht länger bei 'liefen prakti-
fchen falTchen Urtheilen und der Vernaehläffi-
suns des Gebrauchs der Freiheit verweilen.
Die-
Ein und zwanzigstes Kapitel, 89
Dieter Gegenftand erfoderte ein eignes Buch
und er liegt eigentlich aufscr meinem Plan.
Auch davon; abgefehen, ift es fchon unbezweU
feit gewifs , dafs die Moralität, auf ihren wah-
ren Grund geftüti-t, den Willen jedes Men-
fchen, der eiuer Ueberlegung fähig ift, beftim-
men rnufs. Ein Menfch, der eicht einmal fo
weit verniinft»» iß, dafs er übor die unendli-
che Glückfeligkeii und Unglückfeligkeit ernfi-
lich nachdenket , mufs in feinen eignen Augen
als ftrafbar ei Scheinen, dafs er von feinem Ver-
ftande nicht den Gebrauch macht, den er Tollte.
Die Belohnungen und Strafen eines künftigen
Lebens, welche der Allmächtige mit der Befol-
gung oder Kichtbefolgung feines Gefetzes ver-
bunden hat, um demfelben defio mehr Kraft
und Anfehen zu geben, find wichtig genug,
um die Wahl des Willens gegen jedes Vergnü-
gen, gegen jede Unluft diefes Lebens zu ent-
fcheiden , wenn auch das künftige Leben blofs
feiner Möglichkeit nach , die doch kein MenTch
bezweifeln kann , betrachtet wird. Wer über-
zeugt ift, dafs eine endlofe unausfprechliche
Glückfeligkeit und der entgegengefetzte Zuftand
nur eine mögliche Folge des jetzigen guten und
böfen Lebenswandels ift, kann in feinen eignen
Augen nicht vernünftig urtheilen, wenn et
nicht urtheilt, dafs ein tugendhaftes Leben mit
der gewiffen Erwartung eines künftigen ewig
dauernden feiigen Zuftandes, dem lafteihaften
F 5 Le»
$>• Zweites Buch.
f • vorzuziehen ift, womit <!ie Furcht einrs
i!"-;nl: s i.rcckl'.i.brn elenden Zulande», n >r
noch inflir dir fchreklich ungewille Erwartung
de» Vernichtung verknüpit ift, Dieles iit ein-
nd, und wenn auch in ciieftm Lebeu
mit der Tuprnd lauter LTn£P;nach und mit dem
Lalttt ein iir-iiii(t,iurnchenes Vergnügen verbun-
den wäre. Und doch verhält fich dieles giöfs.
tenthejli ganz anders. Der Lafterhalte hat lieh
bej allen feinem Genufs eben keines grofsen
Vorzugs zu rühmen und, alles wohl übeilegt.
auch hier Tehon den fcblimmftenTheil erwählt.
Aber wenn m^n die unendliche Giückfeligkejt
in die eine und in die andre Wagfchale die un-
endliche Unglückfeligkeit legte, wer würde
wohl fo unlinnig* feyn , und es daraufhin wa-
gen, geletzt auch das Schlimmfte, das dem
Recblfc halitnen, wenn er irrt, btgegrete, wäre
das Befte, <'üs der Höfe erlangen kann, wenn
er Recht l;„ttr. Wer kann mit Befonnenheit
lieh der möglichen Gefahr eines endlofen Elends
aussetzen, da er durch das W'ageftüc.k nichts
gewinnt, wenn er auch der UngTuckfeligkei't
entgeht. Der Rectfchaffene fetzt hingegen die
Erlangung der ewigen Gliickfeiigkeit nicht aufs
St;iel, wenn feine Ei Wartung eintrifft, Ift lei-
ne Hotnung gegründet, fo ift er ewig glückfe
li£, (äufcht er fich darin, fo ift er nicht un-
glückfeü^, denn er empfindet gar nichts mehr.
Auf der andern Seite ift der Bofe nicht glück
fe
Ein und zwanzigftes Kapitel. §T
[elig, wenn er Recht hat, aber unendlich -elend»
wenn er fich irrte. Wie verkehrt rnfifue nicht
der Verftaud feyn, der nicht auf den erften
Bück einfeben könnte, welche Möglichkeit in
diefem Falle vorgezogen werden müde? Ich
habe hier absichtlich nichts von der Gewifsheit
oder Wjbrfcheinüchkeit eines künf igen Lebens
erwähnt, da ich blofs die Abficht hatte, das
Unheil zu beleuchten, nach welchem das kur-
ze Vergnügen eines tafierhaften Lebens unter
allerlei Vor wände über alles gefchäzt wird, ein
UrtheiJ, deflen Unrichtigkeit jeder Menfch nach
eignen beliebigen Grundfätien eingesehen inufs,
da er mit Evidenz willen kann, dafs ein künf-
tiges Leben zum wenigften möglich ift.
§. 71.
R e f u 1 1 a t.
Ich befchlieffe hier diefe Unterfuchungüber
die menfchliche Freiheit. Da ich gleich von An-
fange diefer Abhandlung befürchtete, einen
Fehler zu begehen, und ein einfichtsvoller Freund
feit ihrer Bekanntmachung wirklich einen ent-
deckt zu haben glaubte, ob er ihn gleich nicht
beftimmt anzugeben wufste, fo fah ich mich
genöthiget, dielen Abschnitt noch einmal einer
ftrengen Mufterung zu unterworfen. Ich fand
wirklich einen kleinen aber kaum bemerkbaren
Fehler, dafs ich r.ehmlich ein, wie mir fchien.
gle.ch-
J>J Zweites Euch.
gleichbedeutendes Wort für ein anders» gcPetgü
hatte. DicTe Entdeckung bahnte mir den W >g
zA folgender Darfteilung, welche ich hier in der
aweiten A. gäbe etwas zufammen geerrängt dem
Unheil der gelehrten Welt unterwerfe. Frei-
heit ift das Vermögen nach ßeftiiumung des
Wittens ?u handeln oder nicht zu handeln.
Das Vermögen , die wirkenden Kräfte des Men-
fchen in beftiramten Fällen zur Wirkfamkeit
oder zum Gegeniheil zu beftimmen, ift der
Wille. Dasjenige, was in der Reihe von will-
kührlichen Handlungen den V\ illen zu einer
andern Thätigkeit beftirarat, ift das Gefühl
der Uuluft, welche entweder felbft ein Be-
gehren (Verlangen) oder doch weni^üens al-
lezeit damit verknüpft ift. Das ßöfe erweckt
allcztit ein Begehren und denWunfch nachEnt»
fernung dclfelben, denn die gänzliche Befrei-
ung von Schmerz ift ein notwendiger Beftand-
theil unfrer Glückfeligkeit. Ein Gut hingegen,
ja auch ein gröfseres, erregt nicht iramer ein Bt-
gclircn, weil es entweder an üch oder der
Meinung nach keinen notwendigen Theil
der Glückfeligkeit ausmacht. Denn obgleich
der Inhalt aller unfrer Wünfche nur Glückfelig-
keit ift, und diefer Wunfeh zu jeder Zeit und
unveränderlich fich. äufsert, fo 'kann doch
die Befriedigung einer einzelnen Begehrung
aufgefenoben werden, dafs fich der Wille zu
keiner dazu beförderlichen Handlung ept-
[chiie-
Ein und zwanzigftes Kapitel. 93
fchliefst, bis gehörig unterfucht ift, ob das ein*
zelne fich darbietende Gut, welches der Ge-
genftand des Begehrens ift, zu dem Inbegriff der
reellen Glückfeligkeit gehört, ob es mit derfel-
ben vereinbar oder nicht vereinbar ift. Das
Refultat des Urtheils nach diefer Unterfuchung
beftimrnt endlich den Menfchen, der nicht frei
feyn könnte, wenn fein Wille durch etwas
anders als fein eignes durch den Verftand
geleitetes Begehren befti in mt würde,
ich weifs wohl, d3fs Einige die Freiheit in ei-
ner vor der Beftirnmung des Willens vorherge-
henden Gleichgültigkeit des Menfchen
fetten. Ich hätte gewünfeht, dsfs fse, die fo viel
Gewicht auf diefe Gleichgültigkeit Tetzen, möch-
ten beftimrot haben, ob öe nicht nur vor dem
Entfchlufs des Willens, fomlern auch vor dem
Denken und Urtheilen des Verftandes vorher-
gehen foii. Denn zwifchen beiden kann Qe
nicht wohl eingefcheben werden, weil dre Be-
ftiminung de-s Willens unmittelbar auf das Ur-
theü des Verftaudes folgt; foii he aber vor dem
Denken und Urtheilen vorausgehen, fo fetzt
man fie in einen dunklen Zufiand, in dem man
nichts wahrnehmen und unterfcheiden kann,
und legt fie einem Subject bei, das ihrer nicht
empfänglich ift, infofern ein Wefen nur in fo-
weii Freiheit hat, als es denkt und urtheilt
Ich bin in ^nfeUung der Ausdrücke nicht fo ei-
ger.finnig, dafs ich r.icht dtnen, die diefe For-
mal
9*
Zweites i
roel lieben, einräumen Tollte, die Freiheit,!
beüehe in einer G 1 e i c h g ü 1 t i gvk r i t, doch i|
mii die Ter Befiiinmung, dafs t:e weder durch i.
das Urthfil des Verftande«, noch auch durch die i,
Eni chliefsung des Willens aufgehoben wii
un .1 dafs fie nicht eineGleichgültigkeit des Men- <
fchen (denn wenn er geurtkeilt hat, dafs eine
Handlung oder das Gegentheil das Hefte ift, fo |
ift er nicht weiter gleichgültig) fondern oine :
Gleichgültigkeit der wirkenden Kräfte des Men-
fcheu ift. Denn die Möglichkeit zu wirken
oder nicht zu wirken , bu ibt vor wie i
nach der Beftimmung des Willens, und die I
Kräfte find in einem Zuftand, den man, wenn
man will, G leichgültig k ei t nennen kann.
So weit, als diefe reicht, fo weit ift der Menfch
frei, aber nicht weiter. Ich habe z B. das Ver-
mögen, meine Hand zu bewegen, oder fie ruhen
2u laffen; die wirkende Kraft ift weder zum
Bewegen noch zum Nichtbewegen der Hand
beftimmt; in diefem Falle bin ich vollkommen
trei. Itzt beftimmt der Wille diefe Kraft zur
Ruhe; ich bin noch immer frei, weil dieGleich-
gültigkeit d. i. die Möglichkeit, zu wirken oder
nicht zu wirken vor oder nach diefer Beftim-
m ui ^ unverändert bleibt. Davon kann man Geh
Überzeugen» wenn der Wille zürn Verhieb.« das
G 'jentheil anordnet. Wenn aber meine Hand
auf einmal von einer Lähmung oder einer kon-
vuluvirchen Bewegung betallen wird, fo hört
die-
Ein und zwaupigfirs Kapitel, 9^
(liefe Gleichgültigkeit und mit ihr meine Frei-
heit in tiefem Falle auf, denn es ift eine [V,.
turnothwendi^keit , dafs ich dort die Elana
nicht bewegen und hier nicht ruhen lallen
kann. Ich fette diefes hinzu um zu zeigen, in
welcher Art von Gleichgültigkeit mir die Frei-
heit zu beliehen fcheint, und um fie von jeder
andern wirklichen oder eingebildeten zu 1. titer,
fcheiden»
§. 72.
Richtige Begriffe über die Natur und den
Umfang der Freiheit find von fo gfoTser Wich-
tigkeit, dafs man mir, hoffe ich, diefe Ais-
fchweifung verzeihen wird, welche durch den
Wunfeh die Siehe aufzuklären , veranlagt wur-
de. Die Begriffe vom Willen, dem Wollen, von
Freiheit und Nothwe-ndigkeit (teilten firh indie-
fem Kapitel ganz natürlich auf dem Wege der
Untertuchung dar. In der erften Au^gjbe u'ie-
IVs Verfuchs legte ich meine Gedanken über
diefun Gegenftand nach meiner damaligen Einb-
richt dem Publicum vor; und jezt gefieheich»
als Freund der Wahrheit und nicht als ein blin-
der Verehrer meiner eigenen Lehren $ dafs fieh
meiue Begriffe darüber, und ich glaube nicht
ohne Grund, geändert haben. Was ich zuerft
frhiieb, war das Refult^t eines läutern unp3r<
theiifchen Strebens nach Wahrheit. Da ich
aber weder aus Eitelkeit Aufbrüche auf Un-
fehl-
g6 Zwcii«» r
feblbaikeit mache,' noch au* Unredlichkeit,
um mein Anfehen nicht zu verdunkeln, mei-
ne eignen Verirrungen zu verhehlen fli-
ehe; fo finde ich keine L'rfacbe zu erröthen,
wenn ich, mit dcmfelben lautern Intercfle für
Wahrheit « dasjenige bekannt mache, was ich
durch eine ftrengere UnteiTuchung gefunden
habe. Vielleicht werden manche meine frü-
hem Ueberzeugungeut andere (wovon ich
fchon di« Erfahrung gemacht habe) die fpä-
tern, und noch andere weder jejue noch diefe
für die richtigem halten, Diefe Verfchieden«
heit in den menfehlichen Mainungen wird mich
nicht befremden. Unp- ie Darftellun*
gen ftretti^er Punkte r.. luaUgtünden
find fo feiten, und vollkomu terungen
bei abftraktenBc a] bsi einiger Lan-
ge, fo fchwer( dafs ich Jedem, der nach die-
fen oder andern Grundfätzen , die Lehre von
der Freiheit von den noch zurückbleibenden
Schwierigkeiten befreiet, auch für meine Per-
fon lehr verbindlich feyn werde.
Es wird vielleicht nicht nnzweckmäf ig
feyn, und unfern Begriffen von Vermögen und
Kraft noch mehr Klarheit geben, wenn wir
noch vor Beichlufs diefes Abfchnitts den Be-
griff der Thätigheit etwas lchäiier in BsJrach-
tung ziehen. Wir kennen , wie ich oben £e-
fagt habe, nur zwei Arten von Thätigkeit,
nehm-
Ein und zwanzigstes Kapitel. 97
nehmlich die Bewegung und das Denken,
Dafs aber nicht alles, was man darunter rech-
net. Thä'igkeit im eigentlichen Sinne ift, wird
eine nähere Untcrfuchung lehren. Denn es
giebt , wo ich nicht irre, Beifpiele von bei-
den Gatturgen , welche nach fchärferer Uuter-
fuchung keine Thatigkeiten fbnrlern lei-
dende \ eränderimgea und folglich nur
Wirkungen leidender Vermögen in denjenigen
Subjec en find, w^'che g! ichwohl in Rück-
kehr diefer für thafige Wefen gehalten werden.
Denn in diefen Fallen erhält die Subftanz, wel-
cher eine Bewegung oder ein Denken beige-
legt wir!, einen Eindruck von außen, der fie
in Thätigkeit fetzt, und lle wirket blofs durch
das Vermögen , folche Eindrücke von äußern
Gegenftänden aufzunehmen, Diefes Vermö-
gen ift alfo im eigentlichen Sinne kein t h a t i-
ges Vermögen, fondern eine blofse lei-
dende Empfänglichkeit des Subj*>cts. Zu-
weilen fezt fich eine Subftanz durch ihre ei->ne
Kiafr in Thätigkeit, und das ift eigentlich das
felbftthätige Vermögen, die thätige Kraft — Je-
de Beftimmung einer Subftanz . wodurch fie
Wirkungen hercorbrinot, heikt eine Thätig.
keit (action). So witkt z. B, eine körper-
liche Subftanz auf eine andere durch Bewe-
gung und verändert ihre Befchaffet hohen ; die-
fe beftimmte Bewegung nennen wir eine Thä-
tigkeit. Aber n^ch ftrengern Begriffen ift die-
Locke'». II. Theü. G fe
yS Zweites Buch.
fe Bewegung eines Körpers , wenn He von
einem andern mitgctheilt war, ein blof*e> Lei-
den. Eine Siibftanz, welche Weder üch noch
eine andere aus de« Kühe iu l ewegung ver-
fetten, oder die Bewegung felbi.1 anfangen
kann, befitzt alfu keine i aalige Bewegung*-
kraft. So ift e> auch beim Denken. Das
Vermögen durch die Wirkung der Allmendinge
Yorftellungen zu empfangen, wird gewöhulich
die Denkkraft genannt; allein es ilt eine
blofse Empfänglichkeit, ein leiden-
des Vermögen. Hingegen Vorfiellungen
willkührlich in» Bewufstfeyn zurückzuru-
fen, und fie mit einander zu vergleichen, daa
ift das felbfttbätige Vermögen. Diefe
Bemerkung beugt manchem Irrthuin vor, wo-
zu die Grammatik und der gemeine Sprachg«.
brauch leicht verleiten kann. EinVerbum, wie
es die Sprachlehrer nennen , bedeutet nicht al*
lezeit eine Thätigkeit. Z B. in den Redensar-
ten, ich fehe den Mond, ich fühle die Hitze
der Sonne. Hier kommt keine Thätigkeit vor,
wodurch ich auf diefe Dinge wirke, fondern
nur ein Empfangen von Vorl.sllungen , die lieh
mir bei der Lage meines Auges und meines
Körpers aufdiingen, und wobei ich mich blofs
leidend verhalte. Wenn ich aber meine Augen
auf einen andern Gegenftand richte, oder den
Körper aus den Sonnenftrahlen entferne, dann
bin ich eigentlich thätig, denn ich fange diefe
Bs-
Ein und zvrsnzigRcs Kapitel. pg
Bewegung willkührlich nnd felbfhhätlg an.
Eine folehe Thati gkeit ift das Proauct ei-
ner f e 1 bittli ätigen Kraft*
§. 73*
Diefes ift alfo eine kurze UeberGcht vott
unfern urfpr üngli che n Begiiffen, aus
welchen alle übrigen abgeleitet und zufammen-
£efetzt werden. Wollte man fie philo;ophi<ch
behandeln, und ihre Urfachen und ihren In-
halt untersuchen, h könnten fie vielleicht auf
folgende wenige Hnuptbegriffe zurückgeführt
werden. Ausdehnung, Dichtheit, Be-
weglichkeit oder das Vermögen bewegt zu
werden; diefe erhalten wir von Körpern durch
die Ssrne : V or ft e l lungs f ä higke i t, das
Vermögen vorzugehen oder zu denken; ße-
w eg u n gsf ü h igk e i t , das Vermögen zu be-
Wegen; diefe erhalten wir durch die Reflex-
ion von unferrn Gemüthe. Wenn wir zu die-
fen noch hinzufetzen : Exiftenz, Dauer,
Zahl, welche zu beiden gehören, fo haben
wir vielleicht alle urfprüngliche Begriffe , von
weichen alle übrigen abhängen. Denn durch.
£e möchte man wohl im Stande feyn , die Na-
tur der Farben, der Töne, der Geruchs- und
Gefchmacksemphndungen und aller übrigen
Vorftellungen zu erklären , wenn nur unfre
Sinne fcharf genug wären, die mannichfahi^en
G 2 Mo-
ioo Zweites Buch.
Modifikationen der Ausdehuung und Bewe-
gung in den kleinen Körpertheilen, welche d.iefe
Empfindungeu erzeugen, wahrzunehmen. Da
aber die Unterfucbuug der Erkenntnifs von dtn
Dingen durch Vorftellungen , welche die Seele
vermöge ihrer Einrichtung von den Dingen
empfängt, und der Art und VVeiTe, wie der
inenfehliche Getft zu diefer gelangt, nicht aber
die Unterfuchung über die Urfachen und die
Entftehungsart diefer Vorftellungen, den G -
genftaud diefer Schritt ausmacht, fo wäre eine
philofophilche Nachforlchung über die Ein-
richtung und Bildung der Körper, wodurch fie
lene Vorftellungen in uns erzeugen, zweckwi-
drig. Ich bemerke daher uur noch folgendest
Gold und SafFran haben das Vermögen, in uns
die Vorftelluug von der gelben fo wie Milch
und Schneö die von der Weifsen Faibe hervor-
zubringen, Wir erlangen diefe Vorftellungen
duich das blofse Sehen ohne weitere Unterfu-
chung über das Gewebe diefer Körper oder
über die Geltalt und Bewegung der von ihnen
abprallenden 1 heile, wodurch die Empfindung
verurfacht wird. Wenn man ab« über diefe
Vorftellungen hinausgehet, um ihre Urfachen
zu erforfchen, fo läfst fich an den Objecten
nichts anders als die Größe, Geftalt, Zahl, Ge-
webe und Bewegung der feinden Theile als
Urfache der Vorftellungen denken.
Zw«
Zwei und zwanzigstes Kapitel. 101
Zwei und zwanzigfies Kapitel.
Von gemifchten Beftimmungen.
Was geiuifchte Beftimmungen find.
In den vorhergehenden Kapiteln habe ich
von den einfachen Beftimmungen ge-
handelt, und durch Beifpiele von den merk
würdigften gezeigt, was fie find, und wie wir
die Begriffe derfelben erlangen, Iezt kommt
die Reihe an die gemifchten Beßimmun-
gen, das ift, zufamraengeretzte Begriffe z, B.
Verbindlichkeit, Trunkenheit, eine Lüge, wel-
che aus der Verbindung einfacher verfchie-
denartiger Vorftellungen beftehen. Durch
die Benennung gemifchte Beftimmungen wer-
den fie von den einfachen Beftimmungen un-
terschieden , welche zwar auch eine Verbin-
dung einfacher Vorftellungen abeT nur einar-
G 3 ti
I©2 Zweites Buch.
tig er enthalten. In fo fern fie nicht folche
Verbindungen einfacher Vorftellungen. welche
als charakteriftifche Merkmale eine» realen bo-
lurrlichen Wefens betrachtet werden, fontlern
Verbindungen zerftreuter unabhängiger Vorftel-
lungen Gnd, die nur durch den menfehüchen V«r-
Itaud Einheit erhalten haben, fo unterfcheiden
fie fith dadurch von den zufammcngefetzt«u Be-
griffen d«r Subftanien,
§. 2.
Sie werden durch den Verftsnd ge-
bildet.
Di« Erfahrung lehrer, dafs f;ch der Verftand
in Rückficht auf die einfachen Vorftellungen
blos leidend verhalt ; denn er erhalt he durch
dasDafeyu und die Wirkung der Dinge, fo wi&
fiedie Empfindung und Reflexion giebt, und er
kann freine einzige derfelhen eigenmächtig her-
vorbringen. Die Vorftsllungen , von denen
hier die Rede iß, entftehen aber auf eine ganz
andre Art, Der Verftand a u fsert nehin-
lich bei Bildung derfelhen oft ein
thätiges Vermögen. Denn wenn ihm einmal
einfache Vorftellungen gegeben find, fo kann
er de auf verschiedene Art verbinden, und ein«
grofse Mannichfaltigkeit von zufammengefezten
Vorltellungen daraus bilden, ohne dafs er da-
bei uiiterfuchet j ob fie fo in der iSatur zufam-
men
Zwei und zwanzigßes Kapitel. 103
tren angetroffen werden. Daher nennt man,
wie ich glanbe, diefe Vorftellungen Verftan-
desbegrifFe, (N 0 t i on s) als wenn fie ihren
Urfprung und ihr Dafeyn mehr in dem raei Tch-
lichen Denken als in einem aufser demfelben
befindlichen Dinge hätten. Zu ihrer Bildung
ift nur erforderlich, dafs der Verffand die ein-
zelnen Beftandtheile zufammenfetzt, und dafs
fie in einen Begriff vereinbar find, nicht aber
die Unterfuchung, ob fie objective Realität ha-
ben. Hiermit will ich aber nicht leugnen , dafs
rieht einige aus der Beobachtung entlehnt feyn
können, indem gewilfe einfache Begriffe in der
Erfahrung fo verbunden vorkommen, als fie
der Verftand verbindet. Derjenige, der zuerft
den Begriff von Heuchelei bildete, konnte
ihn durch die Beobachtung eines Menfchen,
der den Schein von guten Eigenfchiften an-
nahm, die er nicht befafs, erhalten haben; es
iß ;>ber auch möglich, dafs er ihn wilikührlich,
ohne ein folches Vorbild vor Augen zu haben,
bildete. Denn es ift einleuchtend, dafs, als
die Sprachen und die menfehlichen Gefellfchaf-
ten fich zu bilden anfiengen, verfthiedene von
diefen zufaniinengefetr.ten Begriffen , welche
eine Folge von 'ge willen in der Gefellfch>ft ge-
troffenen Einrichtungen find, in dem Verftan-
de der Menfchen exiftieren mufsten, ehe ihre
Cbjecte noch irgendwo anzutreffen waren, Di«
V/orte, die fie bezeichneten, waren fchon im
G 4 Ge*
2<H Zweite» Buch.
Gebrauch und folglich die Begriffe gebildet,
ehe Hie Verbindungen , welche fie anzeiget.»,
iui Wirklichkeit gekommen waren.
§. 3.
Man erhält diefe Begriffe zuwei-
len durch die Erklärungen ihrer
Werte.
Da jezt die Sprachen gebildet find, und eine
Menge Worte für folche Zulairimenfetzungen
enthalten, fo ift die Entwickelung ihrer
Sprachzeichen eine gewöhnliche Art, diefe
zufammengefetzten Begriffe felbft zu bilden.
Denn diefe Begriffe, welche eine Verbindung
einfacher Vorftellungen enthalten, können durch
die Worte, welche die einzelneu Vorftellungen
anzeigen, fobald man fie verliehet, vorgeftellt
werden, wenn gleich jene Verbindung an kei-
nem wirklichen Objecto vorkommt. So kann
ein Menfch, der weder durch eigne noch frem-
de Eifohrung etwas von einem Kirchenraub
oder Mord weifs, ditie Begriffe durch die Aus-
zählung dar in den Worten ei». halteneu einla-
chen Vorftellungen erlangen.
I 4«
Zwei und zwanzigßes Kapitel. jo5
§. 4-
Worte vereinigen die Beftand-
t h e i l e der g e rn i f c h t e n -B e ft i rn ra-
un g e n in einen B e g t i ff.
Da jede geraifchte ßeRimmung aus
verfchiedenartigen einfachen Vorftelluneen be-
ftehet, fo fcheint die Frage nicht ungereimt:
woher de ihre Einheit haben und war-
um gerade diefe beltimmte AazahJ von einfa-
chen Vorftellungen einen Begriff ausmacht, da
doch diefe Verbindung nicht allezeit in der Na-
tur vorkommt? Offenbai erhält lie ihre Einheit
durch eine Handlung des Verbandes , weicher
diefe verschiedenen einfachen Vorftellungen ver-
einiget und das Ganze als einen aus diefen Be-
ftandtbeilen zufammengefezten Beguff betrach-
tet. Das Kennzeichen der Vereinigung oder
das, was fie, wie man glaubt, vollendet, ift
die Bezeichnung des Begriffs durch ein Wort.
Denn gewöhnlich beftimmen die Menfchen die
Anzahl der mancherlei zufamrnengefetzten Be-
griffe blos nach den vorhandenen Worten; wo
es an diefen fehlet, fo betrachten fie feiten eine
Anzahl von 'einfachen Vorftellungen als den In-
halt eines zufam mengefetzten Begriffs. Die Er-
mordung eines alten Mannes ift nicht weniger
Stoff für einen zufammengefeizten Begriff, als
die Ermordung eines Vaters; da es aber für je-
ne That kein befonders Wort giebt, wie für
(* ri diefe
\
diefe da* Wort Vatermord, fo Verden diefe
( ..:-!nen V:.? Heilungen nicht in einen Bt
;:ge;afst,
§• 5.
Die Ur fa che ihrer Bildung.
Wenn "«vir weil er unterfucben, worin der
Grund He»r. dafs die Menfcheu einige einfache
Vorftellung-n verbinden, und daiais verfchie-
dene gleich Tarn flirte Beftimmungen bilden,
und da-, boi andern Vorftellungen, die ihrer Na-
tur nach eben derfelben Verbindung fähig find,
unterlaffen, fo werden wir finden, dafs der
G.-und davon in dem '/werk der Sprache lie^f.
Diefpr i(t kein andrer, als die Bezeichnung und
möglichft fchnelle Mntheilung menfchlicher Ge-
danken. Daher vereinigen die Menfchen ein-
zelne \orPelIüngen in zufammengeTeUte Be-
griffe, ui > diefe mit Worten, wenn
fie in ihren VerhältnüTen und in dem gefell-
fchaftlicben Leben oft vorkommen. Andere
hingegen, zu denen Geh Teilen eine Veranlaf-
fung findet, laiTtu fie ifoürt und ohne Benen-
nung, wodurch fie zur Einheit verbunden wer-
den, und Hellen fie lieber, wenn es nöthig ift,
einzeln mit ihren befondern Worten dar, als
dafs fie ihr Gedächtnifs mit fo vielen zufammen-
geTeuien Befüllen und ihren Sprachzeichen
belaftigen frühen, zu deren Anwendung fie fei-
ten oder nie Gelegenheit finden,
§♦ 6*
Zwei und swanzfgftes Kapitel. 107
Warum es Worte in einer Sprache
giebt. denen keins in einer an-
dern entfpricht.
Hieraus erhellet die Ur'ache, warum in
jeder Sprache mehrere einzelne Wor-
te vorkommen, welche durch einzel"
ne Worte in andren Sprachen nicht
zu überfetzen und. Denn die verschiede-
nen Gebräuche. Gewohnheiren und Sitten des
einen Volkes machen verfchiedene Ideenver-
bindungen gewöhnlich odf>r r.othweruüg. zu de-
ren Bildung oder Bemerkung in einem andern
alle Gelegenheit fehlet; an diefe knüpfen Geh
Von felbft gewifle Worie an, um in dam tätli-
chen Umgänge lange Umfchreibungen voja be-
kannten Dingen zu vermeiden, wodurch lieh
zuletzt in ihrem Gemütbe diefe zu fam mengefetz-
ten Begriffe bilden. Von diefer Art war das
Wort OTtracismus bei den Griechen und
Profcriptio bei den Römern; man findet
Für fie in andern Sprachen kein vollkommen
ansprechendes Wort, weil fie zufa-ümengefetzte
Begriffe bezeichnen , welche bei andern Natio-
nen nicht gefunden werden. Wo diefe Ge-
wohnheit nicht war, da fehlte es auch an ei-
nem zufammengefetzten Begriff und Weite zur
Bezeichnung denselben.
'c8 /wcit*s Buch.
§. 7. ;
Warum fi r li die Sprachen ändern«
?^irht weniger leuchtet hieraus dieUrfa-
thc von der Veränderlichkeit der
S[> rächen ein. Neue Ausdrücke werden auf-
g.-iuinu.H n nn Jaite kommen aus. dein Gebrauch,
vweil ilitt Veränderung in den Gewohnheiten und
Meinungen tiene Ideeuverbindungen einführet«
und dieTe machen neue Ausdrücke zur Vermei-
dung langweiliger Umfebrcibungen nothwendig,
•weil fieGeseriftande betreffen, über welche man
oft zu denken und zu fprechen veranlafst wird.
Es entliehen alfo neue Arten von zufammenge-
fir&ien Berufen, Welche Manuichfdltigkeit
von verfchiedenen Vorftellurgen auf diefe Art
in einen Ausdruck zwfammeugefafst und wie
viel Zeit und Worte durch diefe erfparet wird,
kann j*der einfehen , wenn er Geh die Mühe
giebt. , alle Vorftellungen aufzuzählen, welche'
durch die Worte gerichtliche Frift und Ap-
pellation br zeichnet werden, und wenn er
durch eiue Umfchreibung ihren Inhalt -für ei-
nen andern verständlich zu machen fucht.
§. 8*
Wo die gemifebten Berti in raungen
e x i ft i r e n .
Ob ich gleich weiter unten, wenn ich von
den Worten und ihrem Gebrauch handle, Ge-
le
Ein und zwanzigßes Kapitel, U9
legenheit finden werde, umftändlicher von den
Sprachzeichen der gemifchte:) Beltiinuungen
zu handeln, fo konnte ich doch nicht umhin,
hier etwas davon zu beiühren. Denn da iie ver-
änderliche und vergängliche Verbindungen ein-
facher Vorftellungen lind, die nur in dem Ver-
ftande ein kurzes Dafeyn haben , und nicht
länger dauern, als fie gedacht werden, fo wird
ihnen nur in den bezeichnenden Worten
eine Art von beharrlicher und dauer-
hafter E x i ft e n z g e ü c h e r t. Daher kön-
nen in die Fem Falle die Worte ftibft fiir die Be-
griffe genornmen werden, Denn wenn man
fragt, wo die Vorftellung eines Triumphs oder
der römifchen Apotheofe exiftire, fo kann man
nicht fagen , in den Objecten felbft, Weil es
Handlungen find, die in der Zeit nach und nach
gefchehen, und niemals voilftändig und zugleich
exiflireu ; und in dein Verftande, wo fie ei-
gentlich anzutreffen feyn follen, haben fie nur
ein fehr unftetes Dafeyn, Daher knüpft man
fie gerne au Worte, durchweiche fie wieder ins
Bfcwufstfeyn gebracht werden.
%. 9.
Wie wir die Begriffe von gemifch-
ten ß e ft i m tu u n gen erlangen.
Es giebt alfo drei Wege, aufweichen wir
die zufainuiengefetzten Begriffe von gemüchten
Be-
iio Zweit« Buch.
Beftiminungen erlangen, i) Durch die Er fah»
tu 114 nu'l die Beobachtung der Dinge
!t. Wenn wir z. B zwei Meufchen iech«
i ringen fcheu , fo bekommen! wir den
\ thieu und Ringen. 2) Durch
I u ii g oder willkülirlicht Zurararnenfetz-
rfchiedener einfacher Voiftellungen in
i ei [lande. So hatte der Erfinder der Buch,
druckerei u$<j dtr Kupferflecüerkunft einen Be-
grifl davon in feinem Verftande, ehe beide
hünde exiftirten. 3) Die gewohnlicbfte Art
und Weife ifi aber die Zergliederung der
Worte von nie gefehenen Handlungen oder
nicht, anfchauiichen Begiifieii, indem man da-
durch alle VoritellungeD , welche ihre B.fiand-
thede ausmachen, aufzählet und gleichfam der
Einbildungskraft einzeln vorführet. Wenn un-
fer Gedächuiifs mit einfachen Vo. ftellungen durch
die Sinne und die Reflexion bereichert ift, und
wir durch dt;ri Gebrauch ihre Sprachzeichen ge-
lernt h^ben , fo können wir durch die letzten
jeden beliebigen zufammengefetztf n Begnil ei-
nem andern vorstellig machen, fo d*fs er in
demfelben fich nichts anders, als iliin fchon
bekannte Vorftellungen mit denielben Sprach-
zeichen, als wir, vorfteilet. Denn alle zuTarn-
rnengefetzte Begriffe lafsen Geh in einfache
Vorftellungen auflöfen, wenn auch ihre nach-
ften Beftandtheile wieder zurammer>gefetzte Be-
griile lind. So enthält z. B. der BegrifF, den
das
Ein und zTrfSaiwÄgfiesyjSapitel. uz
i
das Wort Lüge bezeichnet, folgende Beitand-
Jheile: articulirte Töce, gewifle Yorftellungen
in dem Gimüihe des Sprechenden, Worte zur
Bezeichnung deife'bea und eine von dem Silin
d*s Sprechenden abweichEr.de Verbindung der
Worte durch Bejahung oder Verneinung- Ehen
das kann mit alleu fcnfeinrmerigefettteu Begriffen
gefchehen, ihre Eeftandi :eiie mögen einfach,
od. , <>ngeffcLzt feyn, fo köncen fie doch.
. iX in einfache VurftpHung^n anfgfelöfst wer«
den, und diefe find die Materialien aller Er-
keuntnifs. alles möglichen u.id wirklichen Den-
kens, Wie grundlos die B.-«'orgnifs fey, der
menfchliche Verltand möchte da urch auf eine
zu dürftig« Anzahl von Vriffteüungen einge-
fch änkt werdf-n, erhellet fchon daraus, wenn
man die unzählbare Merige von einfachen Be-
ftimmungen, welche die Zahl und die Figur
darbieten, betrachtet« LTnd wie wenig man
Armuth in Aufehung der gemifchtenBeftimmun«
gen zu befürchten habe, läf-s t üch fchon daraus
fchliefsen, dafs fie mannichfaltige Verbindungen
der einfachen Vorftelluisgen und ihrer Modifi-
cationen fiud. Koch vor Beendigung diefes
Werks wird es Jedermann einleuchtend wer-
den, dafs er zur Ausbreitung feines Denkens
einen nur zu grofs^n Spielraum hat, wenn gleich
alle Gedanken auf einfache Vorftellungen zu-
rückkommen und die letzten nur durch die
Sin«
112 Zweites Buch.
Sinne, die Reflexion und ihre verfchiedene Ver-
bindungen entliehen.
I« *°.
Ei verdient eine eigne Unterfuchung, wel-
che einlachen Vor Heilungen am raei-
ften modificiret, und aus welchen die
m e i lt c n gemifchten ßeltinimungen
gebildet und in Worte gefafst find.
Es lind diele drei, das Denken, die B \ve2un2
(weiche alle Thaügkeiten in fich fallen); Ver-
mögen und Kralt, als Grund diefer Thätigkei-
ten- Thätigkeit bezeichnet den grofsen Wir-
kungskreis der Menfchen , und das einzige
Object, worauf fich Gefetze beziehen. Es ilt
daher ganz natürlich , dafs die mannichfalii-
gen Modifikationen des Denkens und der Be-
wegung beobachtet, in Begriffe gefafst, indem
Gedachtnifs aufbewahret, und mit Worten be-
zeichnet wurden. Hierauf beruhet die Mög-
lichkeit aller Gefetze; ohne das könnten Lafter
und Unordnungen nicht in Schranken gehal-
ten werden, und überhaupt keine Verbindun»
geu unter Menfchen beliehen. Um deswillen
haben lie die verfchiedenen MoJiricationen der
Thätigkeit in Rückficht auf ihre Urfachen
Mittel, Objecte, Zwecke, Werkzeuge, Zeit
und Ort und andere Umftände, u. f. w. auch
die Vermögen dazu in Begriffe gefafst und mit
Wor-
Zwei und* zwauzigftcs' Kapitel. 113
Worten bezeichnet. So ifi Drenftigkrir das
Vermögen vor andern ohne Furclit und Verle-
genheit auf beliebige Art iu handeln und zu
tprecben; für die Dreuihgkeit im Reden ha-
ben die Griechen ein eignem Wort ttz^ictiz,
Das Vermögen; etwas zu thun, heiTst Fertig-
keit, wenn es durch öftere Wiederholung der;
felben Handlung erworben ift; Heng aber,
wenn es bei jeder Gelegenheit in wirkliche
Tbat auszubrechen fueht,
|i ir»
Einige Worte Scheinen eine T h ä- -
tigkeit anzuzeigen, bezeichnen
aber b I o f s eine Wirkung.
Das Vermögen i(t die Quel'e ai'?r Thä'ig-
keit. Wenn die Subftanz,, Welche ein \ "ermö-
gen befitzt, daflelbe durch eiue Handlung auf-
fert , To hei (st fie U r f a c h e. W i r k 0 ngen
fir.d aber die Snbftanzen oder die Objecte ein-
facher Vorftellungen , welche durch die Kraft1-
äufferung in einem Dinge hervorgebracht wer-
den. Die ThSfcigkeit . wodurch eine neue
Subftanz oder Vorfteliucg hervorgebiacht wird,
heifst in dem Whk'enden Subjecte eiue Hand-
lung, in dem erzeugten oder veränderten
Objecte aber ein leiden. So mannichfajtig
rtun aber auch die Triftigkeiten, und f a ft unend-
lich verschieden die Wirkungen find, fo latfen
Locke's II. Tkeil. H üe
114. Zweites BucJi,
fie fich doch bei denkenden Wefen nur als
Modifikationen des Denkens und Wollen«, und
bei körperlichen Subftanzen al» Modificatiooea
der Bewegung denken. Denn ich mufs gefte-
hen , dafs ich a'fler diefer von keineT Thätig-
keit, welche Wirkungen hervorbringt, einen
Begriff habe , und jede andre Kraft ift fo weit
aufler dem Kreife meines Vorfiellens, Denkens
und Erkennens und fo unbekannt, als fünf
andere Sinne für mich oder die Farben für
einen Blinden find. Daher zeigen Viele Wor*
te, welche feine Thätigkeit z u - b ff-
zeichnen fcheinen, gar keine Hand-
lung oder Wirkungsart fondern nur die
Wirkung mit gewiflen Umftänden der wir-
kenden Urfache, und des leidenden Subjecti
an. So enthält z. B. das Wort Schöpfung,
Zernichtung keine Vorftellung von der Hand-
lung oder; WirkungsaTt, Tondern nur von der
Wirkung und der Urfache. Wenn der Bauer
fagt, die Kälte macht das Waffer gefrieren, fo
wird dadurch nur die Wirkung, dafs das Waf-
fer, welches vorher flüfüg war, nun hart und
dichte ift, aber nicht die Wirkungsartj wodurch
das gefchieht, angezeigt.
§. 12.
Es ift wohl überflüfCg, hier noch zu be-
merken, dafs, obgleich Kraft und Tüätjgkeit
den
Zwei unil zwaHzigftes Kapitel. II J
den »rarsten Theil der gemeinften und durch
Worle bezeichneten gemifchten Beftimmungen
ausmachen , doch andre einfache Vorftellungen
nebft ihren Verbindungen dabei nicht ausge«
/chloffen find, Noch weit weniger notwen-
dig ift es aber, alle gebildete und {mit Worten
bezeichnete gemifchte Beftimmungen aufzuzäh-
len, denn da müfste man ein Wörterbuch der
meiden in den Willen fchaften vorkommenden
"Worte fchreiben. Mein gegenwärtiger Zweck
erloderte nur fo viel, dafs ich die Begriffe von
gemifchten Beftimmungen erklärte und zeigte»
wie fie entfiehen, und dafs fie aus den ein-
fachen Vorftellungen der Sinnlichkeit und der
Reflexion gebildet werden. Und diefs ift,
wie ich hoffe, gefchehen,
Drei und] zwanzigstes Kapitel.
Von unfern zufammengefezten Be-
griffen der Subltanzen.
§. x.
Wie die Begriffe von Subftanzen
entliehen,
Indem dem Verftande , wie fchon erklärt
worden , eine grofeß Anzahl von einfachen
H % Vor-
Il6 Zweites Buch.
Vorftpllnngen, iheils durch die Sinne, inCofcrn
fie an ändern Objecten angetroffen werden.
th»üs »UiTch die Reflexion über die Wirkungen
der Seele zngeführet werden , fn bemerkt er
auch, dafs eine gewiffe Anzahl einfacher Vor-
ftellnngeu immer mit einander vergefellfchaf-'
tet ift. Diefe werden in ein Subject rereiniget
und zu defto gefchwindem Mitiheilung det
Gedanken mit einem einzigen Wort bezeich-
net, weil man vorausfezt, dafs He einem Din-
ge angehören, und weil die Worte fleh nach
der gemeinen Vorftellungsart richten. Diefe
Begriffe find eigentlich Verbindungen mehrerer
Vorftellun^en , aber aus Mangel an Aufmerk-
famkeit werden fie als einfache Bi^riffe betrach-
tet. Denn da wir uns nicht vorftellen können,
wie diefe einfachen Vorftellungen an fich fub-
fißiren können, fo gewöhnen wir uns, ein ge~
wiffes Su b ff r at vorauszufetzen . in welchem,
fie befteh^n , und woher fie entfpringen , wel-
ches wir dann eine Subita uz nennen. *j
*") Locke handelt in diefero Kapitel nicht von der
Subßanz überhaupt, fondern ynn den Arten
deiMben ; und zeigt , wie wir zu Regiifh-n von,
den lezrer« gelangen. Da aber dnt Hauptmerk-
mal diefer zufanimengefetzten ttegi ifle dei Betriff
Subftauz iit _ em Begriff, von welchem Locke
gefreut;
JDiei und zwanzigftes Kapitel. I»7
§■ 2.
Von dem Begriff Subftsnz über.
h a u p t.
Wenn -man alfo über den Begriff von
jler blofsen Subftanz überhaupt nach-
denkt, fo wird man finden, daTs er nichts
anders enthält , als die Vorausfetzung von
«inern unbekannten Etwas, welches denjeni-
gen Eigenfchaften, welche vermögend lind,
Vorftellungenin uns zu erzeugen, und gewöhn*
lieh Accidenzen genennt werden» zum
H $ Grun-
gefteht, dafs er ficli weder ans der Empfindung
noch aus der Reflexion erklären Lfle, i B 4
Kap. §. ig; deflen Realität er auf keine andre
Art begründen kann, als dafs er fagt, wir wä.
ren genikhiget, ein Subftrat der einfachen Vor-
fiellungen vorauszufetzen, weil fie nicht an lieh
fubfiltiren können, 2 B. 23 K §. 1.; fo war e»
kein Wunder , wenn er fchon von Zeitgenoflen
befchuldiget wurde, er mache den objeetiven
'Gebrauch diefes Begriffs verdächtig, indem er
ihn blosj auf fubjeetive Vorfiellung und Ge-
wohnheit gründe. Gegen adiefe Belchuldigung
vertheidigte fich diefer Philofoph durch die
Unterfcheidung zwifchen derSubftanz und dem
Begriff derfelben. Dafs es Subfianzen in dei"
Welt gebe . wolle er weder leugnen noch be-
zweifeln, nur behaupte er, dafs man keiner*
deutlichen Begriff von dem habe, was eine Sub-
ita ns fey.
Hf Zweites Buth.
Grunde liegt. Auf die Fraget was ift das Sub-
ject von den Farben und der Schwere, k^un
inan nichts anders antworten, als: die dichten
ausgedehnten Theile. Aber was ift das Sub-
ject von der Dichtheit und Ausdehnung? Bei
diefer Frage wird man eben fo in Verlegenheit
feyn, als jerfer Indianifche Philofoph, der be-
hauptete, die Welt werde von einein großen
Elephanren getragen. Als er gefragt wurde,
worauf d^r Elephant ruhe, fo gab er zur Ant-
wort auf einer grofsen Schildkröte. Man drang
von neuem in ihn , was diefe Schildkröte mit
ihrem breitenUücken unterftüze; er erwiederte:
es fey etwas, von dem er nicht wiffe,
was es f e y. Und fo fprechen auch wir in allen
FäÜpn , wo wir mit den Worten keine klaren
und beftimmten Begriffe verbinden, wie die
Kinder, welche auf die Frage, was eine Sache
fey, die fie nicht kennen, fogleich diefe(nur
für fie befriedigende Antwort geben; es fey
ein Etwas, Allein diefer Ausdruck, von
Kindern oder Männern gebraucht, bedeutet
doch in der That nicht mehr, als das fie nicht
willen, was die Sache ift, und wenn üe auch
vorgeben fie zu kennen, fo haben fie doch
keinen deutlichen Begriff davon. Der Be.
griff, den wir mit dem Wort Subftanz be-
zeichnen, bedeutet alTo nichts, anders, als das
vor.usgefeute aber unbekannte Subject der
Eigenf6hafien , welche wir in der Erfahrung
fin-
Drei und Ewantigfle« Kapitel. tig
finden, und die wir unj nicht ohne etwas Sub-
fiftirendes, in welchem fie enthalten find, den-
ken können,
§. 3.
Von den Arten der Subftanzen.
Wenn auf diefe Art der dunkle und rela-
tive Begriff von der Subftanz überhaupt gebil-
det ift, fo gelangen wir zu Begriffen von be-
fnndern Arten von Subftanzen, indem
wir diejenigen einfachen Vorftellungen in ei-
nen Begriff zufammenfaffen , welche nach der
äußern Erfahrung und Wahrnehmung zufara-
men exiftieren, und wie man vorausfezt, aus
der innern befondern Einrichtung , oder aus
dein unbekannten Wefen diefer Subftanz ent-
fpringen. So entftehen z. B. die Begriffe von
einem Menfehen , einem Pferde, von Gold,
Waffer u. f. w. Ich berufe mich auf eines je-
den Menfehen Erfahrung, ob wir von diefen
Subftanzen einen andern klaren Begriff haben,
als dafs die Objecte gewifler einfachen Vorfiel"
jungen zugleich mit einander exiftiren. Die
Verbindung der beftändigen an dem Eifen und
dem Diamant wahrnehmbaren Eigenfchaften
macht den wahren zufammengefezten Begriff
von diefen Subftanzen aus, welche ein Schmid
und Juwelirer beffer kennt, als ein Philcfoph,
H 4 fo
l2o Zweite« Bück,
fo viel auch der letzte von inbftanziellen For-
men [Yh.\ • rzt. Dab^i ift ahrr noch zu bemei'
ker> , dafs auffpr dem Inbegriff von allen dielen
einfachen \ (»rfteliunge« , noch ein dunkler
Be griff von eifern Etwas, 'Vulchem je-
ne angehören und worin f i e ihr Da-
feyn h a b n n, in (Jen ztifarnmengeretzten Be-
|;riffpu von S'ibftanzen enthalten ift. Wenn
man daher von einer Art von Subftanz fpricht,*
fo Tagt man allezeit, fie fey ein Ding mit die-
len oder jenen Eigenfchaften ; z. B. eiu Körper
ift ein Ding, welches Ausdehnung, Geftaltund
Beweglichkeit befitzt; ein Geift ift lein Ding,
welches da« Vermögen zu denken hat. So fa j^>
man: die Härte, die Zerreiblicnkeit, und dis
Vermögen das Eilen anzuziehen find die Eigen-
fchaften , welche an einem Magnet gefunden
werden, Diefe und ähnliche Ausdrücke be*
weifen , dafs die Subftanz allezeit als ein vou
der Ausdehnung, der Qeftalt, der Dichtheit,
Bewegung, dem Denken und andern Eigen-
fchaften verfchiedenes Etwas gedacht wir<*.
ob wir gleich nicht willen , was es ift.
Von der Subftanz überhaupt hat
man keinen deutlichen Begriff.
In jedem Begriff einer körperlichen Sub-
ftanz, x, B, Pferd, Stein, denken wir uns blcs
die
Drei und zwanzigstes Kapitel, 121
die Verbindung von verlchiedenen einfachen
Begriffen der Sinnlichen Eigenfchaften, welche
wir gewöhnlich an dielen Dingen vereiniget
finden. Allein weil wir nicht begreifen kön-
üen, wie diefe Eigenfchaften für fich abjjefon-
dem oder eine in der andern exiitiren können,
fo nehme», wir an, dafs de in einem gemein»
fchaftiichen Subjecte exiftirea und gegründet
find, Diefes Gegr undetfey n drücken wir
durch das Wort S u b ft 3 n z aus. Dafs wir da-
%ron und vOn dem als Subftrat vorau>gefez-
ten Dinge keinen klaren deutlichen Begriff
haben, ift einleuchtend,
S> 5.
Eben fo ift es mit den Wirkungen dei
Seele, z. B. dem Denken, Schhöfsen. Da
ps für uns ungedenkbar und unbegreiflich ift,
dafs Ge für Geh felbft beftehen , und wie fie
dem Körper angehören oder durch denfelben
hervorgebracht werden können, fo denken
wir fie uns als Handlungen einer andern Suh-
ftanz, die wir Geift nennen Hieraus erhel-
let, dafs der Begriff von de'r Sibftanr
des Geiftes fo klar ift, als der von
der Subßanz eines Körpers. Denn
unter diefero (teilen wir uns ein Etwas, in
Welchem die Eigenfchaften , welche unfre
Sinnsn afficiren, unter jenem aber ein Etwas
H S vor.
121 Zvreit«» Buch.
vor, in welchem das Denken, das Erkennen,
Zweitein u. f. v.\ gegründet ift; das eine den«
ken wir uns als das Sibftrat der einfachen
Vorftellungen , welche wir von auffen erhalten,
, das andre als das Subftrat der Thätigkriten, -
welcbe wir in unierm Innern wahrnehineu,
ohne von dem einen oder dem andern eine
beftimmte Erkenntnifs zu haben. Es ift alfo
klir, dafs der Begriff von einer körperlichen
pdar materiellen Subftanz eben fo weit von
unfrer Erkennt nil's und Einficht entfernt ift,
als der von einer geiftigen Subftanz oder einein
Gf ifte. Deswegen darf man aber eben fo we-
nig von dem Mangel einea befiimmten Begriffs
von der Subfuni eines Geiftes , auf das INicht;-
dafeyn deffsiben fchliefsen, als man aus die-
fem Grunde die Exifteuz der Körper leugnen,
darf. Das eine wäre fo wenig vernünftig als
das andre»
*. 6.
Von den Arten der Subftanzen«
Von welcher Art daher auch das verborgene
Wefen der Subftanz überhaupt feyn mag, fa
i'nd doch alle unfre Begriffe von einzel-
nen befoHdemSubftanzeu nur verfchie-
dene Verbindungen einfacher Vorftellungen,
i n Objet'e in dem , obgleich nicht erkann-
ten Grunde ihrer Vereinigung und der Subfi-
ften*
Drei und zwanzigßes Kapitel. 153
ftenz de$ Ganzen, xufammen exifüren. Durch
folche Verbindungen der Begriffs allein ftellen
wir uns befondre Arten von Subftanzen
vor. Von der Art find die Begriffe von Menfch,
Pferd, Sonne u, f. w. Jeder, der diefe Worte
jn einer ihm verftändlichen Sprache höret, ver-
knüpft damit in feinem Verftande diejenigen ein-
fachen Vorfteilungen, von welchen er glaubt dafs
fie nach Erfahrung oder Einbildung zuTammen
exiftieren, und in dem unbekannten gemein-
fchaftlichen Subject, weiches keinem andern
Dinge angehöret, gegründet und enthalten find.
Was itt z. B. der Begriff der Sonne anders, als
die Vereinigimg verfchitdener einfacher Begrif-
fe, des Lichts, der Hitze, der runden Geftalt
der beßändigen regelmäffigen Bewegung, einet
gewiffen Entfernung von uns und vielleicht
noch anderer Merkmale, je nachdem derjenige,
der über die Sonne denkt oder fpricht, mehr
oder weniger forgfaltig in Beobachtung der
Merkmale war, welche an dem Dinge, was es
Sonne nennt s angetroffen werden.
§• 7.
Vermögen und Kräfte machen ei-
nen grofsen Theil unfr'er zufam.
mengefetzten Begriffe von Sub-
ftanzen aus.
Derjenige hat den vollkommenften Begriff
von einer einzelnen Art der Subftanzen, de*
die
13* Zweite» Bück.'
die meifl^n in ihr enthaltenen einfachen Vcrftel-
l.,-i>fn gebmmlet und vprknüpfi hat. Uanmter;
müfleti und können auch der Kü'ze wegen Infi
lieh, die thätigen und leidenden Ver-
m ö » r ri gerechnet werden, ob fie gleich ei-
gentlich keine einfachen Vorftf Illingen find Sa
ift das Vermögen das Ei en anzuziehen ein Be-
ftandtheil des zufammengefeUten Begriff- de»
Magnets, und das Vermögen vom Magnet ange-
zogen zu werden, ein Merkmal des EilVns . in-
dt-rn diefe vermögen füt innere fÜgenTchaften
diefer Objecte gelten, Dpnn jede Subftanz,
kann durch die Kräfte, die wir an ihr beobach-
ten, fowohl gewifle wahnehnbare EigenTchaf.
ten in andern Dingen verändern , ale dadurch
unmittelbar gcwilfe einfache Vorftellungen in
ans erzeugen, und offenbaret durch jenes gewifle
Klüfte, welche eben fo regelmäßig unfre Sinne
mittelbar afficieren , als es ihre wahrnehmbaren
Eigenschaften unmittelbar thun. So empfinden
wir z. ß. an dem Feuer unmittelbar durch die
Sfnne feine Hitze undFarbe, welche im eigent-
lichen Sinne nichts anders als Vermögen des
Feuers find, diefe Vorftellurgen zu erzeugen-
Die Wahrnehmung der Farbe und derZerbfech-
lichkeit der Holzkohle leitet uns auf die Er-
kenntnifs eines andern Vermögens des Feuers.
nemlich die Farbe und die Fettigkeit des Hol
aes zu verändern. Durch das erftere entdeckt
uns das Feuer unmittelbar durch das leztere mit-
tel
Drei und zwanzigltes Kapitel. 125
telb^r diefe \erfthiedenen Kräfte, die wir da.
ber -ls zum Inbegriff der Eigen fxhaften d^iTel-
b*ui gehörig betra( iiten und in den zufnrunen-
ee eilten Begriff aufnehmen. Denn alle für
uns erkennbare Vermögen b^iiefae'n ficii z ib>rzt
Hur allein auf föiche Veränderen: wahrnehm-
barer. Bcfchaffe Weiten in denObjecen, \Vor:mf
fie wirken, wodurch diefe neue V»rfteUungeri
in ua> veranlafst werden. A'is diefem Grunde
rechne ich diefe \ erwogen unter die einfachen
Vorftellungea , weiche ien Inhalt der zufam-
roengefe zien Begriffe von S ib!~taiizen aufma-
chen, ob fie gleich au (Ich bunchre w rklich
zufammenge erzte Begriffe find , und bitt* die
Le et, es in wiefern weitern Sinne zu vrrfti-hen,
wenn die Vermögen hier unter dan einfachen
Vorftellungen v.irkommen. Denn ihre Betrach-
tung ift zum deutlichen Begriff von den trer-
Fchiedenen Arten der Subftanzea nothwendig*
i. g.
Und darüber darf man Geh nicht Wundern»
weil die abge'elteten Ei^en fehlten der Subffan-
zen vorzüglich dazu dienen, um he von ein-
ander zu unterfcheiden, und daher xneiftentheils
einen beträchtlichen Beffandtheil dieier zulam-
»eugefetzten Begriffe ausmachen. Denn da
wir uns oftvonden Sinnes verladen fehen , um
die G>öfse, die Verbindungsart und die Geftalt
der kleinen ßeftandtheile der Körper zu entde-
cken,
Il6 Zweite» Bück.
cken , von welchen ihre reale Einrichtung und
ihr Unterrcbied abhangt, fo lind wir g^nöthi-
gef, ihre abgeleiteten Eigenfchaften als characte-
rilbfche Merkmale zu brauchen, um Begriffe
von ihnen tu bilden, und fie unter einander
xu unterfebeiden. Alle abgeleitete Eigenfchaf-
ten Gnd aber nichts anders, als blofse Vermö-
gen. *) Die Farbe und der Gefchmack fowohl»
aK die Schlaf erweckende und Schmerz ftillen-
de Kraft das Opiums find Vermögen, welche
in den urfprünglicheD Eigenfchaften deffelben
gegründet find, und wodurch es auf verfchie-
d«ne Att auf verlchiedene Theile des meufch-
lichen Körpers wirken kann.
§• 9.
Die zufammengefetzten Begriffe von körper-
lichen Subftanzen beftehen aus drei Arten von
Begriffen. Er ft lieh gehören dahin die Be-
griffe von den urfpriinglichen Eigenfchaften der
Dinge: Zweitens die abgeleiteten Eigen-
fchaften (II Buch. 8 Kap. §.25.) Drittens
die Fäbigkeit eiuer Subfianz, folche Modifica-
tiouen in tlen ursprünglichen Eigenfchaften her-
vorzubringen oder anzunehmen, dafs fie da-
durch, andere Vorftellungen in uns erzeugen,
oder die fo genannten thütigen und leidenden
Vermögen , welche lieh, in fo weit wir fie ken-
ne u>
•) II B. 8 K. $, 23.
Drei und zwanzigft.es Kapitel. 1:7
nen , auf die förmlichen einf chen Vorstellungen
zurückführeü tafTen. Denn was für Kräfte
auch ein Magnet befäfse die feinften Beftand-
thcile des Ei'ens zu verändern, fo würden wir
doch nicht da* geringfte davou willen, wenn
fie uns nicht die w?.hinebmbare ßc-wpgung des
ETifeus entdeckte. Und ohne Zweifel giebt es
unzähliche Veränderungen , welche die bekann-
testen Körper in einander hervorbringen kön-
nen, deren Vermögen wir aber nicht einmal ahn-
den , weil fie fich durch keine Wirkungen in
der Sinnenwelt äufsern,
§. io.
Die Vermögen machen dsher mit Recht
einen grofsen Theil unfrer zufammerjgefetz-
ten Begriffe von S üb fta nzen aus. Wenn
s
man den Begriff vom Golde zergliedert, fo
wird man finden, lUfs verfchiedene Tbeiivor-
iteüungen nur Vermögen Gnd, z. ß. das Vermö-
gen im KöuigbWafler aufgelöfst und im Feuer
ge'chmolzen zu werden, ohne zu verfliegen,
Diele Merkmale find zum Begriff des Goldes fo
unentbehrlich, als feine Farbe und fein Ge-
wicht, welche nach richtigen Begriffen auch
nichts anders als vprfchiedene Vermögen find.
Denn eigentlich ift die gelbe Farbe nicht wirk-
lieh im Golde, fondern nur das \ ertröien die-
fe Vorfiellunt durch Afficirung der Augen bei
«forderlichem Lichte hervorzubringen- Die
Hitze,
128 ZvrWtej Buch.
Hitze. welche vom Betriff der Sonne unzer-
trennlich ift , ift eben fo wenig etwas reales in
der Sonne, als die weiffe Farbe, welche Go
dem WachTe mittheilt. Beide«, lind nur Ver-
mögen durch die Bewegung und .Geftalt der
nicht anschaulichen Theile auf den Menfchen
und auf das Wachs zu wirken, und in dein rr-
Aen Falle die Empfindung der Hitze in dem an-
dern die \ orfteilung von der weilten Farbe her-
vorzubringen.
§. II.
Die abgeleiteten Eigen fc haften,
welche wir j e t /. t in den Körpern
\v a b X n e h m e n , würden v e rf c h w i n»
den, wenn wir die urfprüng'I-
eben Eigen fc haften der klein ften
Beftandtheile entdecken könn-
ten.
V\ ären unfre Sinne ieir? genug, die klein-
ften Beftandtheile der horper zu unterfcheiden,
und die wahre innere Einrichtung zu entdecken,
von welcher ihre finnliehen Eigenschaften ab-
hängen , fo würden die Körper ohne Zweifel
ganz, audre Vorstellungen in uns erzeugen. Die
gelbe Farbe des Goldes würde dann verfchwin*
den. und an deren Qatt ein bewundernswürdi-
ge* Gewebe der Theile von gewiffer Gi
und Geiialt unfern &ugen Heb darftellen. J>3-
v o n
Drei und zvranzi^ßes Kapitel. up
Tun überzeugen uns die Microfcope offenbar.
Denn was fich unTern blofsen Ao^en unter ei-
tler gewiflen Farbe zeigt, erfebeint den bewaff-
neten ah ein ganz andres Ding, und indem
diefe Vergröfserungsgläfeir gleichfam difGröfsen-
rerhältnifse der kleinen Beftandtheile iu gefärbt
erTcheinenden Objecten veräudern , fo gehen
auch ganz andre Vorstellungen hervor. So ift
der Saud und gefchmolzenesGlas, durch ein Mi-
CtO'Cop gefehen , durchfichlig , da fie den biof-
fen Augen &U weifs und undurchficbiig erfchei-
rien ", und das Ha^r verliert feine vorige Gefldt;
es i 1 1 gröf tentheils durchGchtig und mit hell-
funkelnden Farben von der Art vermifcht« als
Diarnante und andere durchsichtige Körper zu-
rückwerfen. Das Blut erfcheint dem biofsea
Auge völlig roth; aber durch ein gutes Micro-
fcop, welches feine kleinem Theile darfteilt,
erblicken wir nur einige rothe Kügelchen,
Welche auf einer durchüchtigen 'Flüfügkeit
fchwimmen. Und wer weifs , wie diefe Kügel-
chen erfcheinen würden , wenn man Glnfer
hätte, welche looooder icooo mal mehr ver*
gröfserten?
§• 12.
Der unendlich weife Schöpfer der
Menfchen und aller Dinge hat unfre Sin-
ne , Werkzeuge und Vermögen der Seele
den BedürfnilTen und Befch'äftigungen diele«
Lock«'*. II. TUil. - I Li-
130 Zweites Buch,
Li br i $ angepvst. Wir find durch unfre Sinne
in den Stand gefetzt, die Dinge zu erkennen»
zu unterfcheiden, und fi» in fo weit zu erf<>r~
fchen , als es ihre Benutzung zu unfern Zwe-
cken und zur Befriedigung der ßedürfnifse die-
fr* I ebens erfodert. Unfre Einficht in ihre
wunderbare Einrichtung und Wirkungen ift aus-
gebreitet genüg, um die Weisheit, Allmacht
und Gute ihres Urhebers zu bewundern. Es
fehlt uns nicht an Mitteln zu diefer. unfrem ge-
gen wältigen Zufiand au*emeflenen Erkenntnifs.
Aber es war, wie es fcheint, nicht Gottes Ab-
heilt, uns eine vollkominnedeutJiche und voll-
ftändige Erkenntnifs davon zu geben, und De
lag vielleicht ganz aufser dem Faffungskreife
eines endlichen Wrefen«, Wären unfre Sinne
anders eingerichtet, fchärfer und lebhafter, fo
würde die Auflenfeite der Dinge uns unter ei-
ner ganz ardern Geftdlt erfcheinen , aber auch,
wie ich glaube mit unferm Dafeyn oder zum
wenigsten mit unferm Wohlfeyn auf diefem für
unfern Aufenthalt hefiimmten Theil der Welt
nicht znfammenftimmen. Wer erwäget, dafs
nnfie Organifation nicht leicht eine Verfetzung
in eine etwas höhere Lufiregion verträgt, als
die ift , in der wir gewöhnlich a'hinen, wird
fchon darin einen überze ugenden Grund finden,
dals der weifsefte Urheber der Natur, die zur
Wohnung der MenJchen beftimmte Erdkugel
für unfre Organe zweckmäßig eingerichtet und
fo-
Drei und zwatizigftes Kapitel. iji
fowöhl die Organo, als die Körper, die jene af-
ftcieren , zu einander angepaßt hat. Was für
unaufhörliches Geräufch würde uns zerftreuen,
wenn rinfer OehörGnn taiifer.dir.ai feiner wäie?
In der ruhigften Eiufamkpif würde man weniger
fcklafen und nachdenken können, als in der
Miste eines Seegefechts. Ja wenn das Geficht,
der fruchtbar Ire Sinn, lCCOoder loooomal fcBär-
fer wäre, als er es jetzt durch das hefte Ver-
gröfserungsglas ifi, fo würden Objecte, die meh-
rere Millonenmai kleiner find, al> das fei u ficht-
bare kleinfteObject, für das blöke Aug aolt neu-
lich feyn , und man würde in eben dem Ver-
hältnifs der Entdeckung des Zufrinmenbangs
und der Bewegung der kleinften Reftandtb« ile
^er Körper näher kommen, ja wohl gar die in-
nere Einrichtung Vfth einig n erkennen. Al-
lein ein folcher Menfch würde in einer ganz
andern Welt fryn und jedes Object ihm ganz
anders erfcheinen , als den übrigen Men-
fchen» Und ich zweifle, ob er bei der gänzli-
chen Verfchiedenheit der fcrfcheinutvgen mit
andern über achtbare Gegenwände fprechenoder
fich über die Farben unterhalten könnte. Und
vielleicht könnte ein fo feines und fcharfes Ge-
ficht den hellen Sonneofchein, ja nicht einmal
das helle Tageslicht aushalten, und dabei doch
nur einen fehr kleinen Theil eines Objects auf
einmal und zwar nur in der Nähe auffafsen»
Wenn ein Menfch vermöge folcher mikrofr.opi-
I. 2 fchen
13* ZweitM Buch.
fchen Augen (wenn ich fie fo nennen darf)
mehr als gewöhnlich in den urfprünglichen und
verborgenen Bau d«r Körper eindringen könn-
te, Fo würde er doch nicht viel dabei gewinnen
wofern nicht fein fcharfes Geficht fein Führer
auf dem Markt und auf der ßörfe feyn, und
wenn er nicht, wie andre Menfchen. durch die-
Telben finnlichen Eigenfchaften diejenigen Din-
ge, welche er fliehen oder mit denen er üch
befchäftigen foll, in der gehörigen Entfernung
unterfcheiden könnte« Wenn einer ein fo
fcharfes Geficht hätte , dafs er die Bildung der
klein ften Theil« einer Feder in der Uhr fehen,
und beobachten könnte, von welchem Bau und
Triebwerk .hie elaftifche Bewegung abhieuge,
der würde unßreitig manches Wunderbare ent-
decken; allein das alles würde keine Wohlthat
für ihn feyn, wenn er nicht zugleich den Zei-
ger und die Ziffern auf der Platte überfeinen,
und dadurch in der Ferne erkennen könnte,
um welche Uhr es ifi; wenn über der Entde-
kung der verborgenen Einrichtung diefer Ma-
fcbine und ihrer Theile die Anwendung det-
felben zu feinem Nutzen unmöglich würde»
$. i?»
Man erlaube mir hier eine kleine Abfchwei-
fung xu machen , und eine Vermuthung mit-
z> the-len. W^nn man Erzählungen lolcher
Dinge, von welchen dieThilofophie keine Wif-
fen-
Brei und zwanxigftei Kapitel» iS5
fenfchaft hat, Glauben beimeffen darf, fo hat
roan einigen Grund anzunehmen . dafs die Gei-
fter Körper von 'verTchiedener Gröfse , Geftalt
und Bildung annehmen können. Es fragt fich
alfo, ob nicht der grofse Vorzug, den einig«
vor uns haben, darin beliebt . dafs fie die Or.
gane der Sinnlichkeit und des VorfteUens, fo
bilden und modificiren können, als ihr jedesma-
liger Zvreck und die Beschaffenheit des Ob-
jeots, das fie betrachten wollen, erfodert? Denn
wie fehr würde nicht derjenige Menfch alle an-
dere in der Erkenn trifs übertreffen, der nur das
Vermögen befäfse, den Bau eines einzigen Sin-
nes ,z B. der Augen, fozu modiSciren, dafs er aller
Grade des Sehens empfänglich würde, die uns
die zufällige Erfindung künftlicher Augenglä-
fer bekannt gemacht hat? Was für Wunder
würde er entdecken , wenn er ff in Gefichtsor-
gan allen Alten von Gbjecten anpafl&a kör.nte,
dafs er z. B. die Geftalt und Bewegung der
kleinften Theile des Blutes und andrer thieri-
fcher Säfte fo deutlich betrachten könnte, als
er zu einer andern Zeit die äufsere Bildung und
Bewegung der Thiere wahrnimmt, Aber für
uns in unfrer jetzigen Lage würden unverän-
derliche Organe von der Befchaffenheit , dafe
fie die Geftalt und Bewegung der kleinften
Theile der Körper, von welchen die wahrnehm-
baren Gnnlicben Eigenfcbaften abhängen, viel-
leicht von keinem Kutzen feyn. Gott hat fie
1 3 ohne
13+ Zweites Buch.
ohne Zweifel fo eingerichtet, wie fic für um
in unferm g^g. nw.irtigen Zultand, .im heften lind*
Er h-st uns für die uns KU nach fi umnebenden;
Körper, mit denen wir zu thun haben, zweck-
maHii ausgelüftet: unri können wir gleich durch
untre Seelenkr&fte keine vollkotumne Erkennt-
nis der Dinge erlangen, fo find fie doch für
die ohen erwähnten Zwecke, die uns am rnei-
ften intcrefliren, zureichend. Man verzeihe
mir diefe feltfame Vorflellung von der Erkennt-
nifsart der über uns erhabnen Wefen; fo aus-
fchweifeud fie aber auch vielleicht fcheint, fo
zweifle ich doch, ob wir davon auf eine an*
dere Art als nach der Analogie unfrer Erkennt-
nifsart etwas verrauthen können. Ungeachtet
es unläugbar ift, dafs die unendliche Weisheit
und Allmacht Gottes Wefen mit taufend andern
Vorftehungivermögen und Erkenntnifswegen ,
als die unfrigen find, erfchaflen konnte, fo find
doch unfre Gedanken in dem Kreife unfrer Fä-
higkeiten eingefchränkt, und wir können felbft
bei unfern M ihmafsnngen nicht über die Vor-
ftellungen hinaus gehen, welche wir durch un-
fere eigne Sinne und Reflexion erhalten. Zum
Wenigsten darf uns die Hypothefe, dafs die
Engel zuweilen Körper annehmen, nicht be-
fremden, d* d^e alteften und gelehrteften Kir-
cheiva'er, wie ee fcheint, annehmen, dafs fie
Körper haben. Üo viel iß gewifs, dafs ihr Zu-
ftand
Drei und zwanzigstes Kapitel. 135
fbnd und ihre Erkenntnifsart kein Gegenftand
unfrer Erkenntuifs ifr,
I* 14.
Zu fam in engefetzte Begriffe von
Subftanzen,
Doch wir kehren zu uoferm G^genftande
zurück, nehmlich zu unfern Begriffen von den
Subftanzen und der Art und Weife, wie wir
fie erlangen. Ich behaupte alTo, dafs unfre
Art begriffe vo 1 Subftanzen nichts an-
ders find, als Verbindungen einer ge-
wiffen Anzahl von einfachen Vor-
Heilungen, deren Objecteals in einem
Dinge vereiniget betrachtet werden.
Qb nun diefe Begriffe und ihre Benennungen
gleich gewöhnlich für einfache gelten, fo find
He doch in der That zufarnrnengefetzt. So ent-
hält der Begriff, welchen das Wort Schwan
andeutet, folgende Vorftellungen : weifse Far-
be, ein langer Hals, TOther Schnahel, fchwar»
ze Schenkel, ungetrennte Füfse, eine beflimra»
te Gröfse aller diefer Theile , die Fähigkeit
in dem Wafler zu fchwimmen , und einen ge-
wiffen Laut hervorzubringen; und vielleicht
noch mehrerer eigen hümlinhe Merkmale, wel-
che ein Mann durch vieljährige B obachtung
entdecken kann. Alle diefe Meiknale, wel-
che üch auf finnliche einfache Voilteliungen
I 4 zu.
156 Zweite» Buch.
zurückführen laden, find in einem gemein*
fchaftlichen Subjecte vereiniget,
$. «5.
Per Begriff von g e i ft i g e n S u b ft a n-
zen i l\ Tu klar, als der von kör-
perlichen Subftanzen.
Ander den zufammengefetzten Begriffen von
materiellen Gnnlichen Subftanzen , von denen
ich bisher geredet habe, können wir auch aus
den einfachen Begriffen von den Wirkungen
der Seele, welche wir täglich in uns beobach-
ten , als dem Deuken , Wollen , Erkennen,
Handeln und welche zufammen in einem Subje te
exiftieren, den z u fa m m en g e fetzten Be-
griff von einem immateriellen Geifte
bilden- Die Verbindung diefer Vorftellun-
gen in einen Begriff gewährt uns einen fo
klaren Begriff von immateriellen Subftan-
zen als von materiellen. Denn wenn wir die
Begriffe vom Denken und Wollen , oder
dem Vermögen , den Körper in Bewegung 0 ler
Ruhe zu fetzen verknüpfen, und mit der Sub-
ftanz verbinden, von der wir keinen deutli-
chen Begriff haben, fo erhalten wir den Be-
griff von einen immateriellen Geifte, und die
Verbindung der Begriffe vom Zufammenh-inge
dichter Thcile und dem Vermögen der Beweg-
lichkeit mit der Snbftanz, von dcr wir eben fo
wenig einen pofitiven Begriff haben , giebt den
gegriff von einer materiellen Subftanz. Der
ein«
Drei und zwanzigftes Kapitel. 137
•ine Begriff ift fo klar und deutlich, als der an-
dre,, und fo ift es auch mit den Befhndth<?ilen
beider. Denn in beulen Fallen haben wir ei-
nen gleich dunkeln oder eigentlich gar keinen
Begriff von der Subftanzj fie iß nur ein vor-
ausgefetztes Etwas, das wir nicht kennen, in
welchem die Accidenzen gegründet Gnd. —
Nur aus MaDgel an Reflexion kann man glau-
ben, die Sinne Hellten uns nur materielle Din-
ge dar. Jede Anfchauung führt uns , wenn fie
gehörig erwogen wird, eben fo khr auf geifti-
ge als auf körperliche Weien. Denn indem ich
durch das Sehen und Hören erkenne, dafs auf-
fer mir ein körperliches Wefeo der Gegenftand
diefer VoTft«l!ung ift, fo weifs ich mit noch,
mehr Gewilsheit, dafs in mir ein geiftiges We-
fen ift, welches fiehet und hörot. lcti rauf«
mich notbwendig davon überzeugen , da's clie-
fes keine Wirkung der blo!sen empfindungslo-
fen Materie ift. und dafs es ohne ein deukondet
immaterielles Welen gar nicht feyn würde.
§. 16.
Der zufammengefetzte Begriff eines Wefeni,
dem Ausdehnung , Geftalt, Farben und andre
ßnnliche Beschaffenheiten zukommen, welch #
alles ift, was wir von der körperlichen Sub-
ftanz willen, bringt uns dem Begriff Mer Sub-
ftanz an fich fo wenig näher , als wean wir
1 5 gar
>5S Zvrciiea Buch.
gar »u'chts davon wüfsten. Und vielleicht wird
es hell nach einer forg/cilrigern Ur.terfuchung
ausWeifeM , daft man ungeachtet aller vemiein-
ten innigen: 'ehalt mit der Materie und
ihren Eigen ii. -.haften , do-h nicht mehrere
noch deutl ich er e Begriffe von den
G r u n A »■ i g en i c h a f te n der Körper als
von LieiiSii eiusi iuima t er iellen Geifte«
hat.
§• 17.
Die Hauptmerkmale, welche dem Körpey
im Hegenfaize mit einem Geifte zukommen, ifi;
der Ziifammenhang der dichten, folg-
lich t r e n n b a reu Theile und das Vermö-
gen, die Bewegung durch den Stofs
mitzutheilen. Diefes find , wie ich glau-
be, die urfjn üngh'cheu, dem Körper eigenthüm-
lichen BegrifFe, denn die Geftalt ift nur eine
Folge der bekreuzten Ausdehnung.
Die eigenthümlichpn Merkmale de« Regnffs
«inps Geiftes find das Denken und Wol-
len, oder da? Vermögen, den Kö;per durch
Vorftellungen in. Bewegung zu fetzen, und die
Freiheit welche eine Folge davon ift. Denn fo
wie ein Korn r eifern andern ruhenden blols
durch den ötofs Bewegung «-ittiieilen kann,
fo
Drei und zvranzigßes K^piteL t%$
fo kamdieSeeleKörper in Bewegung oder Ru-
he durch die Wiiikühr fetzen. Die Begriffe von
der Exiftenz, Dauer und Beweglichkeit gehö'
ren fowohl dein Körper als dem Geifte an.
§. 19.
Ich fehe keinen Grund, warum man es
befremdend finden folite, dafs ich die Beweg'
lichkeit auch zu einem Merkmal de? Geiftes
machte. Denn da der Begriff der Bewegung
nichts anders als die Veränderung des Abltands
von andern Dingen enthalt j da die Geiftet
fo gut, als die Körper, nur da wirken können,
wo fie find, und es ausgemacht ift, dafs fie zu
verfchiedenen Zeiten in verfchiedenen Räumen.
wirken, fo mufs man die Veränderung der
RaumverhähniLfe allen endlichen Geiftern — •
denn von dem Unendlichen ift hier die Rede
nicht — nothwendig beilegen. Meine Seele
ift fo gut als der Körper, ein reales Wefen, und
fie kann eben fo, wie der Körper den Abftancl
von andern Dingen verändern, fie ift alfo
einer Bewegung empfanglich. Und wenn der
Muthernatik-r den Abftand zwifchea zwei
Puncten und die Veränderung deflelben be-
trachten kann, fo lätst fich gewi 's auch ein Ab-
ftand, und deflen Veränderung, alfo auch Be-
wegung, Annäherung oder .Entfernung zwi-
fslian Geiftern denken»
§. 2«,
If» Zweites Buch.
§ 20.
Das Bewufst(Vyn fagt jedem MenTchen, dafs
fein« Seele denken , wollen und auf feinen
Körper in dem Räume, wo er ift, wirken
kann; aber nicht fo auf einen Körper und an
einem One, der hundert Meilen entfernt ift.
Kein Menfch, der xu London ift, hält es für
möglich , dafs feine Seele in einem Körper tu
Oxford denken oder denfelben bewegen kann.
Allein wenn jemand eine Reife von London
nach Oxford macht, fo inufs er (ich nothwen-
djg voifteilen5 dafs feine Seele wegen der
Verbindung mit dem Körper während derfel-
ben den Ort in dem Verhältnis wechfelt, als
die Kutfthe oder das Pferd fich fortbe-
wegt, und map kann alfo mit Recht lagen, dafs
üe lieh in derselben Zeit bewegt. Wem die-
fes noch keinen deutlichen Begriff von der
Bewegung der Seele giebt, der wird ibn doch
ficuer in ihrer Trennung vom Körper nach
dorn Tode finden. Denn diefe Vorftellung,
dafs fie den Körper verlaffe, fcheint mir ohne
den Begriff der Bewegung unmöglich zu feyn
§ ff.
Vielleicht wird mancher faßen: die Seele
kann keinen Ort wechfeln , denn die Geifter
fjnd an keinem Orte, fondern nur irgend wo,
Allein ich follte meinen , eine folche Sprache
könn-
Di«i und iwanzigftes Kapitel. 141
könnte in einem Zeitalter , das nicht fehr
groeigt-ift. folche unverftändliche Ausdrücke
zu bewundern, oder heb durch, dielelben fäu-
fchen zu bffen, nicht viel Eingang finden.
Wenn aber jemaod glaubt , dars in diefem LJn-
terfchiede fin verftändiger Sinn liegt, der auf
diefen Gegenfbnd Be*.'>hung hat, ho mag er
ih'i in verständlichen VVorten ausdrücken und
(iaracu durch Schluß« zeigen, dafs immaterielle
G^ifter keiner Belegung fähig find. Die Be-
wegung kann freilich Gott nicht bcTgelegt
Wernen, aber nicht weil er ein immaterieller,
fondern weil er ein unendlicher Geift ift.
§. 22.
Vergleichung des Begriffs von der
Seele und von dem Körper.
Jezt wollen wir unfren zurammengefetz'en
BegTiff von einem itnmattriellen Ge fte und ei-
nem Körper vergleichen und unterfuchen, ob
der eineoder der andre mehr Dunkelheit iufich
enthält. Wir denken uns einen Körper als
eine ausgedehnte dichte Subftanz. welche das
Vermögen hat, Bewsgung durch den Stnfs mit-
xutheilen \ und die Seele als einen immate-
riellen Geift, als eirje Subftanz, welche denkt
und das Vermögen hat, durch den Willen o -er
durch Vorftellunoen der> Körper in Bewegung
Zu letzen. Diele» ilt , wie ich glaube, der In-
halt
14» Zweites Buch.
halt untrer 7.ufa;nmergefetz.tei. Co griffe von
Körper und Seele, als entgegengesetzter
Wefen. Welcher ift nun der dunklere und un-
verftänJlichere? Ich weifs woli! , dafs Men-
fche-n. deren Vorftellungen zu grob finnlich find,
und fich beim Henken fo wenig von den Sin-
nen lofsreifscn können, dafs üe feiten über ein
übersinnliche-; Wefen rcHectiren , gerne be-
haupten möchten, eio denkendfs Wefen fey
für fie unbegreiflich- So wahr diefes auch ift,
fo werden üe doch nach reiflichem Nachden-
ken finden, dafs fie ein ausgedehntes Dingeben
fo wenig begreifen können,
§. 23.
Wenn einer Tagt, er wiffe nicht was das fey,
das in ihm denkt, fo will er fo viel fagen als:
er habe keine Erkenntnifs von der Subftanz
diefes denkenden Wefens ; und das behaupte
ich auch von der S.ibftanz eines dichten Kör-
pers, Noch mehr, wenn er fagt, er wiffe
nicht wie er denke, fo antworte ich, er hat
auch keinen Begriff davon, wie fein Körper
ausgedehnt ift, wie die dichten Theile deflel-
ben vereiniget find, oder zufammenhängen ,
dafs fie ein ausgedehntes Wefeu bilden- Wenn
man auch den Z u f a m men h a n g der ver-
fcuiedenen Materien theile aus dem
Druck der Lul'tlheile, welche kleinerfind
und gröfsere Zwischenräume haben, als jene, er-
kla-
Drei und zwanzigftcs Kapitel. 143,
klären wollte, fo kann doch die ScflWewfctaft
und der Druck der 1 ufttheile nicht die Ur fache
von dem Zufannnenhanga der Lut'nhe\.e Iclbft
feyn. Und follte etwa der Druck des Aethers
oder einer andern feinen Materie die Lufttheile
und andre Körper vereinigen u:k! zu'anunen-
hahen, fo kann in ihm doch nicht felbfi: der
Grund von dem Zufammenhange feiner eignen
Theile liegen. So Gnnreich slfb auch dief*
Hypothefe den Zufammenhang der wahrnehm-
baren Körper durch den Druck eines feinen
nicht wahrnehmbaren Körpers erkläret, fo er-
fireckt fie fich doch nicht über die Theile des
Aethers felhft; und je überzeugender fie dar-
thut, dafs der Zufarnmeuhang und die Verbin-
dung der Körper keine andere Urf.iche als den
äufsem Druck des Aethers haben kann, defto
mehr lüfst Ge uns in Anfehuug deflelbeo im
Dunkeln. Denn die ätherischen Körper kön-
nen als Körper felhft nicht anders, als aus Tnei-
len beftehend gedacht werden.
§. 24, .
Der Druck eines umgebenden flüffigen
Körpers kann aber nicht einmal wirklich als
die begreifliche Urfache von dem Z u-
l'aminenhang der feiten Theile der
Ivl a ter ie gedacht werden, wenn er auch hoch
fo grofs wäre. Denn er kann, wir- das Experi-
ment mit zwei gutten Maruiorpiatten bWeifsf,
wohl
144 Zweit«» BiwL.
Mobl hindern, dafs zwei glatte Oberflächen in
'.hier Linie, aber nicht dafs fie in einer
Oberflächen parallelen Linie von einander
.den werden. Die umgebende flüffige Ma-
ie bat nehinlich völlige Freiheit in jeden
.»•im zu treten, wo keine B wegung von der
die anzutreffen ift, und widerftthet daher der
Bewegung diefer fo verbundenen Körper nicht
m*-hr, als wenn diefer Körper von diefer Flüf-
ligkeit auF aller» Seiten umgeben und von kei-
nem andern Körper berührt würde, Und wenn
es daher keine andre Urfache des Zufammen-
bangs gäbe, fo müßten alle Theile der Körper
durch eine nach der Seite au gleitende Bewe-
gung leicht getrennt werden können. Denn
ift der Druck des Aethers die zureichende Urfa-
che von dem Zufammenhang, fo mufs dielet
aufhören, wo jene Urrache nicht wirken kann,
Diefes findet aber ftatt, wie wir vorher gezeigt
haben, bei einer 'horizontalen Trennung, da-
her könnte bei jeder denkbaren ebenen Fläche,
welche eine Malle von Materie durchlchneider,
nicht mehr Zufammenhang vorhanden feyn als
bei zwei poiirten Oberflächen , welche, unge-
achtet des vorgegebenen Drucks einer Flüffig-
keit, doch leicht von einander abgleiten. So
klar daher auch der Begriff ift, welchen wir
von der Ausdehnung der Körper (welche nichts
anders ift, als der Zufaminenhang drr dichten
Theile) zu haben glauben, fo kann man doch
nach
Drei und «vanzigfies Kapitels 14J
■ ach fchärFerer ErWagiing diefes lieg riß«, mit
Recht den Schrlufs machen, d;<Ts iqm eben
fo wenig bpj?r< ifpn k :nn . wic»fllei SeeT«-- denkt
als wie dt- Körpe» ausgedehnt ift Dnon da
ein Körper nicht anders als durch ^ip Vetei ii-
gung und der Zir.Mimpr.h f» feiner dicrnen
T teile au^gedehi:t ift, fo i i t die An d-hf.ii/ig
für uns fo lange unbegreiflich, als wir nicht
erkennen, worinn die Vereinigung und der
Z'ufammenhang <U-r Thei^e beuVhet. Das ift
aber wie mir feheint, fo unbegreiflich als die
bcfiin mte Art und Weife, wie das Denken
gefchiehet,
§. 23.
Ich weif« wr>h!, die meiftenMenfchen wun-
dern ficb gewöhnlich, wi» man SiJnvieiigkei-
ten bei einer 5^a he finden könne, welche man
taglich vor Augen liehet. Sei^n wir nicht,
werden Sie fageu , dafs die 7h:;le rh-r ' ör-
per feftzufamnie/ häng^r. ? G ■ l,r e 0 ttwis
b- ka.n teres? Und 'lüb.r kann man lieh . o ;h
Z • eifel erlauben? Ehe« da- behaup ' ich ^uch
in Anfehung de* Dt »>kens u^d der w. , [i i-
chen Bewegung, H^ben wir, e ich jeüen Au.
genbiiek Erfahrung; n davon in ti-i« feiÜßr und
kann man noch darin er zweifelhaft fey'n? Bei-
de Thatfachen find an lieh ' L»r, das ift nicht
zu hugnen, w^ □ man he aber etwa» näner
Locke«. II. TheÜ. K be-
146 Zweites Bm.Ii.
betrachten und unterfuchen will, wie fie ei-
gertlich wirklich werden, fo ift man verlegen»
und nun bpgreift fo wenig, wie die Körper
zufammrn'iängen , als wie wir denken oder
uns willkührüch bewegen. Ich fodere jeden
auf, mir zu erklären, wie es kommt, dafs
die Theile des Golds oder Kupfers, die bei
dem Schmelzen fo w»nig zufanimenhängen als
die WafTertropfen Oiier die Sandkörner in ei-
nem Stundenglafe, einige Augenblicke dar-t E
fo feft vereiniget Gnd , d-ifs die angeftreng'efte
Kraft eines menfcblichen Arms fie nicht tren-
nen kann. Jeder denkende Kopf mufs gelie-
hen , dafs er nicht im Stande ift, das auf eine
für ihn und andre befriedigende Weife zu er-
klären.
§. 26.
Die kleinen Körperchen , welche das flüf-
fige Wefen des Waflers ausmachen, find fo
klein, dafs ich noch nie von einem Menfchen
rühmen hörte, er habe ihre Giöfso, Geftalt
und Bewegung durch ein Microlkop entdeckt,
wenn es auch 10000 ja 100000 mal vergröfeer-
te. Alle diefe Theile hängen fo locker zufatn-
nien, dafs fie durch diegeriugfte Kraft getrennt
werden können, und wegen ihrer beftändigen
Bewegung kann man nicht einmal Zufammen-
hang unter ihnen annehmen. Und doch wer-
den
Drei und zwanzigftes Kapitel. I47
den di?Ce' kleinen Atomen durch eine fcharfe
Kälte fo innig vereinigt und zufammengekettet,
dafs fie nicht ohne grofse Gewalt zu trennen
find. Wer die Binder , welche die Aggregate
diefer unverbundenen kleinen Kö>per fo : r. ig
mit einander verbinden , wer den Kitt ausfin«
dig machen konnte, wodurch fie fo fefte an
einander gekettet werden , würde unttreitig
ein grofses bis jetzt unbekanntes Geheiranifs
entdecken, aber noch immer Weit gentig von
Erklärung der Ausdehnung der Körper entfernt
feyn. wofern er nicht zeigen könnte, worin
die Verbindung und Verkettung der 1 heile
diefer Bänder oder diefes Kittes oder 6er klein-
ften Materientheile beftünde. Es erhellet dar-
aus, dafs diefe urfpTÜugliche, und wie es fcheint
fo hekatinte Eigenfchatt der Körper nach näheret
Unterfachung eben fo unbegreiflich, ais irgend
eine Eigenfehaft der Seele, und dafs eine
dichte ausgedehnte Subftanz eben
fo unerklärbar ift, als eine den-
kende unmaterielle Subftanz, fo viele
Schwierigkeiten auch einige gegen die letzte
erheben,
§. 27.
Denn verfolgen wir unfere Gedanken et-
was weiter, fo werden wir finden, dafs der
Druck, aus dem man den Zusammenhang der
K a Kör-
148 Zweites Buch.
Körper erklären will, eben fo unbegreiflich ift,
als der Zufainritenhan« felbft. Wenn die Ma-
terie endlich ift, wie fie es denn wirklich ift,
fo verfetze man Geh in Gedanken an die Gren-
zen desUniverfums, und fuche die Bänder und
Reife zu erfonchen, welche die ganze Mafle
von Materie durch den Druck fo fefte zufam-
nienhalten, dafs dadurch der Stahl feine Fettig-
keit, der Diamant feine Härte uad Unauflös-
barkeit erhält. Wenn die Materie endlich ift,
fo mufs üe ihre Grenzen haben . und es mufs
da etwas vorhanden feyn , das ihre Trennung
und Zerflreuung hiudert. Und wenn man, um
diefsr Schwierigkeit auszuweichen , feine Zu-
flucht zur Hvpothefe einer unendlichen M terie
nehmen wollte, wird man dadurch mehr Licht
über den Zufammenhang der Körper verbrei-
ten? Wird man ihn verftändlir.her machen,
wenn man feinen Grund in der ungereimteften
und unbegreiflichften Hypofhefe zu finden
glaubt? Soviel fehlt daran, dafs wir von der
Ausdehnung, in Rückficht auf ihr Wefen und
Urfache einen klärern oder deutlichein Begriff
ah von dem Denken habeu" foliten.
§» 28.
Ein anderes Merkmal unfers Begriffs vorn
Körper ift das Vermögen, d i e Bewegung
du ich den S t of s mitzutheilen> und von
der
Drei und zwanzigßfis Kapitel. 149
dar Se ple das V e r rn ö g en, die Rewgnng
dureh Vörft eilungen anzufangen. Kla-
re Begriffe davon erhaben wir durch die tägli-
che Erfahrung. Wenn wir aber fracen, wie
das zugehet, (o befinden wir uns iu derfelben
Dunkelheit. Denn die Mitfheilung der Bewe-
g np durch den Stofs, wo dereine Körper
fo viel von feiner Bewegung verliert, als--der
andre erhält, welches der gewöbnlicbfte Fall
ift, können wir uns nicht anders denken, als
dafs die Bewegung aus einem Kö'per in den
andern übergehet; das ift abeT fo dunkel und
unbegreiflich , als wie die Seele unfern Kör-
per durch Vorfteüuiigen in Bewegung oder
Ruhe fetzt, weiches wir doch alle Augenblicke
wahrnehmen, Noch unbegreiflicher ift die
Vermehrung der. Bewegung durch den Stofs,
welche man wirkJich beobachtet oder doch zu-
weilen beobachtet zu haben glaubt. Es ift
alfo zwar eine klare Thatfache, dafs fowohl
durch den Stofs , als durch Vorftellungen Be-
wegung hervorgebracht wird; aber die Art
und Weife, wie das geichieh», ift bei dem
einen und andern für uns gleich unbegreiflich.
Wir mögen daher die Bewegung und ihre Mit-
theilung in Verhältnifs zu der 5eele oder zum
Körper betrachten, wie wir wollen, fo ift <-®ch
der Be-riff davon als Meikmal des Körpers
nicht klarer, cfenn als Meikmal der Seele. Und
was die thälige Bewegnngskraft betraft, fo ift
R 3 fie
H© Zwrites Bu«fe.
fie in einem Geifte noch klarer, als in einem
Körper» Denn zwei Körper, welche neben
einander ruhen , geben uns keinen Stoff zntn
Betriff vOn einem Vermögen des einen, den
andern in Bewegung zu fetzen, außer durch
eine fremde Bewegung; da hingegen die Seele
uns täglich Beifpiele von ihrer eignen Kraft
den köiper zu bewegen darbietet. Es ver-
dient daher wohl eine Unterfuchung, ob nicht
das thätige Bewegung-Vermögen eine eigen-
thümliche Eigenfchfat der Geifter. und das
leidende der Körper ift. Hieraus könn'e man
auch muthmarsen, dafs die erfchaffenen Gei
fier nicht von aller Materie befreiet find, weil
fie fowobl thäiig als leidend find. ,Das rein
geiftige YV'efen , Gott, ift nur allein thätig, die
blofse Materie blofs leidend y und es läfst Geh
daher denken, dafs diejenigen Wefen , welche
fowobl thätig als leidend find, Antheil an den
eigenihüinücben Eigenfchaften beider haben.-
Doch dem fey wie ihm wolle; genug wir ha-
ben eben fa viele klare Begriffe, welche (ich
auf Geifter, als welche fich auf Körper bezie-
hen , obgleich die Subltanzen von beiden uns
gleich unbekannt ift.
Mit einem Wort, die Sinne überzeugen
uns, dafs es ausgedehnte und die Reflexio^
dafs es denkende Subltanzen giebt. Dafs We-
fen
Drei und zwnnzigfies Kapitel. i5i
fen von beiden Arten exiftieren, und daf5 die
letztem das Vermögen haben, Körper durch,
dnn Stofs, die erftern aber das Vermögen,
Körper durch Vorftellungen zu bewegen, lind
unleugbare Erfahrungsfätze. Utber riiefe kla-
ren Begriffe hinaus, welche uns die Erfahrung
(o reichlich jeden Augenblick darbietet, reicht
unfer Eikenntnifsvermögen nicht. Nach allen
Verfuchen eines tiefern Forfchens bleibt uns
das Wefen , die Urfachen und die Entftehungs-
art der Ausdehnung fowohl als des Denkens
immer verborgen. Das eine läfst fich fo we-
nig erklären, als das andere, und es ift um
nichts begreiflicher , wie eine Subftanz, die
wir nicht kennen , einen Körper durch Vorftel-
lungen in Bewegung fetzen, als wie eine an-
dre eben fo unbekannte Subftanz eben das
durch den Stofs bewirken kann. Hieraus zie-
he ich den wahrfeheinliehen Schlufs, dafs die
einfachen Vorfteilungen , welche wir durch
die Sinne und die Reflexion erhalten, die
Grenzen unfers Denkens find, über welche
unter Verftand, ungeachtet aller Anftrengung,
doch keinen Schritt weiter in der Entdeckung
der Natur und der verborgenen Urfachen die-
ser Vorstellungen kommen kann.
K 4 §, 30»
1J2 Zvrcitci Ruch.
ReTultat der V c r g I e i c b u d ».
D*s Refultat der Vtftuleichung uvfers Be-
f'FFs von einntn Gvifte mit dem von einem
Ko > t i.l kürt ich .liefes. Die Subftanz des
Getftp; il\ iins tb"n fo unbekannt, als die s
£t m de* hörpe'S. Zwei urfnTiintjliche und
6igenth,h: li he Hgenfchjften fowohl das fei-
ft^-n ah körperlichen Wefen kennen wir, Bfld
kö:.i :"n fie uns durch deutliche Ke»riffe vor-
it i en, n^hmlich den Ztifammenhaug der dich-
ten Tieilc und die Bewegung durch den
SfoCs; das Denken und die Selbftth9tifckeit»
Wii haben ferner klare Begriffe vOu verfchie--
dene-' abgeleiteten Eigenlchaften des Köipers
und des Geiftes oder von den verschiedenen
Mo'üficationen der Ausdehnung und der Be-
wegung, des Denkens und des Wellens.
* §14
Wenn endlich der Begriff eines immateriel-
len Geiftes vielleicht einige n.hwer zu hebende
Schwierigkeiten enthält, io ift das doch eben
fo wenig e;n G.u d , die Exifteuz der Geifter
zu leugnen odei zu her weifein , als man des-
halb die Exiftenz der Körner leugnen oder in
Zweifel ziehen d.-rf. weil der Betriff derfel«
ben mit Schwierigkeiten verwickelt irt, welche
fett wer*
Drei -und xwaniigftes Kapitel. 1J3
fchwerlich oder gar nicht von uns können anfie-
lt} r und e» kläret werden. Denn ift wohl irt
dem Begriff drtne*- Gwrftes etwas fo verwick- ltf s
BdeT einem WideTfprurh ähnliches anzutreffen,
als die unendliche Theilbarkeit einer endli-
chen Ausdehnung ift, welche, man Iäugne
oder nehme fie an, uns in Folgerungen ver-
wickelt, welche gröTsere Schwierigkeiten und
fcheiuharere l^ragereirntheiten bei Geh führen,
als irgend etwas, da* aus dem Betriff einer im-
materiellen denkenden Subftanz kann abgelei-
tet werden.
J. 32.
Wir erkennen aufser den einfa-
chen Vo r ft ei 1 un g e n nichts.
Diefs darf uns nicht befremden. Denn bei
den wenigen oberflächlichen Begriffen . weiche
uns entweder von \offendiHgen durch die Sinne,
oder von dem, was wir in uns erfahren, durch
die Reflexion g< g*ben werden, haben wir auf-
fer di<;ren keine Erkenntnifs, nOch weniger
aber von dem Wefon und der innern E«riricb>
tung der Dinge, welche aufser den Grenzen
unfrer Vermög n lieget. Da wir nun in uns
fo gewi"s ein Vermögen der Erkcnntnifs und
der willkühriichen Bewegung durch die Eifäh«
run» kennen lernen, als wir aufsfr uns den
Zufammeuhang und Ttie Trennungdichter Thei-
K 5 le
7 weites Back.
Ausdehnung und Bewegnn» der
. i reo , lo muf; ?.as einerlei Grunde
dv-r B ;:iimaterieUen VVefens füwohl,
als der e'tae§ Körpers und die Ueberzeugung
von der Kxifteai des einen fowolil als des an-
dern für uns befriedigend ieyn. Die unabhän-
gige E.xi&enz einer Denkkraft ohne Ausdeh-
nung iß eben fa wenig widerfpreebend als das
unabhängige Dafeyn eines dichten We'ens ohne
Denk«-: \>> • ie fetten einfache, von einander ,
unabhängige Begriffe voraus. Der Begriff vom
Decken iß fo klar und deutlich als der Betriff
voo der Materie; keiner fetzt den andern vor-
aus. Waiuui follte es alfo widerfprechender
feyn, dafs ein denkendes Wefen ohne Matei ie,
d. h. ein unmarerielleS; als dafs ein ausge«
dehn l es Wefen ohne Denkkrafl, d. i. ein ma-
terielles Wpfen exiftiete. Verf uchen wir es,
?;öer ciiefe einfachen Begriffe hinauszugehen,
und tiefer in das Wefen der Dinge einzudrin-
gen, fo gerathen wir augenblicklich in Dunkel«
fieiten, Schwierigkeiten und Verwirrung, und
können doch nichts weiter, als unfre Blindheit
und Unwiffenheit entdecken. Und wenn auch
einer von diefen zufammengefetzten Begriffen
von Körper und Creift klärer feyn follte, fo ifi:
doch fo viel einleuchtend, dafs ße aus keinen
andern Beftandiheilen als denjenigen Vorftellun-
gen, weiche wir durch die Sinne und durch die
Reflexion erhalten, befteheü, Diefes gilt von
Drei und zwanzigfies Kapitel. 155
allen Begriffen der Subftaazen, felbfl vom Be-
griff Gottes,
$. -53.
B e g r i ff von Gott.
Wenn wir den Begriff untergehen, unter
welchem wir uns das höchfte unbegreifliche
WeTen denken, fo werden wir finden, dafs er
auf eben diefelbe Weife gebildet ift, als der Be-
griff von immateriellen Geifrern , und dafs beide
Zufamraepgefetzte Begriffe aus einfachen. Begrif-
fen der Reflexion begehen. Wir haben z. B.
durch die innere Erfahrung die Begriffe von
Exiftenzund Dauer, von ErkerSntnifs und Kraft,
VeTgnügcn und Glückfeligkrit , und von ver-
fchiedeuen andern Eigenfchaften und Vermö-
gen, deren Befitz beffer ift, als das Gegentheil.
Um nun einen Bfgriff zu bilden , der dem er-
habenften Wefen am angemeffenften ift, erwei-
tern wir jeden diefer Begriffe durch den Begriff
der U nend lichkeit; und fo entfteht durch,
die Verbindung dieter Begriffe, der zufammen-
gefetzte von Gott. Denn dafs das Gemüth ein
Vermögen hat, feine Vorftellangen aus der Sinn-
lichkeit und der Reflexion zu erweitern, ift
fehoa oben gezeigt worden,
§* 34.
' rf> ZrreiVs Buch.
' i- 34-
Ich beobachte an mir, dafs ich einige we-
Toge Dinge, und unter diefen finige, vielleicht
au< h alle, unvollkommen erkenne. Dar-uis
Kinn ich aber einen Begriff einer Erkern*;. ifa
\on doppeltem Umfange bilden, dielen Begriff
fo vielural erweitern, als heb Z<hleo verdop-
peln l^ffeu , bis er die Erkenntnifs aller wirkli-
ch* r. oder möglichen Dinge in fich fafst. L
da^ iafst fich auch mit der Vollkommenheit der
Erkenntnifs thnn, dajs fie z. B. alle Eigenfchaf-
ten . Vermögen, UrTachen, Folgen und \ erhält-
rifse der Dinge, kurz alles, was in ihnen ift,
oder lieh nur gewiffermaffen auf Ge bezieht,
begreift©. So entfteht der Begriff einer unend-
lichen oder grenzenlofen Erkenntnifs, Auf
eben diefe Weife lafst fich auch der Begriffder
Kraft bis zur Unendlichkeit und der BegTiff d«r
Dauer der Kxiftenz bis zur GrenzenIofi°keit und
zum Begriff ein-s ewigen Wefens erweitern.
Der Grad und der Uu.fanz der Exiftenz, der
Macht, Weisheit und aller at.dern unsjvorftell-
baren Vollkommenheiten t welche wir dem er-
habenff.cn Wefen, der Gottheit, beilegen, ift
grenzenlos und unendlich. Daraus bilden wir
den heften Begriff vOu Gott, chffen unfer Ver-
ffand e;: .ift, und zwar blofs durch die
Erweiterung der Vorftellungen , welche wir
ich die Reflexion von den Thätigkehea un-
Jers eignen Gtiftcs, und durch di« Sinne von
auf-
Drei und zwaruigfles Kapitel. i5/
äufsern Dingen b- kommen haben, bis 711 dem
Umfang, weicher die Uuenuiicluvtit. ia lieh
fciüiefst.
§• 3?.
Denn die Urien 'Üchkeit in Verbindung der
Begriffe von Exiftenz. ~, Ma-.-ht, Erkenntnifs u.
f. w, macht den Inhalt d s zufamrnengefetzten
Begriffs aus/ dunh weichen wir fo gut als wir
können uns das oberfte Wefen vorfteüen. Es
ift möglich ,: da"s Gott feinern Weieri nach '<las
wir noch weit weniger erkennen, ,ds das eines
lüefeifteias » einer Fliege oder untres Ich«) ein-
fach ift; allein für uns ift doch kein andrer üe-
griff, ab ein tufaineien^efetxter iTiöglich , tieften
Beftand heile jene einfache*!, von eina^id'ir ver-
fchiedenen Begriffe find, unter denen einige
auch wohl relativer und fdion züfammei efeu-
ter Art und. -
Es mufs hier noih bemerkt werden, dafs
Gott kein Merkmal beigelegt wird . die Unend-
lichkeit eiwa an ■ genommen, weichei nicht ia
dem zufammenge etzien Begriff von Geifern
enthalten ift. Denn auf^er den Begriff' n, wel-
che lieh auf Körper beziehen, find wir keiner
andern objeetiven empfänglich, ausser derjeni-
gen , die wir durch die Reflexion von d^n
Thätigkeiten unferer Seele erlargen, und wir
kön-
i5s Zwcic« ImicIi.
können daher auch keine indefe a!< diflfe dm
Geiftern bf-il^een. Aller Unteifcbied dieerfie-
grilfe tu Rücklicht Auf Gtifter, betrifft b!o$
Unter fehi «de in dein Uir.f.ing und Grad ihrer
Erkenntnifs . Macht, Datier und Glückfeli keit
u. f. w. Dafs wir aber in den Begriffen
von Geiftern fowohl als \On andern Dingen
auf den Stoff der Sinne und der Re-
flexion e i n % e fc hr ä n k t find, ift daraus
kl-ir, d&U wir bei allen Vorafljgen von körper-
lich! i) VVefen . ja bei der bis zur Unendlichkeit
erweiterten Vollkommenheit, die wir un>> in
deofelhen denken, doch (chlechterdings keinen
Begriff von der Art und Weife haben, wie fie
einander ihre Gedanken mitthei'en. Und doch
muffen fie, nachdem wir Ge uns denken, als
von allem Körperlichen getrennte Wefen, die
im Befiti einer gröfsern Erkenntnifs und G'n'ick-
felij;kfit find, auch eine vollkommenere Art der
Ideenmittheilung haben, als wir, die an den
Gebrauch materieller Zeichen und befonderer
Laute gebunden find. Jene Art kenneu wir
aber nicht, weil wir in uns keine Erfahrung
davon haben; und wir begreifen daher nicht,
wie körperlofe Geifter ohne Worte ihre Ge-
danken fchnell mittheilen, noch weniger wie
fie ihre Gedanken in ihrer Gewalt haben kön-
nen, um fie nach Willkühr roitzutheilen oder
zu verlieren , ungpachtet wir ihnen diefes V er-
müden beilegen muffen,
§• 37-
Drei und zwauzlgftes Kapitel. 15$
§. 97.
Wiederholung,
Wir haben allo »ereilen , von weichst Art
untere Begriffe von allen auu jeden Subfl'anzen
find, woraus fie beliehen, und wie. wir fie er-
langen. Hieraus ergeben fich, wie mich dünkt,
folgende Refu'uate, 1) Alle unfre Begriffe
den verTchieüenen Arien i'er Sul Sana 'Jen I
nur Verbindungen einfacher Vorftelluogen mit
VorausfeUung eines Etwas, dem Ge angehören,
und La dein fie gegründet lind, -. .. . ■ ;. erat
keinen klaren deutikhen Begriff haben. 2) Dai's
alle einfache Vorftellungen , die, in ein > ..'trat
vereinige», die mfammengefetzien Begriffe von
verfchiedenarligen Subftanzen bilden, keine an-
dern Gnd , als die wir durch tue Sinne und die
Reflexion ei halten. 3) Difs viele vou diefea
einfachen Vorfiellungen , ob fie gleich leicht
für Vorftelkwgen von pofitiven Eigenfchaften
angefehen werden können , doch nur auf Ver-
mögen und Verhältniüe der Subftanzen in Be-
ziehung auf einander hinweifen,
Vi et
i6o Zweite« Buch.
Viel- und zwanzigfies Kapilet.
Von collectiven Begriffen der Sub-
ita nzen.
$. U
Eincollectiver Begriffenthält Ein-
heit.
AuTser den zurammengerefiten Begriffen
von einzelned Snbftanzen, n\s Menfch, Pferd,
kommen in dem Verftande noch zu Tarn in en-
gefetzte collective Begriffe von Sub-
ftanzeu vnr Ich nenne fie f«> , weil mehrere
einzelne -Subftan/.eo in einen B griff vereiniget
werden, und man befrachtet diefe ab *inen
einzelnen Begriff. So wird der Begriff von ei-
ner Menge Meofchen, die eine Armee ausmacht,
nicht weniger als ein Betriff angefehen, als
der Begriff von einem Menfchen, obgleich durch
jenen eine eroTse Vielheit vQn verfchiedenen
Subfianzeu gedacht wird. Eben fo verhält es
fich mit dem Begriff Welt . der alle Körper iu-
fammenfufst. Denn zur Einheit eines Be-
griffs ift nichts weiter erfoderlich , als dafs er
als eine Vorfteliung, als ein Gemälde betrach-
tet wird . fo viele einzelne Vorsehungen und
Bilder auch er in fich vereiniget,
§. 2,
Yitv und zwanzigftes Kapitel. 161
§. 2.
Sie werden durch dasVerbindungs-
vermögen der Seele gebildet,
Diefa collectiven Begriffe bildet die Seele
durch ihr Verbindungsvermögen, wodurch fie
verfchiedene einfache oder züfammengefetzte
Begriffe in einen zufammenfaTit. Der V«r-
fiand verfährt dabei nicht anders, als bei Bil-
dung der Begriffe einzelner Subftanzen, oder
der Zahlbegriffe durch Verbindung mehrerer
Einheiten. Er fafst mehrere einzelne Subftan-
zen znfammen und bildet daraus die collecti-
Ven Begriffe von einer Ar-nee, Flotte, Sradt.
lederrnann fteUt (ich zufolge des ßewufstfeyBS
alle dieTe Gegenftänds unter einem Bi-*»riff
und un er einer fo volRomm- nen Einheit
als ein Schiff, ein Atom vor. Wie übrigens
eine Armee von i©roo Mann in einen Begriff
kann zufammengekifst werden, ift nicht fchvve-
rer zu begreifen, als wie ein Menfch durch
einen Begriff vorgeftellt werde; denn in bei-
den Fällen werden mehrere Vorftellungen in
eine zufanimengefafst.
$. 3.
Alle Werke der Kunft find collec-
tive r>egriffe.
Unter diefe collective Begriffe muffen die
meiften Begriffe von Kunftwerken, zum Wenig-
Locke'3. II. Theil. L ften
(l.Gi Zweites Buch.
fien folche , welch« aus vermiedenen Sub.-
Ranzen ziifammengeretzt find , gerechnet wer-
den. Und in Wahrheit alle diele collectiven
Begriffe, z. B. Armee, Sternbild, Univerfmn
find , wenn wir fie aus dem rechten Gefichta-
punete betrachten, nichts anders, als eben fo
riele kunftlofe Zeichnungen des Verftandes,
wodurch, er entfernte und unabhängige Dinge
in einen G«?Gchtspunkt vereiniget, um fie durch,
Hü'fe eines zusammenfallenden Begriffi und
Worts defto bequemer betrachten und unter-
fucheu zu können. Denn der Vcftand verei»
»iget, wie aus dem Begriff des Univsrfums er-
holet, arch die entfernteflen und entgegenge-
feuteuen Dinge in einen Begriff.
Fünf und zWartzigltei Kapitel.
Von dem Vorhältnifs.
§♦ i.
Was ein Verbältnifs i ft%
**urser den einfachen und zu Tarn mengefetzten
Begriffen von den Dingen an üch betrachtet,
grabt
Fünf und zwanzigfles Kapitel, 16$
giebt es noch andere , wen he aus der Vej^Iei-
chung mehrerer Din^e mit einander enrlp.rin-
gen. Der Verfta'Bd ift bei Betrachtung eines
Dinges nicht biols auf daffelbe emgefclnäiikt,
er kann einen Belnif gleichi ki. a: iTer (i. h
felbft fetzen, oder doch /.um wenigsten über
deufelb^n hinaus gehen, um zu ic-iitn , wie
er fich zu einem andern verhalt. Wenn der
Vrrftand ein Objact auf diefe Art betidLh'et,
daU er es nebten ein anderes ftelit, und reu
Bück wechfelsweife von dem einen auf nas
andre richtet , fo heilst das eine Besifhu g
(relatio)j die Merkmale, w Ichs demieil n
in dieier Rücklicht beig le - i Werdt«, und < as
Densen auf ein von de.i. e!b< n ver i.hiei. ei
Object hii, leiten , heii-en rflMue Merk-
male: und die mit einander * nen
Objecto heifsen b e 7 n £ e n e Dinge rela ■ed,
Ouiece des \ eri alt .11» s). Wenn der V( ntand
den C«jjus als ein g^wiü •■ reales Wefen be-
trachtei, lo nim nt er nie <ts in d>pft?n Hegriff
auf. als Wdi wirklich in dem Caju.s vorhanden
ift, z. B. Cajus ilt ein Menfch, er i(t weüs.
Aber das Prijdicat: er ift ein Ehemann, er
ift we'ifser feb liefet eine Beziehung auf eine
andere Perlon und ein anderes Ding ein. In
beiden Fällen wird das Denken auf etwas acif-
fer dem Cajus gerichtet , und zwei Dinge zum
Gegenftande der Betrachtung gemacht. jede,
fowohl einfach.© als zufammengeieute Vorfteb-
L 2 lung
10+ Zweite» Buch.
hing kann der Grund eines Verhaltnifles reyn,
infofern fie d^n Verfland veranlafst, zwei Ding«
neben einander zu (teilen und gleichfam auf
einmal ins Geficht zu f-flen , ob he gleich noch
immer als verfchieden betrachtet werden. So
ift in dein obigen Falle der Ehevertrag uud die
Vollziehung deflelben mit der Sempronia die
Veranlafljing zu dem Verbältniisbegriff Ehe-
mann, und dasPrädicat weifs, zu demVerhält-
nifsbtgriü, weifser in Beziehung auf einen
Quaderftein.
Verhällniffe laffen fich nicht
leicht vorftellen ohne relative
Ausdrücke»
Diefe und ähnliche Ve rhäl t niffe, wel-
che duTch relative Ausdrücke mit
w e c h fe 1 f e i t i g e r Beziehung ausgedrückt
werden, als Vater und Sohn, Grötser und
Kleiner. Urfache und Wirkung find für jeder-
mann bei dem erlten Anblick verftändiieh.
Denn die Ausdrücke Vater und Sohn, Mann
und Weib u. f. w. ftehen in fo naher Bezie-
hung, und hängen durch die Gewohnheit fo
fehr in dem Gedächtnifle zufammen, dafs,
wenn das eine genennt wird , der Verftand fo-
gleich von dem einen Objecte zum andern
übergeht, und das fo nahe gelegte Verhälmifs
wird
Fünf und zwanzigstes Kapitel. 1(55
I
Wird von niemand überfehen, oder bezweifelt,
Nicht fo leicht wird aber ein Verhältnifs be-
merkt , wo es in einer Sprache an Worten
fehlt, um beide Correlate auszudrücken (wie es
z. B mit dem Worte Beifchläferin der Fall ift,
denn da fällt die Beziehung nicht fo in die
Augen, durch welche eins auf das andere hin-
weifet, und ohne das andere nicht feyn kann.
Daher kommt es, dafs viele Worte , welche
doch nach näherer Betrachtung ein Verhältnifs
in lieh fchiiereo, Zeichen von auiTern Merk-
malen (ex ernal Denominations) genennt wer-
deu. Allein alle Worte, die nicht leere Töne
find, müflen eiuen Begriff anzeigen, der ent-
weder dem Objecte, worauf fie fieb beziehen,
als inneres pofitives Merkmal zukommt, oder
aus der Beziehung entfpringt, welche der Ver-
Itand zwilchen dem einen und andern Objecte
wahrnimmt, in welchem Falle er ein Verhält-
nifs in fich fchliefst. — Es giebt eine andre Art
von relativen Worten, die entweder nicht
dafür oder doch nicht für Zeichen äuflerer
Merkmale anee'ehen werden, ob fie gleich
unter dem Schein abroluter Merkmale, eia
nicht fo in die Augen fallendes Verhältnifs
enthaltep. Von diefer Art find z, B, die
Worte alt, grofs, unvollkommen, von
denen ich in den folgenden Kapiteln Mehre-
res fagen werde,
L 3 §4-
l66 Zweites fluch.
Das Verhäitnifs i ft von den Öia-
gen v ei Jen, weiche in Vei
h c. i 1 i! i f S fte l'j e n«
P^n bemerke ro»h, dnfs m< hrere Men-
fchrn iine»lei Kegriil von dt in Verhüll'..
ei es Ot>jec s haben können, «Ins f»e fich nich:
auf einerlei Art vorteilen. Z ß. diejenigen,
w- lohe von einem Menfthen fehr verfchieden
denken, können doch in dem Betriff eines
Vaters übereinftimmig leyn ; denn diefer Be-
griil bedeutet nur ein Accidenz des Menfchen,
eine Ha dluug, Wodurch er zur Erzeugung
feines Gleichen beitragt, wobei auf das , was
der Menfcfa fonCt ift oder Feyn kann, gar nicht
Rücklicht genommen wird.
§. 5,
Das Verhältnis kann fich ändern,
ohne Veränderung des Objects
dem es £ u k o tu m t.
Das Wefen des VerbültnitTes begeht alro
darin, d.ifs zwei Dinge mit einander ve- gli-
chen werden, und dein einen Oiler beiden in
«Kefei Hinficht ein Merkmal be. gelegt wird.
Wenn das eine von d<e!en Dingen entfernt
wird, oder rein Da fern verliert, fo hört auch
£as ;,b und üas Merkmal auf, ungeach-
tet
Ftfnf und zwanzigftes Kapitel. i6j
tet in dem andern Ohjecte keine Veränderung
vorgegangen ift. Cajus wird z. B, heute als
Vater betrachtet , und ift es morgea nicht
mehr, blnfs weil fein Sohn gpftorben ift. In
Cajus felbft aber ift keine Veränderung vorge-
gangen. Ja ein Ding kann zu einer und der-
felben Zeit entgegengefetzte Benennungen er-
halten, wenn es mit einem andern Objecre
verglichen wird, fo kann Cajus in Beziehung
auf verfchiedene Perfonen älter odert jünger,
ftärker oder ich wacher heifsen»
§. 6.
Ein Verhältnifs findet nur zwi-
fchen zwei Dingen ftatt.
Was wirklieh ifi, was exiftieren oder als
ein Ding betrachtet werden kann, das ift po-
fitiv. Alfo find nicht nur einfache Begriffe und
Subitanzen fondern auch Accideuzen pofitiv.
Denn obgleich die Theile, aus u eichen fie be-
fteben, beb oft auf einendes beziehen, fo wird
doch das Ganze als ein Diug betrachtet, we'thes
in uns einen zitfammengefetz <-n Begriff, gleich-
iam ein aus meinem Zilien beliebendes (-/<• mälde
hervorbringt, und es ift unter der Finheit eines
Begriffs und eines Waits ein pohtives od. r ab-
Iblutes Ding. So ift der Begriff von eifern Tri-
angel eine Familie u. f. w. ein abfoluter Begriff,
wenn gleich die Beltamuheue del^bea in Be-
L 4 zie-
lCt> Zweites Buch.
ziphung auf einander relativ find» Denn ein
Vcrhältnifj fidet nur Zwilchen zwei Dingen
ftatt , die an fich wirklich getrennt, oder als
verfebieden kurz als zwei Dinge geda<ht
werden. Lud dann muf^ ein Grund und ^ eran-
laäuiig zur Vergltichung vorhanden fe}n.
§ 7.
Alle Dinge find gewiffer Ver h ä 1 t-
nilfsmerkoialt empfänglich.
Ueber die Verhältnifle überhaupt laffen fich
folgende Bemerkm gen machen. I) Jedes
Ding, es fey ein einfacher Begriff oder Sub-
ita«,z. oiierAccidenz. oder Veihältnifs, oder auch
ein Wort zur Bezeichnung derlelben , kann
in unzählichen Beziehungen zu an-
dern Dingen betrachtet werden, woraus
der Reichthum der G d«nken und Worte gröfs-
tentbeils entlieht. So kann ein JVlenfch als
V^ter , Bruder , Sohn , Grofsvater , Enkel,
Schwiegervater, SchwiegeilOhn , Ehemann,
Freund, Feind, Unterthan, General, Richter,
Patron. Client, Profeffor, Europäer, Englän-
der, InfuLner, Diener, Herr , Befitzer , Vor-
gef-tzter, Untergebener, größer, kleiner, äl-
ter , jünger, gleichzeitig, ähnlich, unähn-
lr h und lo writer in unzählichen Beziehun-
gen gedacht werden. Denn feine Verhält-
niHe
Fünf und zwanzigftes Kapitel. 1Ö9
nifse find fo mannichfaltig, als er mit andern
Dingen in Rücklicht auf Einfhmmung, Verfchie-
denheit und andere Beziehungen kann ver-
glichen werden«
§. 8.
Die Begriffe der V e r h ä 1 1 n i ff e find
oft klärer, als die in Verhältnifs
flehenden Dinge.
II) Obgleich eiu Verhältnifs nicht zum rea-
len Wefen eines Dinges gehört, fondern etwas
Aeufjeres und Hinzugekommenes ift, fo find
doch die durch relative Worte bezeichneten
Begriffe oft klärer und deutlicher, als die Be-
griffe von den Subftanzen, denen die Verhält-
niffe zukommen. Der Begriff von einem Va-
ter oder Bruder ift; um vieles deutlicher als der
von einem Menfch; oder mit andern Worten,
man kann fich eher klar vorftellen, worin die
Vaterfchaft, als worin die Menfchheit beltrht,
was ein Freund als was Gott ift. Denn die Kennt-
nifs einer Handlung oder einer- einfachen Vor-
ftelluug ift oft zur Vorftellung eines Verhältnif»
fes hinreichend: aber zur Krkenntuifs einer
Subftanz gehört nothwendig eine richtige Ver-
bindung mannichfaltiger Begriffe. Sollte ein
IVJenfch, der zwei Dinge mit einander ver-
gleicht, nicht willen, in welcher Rückficht er
diele Vergleichnng anftellt? Das ift kaum denk-
L 5 fear,
»? Zweites Buch.
bir, iinrl er rndTfl lifo einen Maren B^ifr" rnn
dem V.. hihefr« Die Begriffe von
den V . i fT - n können a 1 Po z u in
\v e ui Ren v o llko iiinncr n rJ d d e u V] I-
cner ff y . i als von den S u b ft a n z e n.
Denn es Ui gernriaigliflb fchwrr, alle einfache
Vorstellungen zu ei kennen, welche in ein^r
S bftanz gegründet find, aber leicht, dirieii-
g^n zu beftinmen, die ein beftinimtes Verhält*
nifs ausmadicn. So kann einer ohne den Be-
lnif von MenTch zu haben, aus der Beziehung
zweier Men fallen a.if einen gemeinl'chaftiichen
Vater den Bebrüt von ihiidern bilden*
Alle VerhältnilTe löTen fich in ein-
fache Vor fiel l ur.gen auf.
111) Unbeachtet der grofsen Menge von Be*
Ziehungen , na«h Welchen Dinge mit einander
verglichen w irden können, lafstn P,q fich doch
alle *uf einfache \ i ;1 -Illingen der Empfindung
und Reflexion zu. ückführen, und fie haben zu-
letzt nur in Gegen fsa ml e. Ich werde
diefps nicht rurvon den vortiiglichften Verhält-
rtiffen , die wir in Heg'.ire geii^t haben', fon*
d-in auch von denjenigen beweisen, welche
voi diefer allgemeinen Quelle aller menfabli-
chen Erkenn tuiTö fich am vtfei teilen zu entfer-
nen fcheisen.
Fünf und .zwr.nzlgfi.es Kapitel. 171
§• '*.
Worte, w e 1 c h e den Verftand über
das bezeichnete Ob je et hinaus-
führen, find relativ.
■
IV) Da das Verhältnis die Vergleichurg ei-
nps Dinges mit einem andern verschiedenen ift,
fo ift jedes Wort relativ, welches den Ver-
ftand nothwendig auf andre Beg-iffe fü.'iet,
als ia dem Wefen des bezeichneten Ob/ects ge-
dacht werden. Ein fch warzer, luftiger, den«
kender. hungriger, düyftiger» Menfch find ab-
foiute Worte, weil he nichts anders anzeigen a
als was an diefem bezeichneten M»nfchen wirk-
lich ift. oder als wirklich gedacht wird. Die
Worte hingegen, Vater, Bruder, König, Ehe-
mann, Fchwärzirer und luftigerer, fetzen, anf-
ferdem beztichueten Objecte, noch etwas ver-
ftuicUents, aaiser deinltiben befindliches, voraus»
§ Ii.
Nach dieren voraus-elch-ckten Betr^chttin-
gpn übeT Vernältniffe überhaupt, werde ich
nun an einigen Bespielen zeigen, dafs alle Be-
griffe von V'erhältninVn , lo wie die übrigen,
aus einfachen V r(t' iiurigen ziifammen gefetzt
find, und dais he lic'h. ungeachtet ihrer Fein-
h it und 'chfinbtren Abltande von diefer Er-
h, ntni' quelle, in die'elben aidlöfen lafien,
Ich fange mit dem aU^e taeinftea Verhältnifs an,
r7' Zweites Buch.
welches alle wirkliche und mögliche Din?e um-
faßt, nehmlicb, dem Verhähnifs der Uifache
und VVirknug.
Sechs und zwanzigltes Kapitel.
Urfache und Wirkung nebft andern
Verhältnifsen.
§. r.
Woher dieTe Begriffe entfpringen,
Bey dem beftärd;gen Wechfel der Dinge,
welchen die Sinuc wahrnehmen, mufs fich uns
uothwendig die Beobachtung aufdringen , dafs
manche einzelne Snbftanzen und EigenCchaften
zu i?xiftieren anfangen , nnd dafs fie ihre Wirk-
lichkeit durch die dazu erforderliche Thätig-
keit und Wirkung eines andern Wefens erhal-
ten. Aus diefer Wahrnehmung entfpringt der
Begriff von Urfache und Wirkung. Was
eine einfache oder rufammengefeizte Vorftel-
liins hervorbringt, nennen wir überhaupt Ur-
fache und was hervorgebracht wird, Wir-
kung. Wenn wir z, B. fieden, daf» in der
Sub-
Sech» und zwanzigßes Kapitel. 173
Subftanz, die w;r Wachs nennen, die einfache
Vorftellung der Fliiffj^keit , welche vorher nicht '
in jener anzutreffen war, durch die Verbindung
mit einem gewiffen Grad von Hitze beftändig
hervorgebracht wird, fo nennen wir die Ietzta
in Beziehung auf die Flüfiigkeit Urfache, und
die Flüffigkeit die Wirkung. Wenn die Sub-
ftanz Holz, d. i. eiu gewiffer Inbegriff von ein-
fachen Vorftellungen durch die Einwirkung des
Feuers in eine andre Subftanz, Afche, d. i. ei-
nen andern Inbegriff von einfachen Vosftellwn-
gen verwandelt wird , fo ift das Feuer Urfache
und die Afche die Wirkung,
§. I*
Verfchiedene Arten der Entftehung,
So erlangen wir alfo den Begriff von Urfa-
che und Wirkung, Urfache ift nehmüch das-
jenige, was macht, dafs ein andres fing, entwe-
der eine einfache Vorftellung oder Subftanz oder
Accidenz zu leyn anfängt, Wirkurg d-isjeu-ge.
Was durch einandjes Ding entftanden ift. Nach
diefen Begriffe.i kann der Verltand ohne Schwie-
rigkeit zw« i Ai ten des, Entftehens der Dinge un-
terfcheiden,"* Die eine, wenn ein Ding ganz
neu entfteht, von dem vorher nicht ein Theil
fchon exiftirte; z. B. esentfteht eiii neuer Theil
von Materie in der Natur, der vorher noch
nicht war, Diefs nennen wir Schöpfung. Die
x zwei-
174
zweite Art des Eniftehens beliebet darin, dafa
ein Übe aus fchon \ uen Hieden *e-
bü'let wird, ob es gleich in der Verbindung,
welche dem zn'famrnengefetzten ß^giiif davon
eniTpiklu, nicht exiftirte, z. I Menfch,
Aiefes Ei. dief4 Hofe. Diefes Entliehen heifst
in Beziehung auf eine Subilanz , E 1 z e ug u n g,
wenn lie nach dem gewöhnlichen 1 ad der Na-
tur durch ein inneres Princip hervor gebracht
wird, welches aber durch Am Ein Hüls einer
äußern auf eine unerforfchÜLhe Art wirkenden
Urfache in Th'-uigk-it gefe-zt wird. Ilt aber
die Urfache äußerlich und die Wirkung durck
eine wahrnehmbare Trennung oder Verbin-
dung unter cheidbarer Theile hervorgebracht,
fo helfet das ein Machen, auf welche Art =lle
Kunfhwrke entliehen. Wird eine einf che
Vorltellung erzeugt, welciie vorher nicht in
dem Inbegriff dellelben Objekts war, fo heifst
es eine \eränd^rung. So wird ein Menfch
erzeugt, ein Gemälde aber gemacht, und
jedes derfelben verändert, wenn eine neue
ßefchaffenheit oder einfa« h. Vor eil ing hervor-
gebracht wird, welciie vonu-r in ihi>en nicht
war. A:le Dinge,-, welche auf diefe Art zum
Daleyn kommen, ohne dafs he vorher waren,
find Wirkungen, und alle diejenigen, wel*
phe zu iiir< ■*.! Dafeyp beitragen, L riachen.
Es ift in diefen und allen andern Fallen klar,
dafs die Begriffe von LT x i ü c u e und Wirkung
aus
Sechs und zwanzigstes Kapitel, I7>
aus Vorstellungen der Sinnlichkeit nnd Refle-
xion entliehen , und ilafs diefes Verbähnifs, wie
grofs auch fein Uuifans ift, Qfth'doch zuletzt in
jene Vörfteil'jrjgen auflöte« läfkt. Denn zur
Entßebung diefer Begriffe ift nichts weiter er-
fod^rlich als die Wahl nehm ung , dafs eine ein«
fa he Vorfteliimg odef eine Subffanz d-.r-.h die
Tha'itkeit, eines andern Dinr.es zu feyn an-
fängt, ohne die Ait und Wtiie diefer Thäüg-
keit zu willen.
§. 3.
Verhältniffae der Zeit,
Auf Zeit und Ort gründen (ich auch Ver-
hältnille von grO sein Uinfartg, die lieft zum
wenigen auf ade endluhe Wefer< erstrecken.
Ich habe Ithon an einein andern Orte gezeigt,
wie wir dii e ß g» ÜTV «klangen und ich begnü-
ge mich daher, hier blofs anzuzeigen , riw's die
meiften Zeitbefü :- l der Dinge blofs Ver-
hältniffe lind. Wenn man z. B, Tagt: die Kö-
nigin Elifabeih lel.tc 69 und regierte 4'3 iahr,
fo fchliefsen diefe Worte ein VerhäUnifs dieier
Zeit zu einer andern in Geh, und bßd
viel, als ihre Regierung*- und Lebenszeit ift 45
und6o,jähilichi-nUi!'N' i zc-itM d; ! !
So ift es mit aHen Worten, wi , dia-
Frage wie lange Zeit und wenn? bezie-
hen» Man beftimint in dem letzten 1'aAe die
Em*
176 Zweites Euch.
I' tfernung eines Zeitpuncts von «iner langem
Periode, mit welcher jener Zeitpunkt in Ber-
uft gefetzt und genießen wird.
§. 4.
Es giebt aufser diefen noch andere Worte
v 1:1 Zfitbeftiunnungen , welche, ob fie gleich
al) oiute ßegi uTe zu bezeichnen fcheinen , doch
nach näherer Unterfuchung als relativ befun-
den werden. Von dieier Art find dieAVorte,
lung. Alt u, f. w. welche die Beziehung eine»
Dinges auf eine gewiffe von uns vorgeftellte
Zeirläuge enthalten. Wenn wir fagen, diefer
Menfchift jung, fo heifst das fo viel, als: fein
Alter ift ein kleiner Theil der Lebensdauer,
welche Menfchen gewöhnlich erreichen, und
die wir auf 70 Iahre fetzen; und alt heifst
dann derjenige, der diefe Reihe von Iahren faft
zurückgelegt hat, welche die Menfchen ge-
wöhnlich nicht zu überfch reiten ^Hrgen, Es
ift allo offenbar, dafs diefe Ausdrücke Telativ
find, welches noch klärer wird, wenn wir fie
in Beziehung auf andre Dinge betrachten. Ein
Menfch heifst jung im zwanzigften, und fehr
jung in dem üebenten fahre; ein Pferd nen-
nen wir aber fchon alt im zwanzigften und
einen Hund im liebenten Iahre. In allen die-
fen Fällen vergleichen wir das Alter diefer Thie*
re mit der Lebensdauer , welche nach dem Lauf
der Natur verfchieden ift. Obgleich aber die
Sonne
Sech» und zwanzigßeg Kapitel. 17?
Sonne und die Sterne länger exifiiret haben 4
als viele Menfchenalter, fo nennen1 wir fie doch
nicht alt, weil wir die Zeitlänge ihrer von Gott
beftimmten Dauer nicht wiflen, Diefe Ausdrü-
cke beziehen fich alfo nur auf diejenigen Dinge,
von denen fich beobachten läfst, dafs fie, nach
dem Lauf der Natur, durch natürliche Urfa-
chen in einer gevviflen Zeit das Ende ihres Da-
feyns erreichen, wo wir alfo einen Mafsftab ha-
ben, mit welchem wir die verfchiedenen Zeit-
längen ihrer Exiftenz vergleichen können. Nur.
in diefer Beziehung heifsen fie jung oder alt*
Hingegen laffen fich diefe Ausdrücke nicht auf:
einen Rubin oder Diamant anwenden , weil wir
nicht willen , wie lange ihre natürliche Dauer
währet,
Verhäl tniTs e des Orts und der Aus«
dehnung,
Die Verhältniffe der Dinge in Anfehung ih-
res Orts und ihrer Entfernung z. B. oben, un-
ten, eine Meile von London, find leicht zu be-
merken. Aber einige BegrifFe von der Aus-
dehnung und derGröfse, fo wie von der Dauer
find' relativ, ob es gleich ihre Worte nicht zu
feyn fcheinen, z. B. grofs, klein. Denn
auch hier haben wir durch die Beobachtung
der gewöhnlichften Dinge einer Ait gewifle fe-
Locke'«, II. Th«ä. M ft«
178 Zweites Buch.
fte Begriffe von ihrer Grüfte gebildet, die uns
Zdm Miafsßfibe bei der Gröfsenfchätzung ande-
rer dierien. So nennen wir einen grofssn Apfel
denjenigen", der gröfser ift, als die bei uns ge-
wöhnliche Art, und ein kleines Pferd dasjenige,
■welches unter der Vorftellung i(t, die wir von
der Gröfse gewöhnlicher Pferde haben. Was
daher für einen Italiener ein grofses Pferd
ift, das wird in Flandern ein kleines leyn, weil
in beiden •ändern verfchiedene Pferderaeen ge-
zogen werden, und fich daher auch verfchie-
dene Begriffe von d'er Gröfse der Pferde gebil-
det haben»
§. 6.
Absolute Ausdrücke bezeichnen
oft Vkrhaltnifse»
Schwach und ftark find ebenfalls rela-
tive Ausdrücke in Beziehung auf die Begriffe,
welche wir zu der Zeit von uröiserer oder klei-
nerer KTaft haben. Ein ichwacher Menfch be-
deutet einen folchen, der nicht fö viel Kräfte
befitzt, als gewöhnlich Menfchen von feiner
Gröfse haben. "Werft wir lagen, alle Creatu-
Ten find Tchwac'ue Wefen, fo ift fchwach, ein
relativer Ausdruck, der die Ungleichheit des
Verhältnifses zwifchen derKr?ii Gattes und der
Gelchöpie bezeichnet. Es gittbt in den Spra-
chen eine gröfse Men^e von Worten, welche
Ver-
Sieben und zwanzigltes Kapitel, l^jf
Verhältnifle ausdrücken, wenn gleich diefe Be-
deutung bei dem erfien Anblick nicht einleuch-
tet, Z. B. das Schiff iß mit dem nöfhrgenVor-
rath verfehen; beide Ausdrucke find von rela-
tiver Art; das eine beziehet Geh auf die Vollen-
dung dar vorgefetzten Reife, das andre auf
den künftigen Gebrauch. Dafs alle diefe Ver»
hältnifle auf Vorßelhmgen der Sinnlichkeit und
Reflexion befchränkt und, und (ich in diefel-
ben auflüfen , iß zu klar, als dafs es noch eine
Erklärung erfoderte»
Sieben und zwanzigftes Kapit«I,
Von der Identität und Verfchiedenheit
$. r,
Worin die Identität befteht.
Eine andre Veranlagung 'zu Vergleichun>
gen erhält def Verftand felbft durch das Da-
feyn der Dinge. Ein Ding wird nehmlich
als in einer beßimmten Zeit und beßimmten
Orte exiftierend gedacht, und mit fich felbft
unter andern Zeit- und Räumverhältnifien ver-
M a gli-
jgo Zweites Buch.
glühen. Daraus entn>hen die BagrifFe von
Identität uml V e r f c hi eden h e i t. Wenn
vrir fehen , dafs ein Ding in einem Zeitpunk-
te in einem gewiffen Orte ilt, fo find wir
überzeugt , dafs es — es ley Wut es wolle —
dafselbe Ding und nicht ein andres iß, wel-
ches zu derfelben Zeit in einem andern Rau«
ine ift, wenn es auch iu andern Riickfichten
ganz ähnlich und von jenem nicht zu unterfchei-
den wäre. Hierin beftehet'die Identität, wenn
die Merkmale, denen fie beigelegt wird, in dem
jetzigen Zeitpuncte in Vergleichung mit einem
vorhergehenden, (ich ganz und gar nicht ver-
ändert haben. Denn es ift weder denkbar noch
ein Gegenftand der ^Vahrnehrnung, dafs zwei
Dinge derfelben Ait in demfelben Räume und
in derfelben Zeit exiftieren, und d^her ift der
Schlufs gnnz richtig, daTs, was in einer Zeit ir-
gendwo exiftiret, in demfelben Räume allein
ift, und alle Dinge derfelben Art ausfchliefst.
Die Frage, ob ein Ding daffelbe fey oder nicht,
beziehet Geh daher allezeit auf etwas, das zu
derfelben Zeit in demfelben Räume exiftiert ,
und von dem es gewifs ift, dafs es in demfel-
ben Augenblicke mit fich felbft einerlei und
nicht verfchieden ift. Hieraus folgt, dafs "we-
der ein Ding einen gedoppelten Anfang feiner
ExifterjZi noch zwei Dinge einerlei Anfang ha-
ben können; denn unmöglich können zwei
Dinge von einerlei Art zu einer Zeit in einem
Raums
Sieben und zvranzigfies Kapitel. Ij/
Räume , oder ein und dafTelbe Ding zu einer
Zeit in verfchiedenen Räumen feyn. Was alfo
einen Anfang hat ift ein und dafTelbe, was aber
einen andern Anfang in Raum und Zeit hat,
ift ein von demfelben verfcbiedenes Ding.
Die Schwierigkeiten in Anfehung diefes Ver-
hältniiles emfprangen aus der Vernachläfiigung
beftimmter Begriffe von den Dingen , denen
Identität beigelegt wird,
§. 2.
Identität der Subftanzen und Ac-
cid e n zen.
Wir können uns nur drei verfchiedene Ar-
ten von Subftanzen denken; Gott, endliche
vorftellende \V e f e n : nd Körper, Erft-
lich Gott ift ohne Anfang, ewig, unverän-
derlich und allgegenwärtig, über Itiue Identi-
tät kann daher nicht der geringfte Zweifel
ftatt finden. Zweitens da jeder der endli-
chen Gejfter beim Anfang feines Dafeyns feine
beftiminte Stelle in Zeit und Raum hat, fo
mufs ihre Identität, fo lange als üe exiftieren,
jederzeit nach dem Verhältnifs zu derfelben
Zeit lund demfelben Orte beftimmt werden»
Drittens. Eben d*s gilt auch von jedem
Theil der Materie. Jeder Theil 'ift noch der-
felbe, infofern er keinen Zuwachs und keine
Abnahme erlitten hat. Denn obgleich diefe
M 3 drsi
I|J Zweite« Buch.
drei Arten von Subfhnzen, wie wir fie nen-
nen , einander nicht ans detnfelben Raum«
ausfchliefsen , fo muffen wir doch nothwendig
denken, dafs jeder derfelben eine andre der-
selben Art aus demTelben Räume ausschliefst.
Sonft würden die BegrifFe der Identität und
Verfchiedenheit ohne Nutzen feyn , und man
könnte keine Subftanz, kein Ding von dem
andern unterfcheiden. Gefetzt zwei Körper
könnten zu einer Zeit in einem und demfelben
Räume feyn , fo müfsten zwei Theile der Ma-
terie, fie feyen grofs oder klein, identifch,
ja alle Körper ein und derfelbe Körper feyn.
Denn was bei zwei Materientheilen möglich
ift, mufs auch bei allen Körpern ftatt finden»
Jene Vorausfetzung hebt alfo die Unterfchei-
dung zwifchen Identität und Verfchiedenheit
auf, und macht fie ungereimt. Allein diefe
Verhältniffe und Vergleichungsarten find faß
begründet und von guten Nutzen für den Ver-
Itand, weil es ein Widerfpruch ift, dafs zwei
■und mehrere Dinge ein Ding feyn füllen — Da
alle andre Dinge nur Beftimraurgen und Ver-
hältniffe find, welche fich zuletzt auf Subftan-
zen beziehen , fo wird die Identität und Ver-
fchiedenheit ihres befördern Dafeyns auf eben
diefelbe Weife beftimrnt feyn. Was aber die
Dinge betrifft, deren Exiftenz in einer Zeitfol- j
gebefteht, dergleichen die Wirkungen endü.
euer Dinge , z, ß, die Bewegung und das Den-
ken
Sieben und zwanzigstes Kipittl. l85
ken find, fo kann über ihre l erfchiedenheit
lein Zweifel fta(t finden. Denn in dem Au-
genblick, da fie anfangen zu (eya, hören fio
auch wieder auf; fie können alfo nicht in ver-
fchiedenen Zeilen und in verfchiedenen Räumen
■wie beharrliche Wefen exiftieren. Und daher
Jtann keine Bewegung, kein Gedanke infofern
fie in verfchiedeuen Zeiten betrachtet werden»
üientifch feyn, da jeder Theil derfelben einen
indem Anfang der Exiftenz hau
§• 3.
Das Priacip der Individuation«
Aus dem GeTagten lafst fich leicht das Prin-
cip der [Individuation entdecken, nach dem
man fo. lange geforfcht hat. Offenbar ift es
die Exiftenz felbft, welche ein Wefen einer Art
zu einer individuellen Stelle in der Zeit und
im Räume beftimmt, die zwei Wefen derfelben
Art nicht mir^ciheilt werden kann. Diefes
Icheint 'zwar klärer an einfachen Subftanzen
und B?fitimmun«cn zu feyn; doch hat es auch
nicht mehr Schwierigkeit bei znlammengefetz-
ten, wenn man fich nur das Object deutlich
denkt , wora'uf diefes Prinzip angewendet
wird. Wir wollen z. B. fetzen, ein Atorn
d, i. ein zuf-mimenhiingender Körper mit einer
unveränderlichen Fläche , exiftire ia einer ba-
ftimaitea Zeit und einem beflimmten Räume.
M 4 . Es
184 Zweites Buch.
Ee ift klar, dar< er in jedem Moment feiner
Exiftenz betrachtet mit fich felbft, id< milch ift;
Denn er ift demfelben Moment das was er ift
und nichts andere, alfo identifcb. und fo tauft
er beharren, fo lanee als er exiftiret. Wenn
zwei oder mehrere Atomen in eine Mafle ver-
einiget werden , fo mufs nach diefer Regel
jeder derfelben feine Identität behalten, und die
Maffe, infofern fie aus denfelbcn Atomen be-
ftehet , dieCelbe Maffe oder Körper bleiben,
ohne Rückficht auf Veränderungen in dem
Zufammenhang der Tbeile. . Nach Wegnahme
eines diefer Atomen oder durch Hinzufetzimg
eines neuen, ift es aber nicht mebr dieMbe
MaJTe oder derfelbe Körper. l>ei lebenden We-
fen hingegen hängt die Identität von etwas
andern , nicht von der Maffe derfelben Be-
ßandtheile ab; ihre Veränderung hat keinen
Eiuflufs auf die Identität. Eine Eiche, wel-
che aus einer Pflanze zu einem grofsen Baume
aufwächft, und dann behauen wird, ift immer
diefelbe Eiche; ein Füllen wächft auf zu einem
I?ferde, ift zuweilen fett, zuweilen 'mager,
und bleibt dabei immer daflelbe Pferd; Und
doch geht in beiden Fällen offenbar eine grofse
Veränderung in den Theilen vor, und es ift
nicht immer diefelbe Malle von Materie vor-
handen. Der Grund d.ivon liegt darinn , dars
|n beiden Fallen, bei der Malle der Materie
und
Sieben uncl rvranzigftes Kapitel. iSj
K
und einem belebten Körper die Identität nicht
auf einerlei Ding angewendet wird,
§. 4>
Wir muffen alfo unterziehen , worin eine
Eiche von einer blof^n Maffe von Materie
uuterfchieden ift. Diefer Unterfchied Scheint
mir darin zu beftehen. Eine MalTe Materie
ift blofs ein Zufammenhang von Materienthei-
len , wobei die Verbiudimgsart der Tht-ile
gleichgültig ift. Bei der Eiche ift aber eitie
beftimmte Einrichtung der Theüe, wodurch he
zu Theilen einer Eiche werden, eine gewilfe
Organilation derfelben rothig , wodurch die
Aufnahme und Vertheilung der Nahrungsmit-
tel, die Forldauer und Bildung des Holzes, der
Rinde und Blätter einer Eiche möglich wird.
Und darin befteht das vegetdbihTche Leben.
Da alfojeine Pflanze ein Wefen ift, welches
eine folche Organifation der Thpile in einem
zufamrneiihängenden Körper, und Aritheil au
einem gern ei nfchaf fliehen Leben hat, fo dau-
ert es als diefelbe Pflanze fo lange fort, als es.
an demfelben Leben Arrtheil hat, ungeacht-t
diefes -neuen Theilen luitgetheilt wird, welch«
durch eine fortgefetzt», ähnliehe, diefer Pfian-
zenart angemelfene Organifation organifch mit
der Piianze vereiniget werden. Denn diefe
M 5 Oiga-
l&6 Zweit« Buek.
Org^nifation , welche in einem gewiflen Zeit-
punkt in einer Maffe Materie iß, ift dadurch
von allen andern OrganiTationen verfchieden,
und fie ift das individuelle Leben, welches
bei der ftetigen unmerklichen und fuccefhven
Verbindung neuer Theile mit der Pflanze, von
die em Zeitpuncte an vorwärts und rückwärts
beftandig in der OrganiTation fortdauert. Dar-
in iß die Identität gegründet, welche macht,
dafs die Pflanze immer diefelbe Pflanze i und
jhreTheile.Theile derfelben Pflanze find, fo lan-
ge, al$ Ge durch die fortdauernde Organifation in
Verbindung exiftieren , welche über alle ver-
bundene Theile das gemeinfcbaftliche Leben
verbreitet,
§. 5.
Identität der Thiere.
Eben das gilt mit fo weniger Veränderung
von den Thieren , dafs man daraus leicht das
Wefen des Thieres und den Grund eiufehen
kann, der macht, dafs ein Thier als identifch
fortdauert. Etwas ähnliches davon finden wir
au Mafchinen, die daher zur Erläuterung die-
nen können. Was ift zum Beifpiel eine Uhr?
doch nichts anders als eine zu einem gewiffen
Zweck tauglich eingerichtete Bildung und Ver-
bindung gewiffer Theile, welche, wenn ei-
ne hinrsichende Kraft hinzukommt, jenen
Zweck
Sieben urn3 zwanzigßes Kapitel. lS7
Zweck erreichen kann. Gefetzt, diefe Ma-
fchine wäre ein zufamraenhängender Körper,
deflen organifche Theile durch eine unaufhör-
liche Zufetzung oder Trennung unmerklicher
Theile vermöge eines ger&einfchaftlicben Le-
bens erfetfct, vergröfsert oder verkleinert wür-
den, fo hätten wir etwas Aehnliches von dem
Körper eines Tbieres, nur mit dem Unter-
fchie.de , dafs in einem Thiere cj*e Fähigkeit
zur Organifation und der Bewegung, in wei-
cher das Leben beftehet, einen gemeinfchaft-
lichen Anfang haben , indem die letztere, die
Bewegung, ihren Grund in dem innern Bau
hat, da hingegen bei Mafchinen die Krr.ft,
welche von auflen kommt, oft fehlet, wenn
die Thei{e derrelben in Ordnung und gut ein-
gerichtet find, um die Einwirkun* der Kraft
aufzunehmen.
§. 6.
Identität des Menfcb-en.
Hieraus erheilet auch, worin die Identität
eines Menfchen beftehet, nehmlichj in. der
Theilnahme an demfelben Leben, welches bei
dem beftändigen Wechfel dsr Materientheile, dis
mit dem organifchen Körper organifch verhun-
gern Werden , fortdauert. Wer üe in etwas
andern beliehen lilfst , als nach Analogie der
Thiere in der bei allem Wechfel des Th»ile
, ' fort-
188 Zweites Buch.
fortdauernden Organifation zum Leben, der
wird wohl fchwerlich ein Embryo, einen er-
wachsenen, w.mnfinnigen und vernünftigen
Menfcben zu einem und demfelben Menfchen
durch eine Hypothefe machen können, nach
welcher es nicht unmöglich ift, dafs Sokrates,
Pilatus, Auguftinus, und Cäfar Borgia ein und
derfelbe MenfcU waren» *) Denn wenn die
Itlentität der Seele zur Identität des Men-
fchen hinreichaud , und kein Grund in der
INatur der Materie enthalten ift, wodurch es
unmöglich wird, dafs daffelbe Individuum mit
verfchiedenen Körpern vereiniget werden kann»
fo mufs es möglich feyn , dafs diefe Menfchen
von verfchiedeuen Zeitaltern , und verfchiede-
nen Sinnesarten ein und derfelbe Menfch wa-
ren. Eine Vorftellungsart, welche einen auf-
fallenden Gebrauch des Worts Menfch und
einen Begriff von demfelben vorausletzt, aus
welchem der Körper und die äufsere Geftalt
ausgefchlofjfen ift, und Hell noch weniger mit
den Begriffen derjenigen Philofophen verträgt,
welche eine Wanderung der Seeleu, und die
Mög-
*} Im Original fteht : by any Suppofition , that
will not make it poffible for Socrates Pia-
te etc. to bn the fame Man. Ich habe aber übei-
fetzt , als lnefse es: that will not make
impoffible, welches der Zufammenhang fo-
deit.
Sieben und zwarizigftes Kapital. 189
Möglichkeit annehmen, dafs die Seelen der
Menfchen ihrer Vergehungen wegen in Kör-
per der Thiere verftofsen werden , um eine
Wohnung und Organifaiion zu finden, wel-
che der Befriedigung ihrer thierifchen Neigun-
gen angemeffen ift. Aber ficherlich würde
kein Menfch , wäre er auch gewlfs über-
zeugt , dafs die Seele des Heliogabalus
in eines feiner Schweine gewandert wärej
behaupten, diefcs Schwein fey ein Menfch
oder Heliogabalus.
§• 7.
Alle Arten von Identität werden daher we-
der unter der Einheit der Subftanz begriffen,
noch durch fie in jedem Falle beftimrat. Um
fie richtig vorzustellen und zu beurtheilen,
mufs man den Begriff des Worts, mit welchem
die Identität verbunden wird, betrachten.
Wenn die Worte Per fon. Menfch, Sub-
ft a n>z drei verfchiedene Begriffe bezeichnen^
fo ift auch derfelbe Menfch, diefelbe
Per fon und diefelbe Subftanz keines-
wegs einerlei. Etwas mehr Aufmerkfamkeit
auf diefen Unterfchied würde wahrfcheinlich
der Verwirrung und den Schwierigkeiten, wel-
che in dieler Materie vorzüglich in Anfehung
der perfünlichen Identität herrfchen, gröfsten-
theils vorgebeugt haben. Wir gehen daher
jetzt zur Betrachtung der letztem fort*
thfcils
I$o Zweites Buch.
§• «•
Ein Thier ift ein lebender organifcher Kör-
per. Daffrlbe Thier dauert alfo fort, wie wir
fchon bemeikt haben , wenn eben daffelbe Le*
ben allen verfchiedenen Theilen der Materie»
welche nach und nach mit diefem lebenden
ortanifeben Körper vereiniget werden, unun-
terbrochen mitgetheilt wird. Scharffinnige
Beobachtungen fetzen es aufler allem Zwei*
fei» dafs ungeachtet aller noch fo abweichen*-
den Erklärungen, der Begr i ff, der durch das
Wort Menfch bezeichnet wird, nichts an-
ders ifi als ein Thier von einer folchen be»
ftimmten Form. Denn ich darf wohl kühn
behaupten,' dafs jeder, der ein Wefen von
feiner Form uud Geftalt fieht, follte es auch
fein ganzes Leben hindurch nicht mehr
Vernunft äu'sern . als eine Katze oder ein
Papagey, doch daffelbe immer einen Men-
fthen nennen, hingegen eine Katze oder ei-
nen Päpägey » wenn er fie auch reden , den-
ken und philofophiren hörte, doch nur für
«ine Katie oder einen Papagey halten würde j
er würde immer nur lagen, jener Menfch fey
dumm, ohne Vernunft, der Papagey aber ein
verständiger vernünftiger Papagey. *) Nach
mei-
*) Zinn Jieweife , dafs diefe ITvpothefe von
einem vernünftigen Papagey* -nicht fo
Sieben und zwanzigfies Kapital» igj
meiner Ueberzeugung macht zum wenigften in
deu Augen der meiften Monfchen der Begriff
eines denkenden und Vernünftigen Wefens den
Begriff eines Meufchen nicht allein aui ; es
gehört noch dazu ein unit derofelben vereinig-
ter Körper von befiimwiter Form, Und wenn
das ift* Tq gehört zur Identität des Menfchen.
nicht .nur deiTelbe immaterielle Geilt, fondera.
auch derfelbe Körper, der zwar nach und nach»
aber nicht ganz auf einmal verändert wird,
U 9-
Per fönliche Identität»
Nachdem wir diefes vorausgeschickt haben;
muffen wir, um den Begriff der per fön li-
ehen Identität zu finden > unterfuchen, was
das Wort Perfon bedeutet, Perfon ift »
wie ich. glaube, ein denkendes VVefen, das
Vernunft und Beachtungsvermögen hat und fich
als ßch felbft, d. h. als ein und dafielbe den.
kende Wefen in verfchiedenen Zeiten und Or«
ten betrachten kann. Diefes ift allein durch
das
geradezu zu verwerfen fey , Führt Locke aus
William T e m ri I e s T.l e m o i r s o £ wkat
pa ffe d in t he Ohr ift e nd om from 1673 to
167g. tine Inftanz von einem fprechenden Papa*
gey in Brafilieu an, welche wir,- unbefchadet
des ganzen Rafumiementtj hier füglich wegWlt«
konnten.
191 Zweites P>n> li.
da« BewuTstreyn möglich; welches, meines Er-
a< Mens, dem Denken wefentlich und vnn dein-
fclben unzertrennlich ift. Denn man kann
n'uht denken, ohne lieh deflen bewufst zu
ftyu. Wenn wir fehen, hören, nachdenken,
wollen, fo willen wir, dafs diefes in uns vor-
gehet; und fo ift es bei jedem Empfinden und
Denken. Dadurch ift jedes denkende Wefen
für lieh da<, was es fein Selbft nennt; info-
fern in diefem Falle noch nicht unterlucht wird,
ob dalTelbe Seibit in derfelben oder in ver-
rchiedeaea Subftanzen fortdauert. Denn weil
das Bewufstfeyn {«derzeit das Deuken begleitet,
und dasjenige ift, was macht, dafs jeder das
ift, was er lein Selbft ( Ich ) nennt und wo-
durch er fich von allen andern dankenden We-
fan uiiterfcheidet , fo beftehet darin allein die
per Tön liehe Identität, d. i, die Identi-
tät eines vernünftigen Wefen s. So weit fich
diefes llewufofeyn auf vergangene Handlungen
und Deiik-ikte erstrecken k;inn, fo weit reichet
•lieh die It'entit.it derfelben Perfon ; ße ilt noch
dalTelbe Srlbft, welches lie damals war, und
fie rt-nectiTt jetzt wie ehedem duich daflelbe
über ihre eignen Thätigkeiten.
§. 10.
Aber nun entfieht noch eine andre Frage: ift
diefes Selbft auch, diefeltje identifche Subftauz?
Wenige Menfchen würden fich für berechtiget
hal-
Si«b«n und zwanzigßes Kapitel. 193
halten , diefes in Zweifel zu ziehen , wenn die
Seele immer diejenigen Vorftellungen in deutli-
chen Bewufstfeyn erhalten könnte, wodurch
fje lieh felbft mit Evidenz für dafselbe denken-
de Weffcn haken würde. Was hierbei aber
Schwierigkeiten zu verurfachen fcheint, ift,
dafs diefes Bewufstfeyn immer durch die Ver-
geiTenheit unterbrochen wird. Wir haben kei-
nen Augenblick unfers Lebens die ganze Reihe
unfrer vergangenen Handlungen vor uns, um
fie mit einem Bück, zu überfehen; auch das
befte Gedächtnifs verliert die eine Hälfte der-
selben aus dem Gefleht, während die andre be-
trachtet wird, zuweilen, ja den gröfsten Theil
unfres Lebens denken wir nicht an die vergan-
genen Zuftände unTers Selbft und lind nur mit
dem Gegenwärtigen befchäftiget ; im tiefen
Schlafe haben wir gar keine Vorfiellungen,
zum wenigflen nicht mit dem ßewufstfeyn,
welches die Vorfteilungen in dem wachenden
Zuftände begleitet. In allen diefen Fällen Ta-
ge ich wird unfer Bewufstfeyn unterbrochen;
und da wir das Dafeyn unfres Selbft in der
vorigen Zeit aus dem Geficht verlieren, fo ent-
liehet daher ein Zweifel, ob wir noch dallelbe
denkende Wefen d» h. diefelbe Subftanz find,
ein Zweifel aber> der er mag vernünftig oder
nicht vernünftig feyn , unfre perfönliche
Identität gar nicht trifft. Denn die Frage
ift, was diefelbe Perfon ausmacht, aber
Locke1«. XI. Tlml. N nicht
i .j Zweites Buch.
»icht , ob es diefelbe identifch« Subftanz iftt
welche allezeit in einer und derftlben Perfon
denkt; die letzte ift ohne allen F.influfs auf un-
fere Unterfuchung. Denn verfchiedene Sub*
ftanzen könnten durch dafselbc Bewufstfeyn,
wenn fie an demfelben 'l'neil niihinen, in ei-
nar Perfon vereiniget feyn, fo wie verfchie-
dene Körper durch daflelbe Leben in einem
Thiere vereiniget find, welches feine Identität
Lei allem Wechfel der Sublianzen durch die
Einheit des fortgefetzten Leben« behalt, Dena
das Bewufstfeyn macht allein, dafs ein Menfch
Cch felbft als derfelbe erfcheint, und die per-
fönliche Identität hängt alfo allein von densel-
ben ab, es mag nun entweder einer einzelneu
Subftanz angehören, oder durch eine Reihe
anf einander folgender Subftanzen fortgefetzt
werden. In folern ein denkendes Wefen das
Bewufstfeyn feiner rorigen Thätigkeit zurück-
rufen kann, und diefes nicht von dem Bewufst-
feyn feiner gegenwärtigen Handlungen verfchia-
den ift, infofern ift es daflelbe perfönliche We-
fen, Denn nur durch das Bewufstfeyn feines
jetzigen Denkens und Handelns ift es für fein
Selb ft noch dafselbe Ich, und foweit
das identifche Bewufstfeyn Geh auf die vergan-
gene Zeit erftreckt, fo weit reicht auch feine
Identität. Die Entfernung der Zeit, die Auf-
einanderfolge der Subfianzen gründet fo wenig
«lue numerifche Verfchiedenheit der Perfonen,
als
Siflbeii und zwanzigftes Kapitel. ip5
al« ein Menfch deswegen ein anderer MenTch
ift, weil er heute ein andres Kleid trägt, slsge-
ftera , er mag nun unterdcffen eine hinge oder
kurze Zeit gefchlafen haben. Ein und da Reibe
Bewufstfeyn vereiniget alle vergangene Hand-
lungen unabgefehen auf die Subftanzen, die et-
wa zu ihrer Wirklichkeit beigetragen haben,
in eine Perfon,
§. II.
Für die Wahrheit diefer Behauptung finden
wir felbil an unferm Körper einen unläugbaren
Beweis. Alle Theile delTelben, welche mit
demfelben denkenden Ich organifch vereiniget
find, fo dafs wir es um bewußt find, wenn fie
berührt, oder afficiret werden, wenn fie fich
wohl oder übel befinden, find Theile unfers
Selbft, d, h, unfers mit Bewufstseyn denken-
den Ichs. Wir fyxnpathifiren mit den Glie-
dern unfers Leibes und intereffiren uns für fie
als Theile von Uns. Wird aber die Hand ab-
gefchnitien und von dem Bewufstfeyn getrennt,
fo ift fie fo wenig ein Theil von unferm Selbft,
als der eniferntelte Theil der Materie.- So kann
auch die Subftanz, die , dem Ich zum Grunds
lieget, verändert werden , ohne dafs dieperfön-
liche Identität dabei mehr Veränderung erlei-
det, als wenn Glieder des Leibes , die jezt ei-
ner Perfon angehörten , abgelöfst werden.
N3 §. 12,
I9ti Zweite» Bück.
Die Fra»e ift aber hier, «b die Identität der
Perfon mit Veränderungen der denkenden Sub-
fianz beliehen kann, oder Ob, wenn die letz-
tere unverändert bleibt, dabei eine Verfchie-
denheit der Perfon denkbar ift. — Ich bemer-
ke erftens, dafs davon für diejenigen keine Fra-
ge mehr feyn kann , welche das Denken in «ins
blofse materielle thierifche Organifation fetzen,
ohne ein immaterielles Wefen anzunehmen.
Denn ihre Vorausfetzung fey wahr oderfalfch,
fo denken fie floh doch ofFenbar den Grund
von der Fortdauer der perfönlichen Identität in
etwas andern, als in der Identität der Subftanz,
fo wie die Identität des Thieres durch die Iden-
tität des Lebens, nicht der Subftanz fortgefetzt
wird. Diejenigen, welche das Denken einer
immateriellen Subftanz beilegen , müfsen alfo,
ehe fie fich mit jenen einladen können, zeigen,
warum die Identität der Perfon nicht bei den
Veränderungen einer Subftanz oder demWechfel
mehrerer vcrfchiedenenSubftanzen beliehen kan,
fo wiediefes der Fall mit der Identität des Thie-
res ift; fie müfsten denn behaupten, dafs von
einem immateriellen Geilte fowohl das identi«
fchs Leben der Thiere, als die identifche Per*
fönlichkeit der Menfchen abhängig fey, wel-
ches die Carte flauer wenigftens nicht zu-
geben werden, aus Furcht, fie möchten die
Thieie auch au denkenden Wefen machen.
Sieben und zwanzigfies Kapitel. I9f
§• 13.
Was aber nun den erften Theil der Frage
betrifft; ob die Identität der Perfon mit den
Veränderungen deflelhen denkenden Wefens
beftehe, vQrausgefetzt, dafs nur immateriell«
Subftanzen denken? fo antworte ich, diefe
Frage kann nur von denen beantwortetwerden,
welche wifien , von welcher Ar» die denken-
den Subftanzen find, und ob das Bewufstfeyn
der vorigen Handlungen aus einer denkenden
Subftanx in die andre übergehen kann, Diefes
wäre, ich geftehe es, unmöglich, wenn einer-
lei Bewufstfeyn diefelbe individuelle Handlung
wäre; da es aber blos die gegenwärtige Vor-
ftellung einer vergangenen Handlung ift, fo
roüfste noch immer gezeigt werden, warum es
unmöglich fey, dafs fich die Seele etwas als
gefchehen vorteilen könne, was nie wirklich
war. In wiefern daher das Bewufstfeyn ver-
gangener Handlungen einem individuellen Sub-
jeete mit Ausfchliefsung jedes andern angehöre,
das kann von uns kaum entfehieden werden,
fo lange als wir nicht wiffen, von welcher Art
diefe Handlung ift, welche ohne einen beglei-
tenden Akt des reflectirenden Bewufetfeyns
nicht gefchehen kann und wie fie vou denken-
den Subftanzen, die nicht denken können, ohne
fich deflen bewufst zu feyu, ausgeübt wird.
Da aber ein und d a fs el b e Bewufstfeyn nicht
«Uefelbe individuelle Handlung ift, fo ift es
N 5 fchwer
IJ8 Zweites Euch.
fchwer, aus der Natur der Dinge einen Grund
abzuleiten, warum eine denkende Subftanz et»
was, das He nie that, ja da? vielleicht von einem
andern Subjecte gethan iir, fich nicl%t ab ihr» eig-
ne Handlung vorftcllen follte, oder mit andern
Worten, es ift fchwer, die Unmöglichkeit ei*
ner Yorfiellung darzuthun , der nichts Wirkli«
ches zum Grunde liegt, von weleher Art viele
Vorftellungen im Traume find, die wir, während
wir träumen , doch für wahr halten. So lan-
ge wir alfo keine belfere Erkenntnifs von dem
Wefen denkender Subftanzen hahen, können
wir den betten Ueberzeugungsgrund , dafj es
nicht fo ift, nur allein in der Güte Gottes fia-
den, der, in fo fern die Glückseligkeit oder das
Gegentheil eines feiner GeCchöpfe dabei inte-»
Tefiirt ift, nicht zugeben kann, dafs das ße-
wufstfeyn, welches Belohnung oder Strafe nach
fich zieht, durch eineu unvermeidlichen Irr-
thum von dem einen Wefen auf das andre über-
gehe. In wiefern diefer Grund gegen diejeni-
gen gebraucht werden kann, welche den Grund
des Denkens in einem Syftcm fliefsender Le»
bensgeifter fetzen, mögen andre unterfuchen ;
wir aber kehren zu unfrer Frage wieder zu-
rück. Wenn dafselbe Bewufstfeyn (welches
wie wir fchon gezeigt haben, etwas ganz andres
ift, als diefelbe numerifche Geftalt oder Bewe-
gung in dem KörperJ von einer denkenden Sub^
ftam auf die andere übergehen kann, fo muft
man
Siebsn uni zvranzigit.es Kspitcl. i<)£
man auch die Möglichkeit einräumen , dafs zvrei
denkende Subftanzen nur eine Perlon ausma-
chen können. Denn durch die Fortdauer def-
felben Bewufsifcyns, es fey in einer oder in
verfchiedeuen Subftanzen , wird auch die Iden-
tität der Perfon erhalten«
§■ M.
Der zweite Tbeil der Frage: ob bei der
Fortdauer einer und derfelben immateriellen
Subftanz eine doppelte Perfönlicbkeit möglich,
ift? fcheint mir auf einer andern Frage zu beru-
hen, nehmlich: I ft es möglich, dafs ein und
dafselbe immaterielle Wefen fein Bewufstfeyn
von den Handlungen feiner roiigen Exiftenz
mit der Fähigkeit, es wieder zu erneuern,
gänzlich, verlieren kann, fo dafs es gleichfam
eine neue Periode feiner Exiftenz von einem
gelitten Zeitpunkt zu berechnen anfängt, über
welchen hinaus fein Bewufstfeyn fchlechter-
dinss nicht reichet. Diefer Meinung find of-
fenbar diejenigen, welche eine Präcxiltenz
der Seele behaupten. Denn fie nehmen an —
und fie miifien es, wenn ihnen nicht die Er-
fahrung widerfprechen foll — dafs die Seele
aus ihrem vorhergehenden Zuftaude, in dem
fie entweder ganz ohne Körper war, oder ei-
nen andern befeelte, kein Bewufstfeyn ihrer
Handlungen zurückgebracht hat. Eine fckha
Seele mufs r.othwendig verfchiedene Perfanen
N 4 aus-
*•<> Zweites Buch.
ausmachen, da Ge doch eine fo lange Zeit nicht
im Zuftande des Nichtbewufstfevns wird znge"
bracht haben, und die Idtnitit.it der Per on
nicht weiter reicht, als das Bewulstfeyn. Wir
wollen uns einen chriftliehen Platoniker oder
PythagOräer denken, der unter der Yorau<fe-
tzung , d*G> Gott alle Werke der Schöpfung tr.it
dem fiebemen Tag endigte, annimmt« feine
Seele habe feitdem immer emittiert und ver*
fchiedene menfchliche Körper durchwandert.
Wirklich habe ich einen Mnnn gekannt, der
fich einbildete, feine Seele l'ey Sokrates Seele
gewefen. In wie fern diefe Einbildung ver*
nünftig war, will ich hier nicht unterfuchen ;
genug in dem anfehnlichen Polten, den er be-
kleidete, galt er für einen vernünftigen Mann»
und feine Schriften haben bewiefen, dafs es
ihm weder an Verfiand noch an Gelehrfamkeit
fehlte. Darf wohl jemand behaupten, diefer
Mann fey eine Perfon mit dem Sokrates, da er
lieh keiner Handlung und keines Gedankens
des Sokrates bewufst ift? Wir wollen fetzen,
einer fchliefse aus dem Selbftbewufstfeyn auf
einen immateriellen Geilt, der in ihm' denkt
und fein Ich ausmacht, wodurch er bei allem
Wechfel des Körpers derfelbe Menfch ift; wir
wellen ihn die Hvpothefe annehmen laden,
diefer Geilt fey diefelbe Seele, welche in dem
Neftor oder Therfites bei der Belagerung Tro-
jas war — «ine VorausfeUung , die nicht offen»
bar
Sieben und 2Vranxigftes Kapitel. aoi
bar ungereimt ift, weil die Seelen, foviel wir
von ihrem Wefen w-illen , gegen jeden Theil
der Alaierie gleichgültig find — wird oder
kann er aber bei dem allen fich für einerlei Per*
fem mit einem von beiden halten, da ihm das
BewufstfcT'n der Handlungen des einen fowohl
als des andern fehlt? Kann er wohl Antheil
an einer ihrer Handlungen nehmen , und fie fich,
mit mehrerm Rechte zueignen, als die Hand-
lungen irgend eines andern exiftiTfinden Men*
feben? Da Geh alfo fein Bewufstfeyn nicht
auf die Handlungen diefer Perfonen erftreckt,
fo ift er fo wenig eine Perfon mit denfelben,
als wenn feine Seele erft in demfelben Augen*
blick wäre erfchaffen worden, da Ge feinen
jetzigen Körper zu beleben anfieng, follte es
auch noch fo ausgemacht feyn , dafs fie nume»
rifch diefelbe wäre, welche den Körper des
Therfites und Neltors bcfeelte. Denn diefes
würde ihn fo wenig zu einer Perfon mit dem
Neftor machen, als wenn Materientheile, wel*
che einft einen Theil des JNefiors ausmachten,
jetzt Theile feines Körpers wären, • weil ohne
Einheit des Bewufstfeyns die Verbindung derr
felben immateriellen Subftanz mit einem Kör*
per eben fo wenig die Identität der Perfon b@«
gründet, als die Verbindung derfelben Mateiis
mit einem Körper, Gefetzt aber, er fey fich ei-
ner Handlung des Nestors als feiner eignen be-
N 5 wulst,
;oa Zweites Buch.
vviifst, plann rnu*s er fich auch für eine Perfo»
mit demielben halten.
$• 15*
Auf (liefe Art können wir ohne Schwierig-
keit eint* petfönliche Identität bei der Aufer-
ftehung uns denken; wenn daffelbe identifche,
Bewafstfeyn mit der Seele eines Menfchen
fortdauert, die feinen Körper hier befelte, Toll-
te auch diefer dein Bau und den Theilen nach
nicht ganz, derfelbe mehr feyn . der er hier
war, Indeffen ift doch der Seele allein Lei
dem Wechfel des Körpers zur Identität des
Menfchen nur für denjenigen hinreichend, der
die Seele zum ganzen Menfchen macht. Denn,
gefetzt, die Seele eines Prinzen« wanderte
mit dem Bewufstfeyn ihres vorigen Lebens] in
den Körper eines SchuHickers, fobald als er
entfeelt worden , fo ift einleuchtend, dafs er
einerlei Perfoii mit dem Punzen, und für def-
fen Handlungen verantwortlich feyn würde.
Könnte man aber wohl fagen , es fey derfelbe
Menlch? Auch der Körper gehört mit in den
K^giifB eines Menfchen, und er würde wohl
jn diefern Fall nach aller Meinung die Indi-
vidualität des Menfchen beftimmen , die Seele
h ngrgen mit allen ihren prinzlichen Gedanken
keinen Kadern Menfchen machen; der Schu-
flicker würde m den Augen aller', fich felbft
aus-
•
Sieben und zvran zigfies Kjj« iiel. 2c3
ausgenommen, nichts anders als derfelbe Schü-
rf icker feyn. Ich weifs wohl, dafs n*<.h dem
gemeinen Sprachgebrauch di& Ausdrücke, ei-
nerlei Perfon und einerlei Menfch gleichgel-
tend* Begriffe find; in der Tbat ihat auch je-
dermann das Recht, die Ausdrücke nach Be-
lieben zu gebrauchen, fie mit Kegriffen zu
verbinden und tu verändern; allein wenn,
man unterfuchen will, worauf (ich die Iden-
tität eines Geisel, eir.es Menfchen,
einer Perfon gründet, fo muffen dieft; Begriff
beftimrnt und fixirt werden, und nur dadurch
kann die Aufföfung aller diefer Fragen erleich-
tert werden.
$. 16*
Die Einheit des Bewufßtfeyns
macht diefelbe Perfon aus.
Wenn gleich diefelbe immaterielle Subftanz
oder Seele in keinem Falle allein dcmfelben
Menfchen ausmacht, fo ift ee doch einleuch-
tend, dafs das Brwufstfeyn , To weit es nur
reichen kann, das Dafeyn und die Handlungen
der entfernten Zeit fo gut als des unmittelbar
vorhergehenden Augenblicks in diefelbe IVr-
fon vereiniget ; folglich ift dasjenige, welchem
das Bewufstfeyn fovrohl der vergangenen als
der gegenwärtigen Handlungen angehebt, die»
Ulbe Perfon. Denn es kommt bei dieler Fra»
£0
2<U »Zweites Buch.
gp gar nicht darauf an, ob diefes Selbft aus
de?felben oder einer andern Subftanz beftehet,
fourlern auf das Selbftbewufstfeyn , welches
mich nothiget , alle Handlungen , waren lie
auch vor taufend Jahren gefchehen , wenn li»
durch ddflelbe mir zugefchrieben werden, fo
gut als die des vorhergehenden Augenblicks
als meine" Handlungen und mich felbft, als für
/je verantwortlich zu betrachten,
§. 17»
Das Ich iO das mit Bewufstfeyn denkend«
Wefen , welches einer Empfindung des Ver-
gnügens und Schincrzens, der Glückfeligkeit und
des Gegentheils empfänglich ift, und daher
Jlch nach dem Unifange diefes Bewurstfeyns
für Geh felbft intereffirt. Von welcher Art die
Subftanz «"effelben ift, ob geift'g oder mate-
riel, einfach oder zufamiiiengefetzt , darauf
kommt hier nichts an. Es ift alfo einleuch*
tend , dafs der kleine Finger, als in diefem Be-
wufstfeyn begriffen, fo gut als etwas anders
einen Thoil des Ich mit ausmacht, Wenn bei
einer Ablöfung diefes Gliedes, jenes Bewufst-
feyn ßch von dem übrigen Körper trennen, und
mit diefem verbinden Tollte, fo würde der
kleine Finger offenbar die Perfon ja die«
felbe Perfon feyn , und das Ich nichts mit
dem übrigen Körper zu thun haben. So wie
das
Sieben und zwanzigftes Kapital. 205
das Bewufstfeyn in diefem vorausgefetzten Fall ■
einer Trennung, der Grund von der Identi-
tät der Perfon Ht, fo verhält es fich auch in
An fehung der in der Zeit entfernten Subftan-
xen. Alles, was das Bewufstfeyn des jetzt den-
kenden Wefens mit ßch felbft vereinigen kann,
das macht diefelbe Perfon aus, und ift Eins
mit demfelben, alles andere ift davon at!?ge-
fchloffen j und alle Handlungen , welche diefes
Bewufstfeyn umfafst, werden auf diefes Selbft
als eigene Handlungen bezogen. Diefes lehrt
das Selbftbewufstfeyn eines Jeden.,
$> 18.
Das Ich ift der Gegen ft and der Be-
lohnungen und Beftrafungen,
Auf diefe Identität der Perfon gründet ßch
alles Recht und die Gerechtigkeit der
Strafen und Belohnungen» Denn jede
Perfon intereffirt nur ihre eigne Glückseligkeit
und Unglückfeligkeit, aber nicht der Zultand
einer andern Subftanz, die keinen Antheil an
diefem Bewufstfeyn hat. Das vorher gebrauch-
te Beifpiel kann auch hier zur Erläuterung
dienen.
§♦ T9»
Diefes zeigt uns offenbar, dafs die Identl«
tat der Perfon nicht in der Identität der Sub-
ftanz,
to6 Zweit« Rudi.
[hnz, fondevn des Bewufstfeyus befteht. Wenn
Sokrates in dem wachenden und fchlafenden
Zuftande nicht daffelbe liewufätleyn hat, fo ift |
der wachende und fchJaleude Sokrates nicht
eine und diefVlbe Perfon. Den wachenden
Sokrates für das beitrafen zu wollen, was der
fchlafeude dichte , und deffen jener fich nicht
bewufst ift, wäre dann eben fo wenig recht,
als wenn man den einen Zwilüng&brnder für
dasjenige, wjs der andere thac, deffen fich
jener aber nicht bewufst ift, und zwar aus
dem Grunde beflrafen ; wollte , weil beide in
der äufsem Gefialt fo ähnlich find, da fs , wie
wohl zuweilen der Fall gewefen ift, man fie
nicht ur.terfcheiden konnte.
$. 20.
Ein Einwurf ift hier noch möglich. Ga-
fetz-i, wird mau vielleicht lagen, ich verliere
das BewufsLfeyn eines Theils meines Lebens,
fo dafs ich vielleicht deffeiben nie wieder be-
t werde, bin ich dann nicht noch diefelbe
Perfon, welche diefe Handlungen that, diefe
Gedanken hatte, deren ich einft als meiner
bewufst war, ob fie gleich jetzt aus meinem
Bewufstfeyn verfchwunden find ? - Es mufs
hier bsftimmt werden, worauf das Wort Ich
angewendet wird. In diefera Falle ift es offen-
bar nur der Menfch allein; da aber nach dar
Sieb«n und zwanzigßes Kapitel. au~
gewöhnlichen Vorftellungsart derfelbe Menfch
und diefelhe Perfon einerlei ift, Po wird auch
hier ganz natürlich vorarusgefetzt , dafs das
Ich diefedbe Perfon bezeichne. Ailein wjre
es möglich, d3fs ein .und derfelbe P.lenfch zu
verfthiedenen Zeiten ein befondre« getrenntes
Bewufstfeyn hätte, fo Würde derfelbe auch
ohne allen Zweifel zu verfchiedenen Zeiten
verfchiedene Perfonen ausmachen. Dafs die-
fes die Vorfiellungsart der Menfchen ift, fehen
wir aus der feierlichften Erklärung ihrer Mei-
nungen. Denn die menfchiichen Gefetze be-
ftrafen einen wahnfinnigen nicht wegen der
Handlungen, die er als vernünftiger Menfch
that, noch diefen für das, was er im Wahn-
finn that, und Ge fehen fie daher für zwei
Perfonen an, Diefes drücken auch gewifler-
mafsen die Piedeusarten aus; er ift nicht
mehr derfelbe Menfch, er ift aufser
fich; denn in ihnen ^ift die Vorfiellungsart
derer die fich derfelben zum wenigften zuerft
bedienten, angedeutet, dafs das Selbft verändert,
UDd diefeibe Perfon nicht mehr in demfclbcn
Menfchen ley,
§. £1.
Unterfchied z w i f c h e h der Identi-
tät desMenfchen und der Psrfon,
Bei dem allen läTt es fich doch kaum den-
ken, Jafs Sokrates ein und derfelbe indivi-
du-
2>? Zweilas Buch,
duelle MenTcb fcwei Perfoneu fcyn Toll. Um
dicfe Schwierigkeit aufzulüfen, in äffen wir
unter Tuchen , was man unter Sokrates oder
demfeiben individuellen Menfchen verftehet.
Diefer Ausdruck uiufs entweder diel'elbe indi*
v: luelle immaterielle denkende Sjibftanz, kurz
die fei be numerifche Seele, oder daflelbe thie-
rifche Wefen ohne Rücklicht auf eine immate-
rielle Seele oder endlich drittens, diefelbe im-
materielle Seele in Verbindung mit demfelbett
thiprifchenKürpev andeuten. — Man nehme von
du 1 nFällen an, welchen man will, fo kann doch
die Identität der Perfon in nichts andern als
in dem ßewufstfeyn beftchen , noch von gröf-
fern Umfang alsdiefes fcyn. — Nach der
edlen Vorausfetzung mufs man die Möglich-
keit eingesehen , dafs zu verfchiedenen Zeiten
von verschiedenen Weibern geborne Menfchen
ein und derfelbe Menfch fevn konneu. Nach
diefer Vorftellun^sart miifste es auch für
möglich gehalten werden, dafs ein Menfch.
zwei verTchiedene Perfonen fey , fo wie
zwei Menfchen , die zu verfchiedenen Zei-
ten lebten , ohne von einander etwas zu
Willen. Nimmt man aber die zweite und dritte
Vorausfetzung an , fo kann Sokrates in diefem
t^nd dem kündigen Leben nur allein durch das
Bewufstfeyn derfelbe Menfch fe|n. Hiernach
beftehet die Identität des Menfchen und die
Perfon in einerlei Dinge, und man kann ohne
Sckwif
Sieben und zxvanzigftes Kapitel. 20$
Schwierigkeit eingesehen, dafs deiTelbe Menfch
diefelbe Petfon fey. Nur ruüITen die Verthei-
diger diefer HypotheTe noch unterfuchen , wie
Sokrates als Kind, und nach der Auferftehung
noch derfelbe Meiafch feyn kann. Doch wor-
in man auch immer den Begriff deffelben und
folglich auch dsffelben individuellen Menfchen
fetzen mag, worin vielleicht nur wenige Men-
fchen einftimmig denken, fo können wir doch,
um uns in keine grofsen Ungereimtheiten zu
verwickeln, die perfönliche Identität in nichts
anderm als iu dein ßswufstfeyn fetzen.
§. 22.
Allein ift nicht ein Menfch in und nach
der Trunkenheit diefelbe Perfon , wie könnte
er fonfi für die in der Trunkenheit begange-
nen Handlungen beftraft werden, deren er fich
doch nachher nicht bewufst ift? Gerade fo
wie ein Menfch, der im Schlafe wandelt und
andre Dinge thut, diefelbe Perfon, und für
jeden in diefem Zufiand angerichteten Schaden
verantwortlich ift. Die Gefetze betrafen fie
beide mit einer ihrer Erkenntnifsart angemef-
fenen Gerechtigkeit. Denn da fie in diefea
Fallen die Wirklichkeit und die Verftellung
nicht unterfcheiden können, fo wird die Nicht-
befonnenheit in t!er Trunkenheit und dem
Schlafe für keine gültige Entfchuldigung anga-
Lecke's. II. Thcüt O nom-
3 \o Zweites Buch.
nOtnuiPA. Ungeachtet die Strafen blofs auf
die P. r.rör,lichk<'it und diefe auf das Bewnfst-
lt vu br-iulie i, ungeachtet der B -trunkene viel-
Ici. lit ohne Bewusileyn handelt, fo ift doch
leine Bcllrafuug nach den Gefetien perecht,
v ■ i das Factum g.'K» u ihn aber nirht iter
Mangel de. Bewufsifeyus für ihn bewiefen
Wrrdtn kann. Alter an jenem grofsen Tage,
an welchem alle Gcheiuuiiire der Herten auf-
pe ■ i kt werden follen, darf nun mit Grund
hoffen, dafs keiner für das, wovou er nichts
Wvtf&. zur Rechenlchaft gezogen w<;nlen, fon-
dern nur in fo fern fein Uitheil empl ingen wird,
a.a ihn [ein eignes Gewiilen anklagt odsr ent-
fc huldiget,
$• 2J.
Das Bewufstfeyn macht allein un-
f e r Sei bft aus.
Nut d.is ß'-vvufstfeyn allein kann entfernte
Zullände des üaicyus in eine Perlon vereini-
gen, nicht aber die Identität der Subftanz.
Denn eine Subftanz, von welcher Art und Bil-
dung !ie immer fe-yn mag, ift ohne ßewufst-
feyn doch keine Perfon. fonß könnte es auch
w..hl ein Skelet ftyn. — Könnten wir vor-
au>!e:zeu, dafs fcin zweifaches, verfthit-Jencs
ui-d nnvereinbttriicb.es Bewufstfeyn in dtinfel-
bt\i Körper« das eint; bei flacht da* andre bei
Ta*e
Sieben und zwanüigfles Kapitel. ZU
Tage, und dafs a;:f der andern Seite ein und
daffelbe Bewafstfeyn in zwei verfcbiedeiien
Körpern wechfelsweife wirkfam wäre; müf.'te
denn nicht iü jenein FhU der Menfch bei Tage
eine andere Perfon als bei Nacht, und fo ver-
fchieden ah Sokrates und Plato , und in diefem
eine und rtiefelbe I erfon iü' zwei verfehlteren
Körpern feyn , wie ein M-enfch in zwei vcr'
fchiedenen Kleidern . erfslbe Menfch iß? Die
Behauptung, di I i iheit oder Verschiedenheit
des ßewu.'. f yn fey in der Identität oder Ver-
fchiedenlieit der i, Materiellen Subfianz gegrün-
det, und durch diefe in dielen Körpern her-
vorgebracht, hat auf unfern Gegerütand wenig
Einflufs, fie mag wahr oder falfch feyn. Denn
es ift klar, dafs die Identität der Perfon durch
das Bewufstfeyn beftimrat wird , diefes mag
an eine immaterielle individuelle Subßanz ge-
bunden feyn, oder nicht. Gefetzt die denken-
de Subftanz inufste in dem Menfchen als im*
materiell gedacht werden , fo iß es doch aus.
gemacht, dafs fie das Bewufstfeyn ihres vori-
gen Zufiandes verlieren und wieder erlan-
gen kann. Die Erfahrung lehrt es, dafs Men-
fchen oft ihre verborgenen Handlungen gänz-
lich verbellen, und zuweilen eine vergeffene
Sache nach vielen Jsliren wieder ins Bewufst-
feyn zurückrufen. Diefe* Vergeffen und Erin-
nern düifte Mir Tag und Nacht regelmäfsig mit
einander abwechfela , fo hätte man zwei Per-
0 2 fönen
212 Zweites Bück.
fönen bei einem immateriellen Geilte, fo wi«
nach dem vorigen Falle zwei Perionen in dem-
ftlben Körper. Das Selbft wird alfo nicht
durch die Identität oder Verfchiedenheit der
Subftanz, deren man fich nicht vcriichemkann,
lbndern allein durch die Einheit des Bewufst«
feyns beftiinmt.
S« 24.
Das Ich kann es fich freilich als möglich
denken, dafs die ihm zu Grunde liegende Sub-
ftanz vorher mit demfelben Bewufstfeyn exi-
ftiert hat. Allein nach Aufhebung des Bewufst-
fcyns macht lie fo wenig das Seibit oder einen
Theil dcffelben aus, als jede andre Subftanz,
wie aus dem oben angeführten Beifpiele von
einem abgelöteten Gliede erhellet. So wie die-
fes nicht mehr als ein Theil des Menfchen be-
trachtet wird, wenn es nicht mehr in Verbin-
dung mit dem Bewufstfeyn flehet , fo ift das
eben der Fall mit einer immateriellen Subftanz,
welcher das Bewufstfeyn fehlt, wodurch ich
mir felbft Ich bis. 11t daher eine Zeit ihrer
Exiftenz, die ich nicht mit diefem Bewufstfeyn
verbinden kann, fo ift lie in derfelben fo we-
nig Ich , als jede andre immaterielle Sub-
ftanz»
§. ■'«*
Die wahrfcheinlichere Meinung ift, ich
leugne es nicht, dafs diefes JBewulstleyn mit
«i-
Sieben und zwanzigfies Kapitel. 313
einer individuellen immateriellen Snbftanz als
deflen Beftimmting verknüpft ifr, Doch wenn
fich das auch Jeder nach* feinen befondern Hy-
pothefen erklären wollte, fo mufi iloch jedes
vernunftige einer Glückseligkeit empfängliche
Wefen folgende Sätze eingefiehen : £■* ifi in dem
Menfchen etwas, das er für Selb ft hallt, für
welches er fich intereffirt, und defTen Glück-
feligkeit er wünfeht; diefes Selbft hat in einer
ununterbrochenen Dauer länger als einen Au-
genblick exiftirt; es ift daher möglich, dafs
es auch künftig noch mehrere Monate und Jah-
re exifticren werde, ohne dafs feiner Dauer
gewifle Grenzen gefetzt find; diefes Selbft
kann endlich durch die Fortdauer deffelben
Bewufstfeyns ebenda ffelbe Selbft feyn.
Und fo findet jeder Menfch in dem Bewuist-
feyn die Ueberzeugung , dafs er diefelbfe
l'erfon iß , welche vor mehrern Jahren diefe
oder jene Handlung begieng, durch welch»
er jetzt glücklich oder unglücklich ift. Bei al-
len diefen Betrachtungen und RückGchten
wird daffelbe fortdauernde Bewufstfeyn, aber
nicht die numerifch identifche Subftanz, als
der Grund der Identität diefes Selbft
aegefehen, . "
6 3 f. i«.
»14 Zweites Buch.
Per for ifl ein gerichtlich** Aus-
druck«
Das Wort Ter fori ifi meines Erachtens
ein Ausdruck für diefes Selblt. Was ein
MenTch fairi Srlbft nennet, d.is ift kann ein ?n
drei lagen, diefelbe Perfon. Das Wort
Perfon ift ein gerichtliches Wort, wodurch
Handlungen nebft Verdiente und Schuld zugy.
rechnet werden, und tiaber kommt es nur
vernünftigen Wefen zu, welche für Gefetza
und für Glückfeligkeit Empfänglichkeit haben.
Diefe Persönlichkeit erOreckt fich über die
Gegenwart, auf die Vergangenheit aber nur
durch das BewuTstfeyn, wodurch fich eine
Perfon fe.bft vergangene Handlungen mit
einem gewiffen Intereüe zueignet, zurechnet,
und für üe verantwortlich wird, und zwar
aus eben demfeiben Grunde, als bei den Hand-
lungen der gegenwartigen Zeit. Der gemein-
fchaftliche Grund davon ift nehmlich das In
terefTe für Glückfeligkeit, welches von dem
Bewufstfeyn unzertrennlich ift. Denn was
ties Vergnügens und Schmerzens bewufst ift,
das wünfeht auch, da,rs das Subject des Be-
wufstfeyns glückfelig fey. Daher kann es an
allen vergangenen Handlungen , welche es
durch ilas BeWufslfeyn mit dem jetzigen Selbft
nicht vereinigen kann, fo wenig Antheil neh-
men
Sieben und ewanzigfies Kapitel. II J
wer,, als wenn fie gar nicht gofchc-iien wären,
und foilte es derentwegen Vergnügen oder
Schmerz empfinden , d. h. belohn* oder
beftraft werden , fo wäre das eben fo viel,
als wenn es ohne alles Verdienft um! Vtrfchnl-
den , gleich vom Anfang feines Bafcyn> glück-
felig oder eletid wäre. Denn wenn rin SVIenfch
in diefem Leben für das , was er in ptnem an-
dern gethan hätte , wovon aber fchlf chterdings
kein Bewnfstfeyn möglich Wäre, beftraft würde;
welcher Unterfchied Jiefs fich dann wohl noch
zwi.'chen diefer Beftrafung und dem Erfchaffen-
feyn zur Unglückfeliikeit denken? Ganz ein-
ftimmig mit diesen Grundfätzen H es, was
der Apoftel f^g i dafs an dem großen Tage,
da jeder nach feinen Thaten empfan-
gen wird, alle G e h e i m u i Se jedes
in en fehl ich e n Herzens follen offen-
baret werden: d. h. , das Urtheil wird
durch das Bewufstfeyn jeder PeTfon gerecht-
fertiget werden, dafs fie ohne Rückficht auf
den Körper, in welchem fie exiftiret, und auf
die Subftanz, der das Bewufstfeyn angehört,
daffelbe VVefen ilt. welches diefe Handlungen
begieng, und diefe Strafe dafür verdiente,
§♦ 27.
Ich kann es mir wohl denken , dafs ich
bei diefer Abhandlung einige Hypothefen ge-
O 4 braucht
2l6 Zvreiies Buch.
braucht habe , welche nicht nur manchen Le«
fern auffallend vorkommen, fondern es auch
vielleicht wirklich find. Aber fie dihften doch
verzeihlich feyn , weil wir von der Natur des
Wefens, das in uns deukt, und das wir iur
unfer Ich halten, fo weni? willen. Wüfsten
wir, was es ift, oder wie es an ein Syftein
flüchtiger Lebensgeifter gebunden iß, iuwie-
ferne es ander einem organifchen Körner,
wie der unfre ift, die Wirkungen des Den-
kens und des Gedächtuiffes äufTern kann
oder nicht; und ob es Gottes Wille war, dafs
ein folcher GeiR mit keinem andern als diefern
einem Körper vereiniget feyn, und dafs das
Gedächtnifs von defTen gefunden Organen ab-
hängen follte: dann könnten wir vielleicht
die Ungereimtheit einiger unfrer Vorausfetzun-
gen einfehen. Allein wenn wir uns die See-
le bei dem Mangel aller EinGcht, wie ge-
wöhnlich , als eine immaterielle Subftanz den-
ken, die von der Materie ganz unabhängig
und fich völlig gleichgültig gegen fie verhält,
fo läfst fich die Ungereimtheit der Vorausfett-
ung, fie fey zu verfchiedenen Zeiten mit ver-
fchiedenea Körpern vereiniget und mache mit
diefen dann einen Menfchen aus, aus dem
Wefen der Dinge nicht erWeifen,
$. 28.
Sisb.cn und zwanzigstes Kapitel. 217
§• 28-
R e f u 1 1 a t.
Das Refnltat aus allem ift diefes. Jeda
Subftanz, die zu feyn anfängt, mufs, fo lan-
ge He exiftiret, riothwendig dieTelhe feyn. Je-
de Subftanz, und jedes Aggregat von Subftan-
zen , mufs, fo lange [cliefe Verbindung dauert,
riothwendig daffeibe Aggregat feyn. Jede Be-
ftimmung, die entliehet, ift, fo lange fie ift,
diefelbe ßeftiinmung. Diefe Re^el gilt "auch
von der Verbindung verfebiedener Subilarizen
und Beftimmungen. Daraus erhellet alfo, dafs
die Schwierigkeit und Dunkelheit in diefer
Sache nicht fowohl aus der Dunkelheit der
Objecte als aus dem unrichtigen Gebrauch der
Worte entfpringt. Denn die Ur.terfcheidung
der Identität und Verfchicdenheit eines Dinges
ift leicht zu [beftimmen, und fchliefst allen
Zwaifel aus, wenn nur der Begriff, von wel-
chem Innhalt er auch ift, der dnreh ein Wort
bezeichnet wird, immer mit] denfeiben Merk-
malen verbunden wird,
§. 29.
Wenn wir fetzen, dafs das Merkmal , ver-
nünftiger Geift, den Begriff des Menfchen
allein ausmacht, fo läfst bch leicht beftimmen,
wasderfelbe id en t ifch e Menfch ift, nehm-
O 5 lieh
trj Zwrit« Bnck.
lieh t) or f e I h e Geiß, er hy mit pinem Kör-
yi. r verburrden orfer nicht. Wird aber in
jrnen Begriff noch die Verbindung H i»-f* s
G,ille% ajs Lebensprincip mit <-incin Körper
•\0n gewiiler Organifaüon aufgenommen, fo
^.t'ftebet die Identität des MenCcheo in der
fortdauernden Verbindung diele:» Geiftes mit
diefer bei allen Veränderungen des Körpers
fondaurenden Org mifation. Wenn man end-
lich zum begriff des Menfchen nur die anima-
Jüche Vereinigung gewiiler Thrile unter einer
gT\viffen Gfltalt rechnet, fo iß ein Menfch
ff> lange deiTelbe, als diefe Vereinigung und
Geßah in einem zulammengeretzten Wefen be-
ßehet, das nur durch die ununterbroch< ne
Anfeizung vergänglicher Theile daffelbe blei
ben kann. Denn wenn das Object eines zu-
fammeiigf fetzten Begriffs, aus welchen Be-
ßandtherfen es auch beßeht, einmal durch
die Exifter.z zu einem einzelnen Dinge unter
einer gewiffen Benennung iß gemacht wor-
den , fo behält es auch diefelbe Individualität
durch die Forldauer derfelben Exißenz,
Acht
2*9
Aclu imd 7.wa»7,ie;ftcR Kapitel,
Von andern Verbal agilen.
$. i.
G r a d v erb a 1 1 ni fs «.
Anfscr tiex\ Verhall niffeu, welche aus Vpr-
gleichmig der Din^e in Anlehiiii-j der Zeit, des
Orts und der urfachlicheu Verknüpfung entfte
heu, giebt es noch andere Beftuiiimjn^griiride
der Verhältniiie, von denen ich hier einige an-
führen will.
Erftlieh. Einige einfache \ Begriffe find
von der Art, daf% i:e mehr oder weniger Theile
eder Grade enthalten können, und fie »eben
dadurch Veranlafsung, die Objecie, in welchen
diefe Vorftellung enthalten ift, mit einander
aus diefem Gefichtspunkt zu vergleichen. Z B.
weifser, f ü fs er, gr ö fser, gleich, mehr.
Da diefe Verhältniife aus dem gleichen und un-
gleichen Grade derfelben einfachem Vorilelhing
in verfchiedenen Objecten entfpriugen, lo kön-
nen fie P r o p o r t i o n a 1- oder G r a d v e r h ä 1 f-
i) i ile genennt werden. Es leuchtet von feibft
ein, dafs fie lieh nur auf die einfachen Ycm Hei-
lungen der Empfindung und Reflexion beziehen.
a:o Zweites Buch.
Vcr häl t n i fse des Urfprungs (na-
tural.)
Zweitens. Eine andre Veranlaffung zur\cx-
gleichung der Dinge mit einander geben dio
Umfländ« ihres Entftehens oder Urfprungs. Da
diefe nachher nicht wieder aufgehoben wer-
den, fo dauern die dadurch bellimmten Ver-
haltniüö fo lange als die Objecte, denen fie an-
gehören. So flehen z. B. Vater und Sohn ,
Bruder und Gefchwifteikindcr durch die Ab-
flammung aus einem Bhite in verfchiedenen
Graden , Landsleute aber dadurch in Verhältnis,
dafß fic auf eben demfelben Boden, oder in ei-
nerlei Lande geboren find. Ich nenne diefe
Verhältniffe natürliche, oder Ve r hält nif-
fe des Urfprungs. Wir können dabei noch
die Bemerkung machen, dafs die IVlenfchen die
Begriffe v;>u diefen Verh-ihnifsen und ihre Be-
zeichnungen nicht dtr W .ihiheit und dem Um-
fange der Dinge fondern dem gemeinen Leben
angenafst haben. Denn gewifs ift das Verhalt-
nils zwifchen dem Erzeuger und dem Erzeug-
ten in andern Thierarten eben- dafielbe, wie
bei den Menfchen ; gleichwohl fagt man feiten,
dafs diefer Ochfe der Grofsvater von diefera
Kalbe, oder diefe Tauben Gefchwifter find.
Denn es ift fehr zweckmäffig, diefe Verhältnifs©
unter den Menfchen zu bemerken und durch
be-
Acht und zwanzig fies Kapitel. 2 2*
befiimmte Worte auszuzeichnen , da fowobl in
den Gefetzen als in andern gefelirchaftlichen
Verbindungen ihre Erwähnung fo oft veran-
laßt wird, und daraus befördere Verpflichtun-
gen entfpringen. Weildiefes aber der Fall mit
den Thieren nicht ift, fo hielt man es auch
nicht für nöthig, ihre Verhältnifie unter ein-
ander durch befördere Worte zu bezeichnen«
Diefes kann noch nebenbei einiges Licht über
den vsrfchiedenen Zuftand und Wachsthum der
Sprachen verbreiten. Ca die vortheilbaftefie
Mittheilung der Gedanken der einzige Zweck
der Sprachen ift, fo find fie den Begriffen der
Menfchen und dem unter ihnen gewöhnlichen
Umtaufch der Gedanken, aber nicht demWefen,
Umfange und den mannichfaltigen Beziehungen
der Dinge, noch den abftracten Betrachtungen
angepafst, welche über fie angefleht werden
mögen. Wo es an philofophifchen Begriffen
fehlet, da find auch keine Worte zu ihrer Be-
zeichnungvorhanden. Auch darf man fich nicht
wundern, wenn die Menfchen keine Worte
für diejenigen Dinge bildeten , von welchen zu
fprechen fleh wenig Gelegenheit fand. Hier-
aus läfst fich leicht die Urfache begreiffen, war-
um man in einigen Ländern nicht einmal ein
Wort für das Pferd hat, da hingegen ia andern,
in denen man fleh mehr um die Gefchlechtsre-
gifter der l'ferde als der Menfchen bekümmert,
nicht allein Namen für einzelne Pferde fondern
auch
212 Zweites iiueh.
auch für die verfchiedenen Vcrhiiliniffe ihrer
Ve. w.srui;'ch.ift gefunden werden.
§. 5.
W il 1 k ü'h r 1 ich angeordnete Verhält-
ji i (sc.
Dritten v. Die Beziehung der Dinge auf
einander gründet lieh zuweilen auf «ine gtwifls
Handlung, durda Vielehe einei ein moraülches
Recht, eine Befug nifs oder Verpflichtung er
halt, etwas *.u ihun. So ift ein General ein
Mann , der die CefugniTs hat, eine Armee zu
t oaimaiuüren , und eine Armee unter einem
General ilt eine Anzahl bewaffnetet IVleufchen,
die vcrpfih btet find. Einem ^u gehorchen. Ein
Bürger i'-f- derjenige, der Kechts.infpruch auf
««Wide Vorrechte an einem Orte hat, Ich nenne
tiiefe Verhäl :niue angeordnete oder will
kühriiehe. weil fie von der Willkühr der
Menfchen oder" Verabredungen in der bürger-
lichen GefeUlckaft abhängen. Sie unterfchei-
deu lieh dadurch von c\en natürlichen, dafs,
wo nicht alle, doch die meiden von ihnen
auf verfchiedene Weife veränderlich, und von
den Perlböen , denen fie eine Zeitlang angehör-
ten , trennbar und, ohne dafs diejenigen, zwi-
l'chen denen fie ftatt hatten, ihr Dafeyn ver-
lieien. Obgleich diefe Verhaltniffe gegenfei-
tig find, und eine Beziehung zweier Dinge auf
ein-
Acht und zwanzigftcs Kapitel. 23$
einander in lieh fchliefsen, fo wird doch zuwei-
len das Verhaltnifs zwifchan zwei Dingen ül>er-
frh-p, weil es an einem VVojte fehlt, welches
di fe Beziehung ausdrückt. Dafs die Worte ,
erfl Patron, ein Klient ein V*rb.äJtju'fs ausdrü-
cken, ift k*i3r, «be* nicht [o einleuefeteod ift
es bei den Worten Dictator, Starlthaupimaun.
Zum Wt-n^ften Hellt iran fich riebt forKch
dieTefl Vetbalinifs vor, weil es an einein Worte
fehlt, diejenigen antuzeijjcn, welche untet
den Befehlen djefer Männer hellen, o gew+ü
es aum ift, dafs der eine und der andre elfte
gewilTe Gewalt über andre hit. und nicht
weniger in einem Verhall nifs zu diefen ftehet,
als der Patron zum Client und der General zur
Armee.
§. 4-
Moralifche Verh äl t n ifse.
Viertens. Eine andre Art von Verhaltnifs
befiehci in der UebereinftimmuMg oitr Nicht-
überHnfiimafurig der willkührlichen Handlun-
gen der Menfchen mit einer Regel, auf welche
fie bezogen und wornach fie beurtheilet wer-
den, welches füglich das moralifche Ver-
haltnifs kann genennet worden , weil e? u:i-
fre mOrali cht-n Handlungen beftimmt. Diefes
verdient die forgfältigfte Unterfuchun^, weil
wir boy keu:er andern Erkenntnifa fo viel Fieifs
an-
32/f Zweitas Buch.
anwenden follen , um deutliche Ergriffe zu er-
langen , and Dunkelheit und Verwirrung iu
vermeiden. Wenn die menfchlichen Handlun-
gen mit ihren veiTchiedenen Zwacken, Gegen-
fiänden, Arien und Umftänden in deutliche Be-
griffe gefalst werden, fo entftehen daraus/ wie
fchon gezeigt worden, nmmiclifJtige g e«
m if clite Befti m m unge n, die grofsentheils
ihre befoudere Ausdrücke haben, z. ß. die
Dankbarkeit oder die Bereitwilligkeit, empfan-
gene Wohkhaten zu erkennen und zu erwie-
dern; die Polygamie oder die Verbindung mit
mehr denn einem Weibs auf einmal. Allein
esift in praktifcher Rüekücht noch nicht genug,
befiimmte Begriffe von den Handlungen in ha-
ben, und ihre Ausdrücke zu kennen; eine weit
wichtigere Angelegenheit ift die Erkcnntnifs ,
ob diefe zuiammengefetzten Handlungen inora-
lü'ch gut oder böfe find»
§. y.
Das moraiifch Gute und Büfe.
Das Gute und Böfe ift nach Buch II. Ka-
pitel 20. 0. 2. und Kap. fil, §. 42. nichts an-
ders, als Vergnügen und Sebmorz oder was
driffelbe hervorbringt und verantafst. Das m o-
ralifch Gute und Böfe ift a!fo die Ein-
ftimmur.g oder der Widerftreit unfrer freien
Handlungen mit einem beftimmien Gefetz, wo-
durch, nach, dein Willen und der Macht deiGe
fetz-
Acht und zwanzigstes Kapitel, 22$
fetzgebers Gutes oder Böfes mit unfern) 7 ü fand
verknüpft wird. Das Gute und BöTe, Vergnü-
gen und Schmer?., welches nach der Aoord-
duq* des Gefetzgehers auf die Befolgung und
Verletzung des Geret7.es fol^t , ift das, was wir
Belohn uug und Bestrafung nennen,
$. <$♦
Moral ifche Regeln.
Es giebt, wie mir fcheint, drei Arten
von die Ten moralifchen Regeln oder Ge-
fetzen , aufweiche die Menfchen im Allgemei-
nen ihre Handlungen beziehen, und darnach
ihre'Rechtmäffigkcit oder Unrechtmäffigkeitbe-
urtheilen. Jede derfelben hat auch ihr befon-
deres Verpflichtungsmittel oder ihre eignen Be-
lohnungen und Strafen. Denn es wäre zweck-
los, die Vorfchrift einer Regel für die freien
Handlungen der Menfchen ohne Verknüpfung
mit guten und böfen Folgen , als ßeftimmungs-
grund des Willens anzunehmen, und wir muf-
fen daher bei jedem Gefetz auch eine mit dem-
felben verknüpfte Belohnung und Strafe uns
denken. Es wäre zwecklos, dafs ein vernünf-
tiges Wefen andern eine Regel ihrer Handlun-
gen vorfchriebe , wenn es nicht in feinsr Ge-
walt hätte, dio Befolgung und Verletzung der-
felben durch Gates und Böfes zu belohnen und
»u beftrafen, das nicht die natürliche Folge der
LoekoY II. Theil. P Hand-
»;6 Zvreiie» Buch.
Handlung felbft ift. Denn wäre es das , fo
würde es ohne GeTetz, als mit den Naturtrieben
übereinftitnmend oder widerftreitend , von felbft
auf den Willen wirken. Darin beftebt alfo ,
wo ich nicht irre, das Wefen jedss eigentlich
fogenannten Gefetzes»
§. 7-
Die Gefetze, womach die moralifche Güte
«der Bösheit der Handlungen beuriheilt wird,
find, meines Erachtens, diefe drei : das göttli-
che Gefetz, das bürgerliche Gefetz,
das Gefetz der öffentlichen Mei-
nung oder Achtung, wenn ich es fo nen-
nen darf. Durch die Beziehung auf das erfte,
beuriheilen die Menfchen, ob ihre Handlun-
gen, Sünden oder Pflichten, auf das zweite,
ob üe ftrafbar oder nicht ftrafbar, auf das drit-
te, ob üe Laßer oder Tugenden und«
$. 8.
Unter dem göttlichen Gefetz verliehe
ich dasjenige, welches Gott als Richtfchnur
der menfchlichen Handlungen ihnen entweder
durch das natürliche Licht oder durch die Of-
fenbarung bekannt gemacht hat. Kein vernünf-
tiger Menfch wird wohl in Zweifel ziehen ,
dafs Gott den Menfchen eine Regel gegeben
hat, womach fie ihre Handlungen einrichten
fol-
Acht und zwanzigstes Kapitel, 227
ToHeru Er hat das Recht dizu; wir find feine
Gefchöpfej er befitzt Güte und Weisheit, um
unfre Handlungen auf das Befte zu richten , und
Macht, um dem GeTetz durch Strafen und Be-
lohnungen von unendlichem Grad und Dauer
in einem künftigen Leben Kraft und Anfehenzu
geben ; denn nichts kann uns feinerMacht entzie-
hen. Diefes ift der einzige wahre Probierfteia
der moralifchen Rechtin ä fsigkeit, nach
welchem die Menfchen das wichtigfteiVerhält-
nifs ihrer Handlungen beurtheilen , oh. fie rno-
ralifch gut oder böfer d, b» pflich tmäfsige
Handlungen oder Sünden find, und ob
lie wegen derfelben aus der Hand des Allmäch-
tigen Glückfeligkeit oder das [ Gegentheil er-
warten dürfen,
§♦ 9-
Eine andre Regel, nach welcher die Men-
fchen beurtheilen, ob ihre Handlungen firaf-
fällig Und, oder nicht, ift das bürgerliche,
d. h, von dem Staate für die Handlungen fei-
ner Bürger vorgefchriebene Gefetz. Diefes
wird von keinem Menfchen vernachläffiget;
denn die mit demfelben verknüpften Beloh-
nungen und ßeftrafungen find immer in Bereit«
fchaft und der Pracht des Gefetzgebers ange-
meflen. Der Staat verbindet fich nehm'ich mit
gefammter Macht, das Leben, die Freiheit und
das Eigenthum derjenigen zu fchützen , welche
P 2 nach
f
%l\ Zweites Euch.
nach feinen Gefetzen leben; er hat aber auch
die Macht, Leben Freiheit und Eigenthum den
Ungehorfamen zu nehmen. Und darin befiehl
die Strafe der Uebertretung feiner Gefetze.
§. io.
Das Gefetz der öffentlichen Mei-
nung oder Achtung. Es iß wahr, man be-
hauptet allgemein, dafs die Worte Tugend und
lafter folche Handlungen bezeichnen, welcbe
an fich recht oder unrecht find; und in diefer
Bedeutung ift das Gefetz, wodurch fie befiimmt
werden, kein andres, als das oben erwäbnte
göttliche. Demungeachtet iß doch fo viel
einleuchtend, dafs diefe Prädicate in den be-
fondern Fällen ihrer Anwendung unter ganzen
Nationen und einzelnen Gefellfchaften durch»
gehens nur denjenigen Handlungen beigelegt
werden, die in jedem Laude, in jeder Gefell-
fchaft ein Gegenftand der Achtung oder Verach-
tung find. Es darf uns gar nicht befremden,
dafs die MenTchen eine unter ihnen für lobens-
würdig gehaltene Handlung Tugend, und eine
tadelswürdige Laßer nennen; denn fie muTs-
teu üch fonft in ihren eignen Augen verdam-
men, wenn fie etwas für recht oder u n r e cht
hielten, ohne jenem Lob, diefem Tadel zuzu-
erkennen. Der Maafsßab, nach welchem,' an al-
len Orten Tugend und Laßer beurtheilt und
gefchätzt wird, iß alfo Billigung und Mifsbil-
li-
Acht und zwauzigftes Kapi ef. 3*9
ligung, Lob und Tadel, — Urtheile . welche
unter den verfchiedenen Gefellfch ften , Stäm-
men l und Verbindungen der Menfchen durch
eine ftillfcbweigende Einwilligung Gültigkeit
erlangen. Darnach werden einige Handlungen
gebilliget, andre getadelt, je nachdem es den
herrfchenden Urtheilen, Maximen und Ge-
wohnheiten an einem Orte angem eilen iß.
Denn obgleich die Menfchen, welche fich zu
einer bürgerlichen Gefellfchaft vereinigten, fich
gegen den Staat des willkührlichen Gebrauchs
aller ihrer Kräfte begeben, fo dafs fie diefel-
ben gegen Mitbürger nicht anders als nach der
Voifchrift des Gefettes anwenden können, fo
behalten fie fich doch das Recht vor, die Hand-
lungen derjenigen, mit denen fie leben und
umgehen, zu beurteilen, zu billigen oder mifs»
zubilligen , wodurch fie unter einander feft fe-
tzen, was fie Tugend oder Lafter nennen
wollen, *)
P g §.11.
*) Der Verfafser will, wie er in einer Anmerkung
fiber die Einwürfe, welche ihm von Lowdo
in feinem DifcoHife concerning the Nature oJ?
Men gemacht wurden, fagt, hier die morali-
fchen Regeln felbit nicht aufteilen, fondern den
Urfprung und die EefchafFenheit moralifcher Be-
griffe zeigen , wie fie unter Menfchen gewöhn-
lich find. Die öffentliche Billigung und Mifs«
billigung, fagt er, ift der gemeine Mafsfub,
xiach welchem die Menfchen Tugenden und La-
iter beurtheilen ; aber er behauptet nicht, daf»
diefe
3lo Zweites Buch.
5- "•
Dafs diefes der gern eine Maafsftab der
Tilgen d und des La fters ift, kann fich je-
der idurch die Betrachtung überzeugen, dafs. un-
geachtet in einem Lande etwas für Lafter gilt,
was in dem andern für Tugend oder doch nicht
für Lafter angefehen wird, Tugend und Lob,
Lafter und Tadel doch allezeit unzertrennlich
verknüpft find. An allen Orten w'rd Tugend
dasjenige genennt, was lobenswürdig ift, und
Anfpruch auf die öffentliche Achtung hat. Tu-
gend und Lob flehen in fo engeir Verbindung,
dafs beides oft durch einerlei Wort bezeichnet
wird. So drücken fich auch heidnifche Philo-
sophen aus , welche wohl wufsten , was in den
Begriffen von Tugend und Lafter enthalten ift.*)
Wenn auch die Verfchiedenheit in der Sinnes-
art, Erziehung, Mode, Maximen und Intereffe
verfchiedener Menfchenklallen die Felge hatte,
dafs etwas, welches an einem Orte für lobens-
würdig galt, an einem andern nicht dem Ta-
del
diefe Urtheile immer richtig find; fie find es
nur dann , wenn fie mit dem göttlichen Gtfetz,
der unveränderlichen Regel der Moralität, über-,
einftimmen.
*) Virgil Aeneid. I, v. 461. Sunt hie etiam fua
praemia Jaudi. Cic. Tuscul. Quaeft. II, 20. Ni-
hil' enim (natura) habet praeftantius, nihil quod
magis expetat. quam honeftatem, quam lmdem,
quam dignitatem , quam decus.
Acht und zwanzigfies Kapitel. , 231
del entgieng, und dafs al'"o in verfcbiedenen
Gefellfchaften Tugenden und Lafter tnil einai der
verwechfelt wurden , fo ftirnmten fie doch in
der Hauptfache an allen Orten gröfstentheils
mit einander überein. Dean nichts ift fo na-
türlich j als dafs jeder Menfch dasjenige durch,
feine Billigung und Achtung aufmuntert, wor-
in er feinen Vortheil findet, und das Gegen-
theil tadelt; und man darf fich daher nicht
wundern, wenn Billigung und Mifsbilligung,
Tugend und Lafter allenthalben grofsentheils
mit der unveränderlichen Regeides Rechts und
Anrechts einftimmig find, welche das göttliche
Gefetz aufgeteilt hat. Nichts fiebert und be-
fördert aber fo offenbar und unmittelbar das all-
gemeine Befte der Menfehen in diefer Welt,
als der Gehorfam gegen die göttlichen Gefetze,
da hingegen die Vernachläffigung derfelben das
gröfste Unheil und die gröfste Verwirrung an-
richtet. Unmöglich können daher die Men-
Tchen in dem , was ihre Billigung und ihren
Tadel verdient, durchaus irren, wofern fie
nicht ihrer Empfindung , Vernunft und ihrem
InterefTe entfagen wollen, denen fie fonft f9
wenig untreu werden. Ja felbft diejenigen Men-
fehen, welche fonft nicht recht handeln, be-
urtheilen doch meiftens ganz treffend, was zu
loben und was zu tadeln ift, und nur wenige
find bis zu dem Grad verdorben , um die Feh-
P 4 ler»
212 Zweites Ruck.
ler, deren fie fich felbft fchuldig mache» , an
andern nicht »u verdammen.
Vielleicht denkt mancher, ich fey meinem
eignen Begriff von einem Gefetz untreu wor-
den, indem ich das Gefetz, nach welchem Tu-
gend und Lafter beurtheih werden, nur allein
in dem einftimmigen Urtheil von Privatper-
fonen fetze, welchen es fo fowohl an Anfe-
hen , ein Gefetz zu machen; als auch an
Macht, es durch Zwangsmittel durchzufetzen,
alfo gerade an einer Hanptbedingung fehlet.*
Hierauf läfst fich aber folgendes antworten.
Derjenige fcheint wenig Kenntnife von der,
Gefchichte und dem Character des Menfcheu-
gefchlechts zu verrathen, der nicht glaubt, dafs
Billigung und Mifsbilligung anderer mächtige
Bewegungsgründe für die Menfchen find, fich
nach den Meinungen und Maximen derjeni-
gen zurichten, mit denen fie umgehen. Man
wird finden, dafs der gröLte Theil der Men-
fchen ihre Handlungen , wo nicht allein doch
vorzüglich, nach dem Gefetz der Convenienz
beftimmen , und alfo nur dasjenige thun, was
fie in Achtung, bei ihrer Gefellfchaft erhält,
ohne viel Rackficht auf die Gefetze Gottes und
der Obrigkeit zu nehmen. Wenige ja vielleicht,
die meiden Menfchen denken nur feiten ernft-
lich an dio jira'en, welche die Uebertretung
eine» göttlichen Gefeues begleiten, und viele,
wenn
i Acht und zw-nzigfkä Kapitel, 233
wenn Ge iucb daran denken, he.sen do;;h Celbft,
während Ge dagegen fündigen, den Gedanken
einer künftigen Wiederausfchnuug [mit Gott.
Und was die bürgerlichen Strafen betrifft, fp
fchmeicheh: Ge Geh mit der Hofmm-j'der Straf-
lofigkeit. Wenn aber ein Menfch gegen die
Gewohnheit und Meinung der Gefcltfchaff han-
delt, in der er lebt, und der er Geh 'empfeh-
len müchte, fo kann er nie der Strafe ihres Ta-
dels und Mifsfallena entgehen. Unter zehn
taufend findet man kaum einen, der fo viel
Srarrfinn und Unempfindlichkeit befitzt, dafs
er unter hefiäudigen Mifsfallefl und Tadel fei-
ner Gefeilfcbaft in derfeiben ausharren und mit
Geh felbft zufrieden leben konnte, es müfste
denn ein Mann von ganz besonderer und un-
gewöhnlicher Gemüthsart feyn. Viele Men-
i'chen haben zwar die Einfamkeit gefucht und
Geh mit derfeiben ausgeführt; aber kein Menfch,
der nur etwas für Menfchen um ihn her denkt
und fühlt, kann in einer Gefellfcluft leben, de-
ren Mitglieder unaufhörlich mit ihm unzufrie-
den find und Büfes von ihm denken. Diefs
i!t eine zu fchwere Laft für eine.i Menfcheo';
und derjenige müfste aus unvereinbarheben Wi-
dersprüchen zufammengefetzt [e.yn , der an ei-
ner Gefellfchatt Vergnügen empfinden, und doch
of gen die Verachtung und das Mifsfallen ihrer
Mitglieder gleichgültig fern könnte.
2^4 Zweites Buch.
§. I?.
Mit diefen drei Gefetzen (§. 8> 9. -o) ver
gleichen die Menfchen ihre Handlungen auf
mannichfaltige Weife; und die Uebereinttim-
rnnng diefer mit ein«m derfelben ift die Hegel, -
nach welcher He die inoralifche Rechtmäßig-
keit ur.d die BefchafFecheit der Handlungen»
ob fie gut oder böfe und, beftiinmen«
Nun kann derVerftand das Verhältnis einer
Handlung zu einer Regel leicht beurtheilen,
welche gleichfam der Probierftein unferer Hand-
lungen ift, um ihre Güte zu befthnmen und fie
darnach zu benennen; dadurch wird ihnen
gleichfam ein Stempel von dem ihnen beigeleg-
ten YVerthe aufgedrückt. Ob diefe Regel von
der herfchenden Meinung^des Landes oder dem
Willen eines Gefetzgebers hergenommen ift,
darauf kommt hier nichts an. Der Verftand
kann, wie gefagt, entfeheiden, ob eine Hand-
lung mit der Regel übereinftimmt oder ni«ht,
und bekommt dadurch einen BegrifF von
dem moralifchen Guten und Böfen,
welches eben in der Uebereinftimmung oder
INJichtübereinflimmung einer Handlung mit die-
fer Regel befteht. Daher heifst diefes Gute auch
oft die moralifche Rechtmäfsigkeit.
(jeetitude) Da diefe Regel nichts ift als eine
Ver-
Acht und zwanzigßes Kapitel. 235
Verbindung verfehiedener einfacher Vorftellun-
gen, fo beftehet die Uebereinftirnmung mit der-
felben in einer folchen Einrichtung der Hand-
lung, dafs die einfachen fich darauf beziehenden
Vorftellunoen denen entfprechen, welche das
Gefetz erfodert. Hieraus fehen wir, wie mora-
lifche Objecto und Begriffe auf die einfachen Vor-
ftellurgen der Empfindung und Reflexion ge-
gründet find, und in diefelben fich auflöfen laf-
fen. Wenn wir z,.B4 alle Beftandtheile des zu-
fornmengefetzten Begriffs Mord unterfuchen,
fo werden wir finden , dafs er eiheH Inbegriff
von einfachen Vorftellungen ausmacht , wel-
che aus der Empfindung und Reflexion ihren
Urfprung haben. Erftlich erhalten wir durch
die Reflexion über die Thätigkeiten unfers Ge-
mütbs die Begriffe vom Wollen, Ueberlegen
Vorfatz, ,Bosheit , oder der Neigung, feinem
Nächften Böfes zu wünfchen, wie auch vo-oi
Leben. Bewufstfeyn und felbftthätigen Bewe-
gung. Zweitens, Durch die Empfindung ha-
ben wir den Inbegriff der einfachen finnliehen
Vorftellungen, welche in dem Menfchen gefun-
den werden, und gewifler Handlungen , wo-
durch das Bewufstfeyn und die Bewegung des
Menfchen aufgehoben wird. Alle diefe Vor-
ftellungen fafst das Wort Mord in fich. In-
dem ich nun ffinde, dafs diefer Inbegriff von
einfachen Voritellungen mit der öffentlichen
Meinung des Landes, in dem ich geboren bir,
übei
-"iö Ä.vekes E;;ch.
übereinfrimmi. oler nicht, und dafs er von den
ir.ciften Meufchen dafeibft für lobens würdig
od^r fadeh würdig gehalten wird, fo nenne ich
die Handlung Lugendhaft oder lalteihaft. JNeh-
nif i'-h aber den Willen des oberften unfehlba-
ren Gefetzgebers zu meiner Regel, fo ift die
Handlung, in fo fern fie von Gütt geboten eder
verboten ift, gut oder bofe, Pflicht oder Sün-
de. Endlich nenne ich die Handlung in Be-
ziehung auf das bürgerliche Gefetz, das durch
die geletzgebende Gewalt eines Landes zur Re*
gel gemacht ift, gefetzrnaffig oder gefetzwidrig,
ein Verbrechen oder ein Nichtverbrechen.
Woher wir aifo immer die Regel moralifcher
Handlungen nehmen , und nach welchem
Grund fatz wir die BcgriEFe von den Tugenden
und Laftern bilden mögen , fo Gnd diele doch
nichts anders, a!s Inbegriffe von einfachen
Begriffen der Empfindung und der Reflexion,
und ihre Recbttnäffigkeit oder Unrechtmäffig-
keit befteht in der Uebereinftimmung oder
Kichtübereinfiimmung mit einer Re^el , die
durch irgend ein Gefetz vorgeschrieben ift,
$. i5.
Um hch einen richtigen Begriff von rnorar
lifchen Handlungen zu machen, mufs man fie
fich unter einem gedoppelten Gelichtspunct
vorftellen. Erltlich in fofern üe an üch blofs
ein
Acht und zwanzigste« Kapitel. JJ|
ein Inbegriff von einfachen Vorfieüungen oder,
wie ich fie nenne, getauchten Beftimmungen
find, z.B. die Trunkenheit die Luge. In
diefer Hui ficht find fie eben fo pofitive ab-
foiute Begriffe, als das Saufen eines Pfer-
des, od;r das Spreeben eines Papageyes. Zwei-
tens, untere Handlungen werden als gut oder
bofe , oder als weder pnt noch böfe betrachtet;
in diefer Rock ficht fird fie relativ. Denn
mir die Einfciirimung oder der Wiaerftreit mit
einer Regel macht fie zu tegelm:iffige rl oder
unre^elmäffigen, g;;'.en oder bö!en Handlungen,
und iufofem fie gegen eine Regel gehalten
und nach derfelben benennt werden, treten
fie in ein Verhältnifs. So wird die Herausfo-
derung und die Schlägerei ein Duell genennt,
insofern fie eine gewiffe pofitive Beftimmung
oder eine befondere Art Handlung ift , die lieh
durch ihre befondern Befiandtheile von andern
unterfcheidet ; in Beziehung auf das göttliche
"Gefetz verdient fie aber die Benennung Sünde ;
r.ach dem Gefetz der öffentlichen Meinung
ift üc in manchen Ländern Herzhaftigkeit und
Tapferkeit, nach bürgerlichen Gefetzen hinge-
gen ein peinliches Verbrechen. Wenn in die-
fen Fällen eine Handlung zwei Ausdrücke hat,
durch deren einen fie als pofitive Beftimmung,
durch den andern aber ihr Verhältnis zu dem
Gefetz gedacht wird, fo läfst Geh diefer Unter-
fchied eben fo leicht bemerken, als bei Sub-
ftan-
258 Zw< it« Buch.
flanzen mit verfchiedenen Benennungen, wo
die eine Ge als Suljecte z. B. Mann, die ande-
re iure Verhältuiffe z, B, Vater anzeiget.
§. 16.
Oft ift aber der pofitive Betriff ih.er Hand-
lung und ihr moralifches Vetbältnjrs in einem
Worte zufammen^efafst und ausgedrückt. Da*
her wird oft der Unterfchied zwischen beiden
nicht bemerkt, und die moralifche Beziehung
leichter überfehen. Durch (diefe Vennifchung
zweier verfchiedener Gefichtspuncte in einem
Ausdrucke, werden diejenigen, welche (ich von
dem Eindruck der Töne zu leicht hinreifsen
lauen und die Worte für die Dinge nehmen,
oft in der Beuriheilung der Handlungen irre
geführt. So heifst Stehlen die Handlung,
wenn man ohne VViffen und Einwilligung ei-
nes Andern nimmt, was fein ift; gewöhnlich
veibindet man aher damit den Begriff einer
unerlaubten, mit dem Gefetze ftreiienden Hand-
lung, und verdammet jede Handlung, die mit
dem Ausdruck Stehlen bezeichnet wird. Kuh
wird die heimliche Wegnahme eines Degens
von einem Reifenden auch eigentlich ein Steh«
len genennt , weil he eine zutammengefetzte
Handlung von eben derfelben Art ift, die
doch in Beziehung auf das göttliche Gefetz
keine Sünde ift, wenn gleich das Wort Steh-
len
Acht und zwanzigßes Kapitel. J>)
Ien gewöhnlich diefe Bedeutung bei Geh
führet.
§. 17-
Die Verhältniffe find unzählig.
So viel von Beziehung der menfehlichen
Handlungen auf ein Gefetz , oder von den
moralifchen Verhältnifien. — Man darf übri-
gens nicht erwarten, dafs ich alle VerhältnilTa
durchgehe, denn das erfoderte ein ganzes Buch.
Es war zu meinem Zweck hinreichend, durch
einige Beifpiele zu zeigen , von welcher Art
unfre Begriffe davon find. Es ift nicht leicht,
fie auf Regeln zurückzuführen, und unter voll-
ftändige Klaffen zu bringen , d3 iie fo mannich-
faltig und die Veranlaßungen dazu fo vielfach
find, als es Gefichtspuncte giebt , Dinge mit
einander zu vergleichen. Die angeführten
find, wo ich nicht irre, die wichtigften , und
von der Art, dafs fie uns einigen Auffchlufs
über den Urfprung und den Grund der Ver-
hältnirsbegriffe geben können. Ehe ich aber
diefen Gegenftand verlafle , fo fey es mir er-
laubt, noch' einige Anmerkungen aus dem Ge-
faxten abzuleiten,
§. 18.
Erfiens, Es ift klar, dafs alle Verhält-
niffe fich in einfache Vo r ftellu ngen
der
i^o Zweites Wach.
der Empfindung und Reflexion auflöten, und
fi<!h zuletzt auf diofelben gründen, Alles, was
daher in unfern Gedanken enthalten ift , wenn
wir etwas denken oder meinen, oder was
wir andern andeuten wollen, beftehet, wenn
wir dazu Verhält rifs- Ausdrücke brauchen, aus
einfachen vArftellungefe , oder ihren Verbin-
dungen , in'otera fie mit einander verslichen
werden. Nirgend! ift das fo deutlich, als bei
den GradverhältnifTen, z. B. das Honig ift
füfler als das Wachs. Denn diefes gedachte
Verhältnis beziehet fich offenbar auf f;den
einfachen Begriff, Süfsigkeit. Diefes gilt auch
von allen übrigen , ob gleich die einfachen
Begriffe, die fie enthalten , wenn fie ein oder
mehrmabl zufamroengefetzt find , vielleicht fei-
ten wahrgenommen werden. So enthält das
Wort Vater erftlich den collectiven Begriff,
den das Wort Menfcb, bezeichnet; ß) die ein-
fachen Vorfteilungen , welch« das Wort Zeu-
gung ausdrückt; 3) die Wirkung 'diefer Hand-
lung, und alle einfache Vorftellungen, welche
das Wort Kind enthält. Das Wort Freund,
infofern es einen Menfchen bezeichnet, der
einen andern liebt, und bereitwillig ift, ihm
Gutes zu erzeugen» begreift folgende Begriffe
»Is'Bcftandtheile, 1) alle Begriffe, weichein dem
Wort Menfch oder verftändiges Wefen enthal-
ten find; 2) den Begriff der Liebe; 3) den
E.-griff von DienftbeflifTenheit oder Neigung;
4)
Acht und KW&nzigfifis Kapitel. 24.1
4) den Begriff von Handlung; 5) den Begriff
vom Guten, d. h. . was feine
Glückfeligkeit befördert, — ein Betriff, der
Sich nach näherer Unterfudiung in befondere
einfache Vorfteüungen auflofsi, von welchen
das Wort Gut irgend eiie überhaupt anzeigt.
Denn ohne das hätte es gar keine Bedeutung,
Und fo Iöfen fich auch alle Worte für morali-
fche Gegenftände zuletzt näher oder entfern-
ter in Verbindungen einfacher Vorfteüungen
auf. Denn die unmittelbare Bedeutung relati-
ver Worte ift oft ein anderes vorausgefetztes
bekanntes Verhältnifs, das nach fortgefetzter
Zergliederung endlich allezeit in einfache Vor-
ßellungen zerlegt wird.
Ich bemerke zweitens, dafs wir, wo
nicht allezeit doch meiflentheils, einen fo
klaren Begriff von dem Verhältnifs,
als von den einfachen Vorfteüun-
gen, in denen es gegründet ift, haben»
Denn unfere Begriffe vo:; der Uebereinftim-
roung oder Nichtübereinftiinmung , wovon die
Verhältniffe abhängen, find gewöhnlich fo klar
^ls von fonft etwas, man darf nur eine ein-
fache Vorßelhing und einexi Grad derfelben
von andern uwterfcheiden , ohne Welches
überhaupt keine deutliche Erkenntnifä möglich
Locke'«. II. Theil. Q ift.
243 Zweite» Buch.
ift. Wenn ich eiue klare Vorftellung von der
Süßigkeit , vom Licht, von der Ausdehnung
habe, fo habe ich auch eine klare Vorftellung
von einem gleichen , großem, kleinern und
jedem Grad derfelben. Wenn man weifs,
•was es in Beziehung auf einen Menfchen ift,
von einem Weibe gebohren feyn , fo weifs
nian auch, was es für einen andern ift, von
eben demfelben geboren zu feyn , und fo ift
der Begriff von dem Verhältnifs der Brüder
fo klar, oder vielleicht noch klärer, als von
der Geburt. Denn diefes Verhältnifs gründet
fich auf die Vorftellung, dafs ein und dafTelbe
Weib auf gleiche Weife zur Geburt beuler
beiträgt , und dafs beide in Anfebung des Um-
ftandes der Geburt gleich find, wenn Buch die
beftimmte Art und Weife der Geburt unbe.
kannt wäre. Obgleich aber die Begriffe von
befondem Verhältniffen bei gehöriger AufmeTk-
famkeit fo klar und deutlich als von gemifch-
ten Beftimmungen, und noch beftimmter als
die von Subftanzen feyn können, fo ift doch
die Bedeutung der Ausdrücke für Verhältniile
oft eben fo zweifelhaft und ungewifs, als de-
*er, wodurch Subftanzen, gemifchte Beftim-
mungen und noch mehr, als derer, wodurch
einfache Vorftellungen bezeichnet werden.
Denn jene Ausdrücke find nur Zeichen für die
Vergleithung, welche allein indem Verftande
Torgeht, und daher nur eine Idee ift j und
fie
Acht und zvranzigftes Kapitel. 343
fie werden daher häufig nach der Vorftellungs-
art des einen, welche nicht mit den Vorstellun-
gen eines andern, ob er lieh gleich deffelben
Ausdrucks bedient, übereinftimmet, auf ande-
re Vergleichungen angewendet,
§. 2o»
Drittens, In moTalifchen Verhältniflen
entliehet durch die Vergleichung einer Hand»
lung mit einer Rrgel ein richtiger Begriff von
dem Verhältnifs, die Hegel raag wahr oder
falfch feyn. Wenn ich eine Sache mit einer
Elle mefle, fo weifs ich, ob fie länger oder
kürzer als die Elle ift. Es kann feyn , dafs die
Elle nicht das richtige Maafs ift, denn diefes
gehört für eine andere Unterteilung : aber ge-
fetzt, fie Wäre unrichtig, und ich irrte dar-
inn, fo kann ich doch gleichwohl das Verhält-
nifs der Sache zu derfelben richtig wahrneh-
men. Die Beziehung einer Handlung auf
eine falfche Regel hat freilich die Folge, dafs
man über die moralifche Befchaffenheit derfel-
ben falfch urtheilet, weil man fie nicht nach
der Wahren Regel beftimtnt; demungeaebtet
kann man doch das Verhältnifs der Handlung
2u jener Regel, d. h. ob fie mit derfelben über-
einftimmt oder nicht, richtig erkennen.
Q i Neun
*44
Neun und zwanzigftes Kapitel.
Von klaren und dunkeln, deutlichen
uud undeutlichen Vorftellungen.
§. i.
•*ch habe den Urfprung, die verfchiedenen Ar-
ten unferer Vorftellungen, und den Unter-
fchied zwifchen einfachen und zufammenge-
fetzten betrachtet und bemerkt, dafa die zu-
fammengefetzten in Beftimmungen, Subftanzen,
und VerhaltnhTe eingetheilt werden . — alles
nothwendige Unterteilungen für denjenigen,
der das Verfahren des Verftandes bei dem Den-
ken und Erkennen der Dinge einfehen will.
Ungeachtet diefe Unterfuchungen über die Vor-
ftellungen vielleicht manchem zu weitläufig
fcheinen dürften, fo mute ich doch mit Er
laubnifs des LeTers noch einige andere Betrach-
tungen über diefelben anftellen. Die erfte
betrifft den Unterfchied, dafs einige klar und
deutlich, andere dunkel und undeut-
lich find.
§• 2.
Klarheit und Dunkelheit der Vor-
ftellungen.
Das Vorßellen der Seele IäTst fich am he-
ften durch Worte erklären, die fich auf o*as
Sehen beziehen. Die Reflexion über das, wae
wir
Keim und zwanzigstes Kapitel. 24$
wir an Gegenftänden des Gefichts klar und
dunkel nennen , wird uns daher am heften
verständlich machen können, was die Klar-
heit und Dunkelheit der Vorftellungen ift.
Da das Licht die Bedingung der Sichtbarkeit
der Gegen ftände ift, fo nennen wir dasjenige
Object dunkel, welches nicht in ein fo volles
Licht geftellt ift, dafs man die feinften in dem-
felben bemerklichen Farben und Geftalten wahr-
nimmt, weiche man bei einem ftärkem Lichte
unterfcheiden würde. Dielcmnach find unfre
einfachen Vorftellungen klar, wenn
fie fo befchaffen find, als ihre Objecte in einer
wohl geordneten finnlichen Vorftellung fieh
darftellen würden oder könnten. Wenn das
Gedächtnifs He fo behält, und dem Bewufst-
feyn wieder darftellen kann , fo oft der Ver«
ftand ihrer bedürftig ift, fo find es klare
Vorftellungen. Infefern fie aber etwas
von ihrer urfprünglichen Genauigkeit und Leb-
haftigkeit verloren haben , und durch die
Zeit gleichfam verblichen find, infofern find
fie dunkel. Zufammenge fetzte Vor-
ftellungen find klar, wenn ihre Theilvor-
ftellungen klar find , und die Zahl und Ord-
nung derfelben beftimmt und gewifs ift,
§.. 5.
Ur fachen der Dunkelheit.
Die Ur fache der Dunkelheit einfa-
cher Vorftellungen fcheint theiis in der Stumpf-
en 3 keät
J4<i Zweites Buch.
beit der Organe, th«ils in zu fchwactyen und
flüchtigen Eindrücken deT Objecte, theils end-
lich in einem fchwacheu Gediichtnifs zu lie-
gen, welches die Vorstellungen nicht fo be-
halten kann als es diefelben erb-'ten hat. Wir
wollen diefs wieder durch die Analogie mit ficht«
baren Gegenwänden erläutern. Wenn die Sin-
nenorgane oder Empfindungsvermögen, wie
durch Kälte zu hart gewordenes Wachs, die
Eindrücke von dem Siegel mit gewöhnlichem
Druck nicht annehmen; oder wie zu weiches
Wachs das Eingedrückte nicht gut erhalten j
oder wenn das Wachs zwar feine gehörige
Confiftenz hat, aber das Siegel nicht mit er»
foderlichter Kraft aufgedruckt wird: fo wird
in allen diefen Fällen das Gepräge dunkel feyn.
Eine weitere Anwendung davon ift über-
flüTfig.
§. 4-
Was deutliche und verworrene
V orftellungen find.
So wie eine Vorftellung klar ift, wenn die
Seele davon ein fo vollei und klares Bewufst-
feyn hat, als zu entftehen pflegt, wenn ein
äuffere6 Object ein gefundes Organ gehörig
afficirt, fo ift diejenige Vorftellung deutlich,
in der der Verftaud einen Unterfchied von al-
len ander» wahrnimmt; undeutlich ift fie aber,
wenn
N«un und twanzigftes Kapitel. />47
wenn Ge von einer andern, von der fie unter-
fchieden werden Tollte, fich nicht vollkommen
unterfcheiden läfsj,
$. *
Wenn eine Vorftcllung nur dann undeut-
lich ift, wenn fie von andern verfchiedenen
lieh, nicht vollkommen unterfcheiden läfst, fo
dürfte es, wird man einwenden, wohl gat
keine undeutliche geben. Denn eine Vorßel-
lung von welchem Inhalte es fey, kann nichts
anders feyn , als 'das, was fich die Seele vor-
ßellt, dadurch ift fie aber von allen andern
Vorftellungen unterfchieden , die nur infofern
andre Vorfiellungen find, als fie als von jener
verfchieden vorgeftellt werden. Jede Vorftel-
lung mufs daher von allen andern unterfcheid»
bar feyn , von denen fie unterfchieden werden
foll; wenn man nicht will, dafs fie fich von
fich felbft unterfcheiden foll.
§. 6?
Un deu tlichkei t der V orfiellungen
findet nur in Beziehung aufihre
Ausdrücke ftatt.
Diefe Schwierigkeit läfst fich durch eine
Bemerkung heben, welche zugleich über die
Urfache der Undeutlichkeh einiger Vorftellun-
Q 4 gen
»4S Zweites Buch.
gen' Licht verbreiten wird. Dinge, welche
durch verschiedene Ausdrücke bezeichnet find,
werden dadurch als hinlänglich verschieden
und unterfcheidbar gedacht; und der £Töfste
Theil verfchiedener Ausdrücke bezeichnet nach
der allgemeinen Ueberzeugung auch verschie-
dene Dinge, Da nun jede Vorftellung eines
MenSchen das ift, was fie ift, und Geh da-
durch van a!l«n andern Vorftellungen aurser
ihr unterfcheidet, fo kann fie nur dadurch
undeutlich werden, wenn iie fo befchaffen ift,
dafs fie eben fo gut durch ein andres Wort als
durch das für fie beftiramte bezeichnet werden
kanu , das ift, wenn der U n t er f chied, wel-
che» die Bedingung ift, d^fs zwei Gedanken
unterfchieden und untes zwei verfchiedene
Ausdrücke gefafst werden, ausgelaflen ift,
und die Unterfcheidung, welche durch die-
felben gefichett werden follte , völlig verlo*
ren geht,
§• 7*
Urfachen der Undeutlichke.it.
Dia Fehler, welche gewöhnlich diefe
Verwirrung verurfachen, find, meiner
Meinung nach , hauptsächlich folgende« Der
erfte Fehler ift, wenn die zufammengefetzten
Begriffe, denn bei diefen kommt die Undeut-
lichkeit am weiften vor, aus zu wenigen und
nut
Neun und zwanzigfle8 Kapitel. 249
nur fölchen einfachen Vorfiellungen befiehen,
welche auch andern Dingen zukommen, wo-
bei der Unterschied, um deffen willen fie ver-
fchiedene Sprachzeichen verdieren , ausgelaf-
fen ift. Wer fich in feinem Begriff von einem
Leoparden nur ein Thier mit Flecken denkt,
der hat einen undeutlichen Begriff ; denn
durch denfelben kann der Leopard nicht
von dem Lynx und andern geflektsn Thieren
unterfchieden werden. Wie febr das gewöhn-
liche Verfahren , die Worte durch allgemeine
Begriffe zu erklären, dazw beiträgt, die Be-
griffe zu verwirren und unbeftimmt zu laffen,
überlaffe ich andern zur Betrachtung. So viel
ift aber gewifs, dafs undeutliche Begriffe den
Gebrauch der Worte nngewifs machen, und
den V.orthei! der Verfchiedenheit der Ausdruck»
aufheben. Wenn Vorftellungen , zu deren
Bezeichnung wir vermiedene Ausdrücke ge-
brauchen , kein Unterfcheidungsruerkmal ha-
ben, das den Worten entfpricht, und daher
durch diefe nicht zu unterfcheiden find , fo
find fie wirklich undeutlich.
§. 8-
Zweitens. Ein andrer Fehler der Begriffe,
wodurch fie undeutlich werden, beftehet darin,
wenn ihre Beftandtheile zwar nicht mangelhaft
aber doch fo verbunden find, dafs man nicht
Q 5 leicht
*5» Zweite! Bück.
leicht umei («beiden kann, ob fie mehr d*m
für fie b> (ii.ini.'en Ausdrucke oder einem
antlpri) angehören, Nichts kam) ups eine bef-
fere Votfteliung von diefer Verwirrung g>~ben,
als eine gewöhnliche Ar: von Gemälden, die
als bewunderungswürdige K.uiftv\ 8rke gezeigt
werden , in denen die Farben, fo wie fie durch,
den l'infel aufgetragen find, fehr ungewöhnli,-
che und bizarre Geftajten ohne fichtbare Ord-
nung in der Stellung darftellen. Diefes Ge-
mälde, in dein keine Ordnung noch Symme-
trie erfcheiut, ift an rieh fo wenig undeutlich
als irgend Jemand ein Gemälde von einem
Wolkigten Himmel, wegen der wenigen Ord-
nung in den Farben und Geflalten, für ein unr
deutliches Gemiilde hält. Da alfo der Mangel
an Symmetrie nicht die Urfache der Undeut-
lichkeitift, welches daraus erhellt, dafs eine
blofse Kopie davon nicht undeutlich heifst, fo
fragt es lieh, warum wird es denn doch für
undeutlich gehalten? — Kichts anders ift die
Urfacbe, als die Beziehung auf ein Spracbzej-
chen , dem es nicht mehr ausfchliefsend ange-
hört, als einein andern. Wenn man fagt , es
ift das Bild von einem Menfchen, vOn Cäfar,
fo hält es jedermann mit Grund für undeutlich,
denn in dieCem Zuftande hat es nichts Unter-
fcheidendes, das fich mehr auf das Wort
Menfch, Cafar, als auf das Wort [Pavian,
Pompejus bezieht, welche Worte doch etwas
ganz;
Nenn und zwanzigftes Kapitel. ijl
ganz anders bezeichnen, als die erften. Sind
aber durch einen richtig gestellten CYlindrifchen
Spiegel die unregelmäßigen Züge des Gemäldes
in ihre gehörige Ordnung und VerhaltniiTe zu-
rückgebracht, dann höret die Undeutlichkeit
auf, das Auge bemerkt, dafs das Gemälde z,
B. einen Menfchen oder Cäfar darfteilt . das
heifst, dafs es in Verbindung mit diefen Wor«
ten ftehet und fich von einem Pavian oderPorn-
pejus, d. b. voa den durch diele Worte be-
zeicbneteo .Begriffen, hinlänglich unterfchei-
det. Eben fo ift es mit unfern Vor (teil im gen,
welche gleichfam Gemälde von Dingen und.
Keines diefer geiftigen Bildfr kann, wie auch
feine Theile zufammengefetzt find, undeutlich
genannt werden, denn die Theile laffen Geh,
fo wie fie lind, klar von einander unterfchei-
den — bis es unter ein Wort geordnet wird,
dem es fo wenig als einem andern von ver-
fchiedener Bedeutung a,usfchliefslich beigelegt
weiden kann,
§. 9.
Der dritte Fehler, wodurch Vorfiellungen
oft undeutlich werden, iß, wenn fie fch wan-
kend und unbeftimmt find. Man findet
Menfchen, die, weil fie fchon Gebrauch von den
gewöhnlichen Worten ihr«r Sprache machen ,
ehe fie noch ihre beftimmte Bedeutung kennen,
die Begriffe, welchs fie mit denfelben verknü-
pfen,
3 {2 Zweites Buch.
pfen , f-ift mit dem jedesmaligen Gebrauch än-
dern. Derjenige, der nicht weifs , welch«
Merkmale er in feinen Begriff von Kirche ödet
Götzendienst aufnehmen oder aus demfelbea
ttxsfchlicfsen folJ, und daher, fo oft er darüber
denkt, diu byitimmte Verbindung der Theil-
vorftellungen diefer' Begriffe nicht feft hält,
der hat einen undeutlichen Begriff davon. Die-
fe Urfache kommt aber immer wieder auf die
erfte zurück. Denn ein veränderlicher Begriff,
wenn man ihn für einen will gelten laflen»
kann mit einem Worte nicht mehr als mit ei-
nem andern verbunden werden, und verliert
daher die Beftimuitheit , welche durch verfeliie«
dene Ausdrücke erreicht werden folk
$. I«.
Ohne Beziehung auf Worte Iäfst
fich die Undeutlich keit der Vor-
ftelluiigen nicht leicht denken.
Welchen grofsen Einßufs die Worte, als
beftimmte Zeichen der Dinge und als Mittel,
die Unterfcheidung deffen , was verfchieden ift,
zu veranlagen und zu rlchern, wegen der ver-
borgenen, noch nicht beachteten Beziehung»
in welche die Seele Worte und Vorflellungen
fetzt, auf die Benennung deutlicher und un-
deutlicher Vorftellungen haben, läfst fish leicht
aus dem Gefügten bemerken , und vielleicht
wird
Neun wnd zvran:irrr*es Kapitel. 2$ 3
m
wird es noch verständlicher werden, wennfch
irn dritten Buche vor den Worten werde ge-
handelt hdben. Gewifs ohne Ruck Geht auf die
Beziehung der \orf»«llungen auf verfchiedene
Worte, als Zeichen verfchledeuer Dinge, läfst
es lieh nicht leicht befiinunen , w^s eine un-
deutliche Vorstellung ift. Wenn daher Jemand
durch ein Wort eine Kbfle von Bingen oder
ein von allen andern verfchierienes Individuum
bezeichnet, fo ilt-der zu fammengefetzie Begriff,
den er mit jenem verbindet, deito deutlicher,
je individueller ciie Theilvorfteliungen find,
Uüd je gröfser und benimmter ihre Zahl und
Ordnung ift. Denn dann erhält er defto mehr
vorftellbare Unterfcheidungsmerkmale , wo-
durch er (ich von allen mit Worten verknüpf-
ten Begriffen, felbft denen, die ihm am näch-
ften kommen, unierfcheiden und abfondern
läfst, und dadurch wird alle Verwirrung ver-
mieden,
5v ii.
Die Undeutlich keit beziehet fich
allezeit auf zwei V o r ft e 1 1 u n g e n.
Die Undentlichkeit, infofern fie die
Trennung zweier Dinge, die unterschieden
werden follten, erschweret, beziehen fich
allezeit auf* zwei Vo r ftjel 1 u n ge n und
zwar vorzüglich diejenigen, die. in Dach»
fter
i:'>4 Zweit*» Buch.
ßer Verwandt fehaft flehen. So oft alfo ein
Verdacht enifteht, eine Vorftellung mochte un-
deutlich feyn, fo mufs man allezeit unterfu-
chen, welch« andre Vorftellung mit jener ver-
wechfelt, oder nicht fcbarf genug von ihr un-
terfchieden fey.i möge« Es wird Geh dann immer
rinden, dafs es eine andre durch ein andres Wort
bezeichnete Voiftellung ift, welche daher von
derjenigen unterfchieden werden follte, von
welcheT fi« doch noch nicht vollkommen unter-
fchieden ift, indem fie entweder als identifch
mit deifelben, oder als eine Theilvorftellung
derfelben, oder doch zum wenigen als eine
\ orftellung erfcheint, die mit dem Sprachzei*
chen jener eben fo gut bezeichnet werden könn-
te. Und fo geht die Uuterfcheidung der Vor-
ftellungen, welche fchon in der Verschieden-
heit der Ausdiücke liegt, verloren.
§. 12.
t)iefs ift. wie mir fcheint, die den Vorftel-
lungen eigene Undeutlichkeit , die immer eine
vt-ifteckte Beziehung auf die Sprachzeichen
bat. Sollte es auch noch eine andre Art von
Undeutlichkeit geben, fo rührt doch von je-
ner die Verwirrung in den Gedanken und Re-
tkn der Menfchen gröfstentheils her, weil die
Vorftellungen, in fo fern fie mit Worten ausge-
drückt find, grüfstentheils den Gegenftand in-
res Nachdenkens und ihrer Unterhaltungen aus-
raa-
Neun und zwanzigstes Kapitel. 2S>
machen. Wo daher zwei verfchicdene Begrif-
fe mit zwei verfchiedenen Spi achzeichen an-
genommen werden» die doch Dicht f o , wie
ihre Ausdrücke, unterfcheidbar find, da kann
e^ nie an Undeutlichkeit fehlen, fie kann abet
nicht ftatt finden, wenn fie fo ur.teifchiedeil
werden, als die Begriffe der Ausdrücke,, wo-
durch fie bezeWinet werden. Das Mittel,
der Undeutlichkeit vior ■ ilbeugpn,' be-
liebet alfo darin, dafs man in die lufararaeh*
gefetzten Vöifleilungen fo beitimmt als möglich
alle Merkmale aufnimmt» wodurch fie fich von
andern untetTcheiden , und, nachdem die Zjhl
und Ordnung ihrer; Merkmale befthnint ift » mit
ihnen immer einerlei Ausdrücke verknüpft.
Allein dieTe Genauigkeit ift eher zu wünfchen
als zu erwarten , weil fie fich nicht mit d^m
Hange der Menfchcn zur Bequemlichkeit und
Eitelkeit verträgt, und blofs auf die lautre
Wahrheit abzweckt, für welche nicht alle
Menfchen Intereße haben. Und da diefe loofe
Verknüpfung d^r Worte mit ur.beftimmten ver-
änderlichen Begriffen, die faft fo gut als keine
Begwffe find, fowohl zur Bemäntelung unfrer
eignen UnwilTenheit als zur Verwirrung andrer
dient, wodurch man fich den Schein von üe-
lehrfamkeit und überlegener Ein ficht giebt, fo
darf man fich nicht wundern* wenn die mei-
fien Menfchen den Gebrauch folcher fchwan-
kenden Begriffe, den fie andern fo übel neh-
men,
25t> Zweites Buch.
meo, Geh I'elbft erlauben. So fehr ich aber
glaube, du'.s ein ^rofscr Tluil der Verwirrung
in den Begnffen durch Sorgfalt und Redlichkeit
vermieden werden könne , fo bin ich doch
weit davoa entfernt, jeden Fehler diefer Art
für vorf&tzlich zu halten. Einige Begriffe find
fo fvhr zufammengefetzt und verwickelt, dafs
das Gedächtuifs alle einzelnen-tte^brjdtbeile iu
ihrer befiimmten Verbindung nicht leicht in ein
Wort faflen kann; noch weniger kann man im-
mer erraihtn, welche Merkmale und in wel-
cher Verbindung eiu Andrer mit einem Worte
bei dem jedesmaligen Gebrauche verbindet.
Aus jener Urfache enifpringt die Undeutlich-
keit iu jedes Menfchen eignem Denken, aus
diefer die Verwirrung in feinern Räfonnement
mit andern. Doch davon werde ich weitläufi-
ger in dem drittes Buche handeln»
§. 13.
Zu fa rr.mengefetzte Begriffe kön-
nen von der einen Seite deutlich
und von der andern undeutlich
fey n.
Da unfre zuraramengefetzten Begriffe aus ei-
ner Manuichfaltigkeit einzelner Vorftellungen
befU-hen, fo können diefe von der einen Sei-
te klar und deutlich und von der an-
derndunkslundu« deutlich fey n, Wenn
ei-
Neun und zwanzigfies Kapitel. 25?
einer von einem Chiliaedron oder einem Körper
von taufend Flacher) fpricht, fo kann disVoriiel-
lun» von diefer Figur fehr undeutlich tii>d die von
der Zahl fehr deutlich feyu. Es ift möglich,
dafs er in Beziehung auf jenen Zahlbfgriff. gut
räfonniren auch manches demonftriren kann, und
(ich dadurch einbildet, einen deutlichen Begriff
von dem Ganzen zu haben; und doch ift es ein-
leuchtend, dafs er keine befümmte Vorftellung
davon hat, um diefe Figur nur von einer m.it
999 Flächen zu unterfcheiden. Die Vernachläffi-
gung diefer Unterfcheidung verurfacht nicht
•wenige Irrthümer und Verwirrungen in dea
Begriffen und Räfonnement.
§• 14.
Man lade denjenigen, der einen deutlichen
Begriff von einem Chiliaedron zu haben glaubt,,
zur Probe eine Maffe derfclben Materie, z. ß. von
Gold und von derfelben Gröfse, als das erftere,
in eine Figur von 999 Seiten bilden. Unftrei-
tig wird er die Vorftellungen beider Figuren
durch die Zahl ihrer Flächen unterfcheiden*
und in fo fern deutlich darüber räfonniren, z.
B, die Folgerung ableiten, dafs die Summe der
einen Figur, nicht aber die der andern in zwei
gleiche Quotienten getheilt werden kann. Al-
lein die UnteTfcheidung beider Körper durch
ihre Figur würde ihm nicht fo gelingen. Wäre
der eine Körper ein Kubus, und der andre riri
Locke1«. II. TheU. R Fünf-
*$i Zweites Bucb.
Fünfeck, fo Wir« es möglich, zwei Vorftellun:
gen von ihnen zu bilden , die Geh blos durch
die Figur deutlich von einander unterfchieden >
das ift aber nicht möglich in Anfehung jener.
Es gefchieht aber nur zu leicht, dafs man fich
durch foiehe uuvollkommene Begriffe , zumal
wenn fie btfondere und bekannte Sprachzei-
chen haben, täufcht und mit andern darüber
ftreitet. Denn da die Vorftellung, info fern Ge
klar ift, befriediget, und der bekannte Aus
druck auf das Ganze alfo auch auf das in der-
felben enthaltene Dunkle und Mangelhafte be-
zogen wird, fd ift man nur zu geneigt, ans
dem dunkeln Inhalte derfelben fo zuverfichtlich
als aus dem klaren Folgerungen abzuleiten,
$. 15*
Ein ßeifpiel ron dem BegrifF der
Ewigkeit.
Der öftere Gebrauch de« Worts Ewigkeit
kann uns leicht zu der Täufchung verleiten ,
als hätten wir einen vollftündigen poGtiven Be-
griff davon, d. h. als wäre jeder Theil der
Dauer klar in demselben enthalten. Zwar kann
derjenige, der fo denkt, von der Dauer, von
einer grofsen Länge derfelben und von Ver«
gleichung diefer mit einer noch gröfsern einen
klaren Begriff haben; da er aber doch in die
Vorftellung einer noch fo gtpfsen Dauer die
ganze
N«ui» und zwanzigffes Kapitel. 250
ganze unendliche Zeit nicht eitifchltefseri kann,
fo ift der Theil feiner Vorfiel' <rg, wacher über
die Grenzen einer langen vbfgeftellten Dauer
hinausgeht, fehr dünke' und ur.beCiirnmt. Da-
her die Möglichkeit, dafswir in unfcrtu Denken
über die Ewigkeit oder eine andere Unendlich-
keit uns fo leicht in Irrthünser und offenbare
Ungereimtheiten verwickeln,
§. 16.
Ein an dres Beifpiel von der Theil-
barkeit der Materie.
Wir haben keinen klaren Begriff von der
Kleinheit der Materientheile, wenn fie noch
um viele Grade kleiner, als diejenigen find,
welche wir durch die Sinne wahrnehmen.
Wenn wir alfo von einer unendlichen
Theilbarkeit der Materie fprechen , fo ha-
ben wir zwar klare Begriffe von der Theilung,
der Theilbarkeit und den Theilen eines zerleg-
ten Ganzen, aber fehr dunkle und undeutliche
Begriffe von kleinen Körperchen , die noch im-
mer getheilt werden Folien, nachdem fie fchori
fo klein geworden , dafs fie keiner Wahrneh-
mung mehr empfänglich find; Was die Thei-
lung überhaupt und die Beziehung des Ganzen
und der Theile ifl, das kann man fich klar
und deutlich vorftellen, aber nicht die Gröfse
eines ins Unendliche theilbaren Körpers, wenn
R 2 die
aGa Zvviitt» Buch.
die Theilung einige ProgrefGoneu durchgpgan
gen ift. Hat einer wohl eine deutliche Vorllel-
lung von dem Verhältnifs des loooeften und
100C,öcoflrn Theilchens des kleinften fichlba-
ren Sonnenfläubchens, wenn man, was nicht
zur Ausdehnung gehöret, die Zahlen ausnimmt?
Und follte er leinen Vorltellungen einen fol-
chen Grad von Feinheit, ohne Nachtheil für
die Deutlichkeit, zutrauen, fo fe;ze er an jede
diefer Zjhlen noch zehn Nullen. Denn einen
folchen Gradlvon Kleinheit darf man wohl ohne
Ungereimtheit vorausfetzen, weil man nach ei-
ner fo weit fortgefetzten Theilung doch der
Gränze der unendlichen Theilbsrkeit um nichts
näher kommt, als nach der erlten Theilung in
zwei Haifien, Was mich betrifft, fo mufs ich
geliehen, dafs ich von der unterfcheidbaren
Gröfse oder Ausdehnung diefer Körper keine
klare deutliche, fondern nur eine fehr dunkle
Vorftellung habe. Wenn wir alfo von der un*
endlichen Theilbarkeit der Körper fprechen,
fo, denke ich, verwandelt lieh die Deutlichkeit
der Vorfullung von ihrer Gröfse, welche der
Theilung zum Grunde liegt, nach einigen Pro-
grefüonen in Dunkelheit. Denn eine Vorftel-
lung, welche uns nur allein die Gröfse der
Ausdehnung vorftellen foll, mufs fehr dunkel
und verwint feyn , wenn wir Gc von einer an«
dem, die eine zehnmal giufiere Ausdehnung
zum Gegenfund hat, nur durch die Zahlen un-
ter-
>jeun und twanrigftes Kapitel. 261
teiTcheider» können. Demnach haben wir wohl
von 1 und 10 klare und deutliche Vorftellun-
gen , aber nicht von der Ausdehnung, die fich
wie I zu 10 verhält. Es ift alfo daraus ein-
leuchtend, dafs, wenn wir von der unendlichen
Theübarkeit der Körper oder der Ausdehnung
reden, die Klarheit und Deutlichkeit der Vor-
fiellungen fich nur auf die Zahlen einfchrän-
ket; dafs fie hingegen, in fo fern fie fich auf
die Gröfse der Ausdehnung bezieht, nach eini-
gen progreffiven Theilungen verfchwindet»
Wir haben von unendlich kleinen Theilen kei*
ue deutliche Vorfiellung. Alles, was fich dabei,
fo wie überhaupt bei dem Unendlichen,
vorftellen läfst, ift zuletzt doch nichts anders,
als dafs fich zu jeder Zahl eine neue fetzen
läfst, wodurch man fich aber keinen wirklich
unendlichen Theil vorftellt. Es ift wahr, wir
können uns jederzeit einen klaren Begriff von
der Theilung bilden; allein dadurch erhalten
wir fo wenig eine klare Vorfiellung von unend-
lichen kleinen Theilen der Materie, als von ei-
ner unendlichen Zahl dadurch, dafs wir. zu je-
der gegebenen noch immer neue Zahlgröfsen
hinzufetzen können. Die endlofe Theübarkeit
giebt uns fo wenig deutliche Vorftellungen von
wirklich unendlich kleinen Theilen, als die
endlofe Vermehibarkeit der Zahlen eine klare
Vorfiellung von einer wirklich unendlichen
Zahl, Beide Vorftellungen enthalten nur die
R 3 Mög-
a6i Zweites Mfkc\,
Mü°licnkeit, jede Zahl, fo groTs fie auch ift,
noch immer zu vermehren. Wir haben alfo
nur einen unvollftändigen dur-keln undeutli-
chen Begriff von dem, was noch immer hinzu«
zuietzen ü'jrig bleibt, worin eben die Unend-
lichkeit beftehet, und es läfst Geh fo wenig dar-
über mit Klarheit und Gewifsbeit denken und
fchlier$en , als über eise Zahl in der Arithme-
tik, von der wir keine fo deutliche Vorftellung
als von 4 oder leo, fondprn nur den relativen
dunkeln] Betriff haben, daTs f:e gröfser ift, als
eine andre Zahl, mit welcher Ge verglichen
wird. Die Vorftellung, die uoendliche Zahl
fey gröfser als 400 ooo.cco ift nicht deutlicher
als die, Ge fey gröfser als 40 oder 4, indem die
erftere Zahl kein näheres Verhältnifs zu dm
Grenzen aller Addition als die letzte hat. Denn
wer 4 zu 4 fetzt und immer fo fortfährt, \vi d
nicht eher an diefe Grenze kommen , als der-
jenige, der 400,000,000 zu 400,000,000 addirt.
Eben fo ift es mit der Ewigkeit. Die Vorftel-
lung von 4-00>00°.Ooo fahren ift kein vollftän-
digerer und poGtiverer Begriff von derfelben, als
die Vorftellung von nur 4 Iahren; denn was
noch in beiden Zahlen bis zur Ewigkeit fehlet,
das lafst Geh weder durch die eine noch die
andre klar und poütiv vorftellen, — Nichts
Endliches Gehet in einem Verhältnifs zu dem
Unendlichen , alfo auch nicht unfre Vorflellun-
gen, welche alle endlich find. Nicht anders
ver-
Nenn und zwanzigstes Kapitel. 263
ve-hält es fleh mit der Vorftellung von der Aus-
dehn 'in», wenn wir Ge durch die Addition
vergröfsern oder durch die Theilung verklei-
nern, und dadurch unfre Gedanken bis zur
Vorftellung des unendlichen Raums erweitern
wollen. Wenn wir die uns bekannten gröfsten
Gröfsen der Ausdehnung einigemal multiplicirt
haben, fchwindet die deutliehe Vorftellung die-
fes Raums. Wir ftellen uns ihn als einen
unbtftimmbar grofsen vor, der noch immer gTöf-
fer gedacht werden kann. Wenn wir darüber
denken und räfonniren wollen, fo verwickelt
uns diefer Begriff, wie überhaupt alle undeut-
liche Begriffe, in folche Verlegenheit, dafs man
fich nicht hersue finden kann.
Dreiffigftes Kapitel,
Von realen und erdichteten (fantaftica,)
Vorfteliungen.
Reale Vorftellungen entfp rechen
ihren Objecten,
§. I.
Aufser dem fchon gefagten, laffen fich die Vor-
fteliungen noch von einer andern Seite in Be-
R 4 zie*
26"4 Zweites Bn«k.
ziehung auf die Dinge, von welchen fie gege-
ben find, oder welche fie vorteilen füllen,
betrachten. In diefer RückOcht ift ein dreifa-
cher Unterfchied denkbar, fie find l) entweder
real oder erdichtet; u) vollkommen
oder unvollkommen; 3) wahr oder
fallch.
Unter realen Vorftellungen verliehe ich
folche, welche in der Natur gegründet find,
und welche mit dem realen Weferi und Dafeyn
der Dinge (ihren urfprünglichen Vorbildern)
übereiuftiinmen. Erdichtete nenne ich folche,
welche keinen Grund in der Natur noch eine
Aehnlichkeit mit dem Wefen des Dinges ha-
ben , auf welches fie Geh, als ihr urfpiüngli-
ches Object (ihr Urbild) beziehen,
$. 2.
I. Die einfachen Vor ftellungen find
alle real.
Nach Unterfuchung der verfchiedenen, oben
angegebenen Arten der Vorftellungen ergiebt
fich erftens, dafs alle einfache Vorftel-
lungen real find, denn fie ftimmen alle mit
der Realität der Dinge überein. Das heifst
aber nicht foviel , dafs fie alle Bilder find, wel-
che etwas Wirkliches vorftellen , denn das Ge-
gentheil davon ift fchon mit Ausnahme der' ur-
fprüng«
Drtiffigftcs Kapitel. 3g5
fprünghchen Eigenfchaften der Körper gezeigt
worden. *) Allein obgleich die| weifse Farbe
und die Kälte fö weriig, als Schmerz in dem
Schnee ift, fo haben doch diefe Vorftellungen,
als Wirkungen der Kräfte der Aufsendinge,
welche von dem Schöpfer dazu eingerichtet
find, dafs fie folche Empfindungen in uns erzeu°
gen, objective Realität für uns und wir unter-
scheiden durch fie Eigenfchaften , welche wirk»
lieh in den Dingen find. In fo fern nehmlich
die inahnichfalttgen Erfcheinungen Merkmale
fevn follen, um die Dinge, mit denen wir zu
thun haben, zu erkennen und zu unterfchiji-
den, fo enifprechen nahe Vorftellungen als
reale ch.irakterimfehe Merkmale diefem Zweck
eben fo gut, wenn fie blofs unveränderliche
Wirkungen, als wenn fie vollkommen entfpre-
cbende Bilder von etwas objeetiven an den Din-
gen find. Die Realilät der Vorfiellungen befte-
het nur allein in der unveränderlichen Bezie-
hung auf die befliinmte Einrichtung der aufser
uns exilierenden Dir.gn. Ob Cis fich darauf
als auf Urfachen oder als Vorbilder beziehen „
darauf kommt hier nichts an; genug, dafs fie
von den Gbjectsn nach einer unveränderlichen
Regel hervorgebracht werden. In diefer Rück-
licht find alle einfache Vorftellungen wahr undf
real, und keine willkührlichen Dichtungen,
weil fie mit den Kräften der Dinge, die 11©
R 5 her-
*) S. oben das 8 Kap, des 2tea Buches.
-66 Zweite* Buch.
jbervorbrinsren , übereinftimmen , oder Pich doch
auf iie bez'trhi n. Denn bei diefen ift das Ge-
rr. üt!i blos auf die Einwirkung der Dinge ein«
g-fcluänkt, und es kann keine hervorbüngen,
femdern üe nur empfangen.
§• 3.
Z u f a mjn e m g o fetzte Vorftellnngerj
find wiiik ühi liehe Verbindun-
gen.
Das Gemüth verhält fich zwar leidend in
Ansehung der einfachen aber nicht in Anfe-
hm g der zu fam mengefetzten Yo<fteIlungen.
Denn diefe find Verbindungen einfacher Vor-
itfliungen unter ein gemeinfehaftliches Sprach«
zvichen, und daher bedient fich der Verftand
foey Bildung derfelbcn offenbar einer gewiflen
Alt von Freiheit. Denn woher käme es fonft,
dius der Begriff des einen Menfchen von Gold,
Gerechtigkeit, (ich von dem eines andern un-
t&jrfcheidet, wenn nicht der eine Merkmale
aufgenommen oder ausgefchlolsen hätte, die
der andre nicht aufnimmt oder nicht ausläßt?
Es fragt Geh alfo hier : welche unter, diefen Ver-
bindungen real, welche blos willkubrlich find ;
welche mit der ohjeetiven Realität übereinftim-
nun, oder nicht?
i. 4«
Dr«iffigßes .Kapitel. 267
II, GemifchteBeftimmungen find re-
al, wenn fi e innere Möglichkeit
haben.
Da die »emiCchten Beft immuneren
und V er h !4 1 tn i fs e keine andre Reali-
tät als in dem meufchlichen Verftande haben,
fo ift zu ihrer Realität nichts weiter als eine
folche Bildung erforderlich, daTs ihnen et-
was entfprechendes exilieren kann.
Disfe Vorft. Usingen find ihre eignen Originale,
Ce können ihnen alfo nicht widerfprechen ,
a!fo auch nicht Hirrgefpinnfte feyn , wenn man
nur nicht wiederfprechende Yorftellungen ver-
bindet Infofern ihnen Worte einer bekannten
Sprache angewiefen find, durch Welche man
lie andern bekannt macht, in fo fern ift frei-
lich ihre innere Möglichkeit nicht hinlänglich,
fondern um iie nicht für chimäiifch zu halten,
inüfsen fie mit der Bedeutung diefer Sprachzei-
chen übereinstimmen. So darf man das Wort
Gerechtigkeit nicht mit dem Begriff, den man
in der gewöhnlichen Sprache unter Freigebig-
keit verftehet, verbinden. Doch diefe Will-
kührlichkeit betrifft mehr die Eigenthümlich-
kait einertSprache, als die Realität der Vorfiel-
lungen. Denn dafs ein Menfch in Gefahren
fo viel Gegenwart des Geiftes befitzt, dafs er
ruhig überlegen kann, was am beften zu thun
ift,
268 Btreires B^ch.
ift, und di* ftandbaFt ausfuhrst, ■ ft eine ge-
mifchte Beftimmuag oder ein »ufamrneiV^ftz-
ter ßr^riil < idlong', die wirklich vor-
kommen J'ann. Die UnerfchütU rlichkv?it in
Gefahren . ohne Gebrauch det Vernunft und
,der Kläffe, ift aber nicht weniger möglich
und ein eben fo realer Begriff, als der erflere.
Da aber der erfte mit dem Sprachzeichen,
flluth verknüpft ift, fo kann er in Rückficht
auf diefes Wort richtig oder unrichtig feyn,
Diefes fällt aber bei dem andern weg, da für
ihn kein Aufdruck beftiinint, und er ohne
weitere Rückficht, als auf Hch felblt, gebil-
det ift.
§. 5.
HI, Die Begriffe von Subftanzen
find real, wenn fie mit den exi-
liierenden Dingen übereinfHm-
m e n,
Unfre zu fa >n in en gefetztenBegrif«
fe ron Sub (tanzen, welche fich auf Din-
ge aufsei uns beziehen, und uns Subftanzen,
infofem De wirklich find, vorftellen; find nur
insoweit real, als fie Inbegriffe von einfa-
chen Vorftellumgen fiud , welche wirklich ver-
einioet und zufaininen in den Allmendingen exi-
ßiereni blpfae Einbildungen fiud fie aber,
wenn fie folche Ycrftellungen in fich fallen*
wel-
Dieifsigftes Kapitel. 269
welche nie vereiniget waren . urr! nie zuTatn-
men an einer Subfta^z gefunden werden. Bei-
fpiele von den letztern aud folgende Begriffe:
ein vernünftiges Wefc«, beßehend aus einem
Pferdekopf und ein ein menschlichen Körper,
Wie die C&ntauren beschrieben werden, oder
ein gelber Körper . der fich fcb lagen uud
fchmelzen läfst, und feueibeftändig, dabei
aber leichter ift, als gemeines VVailer, oder ein
einförmiger unorganifcher Körper» der nach
dem äufsern Anfehn aus einartigen Theüen
befteliet , und nah BewuFstfeyh und Willkühr-
licher Bewegung verbunden ift. Ob folche
Substanzen exiftieren können, oder nicht, das
willen wir wahrfcheinlich nicnt; dem fey aber
wie ihm wolle , fo find doch diefe Begriffe
blofse PrOducte der Einbildungskraft . weil
fic nach keinen uns bekannten emittierenden
Objecten gebildet, und folche Verbindungen
einfacher Vorftellungen find, als uns noch nie
eine Subltan« aufgewiefen hat. IS och chhüä-
jil'cher find aber diejenigen, znfamrnengefetz-
ten Begriffe, deren Beftandtheile unverträglich,
und widerlprechend find.
Ein
Fin ithcl th^ifsi^ftrs K.ipittl.
Von vollkommenen (adequaie) und
unvollkommenen (inadequate) Vor-
fiellungen.
u„,
ifre real« Vorftellungen fin-1 thcils vollkom-
men, tht-iis unvollkommen. Voilko;iiineii nenne
ich diejenigen, welche ihre Objecte, von wel-
chen üe abgeleitet find, und auf welche Ge fich
beliehen, vollkommen darfteltcn. U n v o 1 1-
k o m nie n e Vorftellungen lind diejenigen, wel-
che das Object, auf welches fie fich beziehen,
hur zum Tueil oder unvollständig vorftellen.
§. 2.
I. Alle einfachen Vorftellungen
lind vollkommen.
Aus diefcr Erklärung folgt, dafs alle u n f-
re einfachen Vorftellungen voll-
kommen find. Denn da fie Wirkungen ge.
wider Kiäfte der Dinge find, die von Gott
O.aiii. eingerichtet find, daTs üe folche Empfin-
dungen in uns hervorbringen , fo muffen fia
notfnvendig diefen Kräften entCpretdien , und
wir können uns völlig verfichert halten , dafs
fie
Ein und dreifsigfte* Kapitel, 27 t
ße mit der objectiven Realität der Dinge übs r-
einftimraen. Denn wenn der Zucker in uns
die Voifitllungen von der weiften Farbe uad
der SüTsigki it hervorbringet, fo ift gewifs in
demfelhen eine Kraft, iie hervoi zubringen,
denn fonft würden Iie nicht dadurch wirklich
werden. Uno da jede Empfindung einer Kraft,
welche unfre Sinne äfficirt, entfpricht, fo ift
jede auf diefe Art entftandene VoriteJfung öb-
jectiv, und keine Erdichtung «ies Gemülhs:,
welches kein Vermögen hat : einfache V01 Hei-
lungen hervorzubringen j ünÖ fie raufe entfpire-
chend feyn, weil he nothwendig hur allein
rfiefer Kraft entfpricht. Alle einfache; Vorftei-
lungen find alfo vollkommen. Es ifi wahr, die
wenigften von den Vor Heilungen veruifacheh-
den Dingen werden voii uns blofs als Lrfa-
chen derfelben bezeichnet. Wh denken uns
Tielmehr die Vorftellungen als etwas Reales in,
tfenfelben. Wenn man fagt, dag Feuer ift
fehmeizhaft für das Gefühl , f0 legt man dein«
felben das Vermögen bei, diefe Empfindung
hervorzubringen -} aber man fagt auch: das
Feuer ift leuchtend und heifs, als wenn Licht
und Hitze etwas Reales in dem Feuer wäre-,
da ea doch nur das Vermögen, diefe Vorftellun-
gen zu erzeugen, befitzt. So mufs man ts
ve.ftchen, wenn ich läge, die abgeleiteten Ei-
genfchdften oder ihre Vorftellungen find in den
Objekten , die fie erzeugen. Obgleich c'ieia
Aus-
0?3 Zweites Buclh
Ausdrücke i!er gewöhnlichen Vorftellungsart
angepaßt Lud, ohne welche man lieh nicht
gut rerlründlich machen kann, fo bedeuten
de doch nichts anders, als das in den Dingen
■befindliche Vermögen, gewiffe Empfindungen
'und VorfteHungen in uns zu verutfachen. Ge-
fetzt di'T Menfch hiate keine taugliche Organf»
um lue Eindrücke des Feuers auf das Geficht
und d<s Gefühl aufzunehmen, noch aufserdem
ein Gemüih, um die V Orfteilungen von Licht
und Hitze vermöge jener Eindrücke zu empfan1-
gen, fo möchte die Sonne immer fo" fcheinen,
wie jetzt, und der Aetna noch fo hohe Flam-
men ausßofsen, es Würde doch fo wenig Licht
oder Hitze iu der Welt feyn , als Schmerz oh-
ne empfindende Wefen möglich ift. Hingegen
wurde Dichtheit, Ausdehnung mit ihrer Be-
grenzung, der Figur, Bewegung und Ruhe in
der Welt vorhanden feyn, ohne Küchficht auf
das Dafeyn oder Nichtdafeyn vorftellender We-
i'en. Daher haben wir Urfache, diefe als reale
Modifikationen der Materie und als die veran-
Jaflenden Ursachen unferer mannichfaltigen
VorfteUungeu von Körpern anzufeuern Doch
diele Unteil'uchung gehört nicht hierher.
$■ ?•
Ein und dreifsigftes Kapital. *73
*♦ 5.
II. Alle Beftitnmun»en f i n d voll-
kommene V o r ft e 1 i u n g e n.
Die zu f a m ra e n gefe t z t e n Begriffe
vou ßeftimmungen müden als wirkühr«
liehe Verbindungen einfacher Vorsehungen,
bei deren Bildung der Verdand auf kein wirk-
lich exiftierendes Vorbild RückQcht nimmt,
noth wendig vollkommen entfprechende Vor*
ftellungen feyn. Sie follen nicht Kopien von
exiftierenden Dingen feyn, fondern fie find
von dernVerftande felbit zu Originalen gemacht,
Dinge darnach zu benennen, und zu ordnen;
fie enthalten die von dem Verftande beftimmte
Verbindung von Vorftellungen und die beab-
lichtete Vollkommenheit. Der Verfland wird
durch fie vollkommen befriediget, und findet
keinen Mangel an ihnen. Die Vorftellung
vod einer Figur mit diei Linien, die in drei
Winkel zufammenfrofsen, ift ein voliftändiger
Begriff, dem nichts zu feiner Vollkommenheit
felilt, Dafs diefer Begriff den Vcrßand voll-
kommen befriediget, erhellet daraus, dafs er
fich kein vorftellendes Wefen denkt, das einen
voliftändigern Begriff von dem durch das Wort
Triangel bezeichneten Objecte habe, (wenn
wir dellen Exiftenz vorausfetzen) al> in dem
von drei Seilen und Winkeln enthalten ift,
welcher alles begreift, was zu feiner Volikom-
Locke's. II, Theü. S antfn-
274 Zweite» Ciuk.
meuheit wefentlich oder nothwendig iß, wo
und wie auch «in Triangel exiftiert. Arakrs
verhält es fich mit unfern Begriffen von Snb-
ßanzen. Indem diefe die Dinge nach ihrem
wirklichen Wefen copieren , und die Einrich-
tung, in welcher alle ihre Eigentümlichst i-
ten gegründet find, darfteilen feilen, werden
wir iune, dafs fie die Vollkoiumenheit nicht
•rreichen, welche wir wünfehten. Wir ver-
milfen noch immer etwas an ihnen, und Ge
find daher unvollftändig. Die Voritellungen
von gemifchten Beftimmungen und Verhält»
nillen hingegen find Originale ohne Vorbilder,
die nichts vorzufteJlen haben, als fich felblt.
und daher müffea fie vollkommen entfure-
chend feyn ; denn jedes Ding ift Geh felbft
gleich« Wenn einer zuerft folgende Vorliel-
lungen zufammen fetzte: Wahrnehmung der
Gefahr, Abwefenheit aller Verwirrung, ruhi-
ge Ueberle»ung deflen, was in diefem Zeit-
punete gerchehen mufs, und ftandhafte Aus-
führung deffelben ohne Verwirrung und AÖ-
fchreckung durch die Gefahr, fo fch webte fei-
nem Geifte gewifs der aus diefen Merkmalen
zufammengefetzte Begriff vor. Es war feine
Ablicht, dafs er nichts anders fey, als was er
ift, und keine andern Merkmale in Geh enthal-
ten follte; er mufste alfo vollftändig und ent-
fprechend feyn. Er legte diefen Begriff in
feinem Gedächtnifs nieder, knüpfte an den lei-
ben
Ein und dreifsigftes Kapitel. 275
ben das Wort Muth, um ihu andern miizuthei-
len und die Handlungen zu bezeichnen , wel-
che dajnit überein ftimmten. Diefer Begriff war
alfo ein Maasftab zur Beurtheilung der Hand-
lungen und als ein eignes Marter auf^eftellr,
ohne Beziehung auf ein anderes Ding als auf
fich felbft; er war auch nicht nach einem an-
dern Original fondern blofs durch die Will-
kühr gebildet, und daher vollkommen ent-
fprechend*
s. 4.
Beftimmungen können in Rück-
licht auf ihre Worte unvollkom-
men fey n.
Doch kann freilich ein Anderer, der aus
des erften Erfinders Umgang das Wort Muth
lernte, einen Begriff davon bilden, der von
der urfpringlichen Bedeutung jenes abweichet.
Und in diefem Falle kann fein Begriff fehr
mangelhaft und unvollftändig feyn , wenn et
nehmlich meint, er folle fo, wie fein Ausdruck,
mit dem übereinftimmen , den jener fich dach-
te. Denn weil der Begriff und der Ausdruck
deffan , von dem er beydes lernte, das Mu-
ßer feines Begriffs und Ausdrucks ift, fo ift die-
fer infofern mangelhaft und nicht entfprechend.
als er fich von jenem Mufter entfernt , nach
welchem «r gebildet ift, und das er durch
S 2 das
576 Zweites Buch.
das beigelegte Wort ausdrücken foll. Denri
er will dafs das Wort als ein Zeichen fowohl
von feinem eignen als von dem Begriff des
erften Erfinders angefeben werde, als wenn
beide einftirnmig wären. Ift das nun nicht»
fo ift der feinige mangelhaft und unvollflän-
dig.
§. 5.
Wenn alfo die zufammengefetzten Begriffe
von Beftiromungen fich auf die Begriffe andrer
Menfchen beziehen , und mit ihnen übereiu-
flimmen Tollen , auch zu dem Ende mit Wor-
ten bezeichnet werden, dann können fie und
auch nur in diefem einzigen Fall, fehr unrich-
tig, mangelhaft und unvollkommen feyn, weil
fie (dem von der Seele beftimmten Originale
nicht entfprechen. In diefer RückHcht find
diefe Begriffe mehr als andre dem Fehler der
Unrichtigkeit ausgesetzt, welche aber doch
mehr die Sprache als das Vorftellen betrifft.
§. 6.
III, Die Begriffe von Subftanzen
find in Beziehung auf das objee-
tive Wefen unvollkommen.
Die Begriffe von Subftanzen, die
ish oben erklärt habe, haben in dem Verftan-
de
Ein und dreirs'gfte« Kapitel, »77
de eine doppelte Beziehung, Bald werden fie
auf das vorausgesetzte reale Wefen jeder Art
von Dingen bezogen ; 2) bald follen fie nur
Gemälde und Vorftellungen des Verftandes von
den exiftierenden Dingen, vermöge der Vor-
ftellung ihrer wahrnehmbaren Eigenfchaften
feyn. In beiden Fällen find diefe Kopien in
Beziehung auf ihre Originale unvollkommen
und nicht völlig entfprechend.
Erftlich. Die Menfchen gebrauchen die
Sprachzeichen der Subftanzen zur Bezeichnung
der Dinge, infofern ße nach ihrer Vorausfez-
ung ein beftimmtes reales Wefen haben , und
dadurch zu diefer oder jener Art gehören.
Die Worte bezeichnen aber nichts anders als
Vorftellungen j folglich muffen fie diefe auf
das reale Wefen der Dinge als ihre Originale
beziehen. Dafs die Menfchen, vorzüglich die
in unfern Witten fchaften unterrichteten, ein
fpeeififches Wefen derSubftanzen vorausfetzen,
an dem jedes Individuum feiner Art Antheil
nimmt, und womit es übereinftimmt, bedarf
fo wenig eines Beweifes , dafs vielmehr die
entgegengefetzte Meinung fehr auffallend feyn
würde. Gewöhnlich wenden fie alfo diefe
fpeeififchen Worte, unter welche die einzeln
Subftanzen geordnet wer3en, auf die Dinge
an, als wären fie durch ihr fpeeififches reales
Wefen unterfchieden. Wer würde nicht den
S } Zwei-
»78 Zweites Euch.
Zweifel, ob er Geh aus einem andern Grur.de
einen IVTenfchen nenne, ah weil rr d.is leale
VVefcn eines iMenfcuen hat, für eine Krinkung
halten? UVnn man nun aber fragt , was denn
das reale Wefen der Dinge ift, fo zei-t ts Geh
gar bald, dafs die Menfchen nichts davon
wiflen. Daraus fol^t alfo. dafs die Begriffe,
infofern fie auf das reale Wefen als ihr doch
unbekanntes Original bezogen werdet», um fo
weniger er.tTnrecliende Vorflellungen find, als
fie nicht für Vorftellungen des objeetiven We-
fens gelten können. Unfre zufamniengefetzten
Begriffe von Subftanzen lind, wie wir fchon
gezeigt haben, gewifle Verbindungen einfacher
Vorftellungen, welche nach Beobachtungen, oder
Vorausfetzungen beftändig verbunden exiftie-
ren, Diefer zurammengefetzte Begriff kann
aber nicht das reale Wefen einer Subftanz feyn»
Denn fonft müßten alle an einem Körper ent-
deckten Eigenschaften von demfeiben abhän-
gen, und von ihm abgeleitet weiden können,
auch die nothwendige Verknüpfung mit dem-
feiben erkennbar feyn; fo wie alles, was fich
an einem Triangel entdecken läfst, aus dem
zufaramengefetzten Begriff eines durch drei
Linien eingefchloflenen Raumes abgeleitet
werden kann. Dafs diefes aber nicht der Fall
ift mit den Begriffen von Subftanzen, ift ein-
leuchtend. Das Eifen ift nach dem gemeinen
Bo.
Ein und dreifsigßes Kapitel. 27$
Begriffe ein Körper von gewiffer Farbe. Schwe-
re und Härte; und dafs er durch den Hammer
getrieben werden kann , betrachtet man als
eine ihm zugehörige Eigenfchaft. Diefe fteht
aber in keiner ncthwendigen Verknüpfung
mit jenem zufammengefetzten Begriffe oder
einem Merkmal deffelben, und man dürft«
mit eben fo viel Gmnd annehmen, dafs diefe
Eigenfchaft von der Farbe, dem Gewicht und
der Harte, als dafs diefe von jener abhängen»
Unbeachtet diefes reale Wefen kein Gegen-
ftand der Erkenntnifs ift, fo werden doch ge-
wöhnlich die Dinge nach diefem in Arten ge-
ordnet. Das Stückchen Materie, aus Avelchem
der Ring an meinem Finger befiehet, hat, wie
die meiften Menfchen voreilig annehmen,
fein reales Wefen, wodurch es Gold ift, und
woraus die an demfelben wahrgenommene
Eigenfchaften fliefsen , z B. die befondere
Farbe, das Gewicht, die Härte, die Schmelz-
barkeit, die Feuerbeftändigkeit, und die Ver-
änderung der Farbe durch eine leichte Berüh-
rung des Queckfilbers u. f. w. Diefes Wefen
aber, worinn diefe Eigenfchaften gegründet
find, lärst fich, aller Unterfuchungen ungeach-
tet nicht "entdecken. Ich kann nur höcbftens
annehmen, dafs das reale Wefen, oder die
innere Einrichtung des Goldes, als eines Kör- .
pers , worinn feine Eigenfchaften gegründet
find, nichts anders feyn muffe, als die Geftalt,
S 4 Gröt'se
;8o Zweites Buch.
Gröfse und Verbindung feiner dichten Be-
ßandibeile Da ich aber von keinem deffelben
«ine beßimmte Vorßellung hibe, lo lälst Och
auch das Wefen, welche^ die Urfache von der
befondern grlben Farbe, von dein fpecififclun
Gewicht, und von der Möglichkeit iß, d<-'s
di" FdTbe durch Berührung des Queckfilbc-n
verändert wird , unmöglich begreifen. Woll-
te man fa-en , diefes.reaJe Wefen, thefe innere
Eii. rieh tung f. y nicht die Geßalt, Gröfse, An-
ordnung und; Verbindung der dichten Theile,
fondern etwas anders, das man die befondere
Form des Goldes nennt, fo kann ich mir noch
weit weniger als vorher einen Begriff davon
machen. Denn von der Geßalt , Gröfse
und Lage der dichten Theile habe ich doch
im Allgemeinen einen Begriff ob ich gleich
die individuelle Geßalt, Gröfse und Verbin-
dung der Theile nicht kenne, aus welchen
die eben erwähnten Eigenfchaften entfpringen.
Allein dafs aufser der Geftalt , Gröfse und Ver-
bindung der dichten Theile diefes Körpers,
noch etwas anders, genannt fubßanzielle
Form, fein Wefen ausmachen foll, davon ge-
ßehe ich, habe ich nicht die geringße Vorfiel-
lung, den Laut Form etwa ausgenommen,
welches /aber doch noch lange nicht zum Be-
griff des Wefens hinlänglich iß. Eben fo we-
nig kennen wir dis reale Wefen aller andern
Subiidnzen in der Natur. Ich zum wenigßen
mufs
Ein und dvtifsigßns Kapitel. 281
imirsgeftehcii, dars ich keinendeutlichen Heg >£f
davon h-ibe, und wenn andre ihre Erkennt»
nifs prüfen, fo wetten fie hoffentlich tbem
diefclbe Unwiffenheit gefieheu n-üütn,
*.' %
Wenn nun die MenlYhon dicfer MjJTe
Materi*?", die ich an meinem Finger «rage, den
f c 1 n allgemein gebräuchlichen Namen Gold
reben', meiden ße nicht damit, oder wird
es nicht fo »nj»er»-hen>, als w'enta d^fes Wort
r.it'fer Art von Körpern n .-; h ihrem irinern
Wefen angehöre, und als wenn di fe einzelne
Subftanz dadurch. ;;nter diefe b?fli:?imte Klaffe
von Dingen geordnet werde? lii diefs, fo
niu's das Wort, durch welches ein Ding als
\on einem belli») jmen Wefen ausgezeichnet
wird, und folglich auch der durch das Wort
bezeichnete Elegtfiff fich auf diefe^ Wefen be-
ziehen. Beide follen alfo das Wefen darftei-
len , welches doch diejenigen, die fich der
Worte bedienen, nicht kennen. Ihre Begriffe
von Subftanzen können aifo in diefer Rück-
ficht nicht vollkommen feyn, da fie nicht, wie
es die Anficht des Verbandes erheifcht» das
leale Wefen dcrfelben enthalten,
$• 8.
Zweitens. Diejenigen welche mit Ue-
bergehung jener früchtlofen Mypoihefe rön
S 5 deai
2S* Zweites Buch.
dem unbekannten Realwefen der Subflanzen,
wodurch He unterfclueden werden, die in der
Welt exiflierei-den Subflanzen nur dadurch,
vorzufteilen Tuchen, dafs fie die Vorftellungen
von den finnlicben an ihnen zugleich exilie-
renden Eigenfchaften zufammenr tjfen , kom-
men zwar der Wahrheit etwas «äh^r, als die-
jenigen, welche noch in dem Wahne flehen,
fie eikentiten ich weifs nicht was für ein rea-
les fpeeififches Wefen. Allein auf diefe Art er-
langen fie doch keine vollkommen entfprechen-
den Begriffe von den Subflanzen , und diefe Ko-
pien enthalten nicht genau und vollftändig alles,
was in ihren Originalen anzutreffen ift. Denn
die Eigenfchafien und Kräfte der Subflanzen,
woraus diefe zufammengefetzten Begriffe gebil-
detwerden, find fo zahlreich und inaun ichfaltig,
dafs kein Menfch fie alle in einen Begriff zufam-
menfafsen kann. , Dafs aber die abfiracten Be-
griffe von Subflanzen nicht alle einfachen Vor-
Heilungen enthalten , welche in den Dingen
felbft gegründet find , ift fchon dadurch ein-
leuchtend, dafs die Menfchen feiten alle dieje-
nigen aufnehmen, die fie an denfelben erkannt
haben. Um die Bedeutung der Worte, durch
welche die Arten von Subflanzen bezeichnet
werden, fo klar und fo wenig verwickelt als
möglich zu macheu, bilden fie dielelben mei-
ftentheüs nur aus wenigen an den Subflanzen
wahrgenommenen einfachen Vorftellungen, Da
aber
Ein und dieifügftes Kapitel. «33
aber diefe keinen urfprünglichen Vorzug vor
andern nicht aufgenommenen, und keine An-
rprücbe daraufhaben, dafs fie allein den fpeci-
nfcnen Begriff ausmachen , fo folgt daraus ein-
leuchtend , dafs unfre Begriffe von S üb Ran-
zen in beiden Rücftfichren nicht vnllftandig
und voilkoifiuiGn find- Alle einfachen Yorfiel-
lungen, woraus wir diefe Begriffe bilden, die
Fig ;r und Gröfse bei einigen Arten ausgenom-
men, beliehen fich anf Kräfte und. Vermögen,
welche nur Verhähnifs'e zu andern Subftanzen
find. Wir können aber nicht eher Heber feyn,
alle Kräfte und Vermögen eines Körpers er-
kannt zu haben , bis wir beobachte? haben, was
für Veränderungen er in feinen mannichfaltigen
Verbindungen mit andern Subftanzen erleiden
und verurfachen kann. Es ift aber unmöglich,
diefes alles an einem Körper, noch weit mehr
aber an allen, zu beobachten, folglich ift eia
vollftändiger Begriff von einer Subftanz durch
das Zufamrnenfaffen aller feiner Eigenschaften
nicht möglich,
$. 9-
Derjenige, der zuerft ein Stück Gold erblick-
te, konnte vernünftiger Weife nicht anneh-
men, dafs die Gröfse und Geftalt, die er an
die Ter Matte beobachtete, von ihrem Wefen
oder inoern Einrichtung abhieng. Das letzte ,
konnte alfo auch kein Merkmal feines Begriffs
von
214 Zweigs Buch.
von diefer Art Körper werden. Fr abftralirte
vielleicht nur pueril die befondre F ibe und da*
fpecififche Gewicht, und n?hm diefej in den
Begriff ai.f B. ides find aber nur Vermögen
die er Subftanz; d.is eine, unfre A'igeu fo zu
ülticiren, d^fs darliitch die Verkeilung der gel-
ben Farbe ertttiehf; das andre, einen' Kiirper
von gleicher Grofse, wenn fie beide in zwei
gleiche Waagfcbale'o gelebt werden, hinauf zu
fcbnellea; - Ein andrer feUte vielleicht noch
dazu die Vorftellungen von der Schmekbarkeit
und Feuerbeftandigkeit ; und noch ein andrer
(He Ausdehnbarkeit durch das Sei hgen uud die
Anllöslichkeit in Goldwaffer, welches blos lei-
dende Vermögen find , jene in Beziehung auf
die Wirkung des Feuers; diefe in Beziehung
auf die Veränderung der äufsern Geftalt und
der Trrnnuns; der innerlichen Beftandtheile
durch die Wirkung andrer Körper,
§. I».
Wer die Eigenf( haften dfr Körper überhaupt
oder einer einzelnen Art in Betrachtung ge-
zogen hat, kann nicht daran zweifeln, dafs
d.is Gold unzählige andre Eigenschaften be-
fitzt, welche nicht in dem Begriff deflelbeu
enthalten find. Männer, weldie diefen Kör-
per fchäifer unterfucht haben, möchten wohl
zehnmal fo viel Eigenfchaften deffelben auf-
zählen können, die alle von der innern Einrich-
tung
Ein unl dreiffijftes Kapitel. 2ÖJ
tun? deßMben fo unzertrenn'l'-!i und, als die
Farbe und das Gericht: und Wüfsten wir aüe
diejenigen, welche allen einzelner; Meufeheo
davcn bekarjut find, fo würden wahrfoueinlich
noch hundertmal To viele einfache Yorftellüngen
den ze\ rnmengefeuren Begriff vnn Gold aus-
machen, als jetzt darin enthalten find. Gleich-
wohl würde das alles vielleicht; nicht den tau-
fendften Theil von dein ausmachen, was an
demfeiben entdeckt werden kann. Die mögli-
chen Veränderungen, welche ein Körper e; lei-
den und in andern hervorbringen kann, über-
fteigen nicht nur alle Erkenntnifs, fondern
auch alle Grenzen der Einbildungskraft Wenn
man überlegt, dafs, fo viele Eigenfchaftea
auch fchon. die Mathematiker an der einzige«,
nicht fehr zufanmenoefetiten Figur , dem Drei-
eck' entdeckt haben , fie doch b?r weiten noch
nicht alle erfchöpft find, fo wird man die'a
Behauptung nicht fo aui: -'lord ündeo, aU fie
bei dem erden Anblick e» fehlen,
§» iL
Alle unfre zufani rh e n g e f e t z t e n Begrif-
fe von Subftanzen find a;o .u-. vollkommen
und unvollftändig. Eben das Würde auch der
Fall mit den mathematischen Figuren fern ,
wenn wir die ße^ri.Te davon auf keine;-- andern
Wege als durch die Sammlung der i'.i^r. Fe haf-
ten in Beziehung auf einander erhielten« Wie
un
:85 Zweit« Buch.
ungewiß und unvollkommen würde dann iinfer
Begriff von einer Ellipfe feyn , wenn wir nul
eiüige Eigenfchafte:! derfclben kennten? Da
hingegen diefer Begriff das gauze VVefeu diefer
Figur in fich fnfst, fo entdecken wjr darauf
diefe Eigen fch.iftcn, und erkennen apodictifch,
wie fie daraus entfprin^en , un>! damit in un-
zertrennlichen Ziifainaaenkange fkhen»
§. 12.
Refulta te.
Es giebt daher drei Arten von abftracten
Begriffen, oder vom Nominal wefejfc Erftlich
einfache Vo.rfie 11 un gen , d. i. Kopien
(««tut«) dio aber zuverläffig ihren Gegerdtän-
den en tlp rech en. Denn fie füllen nichts
ausdrücken, als das Vermögen eines Dinges, in
dem Getnüihe eine befummle Vorftellung zu
erzeugen, deren Wirklichkeit noihwendig die
Wirkung derfelben Kraft feyn mufs. So hat das
Papier, worauf ich fchreibe, wenn es im Licht ift
(nach der gemeinen Vorftellungsart) das Ver-
mögen, in mir die Vorftellung der weifsen
Farbe hervorzubringen. Diefe Vorftellung mufs
die Wirkung einer Kraft iu einem aafser dem
Vorfallenden befindlichen Din»e feyn, weil fie
das Gemülh nicht durch fich felbft hervorbrin-
gen kann. Als Wirkung jener Kraft ift die
Vorftellung des Weifsen in meinem Gemüthe
real
Ein und dreifiigßes Kapitel. 287
real und voUftändig entfprechend; denn wäre
fie es nicht, fo mutete jene Kraft eiue andre
Vorftellang hervorbringen.
§. 13-
Zweitens. Die zufammergefetzteti Be-
griffe von Subftanzen und zwar auch Ko-
pien, aber unvollkommene und nicht ganz
entsprechende. Die Wahrheit diefer Behaup-
tung leuchtet ein, wenn man bedenkt, dafs
man lieh von keinem zufanauengefetzten Be-
griff einer exiftierenden Subft.iuz überzeugen
kann, dafs er vollständig alles das enthalte,
was in derfeiben real vorhanden ift. Denn
weil man nicht alle Einwirkungen anderer Sub-
ftanzen auf diefelbe, noch alle Veränderungen
beobachet hat, welche fie erleiden oder her-
vojbrins;eri kann, fo iit kern gaaz voilltändiger
Inbegriff aller ihrer thätigen und leidenden Ver-
mögen möglich. Doch gefetzt, es wäre nicht
unmöglich, und untre Begriffe enthielten wirk-
lich einen vollftandigen Inbegriff alltir abgelei-
teten Eigenfchaften oder Kräfte einer Subftanz,
fo hätten wir doch dadurch noch keinen Be«
I griff von ihrem Wefen. Denn da diefe Eigen-
febaften und Kräfte, die ein Gcgenftand der Be-
obachtung find, nicht das reale Wefen der Sub*
ftanz find, fondern nur von demfell)en abhän-
gen, und in demfelben ihren Grund haben, fo
kann uns eine noch fo viel umfaffeude Verbin-
dung
aSj
Zvreites Bück.
rtiflig derfelben doch <'a« rc-de Wefen der-Sub-
ftinz nicht zu erkennen geben. AnTietdeiti ha-
ben wir k&iner. Begriff von <Jer SubftauA über-
haupt, und wiil-i, nicht, was lie nt.
Dritten1;. Dio zuraminensefVtzten Begrif-
fe von l'i e It i tn in u« ge u und V e r h ä I i n i f-
fen lind keine Kopien fbnckirii ihre eignen
Originale. Sie find keinem wi- küch exiftie«
renden Dinge nachgebildet , mit dein lie voll-
kommen ühereinltimmen rtiüftted, hindern In-
begriffe von einfachen Vorlt« Hunden , we;che
<!er Verfxand felofi verbunden hat und dir? .illes
bpftidimt enthalten, was lie nach der Abficht
(UdTelben enthalten füllten. Datier lind üe das
Original und das Wefen der möglichen Beftim-
Oiungeri und beziehen fich daher nur auf die-
jenigen, welche, wenn fie wirklich werden ,
B it den Begriffen davon vollkommen überein-
üimmen. Die Begriffe von Befliminungeit und
VerhaUnilTen inüflen aifo vollkommen feyn.
Zwei
2S9
Ztrei und dieiffigftes Kapitel.
Von wahren und falfcken Vorftellun-
gen.
§. i.
Wahrheit und Falfcheit bezieht
(ich eigentlich nur auf Urtheile.
obgleich Wahrheit und Falfchheit im eigent-
lichen Sinne nur Prädicate der Uitbeile find,
fo werden doch auch die Vor Hell un'gen
oft wahr oder falfch genannt, 'Ueberhaupt
gieht ei nicht leicht ein Wort, welches nicht
in einem weitern und von (%iner urfprüng'ichen
Bedeutung abweichendem Sinne gebraucht wür-
de. Jedoch liegt bei jener Benennung, wie
ich glaube, allezeit ein nicht entwickeltes Ur«
theil zum Grunde. Wenn wir alle die F;:!Ie
unterfuchen, wo Vorftelluugen wahr oder falfch
genannt werden, fo wird fich allezeit eine Be-
jahung oder Verneinung finden, worauf* Geh
die Benennung gründet. Denn Vorftellungen
als blofse VOrftelliujgen oder Veränderungen
des Gemüths können an fich fo wenig, als blof-
ge Worte, das Prädicat wahr oder falfch er-
halten.
Locke's. II. TLeU, T §. i.
2j» Zweit« Buch.
DieraetaphyfifcheVVahrheitfchliefjt
ein unentwickeltes Urtheil in fich.
Man kann in einem m e taphy fi fch en
Sinne fowohl von Worten und Vorftellungeu,
als überhaupt von Dingen, die nur auf einige
Art wirklich find, Tagen, fie find wahr, d. h. li q
find wirklich das, was li e find. Doch
ift, wenn man Dinge in dieferu Sinne wahr
nennt, vielleicht allezeit eine Beziehung auf
unfre Begriffe als Regeln zur Beurtheilung die-
fer Wahrheit angedeutet. Diefes wäre dann
ein Urtheil, d eilen man fich aber nicht deutlich
bewufst ift,
§. 5.
Keine Vor Heilung ift als Verände-
rung des Gemüths wahr oder
falfch.
Doch wir unterfuchen hier nicht in diefen»
xnetaphyfifchen Sinne, fondern in der gewöhn-
lichen Bedeutung der Worte * ob die Vorftel-
lungen wahr oder falfch feyn können, In die-
fer Rückficht behaupte ich nun, dafs keine
Vorftellung, als Veränderung oder Erfcheinung
des innern Sinnes, falfch ift. Die VorfteliuDg
eines Centaurs, als etwas, das im Bewufst-
feyn vorgeht, enthält fo wenig etwas Falfcbes
Zwei und dreiffigftes Kapitel. sgi
in Geh, als das Wort Centaur, wenn es ausge-
fprochen oder gefchrieben wird. Denn da die
Wahrheit oder Falfchheit jederzeit eine Beja-
hung oder Verneinung vorausfetzt, die entwe-
der blofs imGemütbe rorgeht, oder auch durch
Worte ausgedrückt wird, fo kann keine Vor-
stellung falfch feyn, bis der Verftand über Ce
urtheilet, dafs ift, etwa» von ihr bejahet oder
verneinet»
Die Vorßellungen können in Bs>
Ziehung auf Objecte wahr oder
falfch feyn.
Wah'r oder falfch können die Vorftelluri-
gen dann genannt werden , wenn fie der Ver-
ftand auf etwas aufser denfelben befindliches
beziehet. Denn bei] diefer Beziehung liegt
eine ftilifchweigende Vorausfetzung von ihrer
Uebereinftimmung mit demfelben Objecte zum
Grunde. Je nachdem diefe Vorausfetzung wahr
oder falfeh ift, werden die Vorfiellungen felbft
wahr oder falfch genannt. Die gewöhnlichften
Fälle» wo diefes gefchieht, find folgende,
Erftlich, Wenn man annimmt, dafs ge*
vfiffe Vorßellungen , z, B. von der Gerechtig*
T 2 keil,
5jl Zweites Buch.
keit, Mäffigkeit, Religion mit denen überein-
ftimmen , welche andre Menfchen mit denfel-
b^n Worten verknüpfen. Zweitens, wenn
der Verftand die Uebereinftimmung feiner Be-
griffe mit realen Dingen vorausfetzt. So ifk
dar tie«r jU von einem Centaur falfcb und der
von einem Menfchen Wahr« wenn man fie als
objeetive Vorftellungen betrachtet; denn der
ei« e beziehet Geh auf ein wirkliches Wefen,
der andere aber nicht Drittens, wenn der
Verftand die Vorftellnngen auf die innre Ein-
yirh'i.ng und das reale Wefen der Dinge, in
Welchem alleEigenfcfmften gegründet find, be-
ziehet. In diefer Riickficht fin 1 wo nicht alle,
doch die weiften begriffe vououbftanzen falfcht
§. 6.
Urfache diefer Beziehung.
Diefe Beziehungen pflegt der Verftand gerne
bei feinen Vorftellungeu und , wie Geh aus der
Unterfuchung ergiebt , wo nicht allein, doch
vorzüglich bei den abftracten zufammeng^-fetz«
ten Begriffen vorauszufetzen. Er findet nehm-
lich, dafs, wenn er imnaer von einzelnen Din-
gen ausgehn und bei ihnen flehen bleiben füll-
te, er nur langfame Fortfchfitte in der Erkennt-
uifs, wozu er einen natürlichen Trieb hat, ma-
chen, und feine Arbeit nie endigen würde;
daher, denkt ei darauf, den W&g zur Erkturt-
nifs
Zwei und dreiffigftes Kapitel. jj}
alfe abzukürzen uud jeder Varßellung einen
gröfsern Umfang zu geben. Das erfte, was er
thut, um die ErUenntnifs fowohl durch die Be-
trachtung der Dinge felbft. die er erkennen will,
als durch die wechfelfoitige Mittheiinng dtr Ge-
danken zu erleichtern und zu erweitern, ift, dafs
er mehrere Vorftellungen in eine verbindet, und
fie in Gattungen und Arten ordnet. Dadurch
kann er das, was er von einem Individuum er-
kennet, mit Gewifsheit auf alle Individuen der-
felben Art ausdehnen, und in dem, was fein
grofser Zweck ift, in der Erkenntnifs fchnellere
Fortfchritte machen. Diefs ift, wie ich anders-
wo gezeigt habe, der Grund, warum wir die
Dinge unter höhere Begriffe und Sprachzei-
chen, d. h. unter Gattungen und Arten ordnen«
Eine aufmerkfame Beobachtung' der Mittel
und Wege, welche der Verftand zur Erkennt-
nifs wählet, lehrt uns daher, dafs er jede ge-
gebene Vorftellung, welche er entweder zur
Betrachtung oder zur Mittheilung der Ge-
danken für nützlich hält, vor allen Dingen
abftrahirt und mit einem Sprachzeichen ver-
knüpft. Diefer Begriff wird nun in dem allge-
meinen Behältnifs der Vorftellungen , in dem
Gedächtnifs niedergelegt, als enthielte er das
Wefen diefer Art der Dinge , wovon fein
Sprachzeichen allezeit als ein kMeikmaI angefe-
T 3 hen
]g4 Zweite» Buch,
hen wird. Wenn daher Einem ein Ding von
einer ihm unbekannten Art vorkommt, fo fragt
«r fogleich, was es ift, wodurch er nichts an-
ders als das Sprachzeichen willen will, als
■wenn diefes die Erkenntnifs der Art oder des
Dinges herbeiführte. Und in der That wer-
den auch die Worte gewöhnlich als mit dem
Wefen der Dinge verknüpft und als Merkmale
deflelben gebraucht.
Der abftracte Begriff ift aber etwas in dem
{■femüthe, welches zwifchen den exilierenden
Dingen und ihren Sprachzeichen mitten inne
fteht. Daher beruhet fowohl die Wahrheit unt-
rer Erkenntnifs, als die Richtigkeit! oder Ver-
ftändlichkeit unfrer Sprache auf den Begriffen*
Und diefs ift denn die Urfache, warum die
Menfchen fo geneigt find, die Uebereinftira-
rnung ihrer abftracten Begriffe fowohl mit den
aufser ihnen befindlichen Dingen, aufweiche
fie bezogen werden, als auch mit den Worten,
die mit ihnen nach dem Sprachgebrauch ver-
knüpft find, vorauszufetzen. Denn okne diefe
doppelte Uebereinftimmung würden fie bald fin-
den, dafs Jie weder von Dingen felbft richtig
denken, noch fich andern darüber »uf eine ver-
ßändliche Art mittheilen könnten.
f. 9-
Zwei und dreiffigfu« Kapitel. ao5
§. 9.
Erßer Fall §. 5.
■
I, Einige Vorftellungen könne«
falfch feyn, wenn ihre Wahrheit nach der
Uebe r e in ft i m mu n g mit den durch diefel-
ben Worte bezeichneten Vorßellungcn
andrer M er» fc h e n beurtheilt wird. Un-
ter diefen find ,'aber die einfach en Vjorftel-
lungen am wenigften diefem Irrthum ausge-
fetzt. Denn jedermann kann, vermöge feine*
eignen Empfindung und der täglichen Beobach-
tung, leicht erkennen , was die einfachen Vor-
ftelluugen find , welche durch die gewöhnli-
chen Sprachzeichen ausgedrückt werden, weil
Ce von kleiner Anzahl und von der Art find,
dafs man jeden Zweifel und Irrthum in Anfe-
hung ihrer leicht durch die Objecte, worauf
fie Och beziehen, berichtigen kann. Daher
geht felteu ein Irrthum mit den Sprachzeicbeat
diefer Vorftellungen vor, z. B. die Verbindung
des Worts Roth mit der Vorftellung Grün
oder des Worts Süfs mit der Varftellung Bit-
ter, Noeh weniger kann man die Worte für
Vorftellungen von verfchiedenen Sinnen mit
einander verwechseln, und z* B, eine Farbe
mit dem Sprachzeichen, einer Gefchmacks-
empfindung bezeichnen. Es ift daher einleuch-
tend , dafs die durch Worte ausgedrückten ein-
fachen Vorftellungen in der Regel mit denen
T 4 über-
»9^ Zvceite» Buch.
übereinftimmen , welche andere durch diefel-
ben Worte andeuten,
§. lo.
II. Die zu Ca mm <?nge fetzten Vor-
stellungen können in dieler Rückficht eher
falrch fern, und unter öiefen die Vorftel-
lungen von den geraifchten B eft ini-
in u n g e n mehr, als die von Subftanzen»
Denn die lefzten enthalten, zumal wenn fio
mit gewöhnlichen und nicht mit uneigentli-
chen Worten bezeichnet find , immer einige
in die Sinne fallende Eigenfcbaften, wodurch
die eine Art von der andern unterfchieden,
und wodurch, bei einiger Aufmerkfamkeit auf
den Sprachgebrauch, der Fehler leicht ver-
mieden werden kann, ein Wort mit einer Art
von Subftanxen zu verbinden, fürweiche es nicht
gehört. UngewiiTeT ift derSprachgebrauch bei
gemifchten Beftimmungen, und es läfst fich
nicht fo leicht entfeheiden , ob eine Hand-
lung Gerechtigkeit oder Graufara-
k'eit, Freigebigkeit oder Verfch Wen-
dung muffe genenut werden. Unfre Vorstel-
lungen können daher in Beziehung auf dieje-
nigen, welche andre mit denfelben Worten
ausdrücken, falfch feyn ; und es ift möglich,
dafs das, was wir nach unfrer Vorftellang Ge-
rechtigkeit nennen, ein andres Sprachzeichen
erhalten follte.
S. 10.
Zwei und <heif»igfies Kapitel, 39?
§. II.
Doch wenn wir auch dahin geftellt feyn
lafTen , ob diefe Vorftellungen einer grofsen
Abweichung von den durch diffelben Worte
bezeichneten Vorftellungen andrer Menfchen
empfänglich find oier nicht, fo ift doch foviel
gewifs, dafs diefe Falfchhcit diefen Vor-
ftellungen mehr, als andern, beigelegt wird«
Man fagt in keiner andern Rückficht von einem
Menfchen : er habe einen falfchen Begriff von
Gerechtigkeit, Dankbarkeit oder dem Ruhme,
als weil diefer ßegriir mit denjenigen nicht
übereinftimmt, welche bei andern mit dielen
Worten verknüpft find,
§• 12.
Der Grund davon fcheint mir darin zu
liegen. Die abftrseten Begriffe von den ge-
mifchten Beftimmungen find willkührliche Ver-
bindungen von einer beftimmten Anzahl ein-»
Fächer Vorftellungen, Das Wefen jeder Art
derfelben beruhet alfo auf der Willkühr der
Menfchen. Die einzige Regel dabei ift das
Wort und die Erklärung deffelben , aber nicht
ein wahrnehmbares Ding, Daher find die
Vorftellungen derjenigen , von denen man
glaubt, dafs fie die Worte in ihrer eigenthüm-
lichften Bedeutung gebrauchen, -die einzige
Regel, worauf fie bezogen werden können, um
T S - fie
298 Zweites Buch.
fie mit ihnen einfiimn ig zu machen, und fie
gelten alfo für wahr oder falfch. infofern fie
mit diefen Worten über« inftimmen oder nicht.
So viel von der Wahrheit oder Falfch-
heit der Vorftellungen iq Beziehung auf die
Worte.
§• 13.
Zweiter Fall. (§. 5.)
Zweitens! wenn die Wahrheit und
Falfch he it unfererVorftellungen in
Beziehung auf die reale Exiftenz der
Dinge beftimmt und beurtheilet wird, fo
können, die zufammengefetzten Begriffe von
Subftanzen ausgenommen, keine Vorftellungen
falfch genannt werden.
Die einfaehen Vorftellungen find nichts an-
ders, als blofse Verbindungen, wozu uns Gott
die Empfänglichkeit, den äußern Objecten
aber das Vermögen gegeben hat, Oe nach be-
fiimmten Gdfetzen und Wirkungsarten hervor»
zubringen, die, obgleich für uns unbegreiflich,
doch feiner Weisheit und Güte angemeflen
finJ. Ihre Wahrheit beftehet daher nur allein
in dem Bewufstfeyn, das in uns hervorge-
bracht wird , und mit den Kräften der äufsern
Ob-
Zwei nnd dieifsigfies Kapittl. 299
Objecfe überein ftimrr.t, denn fonft könnte es
nicht hervorgebracht werden. Diefe Vorstel-
lungen entfprechen alfo den Kräften j He find,
was fie feyn Folien, d. i. wa hr e Vorftellungen.
Auch kann ihnen deswegen keine Falfch-
heit beigelegt werden, wenn der Verftand,
wie es wohl bei den meiften Menfcben der
Fall ift, uriheilen Tollte, dafs fie in den Objec-
ten felbft enthalten find. Denn da fie durch
die Weisheit Gottes zu Unterfcheidungsmerk-
malen beftiinmt find, wodurch es uns möglich
wird , ein Ding von dem andern [zu unter-
fcheiden, und fo dasjenige zu unterm Ge-
brauch zu wählen, welches unfre Zwecke er-
fodern , fo ändert es die Natur der einfachen
Vorftellungen gar nicht , ob wir denken, dafs
die Vorftellung des Blauen in dem Veilchen
felbft, oder ob in diefem nur das Vermögen
ift, durch die Verbindung feiger Theile das
Licht auf die Art zu brechen, dafs in dem Ge-
inüthe die Vorftellung von dem Blauen ent-
fieht. Denn weil diefes Gewebe in dem Ob-
jecte nach einer unveränderlichen Regel immer
diefelbe Vorftellung erzeugt, fo dient es uns
zu einem Merkmal, diefes Object von andern
durch das Auge zu unterfcheiden , diefes
Merkmal mag nun, infofern es in dem Veilchen
ift , blofs ein befondres Verhältnifä feiner Be-
ftandtheile oder die blaue Farbe felbft feyn,
wovon die Vorftellung, die in uns ift, ein
voll-
3ft©
Zweite» Bi'ch.
vollknmmne< Bild tfh In hpiden Fallen wird
fjn (!iff«r Voiftelhirtg. dein Veilchen mit
gleichem Recht das Pradic^i 5Uu beigelegt.
Denn Jus Wort Blau bedeutet eigentlich
nichts ai d( s, -' ( as blors durch die Augen
wahrnehmbare UiiieiTcheidnrgMnerkinai, wel-
ches in dem Veilchen Lit, ohne Rückficht auf
das innere Wefe'n deffclbtn, dr-Jlen deutliche
Erkenutnifs unfre Kräfte überfteigt, und, wäre
fie auch möglich, doch vielleicht von wenig
Nutzen feyn würde.
§. i5.
Den einfachen Yorftellungen kann auch
dann keine Fallchheit beigelegt werden, wenn
unfre Organe [o rerfchieden gebauet und ein-
gerichtet wären, dafs ein und daffelbe
Object bei verfchiedenen Menfchen,
zu einer und der leiben Zeit ver-
fchiedeneVorftellungen hervorbrin-:
gen mül'ste, da^s z. ß, die Vorftellung, wel-
che das Veilchen hervorbringt, mit derjeni-
gen , welche die Sonnenblume in einem an-
dern Menfchen verurfacht, identifch wäre.
Denn davon wufste man doch nichts, weil
kein IWenfch fich in die Organifation eines
andern verletzen kann, um wahrzunehmen,
was für Vorflc Illingen durch feine Organe er-
zeugt werden j und es würde daher weder eine
Vet-
Zwei uud dreifsigftes Kapitel. 301
Verwechfelung mit den Vorftellungen und ih-
ren Sprachzeichen, noch eine Falfchheit in
beiden entliehen. Wenn alle Dinge mit dem
Or^anifchen Bau eines Veilchen und einer Son-
nenblume unveränderlich die Vorftellung her-
vorbringen, welche jener Menfcb mit tietn
Worte Blau und Gtib bezeichnet, fo kmn er
durch fie, wie lie auch in reinem Gemüthe
modificiret find , fo regclmäfiig die Dinge zu
den Zwecken des Lebens unterscheiden , diele
ver.'chiedenen Merkmaie trerßehen und andern
anzeigen, als wenn feine Vorfuilungen von
diefen Blumen mit denen anderer Menfchen
voll' ommen übereinflimmten« Demnach bin
ich mehr zu dem Gedanken geneigt , dafs die
linnlichen Vorstellungen von Objccten, bei aller
Vericbisdenheit der Gemüther, wenig Abwei-
chendes haben. Ich könnte für üiefe Meinung
vielleicht Gründe anführen, allein ich mufs
den Lefer damit verschonen , weil fie nicht zu
meinem Zwecke gehören. Dies einzige will
ich nur noch erinnern , dafs die entgegenge-
fetzte Hypothefe, könnte fie auch erwiefen
werden, doch wedet für diu E- Weiterung
der Erkenntnifs, noch für die Zwecke des
thätigen Lebens einigen Nutzen hat; und ihre
Prüfung würde daher eine uunöthige Arbeit
feyn.
§. 16.
jai Z\T«ito« Bush.
$. 16.
Das Refultat aus alle dem, was wir gefagt
haben, ift, dafs alle unfre einfachen Vor-
ftellungen in Beziehung auf die auller un*
exiftierenden Dinge rieht falfch feyn kön-
nen. Denn die Wahrheit diefer Empfiuduu-
gen oder Veränderungeu unfers Geniüths be-
liebt, nach dem obigen, nur darin, dafs fie den
Kräften der äufsern Objecte , folche Vorftel-
lungen durch das Afllcieren unfrer Sinne her*
vorzubringen, entfprechen. Jede Vorftellung
ift, infofern fie das ift, der Kraft, die fie ver-
tjrfachte, angemeflen, und ftellt fie allein vor;
in diefer Beziehung kann fie dnher nicht falfch
'Vrn, Die Vorftellungen von Blau oder Gelb,
Säfse oder Bitter fiud das, was fie find, und
was fie feyn follen. Die Worte können zwar
unrichtig angewendet werden, wenn z. B.
einer aus Ulikunde einer Sprache Scharlach
mit Purpur verwechfelt; allein das hat keinen
Einflufs auf die Falfchheit der Vorftellungen,
§• *7.
Aach die z u Ta m m enge fetz ten Vor-
ftellungen von Beftiuimungen kön-
nen in Beziehung auf das Wefen
eines exiftierenden Dinges nicht
falfch feyn. Denn keiner diefer Begriffe
beziehet ücu auf ein in der Natur begehende
Wefen
Zwei und dreifligftes Kapitel. J03
Wefen als Vorbild; er foll keine andern Vor-
ftellungen enthalten, als die er wirklich enthält,
noch etwas anders vorftellen , als eben diefe
Verbindung vou Vorftellungen. Der Begriff
von dfm Betrafen eines Menfchen, der fich
Btir folche Speifen, Getränke, Kleidung und
andre Bequemlichkeiten des Lebens erlaubet,
welche feinem Vermögen und Stande angeinef-
fen find, ift nicht falfch ; er (teilt nur ein Be-
tragen vor, welches ich entweder wirklich in
der Welt finde, oder mir blos als möglich vor-
ftelle, und infofern ift er weder einer Wahr-
heit noch einer Faifchheit empfänglich.
Dann aber kann er falfch werden , wenn ich
diefes Betragen Spatfamkeit und Tugend nenne,
und den Begriff als eiriftimmig mit dem den-
ken, mit welchem, dem eigentlichen Sprachge-
brauch nach, das Wort Sparfamkeit verknüpft
ift, oder die Uebereinftimmung deffelhen mit
dem Gefetz vorausfetze, wornach Tugend und
Läßer beftimint wird,
§. 18,
Unfre zufa m m en gefetz t en Vor«
Teilungen von Subftanzen können
in Beziehung auf ihre urfprüngli-
chen Objecte falTchfeyn. Dafs Ge alle
falfch find, wenn fie als Vorftellungen von dem
unbekannten Wefen derDinge betrachtet werden»
ift
3c>4 Zweites ߫ch.
ift fo einleuchtend, dafs ich nichts mehr über
diefe leere Hypothefe zu tagen brauche. Ich
betrachte fie hier als Inbegriffe von einfachen
Vorftellungen des Gemüths, welche in den
Objrcten, worauf fie fich beziehen, befländig
verknüpft angetroffen werden. In die^r Be-
ziehung nun auf die Exidenz der Dinge find
fie fallen, l) wenn lie einfach» Vorftellungen
enthalten, deren Objecto in den wirklichen
Dingen nicht verbunden find. So ift der Be-
griff von einem Pferde falfch , in weichem mit
der Gröfse und Geftalt eines Pferdes das Ver-
mögen , wie ein Hund zu bellen , vereiniget
ift, weil diefe drei Dinge in der Natur nicht
vereiniget find. 2) Wenn aus diefem Inbegriff
ausdrücklich eine einfache Vorftellung aus-
gefchloffen wird, deren Object befländig 'mit
jenem Inbegriff rereiniget ift. Wenn Einer
jn feinem Begriff von Golde die Vorftellun-
gen von Ausdehnung, Dichtheit, Schmelzbar-
keit, fpeeififchen Gewicht und gelben Farbs
vereiniget, damit aber die Verneinung einer
gröT«ern Feuerbefländigkeit, als bei Silber und
Kupfer, verbindet, fo kann man fagea, dafs
er nicht weniger einen falfchen Begriff habe,
als wenn er in jenen Inbegriff die Vorftellung
einer vollkommenen abfoluten Feuerbeftän-
dijjkeit aufgenommen hätte, denn in beiden
Fällen werden Objecte mit einander verbun*
den; welche in der Natur nicht zufammen be-
ßehen
Zwei und cheifsigftes Kapitel. 30$
fteheti. Läfst er aber aus feinem Begriff von
Golde das Merkmal der Feuerbeftändigkeit
ganz aus , ohne es mit den übrigen wirklich
zu verbinden oder ausdrücklich zu verneinen»
[0 ift fein Begriff eher für gunvollftändig als
falfch zu halten; denn er enthalt zwar nicht
alle einfachen Merkmale, welche in der Na-
tur zufammen angetroffen werden , aber er
verbindet doch keine andern, als die zufam-
men beftehen.
^Wahrheit oder Falfchheit fetzt
allezeit eine Bejahung oderVer-
neinung voraus.
Ich habe bisher dem Sprachgebrauch nach«
gegeben und gezeigt, in welchem Sinne und
aus welchen Gründen Vorftellungen bisweilen
wahr oder falfch können genannt werden.
Allein aus einer nähert! Unterfuchung ergiebt
lieh, dafs ficht diefe Benennung nur allein auf
ein wirkliches oder vorausgefetztes Urtheil
gründet. Wahrheit und Falfchheit lüfst
fich nicht ohne Bejahung oder Vernei-
nung denken, He fey durch Worte ausge-
drückt oder ni«ht, und fie können nur da ge-
funden werden, wo die Zeichen in dem Ver-
bältnifs, als die bezeichneten Dinge überein*
ßirnmec oder nicht , verbunden oder getrennt
Locke's. II, Theil, JJ Wer»
£o£ Zwtiies Bück/
werden« Di» vorzüglichften Zeichen find
entweder Vorftellungen oder Worte, auswei-
chen Urtheile und Saiie entliehen. Di«
Wahrheit befteht alfo darin, dafs diefe
Zeichen jfo verbunden oder getrennt werden,
als die bezeichneten Dinge mit einander über-
einftiramen oder nicht, und die Falfchheit
in dem Gegentheil, wie gleich weiter foll ge-
zeigt werden»
§. 2o.
Die Vorflellungen an Geh find we-
der wahr noch falfch.
Eine Vorftellung kann alfo im eigentlichen
Sinne nicht an und für [ich falfch genannt
werden, fie mag mit einem exilierenden Diu-
ge oder mit der Vorftellung eines andern Men-
fchen übereiiiftiminen , oder nicht. Denn
wenn fie nichts enthalt, als was in einem auf-
fer ihr exiftierendenj Objecte iß, fo kann fie
als entfprechende Vorftellung von Etwas, nicht
falfch feyn; enthält fie aber etwas, das einem
realen Dinge nicht entfpricht, fo kann Ce
nicht eigentlich eine falfche Vorftellung von
demjenigen genennt werden, das he gar nicht
\ örfiellt.
§. 21.
Zwei und dreifsigftes Kapitel. 337
§. 21.
Die Fälle werden beftimmt, in wel-
chen die V orftellungen falfch
find.
Irrthum und Falfchheit findet aber
dann ftatt, wenn der Verftand urtheilet,
dafs eine Vorflellung identifc h ift, iiiit der-
jenigen, welche ein 'Andrer mit densel-
ben Worte verbindet, oder dafs fie mit
der angenommenen Bedeutung oder Erklärung
des Wort« übereinftiiuriie, und es [ich nicht
fo verhält, Diefer Fehler kommt voizüglich.
bei gemifchten Beftimmungen vor, obgleich
andre Vorftellungen auch nicht davon frei
find*
§. 22.
Zweitens. Wenn der Verftand folche
einfache Vorftellungen in einen zufammenge-
fetzten Begriff verbindet, als in der Natur
nicht vereinigt angetroffen werden, und da-
bei urtheilet, dafs diefer Begriff einem
wirklichexiftierendenDinge en tfpre.
che; z. B. ein Begriff, in welchem die Tpe-
eififche Schwere des Zinns mit der Farbe,
SchmeUbarkeit und Feuerbeftändigkeit des
Goldes verbunden ift,
ü 3 $, 23.
joj Zweites Euch. . "
§■ 25.
Falfch ift auch Drittens ein zufam-
m'en ge fe tz t er Begri ff, wenn der Wrftand
in denfelben eine Anzahl einfacher Vorstellun-
gen, welche in einem exiPueTenden Dinge zu-
lanunen angetroffen werden , aufgenommen
über auch andere ausgeladen hat , welche da-
von unzertrennlich find, und ihn gleichwohl
für einen vollkommenen und voll hän-
digen Begriff von diefem Dinge hält. Ein
Beilpiel davon ift, wenn man durch Verbindung
der Merkmale eines gelben, fchlagbaren, lehr
fchweren und fclimelzbaren Körpers den voll-
ftandigen Begriff von Gold gebildet zu haben
glaubt, da doch die fpeeififche Feuerbeftandig-
keit und die Auflösbarkeit in Goldfcheidewaf-
fer eben fo unzertreunliche Eigehfchaften def-
felben fiad als die übrigen,
§. 24.
Noch großer ift viertens der Imhum,
wenn man glaubt, diefe zufammenge-
letzten ß e griffe enthielten das reale
Welen eines exiftierenden KöTpers,
da fie doch nur einige wenige Eigenfchaften
in fich filTen , weiene in dem Wefen und hi-
nein Einrichtung derselben gegründet find. Ich
läge nur einige wenige Eigenschaften , denn
die bekannteren Merkmale eines Körpers, aus
wel-
Zwei und dreifsigßes, Kapitel. 5op
welchen gewöhnlich fein Begriff zurammen-
gefetz? wird , "heftehen meiftentheili a is Vor-
flellungcn von feiner, ihäugen und leidenden
Vermögen in Beziehung auf andre Dinge; die
Anzahl derfclben ift aber klein in Verhäi-nifs
zur Erkenntuifs desjenigen» der Beobachtungen
und Verfuche darüber angeftellt hat; und auch
diefe«; ift nur etwas Wenige« von dein , was
wirklich in dem Körper ift, und von feiner
wefentlichen innern Einrichtung abhängt. Das
Wefen eines Triangels ift von kleinem Inhal-
te, und heftehet aus wenigen Begriffen; näm-
lich Begrenzung eines Raums durch drei Li-
nien , daraus tiiefsen aber mehrere Eigenfchaf-
ten , als man de leicht erkennen und aufzählen
könnte. Nicht anders ift es, wie ich glaube,
mit den Subftanzen; ihr Wefen ift auf einen
kleinen Inhalt befchiänkt, aber unendlich, find
die dadurch beitiuimten Eigenfchaften»
§. 2?.
Da endlich ein Menfch keine andre Er-
kenntnifs von einem Dinge ansfer ihm hat,
als vermittelft feiner Vorßellungen , welche er
willkührlich mit Worten verknüpfen kann, fo
kann er freilich Begriffe bilden, welche mitrea-
len Dingen oder mit Begriffen nicht übereinftim-
rnen, die durch die gewöhnliche Bedeutung
der Worte ausgedrückt werden, aber er kann
U 3 von
Jio - Zw«ite$ Buch.
von einem Objecto , das er nur allein durch
den Begriff davon kennet, keinen unrichtigen
oder falfchen Begriff bilden. Z. B. die Vorftel-
lung, in welcher [die Füfse, Arme und der Kör-
per eines Menfchen mit dem Kopfe und Hals
eines Pferdes verbunden find, ift keine fal-
fche Vorftellung von einem Object, weil fie
kein Object aufser mir vorftellt. Aber dann
irre ich, wenn ich mit diefer Vorftellung das
WortMenfch oder Tartar verbinde, und
dann glaube, es werde dadurch ein reales Ding
aufser mir vorgeftellet, oder die Vorftellung
ftimme mit derjenigen überein , welche andere
Menfeben mit diefen Worten verbinden. In
diefer RücVGcht wird die Vorftellung falfch
genannt, obgleich die Falfchheit nicht in
ihr felbft, fondern vielmehr in dem ÜTt heile
liegt, welches ihr eine Aehnlichkeit oder Ue-
bereinftimmung beilegt, die fie nicbt hat. Will
ich aber das Object diefer Vorftellung, die ich,
ohne daran zu denken, d<afs ihm die Wirklich-
keit oder das Wort Menfch, Tartar zukomme,
gebildet habe, dennoch Menfch oder Tartar
nennen, fo kann man mit Recht urtheilen,
dafs ich im Gebrauch der Worte den Launen
der PhantaCe folge, aber nicht dafs ich unrich-
tig urtheile, oder dafs der Begriff falfch fey.
*. 26.
Zw»i und dt«ifJigft«a Kapitel. jrt
§. fl6.
Ueberhaupt möchten wohl unfre Vorßellun-
gen in Beziehung auf die eigentümliche Be-
deutung ihrer Sprachzeichen oder auf die Rea-
lität der Dinge, fchicklicher richtig oder u n-
richtig genannt werden, je nachdem fie mit
3em, worauf fie bezogen werden, übereinftim-
raen oder nicht. Jeder hat zwar die Freiheit,
fie, wenn er lieber will , wahr oder falfch zu
»ennen, allein nach dem Sprachgebrauch kann
imen Wahrheit und Falfchheit nicht
vohl anders beigelegt werden, als wenn fie
aif irgend eine Weife zum wenigften^ ein un-
eitwickeltes Urtheil enthalten. Die Vorftel-
lungen des menfehlichen Geiftes find, an fich
berachtet, nicht unrichtig, diejenigen zufam-
naeigefetzten ausgenommen, in welchen un-
verrägliche Merkmale verbunden find,. An fich
find fie alle richtig, und die Erkenntnifs, die
fie zim Gegenftande ihat, ift ebenfalls richtig
und wahr, und fie können nur dann unrichtig
werden, wenn fie auf gewiffe Objecto, als ih-
re Vorbilder uiid Originale bezogen werden,
mit denen fie doch nicht übereinftimmen.
U.4
Di«»
JI3
Drei und djeiffigftes K:.pii«I.
Von Vergefellfcbaftung der Vorftel-
lungen.
§. i.
Es findet fich bei den meiden Men
fchen Etwas Ungereimte e,
F
'-'s giebt kaum einen Menfchen, der nicht it
den Meinungen, Denken und Handeln andr«r
Menfthen etwas bemerken follte, das ihm ui-
gereimt und abgefchmakt fcheint und es auch
an Geh whklich ift, Jeder ift fcharffichtig ge-
nug, den kleinften Fehler diefer Art an dun
andern auszufuähen , wenn er nur von d^m
feinigen verfchieden ift, und möchte ihn fo-
gleich durch den Ausfpruch der Vernunft ver-
dammen, da er doch in feinen Meinungen und
Handlungen vielleicht noch mehr Mauge der
Vernunft aufsert, nur dafs er ihn nie benerkt,
und fichgar nicht oder doch fchwerdaTOu über-
zeugen läfst.
Die Eigenliebe iß nicht d i e e i n z i-
ge Ur fache davon.
Diefs rührt nicht ganz allein voi der Ei-
genliebe her, fo fehr fie auch dabü mit im
Spiele
Drei und droifiigftes Kapitel, 5l3
Spiele ift. Tvlenfchen von hellem Verftande,
die von allen Anmafsungen einer lieh felbfl
fshmeichelnden Eigenliebe frei find, machen
fich oft diefes Fehlers CcUuldig, Man mufs zu-
weilen über die Gegenbeweife und die Hartnä-
ckigkeit eines fonft würdigen Mannes' erftau-
<!gr evidenten Gründen, die fo klar als
das Tageslicht vor ihm .hingeftellt werden,
nicht naebgiebr.
Auch die Erziehung nicht.
Die le Art von Unvernunft wird, und zwar
gröfstentheils mit Recht, der Erziehung und
den Vorurtheilen zugerechnet. Allein dadurch
jft man der Krankheit noch nicht auf den Grund
gekommen, und erklärt noch nicht deutlich
genug, woher fie eutfpringt, und worin fie be-
fteht. Die Erziehung ift oft die wahre Urfache,
und das Vorurtheil ein paffender allgemeiner
Ausdruck für die Sache felbft. Wer aber diefe
Art von \V3hnfinn bis auf ihre erfte Quelle
verfolgen und erklären will , weher diefer Feh-
ler auch bei vernünftigen MenCchen entfpringf,
und woria er befteht, der mufs noch etwas
weiter nachforschen.
US %. \.
IM Zwiitet P.ucfc,
§• *•
Der Fehler i ft eine Ait von Wahn-
fi n D.
Wenn man bedenkt, dafs eine Widerfetz-
lichkeit gegeu die Vernunft wirklich Wahnlinn
ift, und mit Recht fo genannt wird, fo wird
man mir verleihen , dafs ich jenen Fehler
mit einem fo harten Ausdruck berienne. Rein
Meufch ift davon ganz frei; jeder denkt und
handelt in gewiflen Fällen anhaltend fo , dafs
wenn er immer fo dächte und handelte» er in
den Augen anderer für ein tauglicheres Mit-
glied des B e d 1 a m , als einer vernünftigen
Gefellfchaft würde gehalten werden. Es iß
hier nicht die Rede von dem Zuftande in einer
zügellofen Lsidenfchaft, fondern von einem
ruhigen unleiden fchaftlichen Denken und Han-
deln. Die ftärkfte Apologie für diefen harten
Ausdruck und diefe unangenehme Befchuldi--
gung des gröfsten Theils des menfchlichen
Gefchlechts Hegt aber darin , dafs*, indem ich
bei Gelegenheit die Natur des Wahnfinns un-
terfuchte 2 B. II K, §. 15. ich ihren Urfprung
in ebenderfelben Queile und UrfacheJ, von der
ich hier rede , fand. Die Betrachtung der Sa-
che feibfi leitete mich auf diefe Entdeckung zu
einer Zeit, d i ib. r;^ch gar nicht an dieTen Ge-
genstand dachn». Sollten wirklich alle Men-
fciitn dieTei Schwachheit unterworfen feyn,
foll-
Drei und drcifsigftes Kapitel. fif
Tollte es der faule Fleck feyn , der das ganze
Menfchengefchlecht angegriffen hat, fo follte
man Geh um Fo mehr Mühe geben, ihn unter
feinem wahren Namen offen darzulegen, um
defto mehr (We Aufmerkfamkeit und Sorgfalt
*ur Verhütung und Heilung deffeiben aufzi:
muntern«
$. 5*
Der Fehler entlieht aus einer feh-
lerhaften Verknüpfung der Vor-
ftellungen,
Einige von unfern Vorftellungen flehen in
natürlicher Beziehung und Verbindung mit an-
dern. Diefen nachzuforfchen und üe in der
gegenteiligen Vereinigung und Beziehung,
"welche in ihrem befondern Wefen gegründet iß,
zu erhalten, darin befleht das GeTchäft und
die Vollkommenheit untrer Vernunft. Allein
es giebt noch eine andre Verbindung der Vor-
ftellungen, welche ihr Dafeyn blos dem Zufall
und der Gewohnheit verdankt. Auf diefe Art
kommtn Vorftellungen . welche nicht die ge-
ringfte Beziehung auf einander h/iben, bei ge«
wiffen Menfchen in fo feile Verbindungen,
dafs fie nur mit Mühe fich trennen laffen. Sie
leiften einander beftändig Gefeircbaft, und fo
bald die eine fieb dem Bewufsifeyu darftellt,
fobald kommt aurh die andere vergefellfchatte-
te zum jVorfchein, und lind es m«hr als zwei
tu-
3i(? " Zweite, Euch.
Vorftellungen , fo Hellt fieb immer die ganze
Reihe in unzertrennlicher Veikaüpfung dar.
i 6.
Entftehungsart dieser Verbindung.
Diefe' feite Verbindung dpr Vorftellungen,
die von Natur nicht im Zufarrimcnhange ft.eu.en,
bringt die Seele in Geh felbft th i • wilkühr-
lich- iheils zufällig zu Stande. Daher ift fie,
nach Verfchiedenheit der Neigungen, dei Erzie-
hung und des InterelTe bei dem »inen Menfchsn
anders, als bei dem anders. Die Gewohnheit
bringt eben fo wohl Fertigkeiten in dem Den-
ken, als in den Willeii'<beltimmung< n und Be-
wegungen des Körpers httvor: und alle diefe
Fertigkeiten find vielleicht nichts anders, als ge-
wifle Richtungen in derBewrgung der Lebens-
geifter, welche, wenn fie einmal im Gange find,
immer denfelben gewöhnlichen Weg fortre»zen.
Der Weg wird gleichfam durch öfteres Betre-
ten zuletzt zu einer glatten geebneten Bihn,
und die Bewegung endlich leicht und natür-
lich. So weit wir das Vorltellen begreifen
können , fcheinen die Vorftellungen auf diefe
Art in unfrer Seele hervorgebracht zu werden.
Gefetzt aber das wäre nicht fo , fo läfst fich
doch auf diefe Art die znr Fertigkeit geworde-
ne Folge fowohl der Vorftellungen als der Be-
wegungen des Körpers, wenn fie einmal diefe
wc
Dr«i und dreifsigßes KapiteL 317
Richtung angenommen haben, erklären. Ein
IUuiiker. der einmal an eine Melodie gewöhnt
ift, wird bemerken, daf«, wann die erfttn Töne
davon wieder aufgelegt find , die übrigen in
, der Vorftelltrog fo regelmäfsig aufeinander fol-
geu. als lieh eine Finger auf die Tangenten der
Or^l bewegen, um jene Melodie zu fpie!er#
Beidefc erfolgt, wenn auch feine zerftreufenGe-
dj'ken eioe andre Richtung nehmen. Ob di«
B wegiing der i-ebensgeifter die natürliche Ui-
fache der Aufeinanderfolge dreier Vorftellungen
und der regelmäßigen Bewegung der Finger ift,
oder "icht, will ich jetzt nicht entfeheiden, lo
wahrscheinlich es auch durch diefes Beifpicl
wh-d Docb kann diefe Hypotbefe dazu die-
nen, die Eutlte 'un:!. eeiftiger Ferti^k ;ten und
die Vergefejlfcbafcung der Vorfteiiungen deutli-
cher vorzufallen, ,
$, 7.
Gewifse Antipathien find die Folge
davon.
Kein MenTch, der fich felbft und andre be-
ohabhfet bat, wird es in Zweifel ziehen , daf$
gewiile Verbindungen von Vorftellungen durch
die Gewohnheit entliehen. Und daraus lallen
Geh vielleicht die^ meiften Sympathien und An-
tipathien erklären, die man an Menfchen be-
obachtet, und fo ftark und regclmäßg wirken,
OD-
j ig Zweites Buch.
als wären fie natürlich. Daher werden fie auch
fo genennt, obgleich ihre erfie Entziehung nur
aus der zufälligen Verbindung zweier Vorftel-
lungen herrührt, welche theils die Starke des
eTften Eindrucks, theils die darauf folgende
Nachficht- fo fcft knüpfte, dafs fie in der Folge
eine folche unzertrennliche Gefellfchaft in dem
Geruüthe ausmachen, als wären fie nur eine
Vorftellung, Ich fage , die meiften Antipathien,
nicht alle; denn einige find wirklich natürlich
in unfrer Organifation gegründet und uns an-
geboren. Ein grofser Theil derfelben aber,
die für natürlich gehalten werden, entftand aus
frühzeitigen, nicht wahrgenommenen Eindrü-
cken und fonderbaren Phantafien, und man
würde diefe Entftehungsart gewifs erkennen,
wenn man fie forgfältig beobachtet hätte. Wenn
ein er.vachfener Menlch fich mit Honig über-
laden hat, fo erregt fchon bei dem blofsen Wor-
te feine Phantafie Eckel und Uebelkeit in dem
Magen; er kann die Vorftellung davon nicht
vertragen, indem Unbehaglichkeit , Uebelkeit
und Erbrechen fie begleiten j allein er weifs,
zu welcher Zeit und von welcher Urfache diefe
Reizbarkeit entftanden ift. Wäre das in der
Kindheit durch einen übermäfGgen Genufs des
Honigs bewirkt worden, fo wären zwar diefel-
ben Wirkungen erfolgt, aber man hätte es aus
ün-
Drei und dreifilgftts Kapitel. 31$
Unbekanntfchaft mit der Urfache für eise na-
türliche Antipathie gehalten.
§. 8.
Zwar fiehet die Unter/cheidung zwifchen
den natürlichen und erworbenen Antipathien
mit meinem Gegenftand in keinem ganz noth«
wendigen Zufammenhange, aber ich erwähne
ihrer auch nur zu einem andern Zwecke, da-
mit nehmlich Eltern und Erzieher es der Mü-
he werth halten mögen* ihre Aufmerkfamkeit
darauf zu richten und unrichtige Verbindun-
gen der Vorftellungen in den Gemüthern der
jungen Leute zu verhüten. Denn in diefem
Alter ift man für die dauerhafteften Eindrücke
empfänglich/ Und fo fehr auch kluge Leute
darauf bedacht find, alle für dieGefundheit des
Körpers fchädlichen Eindrücke zu Verhüten, fo
darf ich doch behaupten, dafs man auf das, was
fich zuncichft auf die Setrle, vorzüglich auf den
Verftand und die Leidenfchaften beziehet, weit
weniger, als es die Siehe verdienet, aufmerk«
fam ift; und ich befürchte, die meiften Men-
fchen lallen alles, was auf den Verftand Ein-
fiufs hat, ganz aus der Acht«
_ §• 9 — 12.
Eine reiche Quelle von Irrt h um er n.
Die unrichtige Verbindung von an fich im-
Kufammeuhängetiden uad uhabhäugige'n Vorfiel-,
lun-
Jäo Zweites Buch.
lungen hat fo großen Einßufs , unfern Hand-
lungen, Towohi phyfifchen als moralischen, un-
fern Lcidenfchaften, Schlügen und felbft Be-
griffen eine fchiefe Richtung zu geben, dafs
vielleicht nichts fo fehr unfre ganze Aufmcrk-
famkeit verdient.
Die Vorftellungen von Geifteru und Gefpen-
liern flehen an (ich nicht mehr in Verbindung
mit der Dunkelheit, a[s dem Lichte. Es darf
aber nur ein abergläubifches Weib diefe einem
Kinde oft einprägen und zufarnmen erwecken,
fo werden Ge vielleicht fein ganzes Leben hin-
duich nie wieder getrennt werden können.
Dann wiid die Dunkelheit immer diefe fürch-
terlichen Vorftellungen aufregen, dafs das Kind
hch fo fehr vor der Nacht als vor Gefpenfiern
fürchtet. Ein Menfch wird von dem andern
empfindlich, gekränkt"; er denkt jnebrmaie an
den Thäter und die Handlung, Durch die kb
hafte und öftere Wiederb olung beider Vorfiel
lurigen werden beide fo in feinem Gemüthever
kettet, dafs fie faft nur eine Vorftellung aus
machen. Die Vorftellung diefes Menfchen er
neuen allezeit auch die Vorftellung von der er
litteneu Kränkung und Unannehmlichkeit, dafs
er ue kaum mehr unterscheidet und fein Unwille
trifft nun beide Gegenftände in gleichem Grade,
Auf diefe Weife entftehet oft Hafs ans gering-
fügigen und unverschuldeten Veranlaflung-en ,
und
Drei und dreifsigftes Kapitel. 331
und Uneinigkeiten werden in der Weh ausge-
breitet und verlängert. — Ein Menfch wurde
vielleicht an einem Orte von Krankheit oder
andern fchmerzhaften Unfällen betroffen oder
er fah feinen Freund in einem Zimmer Her-
ben. Die Vorftellung des Orts führt immer
die Empfindungen des Schmerzens und des
Mißvergnügens herbei, fo wenig fie auch an
Heb zufammenhangen , wenn einmal der erfie
Eindruck gefchehen itt. Beide fchmelzen
dann in feinem Gernüthe zufammen, und wer«
den ein Gegenftand des Abfcheues,
Warum gewiffe Krankheiten des
Gemüths, welche die Vernunft
nicht heilen kann, durch die
Zeit geheilet werden.
Wenn einmal diefe Verbindung Wurzel ge-
fchlagen hat, fo ift die Vernunft, fo lange
jene dauert, viel zu ohnmächtig, um uns da-
gegen zu fchützen, und von den Wirkungen
derfelben zu befreien. Die Vorftellungen,
welche in dem Gernüthe vorhanden find, wir-
ken auf eine ihrer Natur nnd den Umftänden
angemeffene Weife. Hier fehen wir die Ur-
fache, warum die Zeit gewiffe Affectionen des
Gemüths heilet, über vvelcbe die Vernunft, fo
richtig auch ihre Urtheile find , und dafür an-
LöckeY II. Theü. X er-
3-» Zweites Buch.
erkannt werdrn, keine Gewalt auch bei
denen nicht hat, welche in andern Fällen der
Vernunft fo gerne folgen. Der Tod eines Kin-
der, welches der MutteT ihr täglich-s Ver-
gnügen und die Freude ihres Herzens war,
raubt ihr alle Freuden des Lehens, uad läfst
iie alle mögliche Martern empfinden. Durch
Trortgründe der Vernunft auf fie wirken zu
wollen , ift in diefein Zuftande gerade fo viel,
als wenn man einem auf der Folter Fröhlich-
keit vorpredigte, und deu Schmerz über die
gewaltfam ausgefpannten Glieder durch Gründe
lindern wollte. Alle Vorfiellungen , auch die
vernünftigen find fo lange umfonft, als nicht
das Gefühl für den Genufs und den Verluft des
Kindes durch die Zeit abgeftumpft und von der
Vorftellung des Kindes getrennt ift. Daher
findet man Menfchen, welche, weil die Ver-
bindung cliefer Vorfiellungen nie aufgehoben
wird, ihr ganzes Leben in Trauer hinbringen,
und ihren unheilbaren Schmerz mit ins Grab
nehmen.
§. 14. — 16.
Noch einige Beifpiel« von den
Wirkungen der Ve rge fellf chaf-
tung der Vorftellungen,
Einer meiner Freunde kannte einen Mann,
der durch eine fehr empfindliche und fchmerz-
hdfie
Drei unä dreifsigßes Kapitel. 323
hafte Operation von einem Wahnfiun herge-
ftellt war. Er empfand in feinem Herzen den
lebhafteren Dank und Erkenntlichkeit für
diefe Cur , und er erkannte fie für den wich-
tigften Dienft in feinem ganzen Leben, Den
Anblick des Operateurs konnte er aber nicht
ertragen, was auch Dankbarkeit und Ver-
nunft dagegen fagen mochter. Diefes Bild,
brachte allezeit die Vorftellung ^von dem
Schmerz , den er unter feinen Händen
erlitten , wieder fo lebhaft in Erinnerung,
dafs fie für ihn unerträglich wurde, —
Viele,'| Kinder rechnen den Verdrufs über
Veiweife, welchen fie bei dem Lefen erhielten,
den Büchern zu, und beide Vorftellungen
werden fo feft mit einander verknüpft, dafs
ihnen die Bücher zum Abfcheu und das Lefen
zur Marter wird , was für fie fonft vielleicht
die angenehinfte Befchäftigune:| würde gewefen.
feyn , und fie werden nie wieder für ein Stu-
dium gewonnen. Manche Menfchen können
in fehr bequemen Zimmern nicht Addieren;
andre aus Trinkgefchirren von gewiffer Form,
ungeachtet ihrer Reinlichkeit] und Bequem-
lichkeit nicht trinken, weil fie durch die Ver-
knüpfung von gewiffen zufälligen Vorftellun-
gen zuwider geworden find. Und wer hat
nicht ,die Bemerkung gemacht , dafs ein
Menfch bei dem Anblick oder in der Gefell-
fchaft einer gewiffen Perfon fchüchtern wirdf
X 2 die
■314 Zweites Rutli.
Hie ihm fonft nicht überlegen ift', fondern nur
einmal bei einer gtwiflen Gelegenheit über
ihn ein £f.wilTes Uebergevvicht erhalten bat.
Die Vorftellung von Anfeilen begleitet nun
jene immer, und hält diefen in Entfernung,
der diefe \ Orfteilung von der Perlon nicht
mehr trennen kann. — Beyfpiele diefer Art
trifft man allenthalben in folcher Menge an,
dafs ich nur noch ein einziges feiner komifchen
Sonderbarkeit wegen anführen will. Ein
Jüngling hatte das Tanzen in einem hohen
Grad der Vollkommenheit gelernt, und zwar
in einem Zimmer, wo eine alte Kifte ftand.
Die Vorftellung diefes merkwürdigen Hau*ge-
räthes verband Geh fo innig mit allen Schrit-
ten und Wendungen der Tänze, dafs er, unge-
achtet feiner Gefchicklichkeit , doch nur da
gut tanzen konnte, wo diefe oder eine andre
Kifte in dem Zimmer befindlich war. Man
denke ja nicht, dafs diefe Gefchichte über
die Gränzen des Wahren mit einigen komi-
fchen Zügen ausgefchmückt worden fey.
Denn ich felbft kann ihre Wahrheit verbür-
gen , indem fie mir vor drei Iahren ein fehr
vernünftiger und würdiger Mann mittheilte,
fo wie ich fie erzählt habe. Und ich darf
wohl behaupten, dafs faft jeder denkende Le-
fer wo nicht FSeifpiele doch Erzählungen die-
fer Art kennen wird, die diefer zur Verglei-
chung
Drei und iheiffigfies Kapitel. 3j5
chung oder doch zur Beftätigung dienen
können.
Einflufs diefer Verbindung auf
die Denkarten,
GewilTe Denkarten und Unvollkommenhet-
tpn in dem Gebrauch des Verftandes , welche
auf diefe Weife entßanden, find nicht weniger
häufig und von grofsen Einflufs, obgleich nicht
fo wahrnehmbar. Gefetzt die Begriffe von
Realität und Materie werden theils durch
den Unterricht, theils durch eigenes Denken
jnnigft vereiniget, wie werden wohl die Be-
griffe und Schlüfle von dem Ge«fterreiche be«
fchaffen feyn, fo lange diefe Verknüpfung
d-awert? Welchen ungereimten Begriffen ift
nicht der Verftand ausgefetzt, wenn er von
Jugend auf daran gewöhnt worden , eine ge-
winne Figur und Geftalt mit dem Begriff von
Gott zu verbinden, Wrenn mit einer Perfon
die Vorftellung von Untrüglichkeit unzertrenn-
lich verknüpft wird , und das Gemüth davon
eingenommen ift, fo kann diefe Perfon wohl
gebieten, den Satz, dafs ein Körper zu einer
Zeit zugleich an zwei Orten ift, ohne Unter-
fnchung für wahr zu halten , und er wird dann
für eine untrügliche Wahrheit, willig ange-
nommen.
X 5 §, 18,
1*6 Zweites Buoh.
§. 18.
Spuren davon laffen fich bei rer-
fchiedenen Secten beobachten.
Auf folche unrichtige und unnatürliche
.Verbindungen von Vorfiellungen gründet ßch
vielleicht der unversöhnliche Widerftreit zwi-
fchen verfchiedenen Secten in der Philofophie
und Religion. Denn es läTst fich nicht den-
ken, dafs alle Anhänger detfelben fich mit
Willen täufchen und willentlich die Wahrheit,
die ihnen durch die Vernunft fo einleuchtend
dargeboten wird, von fich ftofsenifollten. Das
Jnterefie thut zwar viel in der Sache; allein
unmöglich kann es in einer ganzen Gefellfchaft
von IVlenfchen eine folche Verkehrtheit her-
vorbringen , daTs fie alle ohne Ausnahm«
die Unwahrheit willentlich vertheidigen foll-
ten. Zum wenigften ift doch vorauszufezen,
dafs einige wirklich thun , was andre nur zum
Schein vorgeben, nehmlich, dafs tie die Wahr-
heit redlich fuchen. Es mufs alfo etwas
geben, was ihren Verftand verblendet, dafs
fie die Falfchheit von dem , was fie für
Wahrheit halten, nicht einfehen j was di«
Vernunft fefleit , dafs redliche Männer ihre
Augen gegen die einleuchtendflen Wahrheiten
des] gefunden Verfiandes verfchliefsen» Eine
nähere Unterfuchung führet uns gerade auf
das, wovon wir hier handeln. Unzufananien-
han»
Drei und dreiffigftes Kapitel. 827
hängende Vorfte!Iungen werden nämlich durch
Erziehung, Gewohnheit und das beftändige
Vorfprechen ihrer Pdrthie fo in ihrem Gemu-
the zufammengepaart , i'afs fie immer mit ein-
ander ins Bewufstfeyn kommen, Cw find nun
unzertrennlich in Gedanken vereiniget, und
fie wirken in Gemein fchaft, als machten fie nur
i eine Vorftellung aus. Dies bringt Sinn in
unverständliches Gewäfch, dient Ungereimt-
heiten zum Beweife, und giebt fogar den»
Unfinne Gedenkbark eit. Es ift die Quelle der
gröfsten, oder ich möchte Tagen , aller Irrthü-
mer in der Welt ; und wenn das zu viel ge-
faxt iß, fo ift es doch feibft einer der gefähr-
lichften Irrthümer, weil er, fo lange er feft-
ftehet, die Menfchen hindert, mit eignen Au-
gen zu fehen und feibft zu untevfuchen. Wenn
Dinge ohne innern Zufammenhang dem Ge-
richte immer vereiniget erfcheinen, wenn das
Auge das Unverbundene verkettet erblickt,
wo foll man anfangen, die Irrthümer zu vtr-
beilem, welche aus zwei Begriffen entfprin-
gen, welche die Menfchen auf diefe Art zu
verbinden, den einen anftatt des andern zu
fetzen, und zwar, wie ich faß glaube, ohne
Bewufstfeyn fich angewöhnt haben? So lauge
diefe Täufchung dauert, find fie gegen alle
Ueberzeugung unempfänglich. Während fie
nur für Irrthümer ftreiten , geben .fie lieh, als
eifrigen Verfechtern der Wahrheit, den lauie-
X 4 fie»
3J| Zweites Buch.
ften Beifall. Die Vcrwcchfelurg zweier ver-
fchiedencr BegrilTe, welche durch die gewohn-
te Verbindung in einen einzigen zufunir.en^e«
Ichrnolzen lind, füllt ih»e Küple mit falfchen
■Geßcht'piicctcn und ihr Denken mit falfchen
Folgerungen an.
§• 19.
Bei c h 1 u fs.
Nach dem plan, den ich mir anfänglich
pniwoifen halte, niüDte ich, nachdem ich den
Urfprung, die Arten und den Umfang unfrer
Vorftellungen tinterfucht, am.h noch einige
andere Betrachtungen über diefe Materialien
untrer gefammten Erkenntnifs angefleht habe,
nun zunächfi zeigen , welchen Gebrauch der
Verftand von dielen Vorhellungeu macht, und
welche Erkenntnifs durch diefelben zu Stande
kommt. Diels war alles, was ich bei der
erften Ucberncht meines Gegenftandes abhan-
deln zu muffen glaubte. Allein eine nähere
Betrachtung zeigte mir eine fo enge Verbin-
dung zwifeben Worten und Vorftellun-
gen, eine fo durchgängige Beziehung zwi-
schen abftracten Begriffen und allgemeinen
Worten, dafs man von der Erkeuntnifs welche
ganz aus Urtheilen befiehet. nicht deutlich und
beftimmt fprechen kann, wenn man nicht vorher
die Natur, den Gebrauch und die Bedeutung
der Sprachzeichen unterfucht hat. Diefer Ge-
genftand foli uns daher in dem folgenden
Buche befchäftigen,
Ver-
V e r f u c b
über den
menfch liehen Verfrand.
Drittes Buch.
Elftes Kapitel.
Von den Worten oder der Sprache
überhaupt.
§. If
Sprachfähigkeit des Menfchen.
v^ott fchuf den Menfchen, der ein gefellige$
Wefen feyn follte, nicht allein mit der -Nei-
gung und den innern Antrieben zur Verbindung
mit Wefen feiner Art, fondern verfah ihn auch
X $ mit
»3* Diittc* Buch.
Oiit der Fähigkeit zur Sprache, a's dem wich-
tigen Werkzeuge und dem gcmeinrdiaftlichen
Bande der Gefelligkeit. Daher Gnd feine Or-
gane von Natur Co eingerichtet , dafs fie aiticu-
lirte Töne, das ift Worte, hervorbringen
können. Doch dies war noch nicht zur Spra
che hinreichend ; denn Papageyen und andere
Vögel lernen articulirte Töne deutlich genug
hervorbringen , weiche gleichwohl keiner
Sprache fähig find.
i 2.
Die IVTenfchen mufsten außerdem auch die
Fähigkeit eihalten, diefe Töne als Zeichen
ihrer Vorftelhingen zu gebrauchen, um vermit-
teln derfelben andern ihre Gedanken initzu-
theilen und bekannt zu machen,
§• 3-
Dies ift noch nicht genug, um den Worten
alle mögliche Brauchbarkeit zu geben. Die
Vollkommenheit der Sprache erfodert nicht
nur, dafs Töne zu Zeichen der Vorftelhingen
gebraucht werden, fondern auch, dafs fie meh-
rere einzelne Dinge zufammenfafien können.
Denn follte jedes einzelne Ding durch ein be-
fonderes Zeichen bezeichnet werden , fo wür-
de der Gebrauch der Worte duich ihre Man-
nichfalügkeit erfchwert werden , — eine Un-
be-
Erftcs Kapitel, 33 1
bequemlichheit, welche durch den Gebrauch
allgemeiner Sprachzeichen abgeholfen wird,
indem ein Wort eine Vielheit von individuel-
len Dingen bezeichnet. Diefen Vortheil ge-
währet uns allein die Verfchiedenheit der Be-
griffe, welche durch Worte abgedrückt {wer-
den. Denn allgemeine Sprachzeichen find
folche, welche fich auf "allgemeine, undbefon-
d e r e welche fich auf befondre Begriffe beziehen.
§. 4-
Aufser diefen Worten giebt es noch andere,
welche keine Vorftellung fondern den Mangel
oder die Abwefenheit einer einfachen oder
zufammengefetzten oder überhaupt jeder Vor-
ftellung bezeichnen , z. ß. Nichts, Unwif-
fenheit, Unfruchtbarkeit. Man kann
nicht eigentlich fagen , djfs diefe negativen
o.ler privativen Worte gar keine Beziehung
auf Vorftellungen hätten, denn dann würden
fie ganz bedeutungslos feyn : Ge beziehen lieh
allerdings auf poütive Vorftellungen, und be«
zeichnen deren Mangel.
§. 5.
Alle urfprünglicheWorte bezeich-
nen finnische Vorftellungen.
Vielleicht kommen wir auch dem Urfpruo-
ge aller unferer Vorftellungen und Erkenntniffe
et-
3jl Drittes Buch.
etwas näher, wenn wir auf die groOe Abhän-
gigkeit der Y\ orle von den gemeinden finnii-
eben Yorftelluugen aufmeikfam find, und be-
meikrn, wje die Sprachlichen der uufinnlich-
Den Handlungen und Begriffe ans den Sinnrn
enllprungen , und durch uueigentliche Bedeu-
tungen auf Gegenfhinde übergetragen find,
welche aufser der Sinnenerkcnntnifs liegen.
Die Worte: einbilden, wahrnehmen,
begreifen, vorftellen, einflüfsen
Ruhe, Unruhe, u. f. w. find von den Wir-
kungen finnlichor Dinge auf gewiffe Medifica-
tionen des Denkens angewendet. G e i ft
(Spirit) bedeutet urfprünglich den Hauch , und
Engel einen Boten. Könnten wir in allen
Sprachen die Worte für unfinnliche Gegenftän-
de bis zu ihrer erften Abdämmung verfolgen,
fo würden wir eben dafle-lbe Refuhat finden,
und zugleich muthmafsiieh beftimmen können,
welche Vorftellungen und aus welcher Quelle
die erften Spracherfinder halten, und wie die
Natur felbft bei Benennung der Dinge unver-
merkt die erften Keime und Grundideen aller
Evkenntnifs 3n die Hand giebr. Denn um die
inneru Thätigkeiten , die in ihrem Bewufst-
feyn vorgingen, und kein Gegenftand äufserer
Wahrnehmung waren , fo wie andere unfinn-
liche Begriffe andern milzutheilen , waren fie
genöthiget , die Worte dazu von bekannten
Vorftellungen der Sinne zu entlehnen, Wa-
ren
Elftes Kapitel. 333
ren aber einmal bekannte und verftiind liehe
Worte dazu gefunden, fo hatten Ge einen hin-
länglichen Vorrat h zur Bezeichnung aller Vor-
ftelltingen gewonnen , indem diefe keinrn an-
dern Gegenftand haben können, als entweder
äufserere Wahrnehmungen , oder innere ßch
darauf beziehende Thätigkeiten des Geißes,
§• 6.
Plan,
Folgende Unterfuchungen, welche den In-
halt der folgenden Kapitel ausmachen , können
dazu dienen , unfre Kenntr.ifs von dem Ge-
brauche der Sprache, als *ines Erkenntnifsmit-
tels , zu erweitern. Zuerft mufs unferfocht
werden, worauf die Worte bei ihrem
Gebrauch unmittelbar bezogen wer-
den. Zweitens. Da Alle Worte (die ei-
gentümlichen aufgenommen) aligemein Gnd,
und nicht dies oder jenes Individuum, fondern
Arten und Gattungen bezeichnen, fo mufs zu-
nächft unterfucht weiden , was Arten u n dl
Gattungen find, worin fie beftehn,
und wie fie gebildet werden. Nur
dann erft kann man den richtigen Gebrauch
der Worte beflimmeni die natürlichen Vollkom.
menheiten und Mängel der Sprache erkennen,
und Mittel gegen die aus der Ungewißheit
und Dunkelheit der. Bedeutung entfprin^enden
JNach-
334 Drittel Ruch.
Nachtheile aufhieben. UnJ ohne das kann
man über die Eikenntnifs, Welche mit Sätzen,
und zwar gröfstentheils allgemeinen zu thun
hat, und daher in gröfserer Verbindung mit
den Worten flehet , als man vielleicht glau-
ben füllte, unmöglich mit Beftiramtheit und
Ordnung nachdenken.
Zweites Kapitel.
Von der Bedeutung der Worte.
§. 1/
Worte find finnliche Zeichen zur
Mittheiiung der Gedanken«
W*„„
auch ein Menfch noch fo viele Vor-
/tellungen und von der Art befitzt, welche
für ihn und andere zum Nutaen und Vergnü-
gen gereichen können, fo find lie doch in
feinem Gemüth verfchloffen , verborgen , und
fie können fich nicht von felbft andern darftei-
len. Zum Bellen td«r Gefelligkeit , die ohne
Mit-
Zweites Kapitel. 33$
Mittheilung der Gedanken nicht befiehen kinn,
mufste er gewiile äufsere Sinnliche Zeichen
ausfindig machen , um durch fie feine unficht-
baren Vorstellungen, woraus die Gedanken
beliehen, andern offenbar zu machen. Dazu
waren keine Zeichen zweckmäffiger als die ar-
ticulirten Töne, fowohl wegen ihier Mannich-
faiti.keit, als auch wegen der Schnelligkeit
un i Leichtigkeit, womit jeder fia bilden kann.
Auf diele Art wird es begreiflich, wie die
Menithen daraufkommen konnten, die Worte,
die von der Natur fo zweckrnäfüg dazu einge-
richtet worden, wirklich zur Bezeichnung
ihrer Vorftellu igen anzuwenden. Zwar ift
keine natürliche Verbindung zwifchen beiden,
denn locft inüfste es nur eine Sprache geben;
fondern die Worte werden wilikührlich zu
Zeichen der Vorltellungen gemacht, und diefe
wilikührlich veiknüpiten VorlteÜ. ngen machen
die ei>enthü;nuche und unmittelbare Bedeu«
tung der Worte aus,
i 2»
Diefe Zeichen werden gebraucht, theils
das Behalten der Vorltellungen zu eileichtern,
theils um fie^ zu äufsern und andern gleichfam
voi Augen m legen. Die Worte bezieben fich
daher in ihrer eriten unmittelbaren Bedeutung
blos auf die Vorstellungen delTen, der ficii
ih-
3»6 Drittes Buch.
ihrer bedienet, Co unvollkommen und mangel-
haft fie auch feyn nsögen. Wenn ein Mepfch
mit dem andern fpricht, fo will er verbanden
werden, und der Zweck der Sprache ift, di(s
diefe Töne als Zeichen dem Zuhörer die eig-
nen Vorftellungen des Sprechenden bekannt
machen. Wollte er üe zugleich auf fremde
Vorftellurgen beliehen, fo wären fle zu glei-
cher Zeit Zeichen und Nichtzeicben feiner
Vorftellungen, und hätten auf diefe Art gar
keine Bedeutung. Ein Menfcü kann feine
Worte weder zur Bezeichnung der Eigenfchaf-
ten der Dinge ,- noch der Vorftellungen eines
andern gebrauchen , wovon er felbft keine
Vorftellung hat; er kann in diefem Falle nicht
amehmen, dafs feine Vorftellungen mit denen
eines andern übereinftimmen, und feine Worte
würden dann Zeichen von dem, was er niciit
kennt, d, h. von einem Nichts feyn. Wenn
er aber fremde Vorftellungen durch feine eig-
nen vorftellt , und jene mit andern Menfchen
durch einerlei Worte bezeichnet, fo bezeich-
net er doch immer feine eignen Vorftellungen,
nicht folche , die er nicht hat»
$♦ 3.
Diefes ift eine fo nothwendige Bedingung
der Sprache, dafs darin der Veiftändige vor dem
ÜnwüTeuden, der Gelehrte vor dem Ungelehr-
ten
Zweites Kapitel. 3j2
ten nichts voraus hat. Alle Worte beziehen
fich auf die Vorftellungen des Sprechenden,
auf das , was er durch diefelben ausdrücken
will» Wenn ein Kind von dem Metall, wel-
ches es Goid nennen hört, nichts weiter als die
glänzende gelbe Farbe kennet, fo beziehet
es jenes Wort nur allein auf diefe Farbe, und
es nennt daher auch die Farbe in dem Schwei-
fe des Pfauen Gold. Andere lernen durch
belfere Beobachtungen mehrere Merkmale,
z.B. die Schwere, Schmelzbarkeit, Ausdehnbar-
keit durch das Schlagen kennen, und fetzen
fie zu der Bedeutung des Worts hinzu» In
allen diefen Fällen wendet jeder das Wort nur
auf feine Vorftellung an , aber nie kann er es
zum Zeichen eines zufammengefetzten Begriff»
machen, den er nicht hat»
§♦ 4-
Die Worte erhalten oft noch ver»
ft eckte Beziehungen.
Obgleich die Worte in ihrem eigentlichen
und unmittelbaren Gebrauch nur die Vorftel-
lungen des Sprechenden bezeichnen, fo er-
■halten fie doch in den Gedanken der Menfchen
»eine verftcckte Beziehung auf zwei andere
>Dingp. 1) Sie fehen ihre Worte auch als
Zeichen für die Vorftellungen ande-
Locke's. II, Tbcil. Y rer
53H Drittes Bück.
rer Menfchen mit denen fiefprechen, an.
Denn Oe würden vergeblich fprechen und nicht
verstanden werden, wenn fie die Worte auf
eine Vorftellung und die Zuhörer auf" eine an-"
dere bezögen ; das wäre fo viel, als redete jeder
in einer andern Sprache. Ob diefe Vorftellung
bei dem Sprechenden und Zuhörenden voll-
kommen identifch, das wird gewöhnlich nicht
unterfucht, fondern man glaubt genug gethan
xu haben , wenn man der Worte in dem ge-
meinen Sprachgebrauche (ich bedienet , weil
man dabei vorausfetzt, dafs die Vorftellung, mit
welcher alle verftändige Menfchen in einem
Lande ein Wort verknüpfen, vollkommen die-
felbe ift.
§• 5.
Ö") Die Menfchen wollen aber auch nicht
gernblofs von ihren Bildern der Phaniafie, fon-
dern von Dingen, wie fie an (ich find, fpre-
chen, daher nehmen fie ott an, dafs die
Worte auch Zeichen für wirkliche
Dinge find. Da ich weiter unten weitläuf-
tiger davon handeln werde, fo bemerke ich
hier nur foviel, dafs es ein verkehrter Gebrauch
der Worte ift, der nur Dunkelheit und Verwir-
rung in ihre Bedeutungen bringet, wenn he zu
B Zeichnung etwas anders, als unferer Vor-
stellungen gebraucht werden.
Zweites Kapitel. 339
Noch einige Bemerkungen.
Da die Worte unmittelbare Zeichen derVor»
flellungen und dadurch das Werkzeug find, wo-
durch Menfchen einander ihre Gedanken und
Empfindungen mittheilen; fo entliehet durch
den beftändigen Gebrauch eine folche Verknü-
pfung zwifchen dein Zeichen und dem Bezeich-
neten, dafs, fobaid das Wort gehört wird, auch
fogleich die angehängte Vorstellung auf eben
die Art erweckt wird, als wenn dasObject der-
felben wirklich die Sinne afficiite.
§• %
Man lernt durch den beftändigen Gebrauch
von der Wiege an gewiffe articulirteTöne voll-
kommen , und hat fie daher immer in Gedächt-
nifs und Bereitfchaft; aber weil man ihre Be-
deutungen nicht immer forgfältig unterfuchet
und feftfetzt, fo hat dies die Folge, dafs die
Menfchen felbft bei dem Vorfatz eines fchar-
fen Nachdenkens , doch ihre A u f m erkf a ui-
keit mehr auf die Worte, als auf die
Dinge richten. Ja, weil viele Worte früher
gelernt werden, als man Kenntnifs von den be-
zeichneten Vorftellungen hat, fo fprechen nicht
allein Kinder, londern auch viele Erwachfene
Worte nicht anders wie Pap?gayen, blos als
etwas gelerntes und angewöhntes aua. Info-
Y 2 fern
340 DuUss Buch.
fern aber Worte eirjen befthnmten Gtbrauch
und Bedeutung haben, fo findet auch eine be-
ftandige Verbindung iwifchen dem Sprachlaut
und der Vorftelhing und die Beftimmung, dafs
erfte zur Bezeichnung] des zweiten dienet,
ftatt. Ohne diefe Beziehung fiud die Worte
nur bedeutungslofe Töne,
«. S.
Ungeachtet dieTer Verbindung bezeichnen
die Worte doch nur diefem oder jenem Men-
fchen eigen thüm liehe Vorfiellungen, und
zwar durch w i H k ü h r 1 i c h e V fe r k n ü p f u n g.
Diefes erhellet fchon daraus, weil fie bei andern
nicht immer die angeknüpften Vorsehungen er-
wecken» Jeder Menlch hat eine fo unverletz-
liche Freiheit , durch Worte beliebige Vor Hei-
lungen zu bezeichnen, dafs niemand andere
zwingen kann, eben diefelben bei dem Gebrauch
derfelben Worte imBewufstfeyn zu haben. Ob-
gleich Auguftus das grofse rümifche Reich
beherrfchte, (o erkannte er doch , dafs er kein
neues lateinifches Wort machen , d. i. nicht
willkührüch befehlen könne, was Für eine Vor-
ftelhing durch fein ganzes Reich allgemein reit
einem beftimmten Laut foiite verbunden v. ( r-
den. Es ift wahr, der Sprachgehrauch knü-
pfet gewiffe Sprachlaute an gewifle Voritellun ■
gen, und fchränkt dadurch die Bedeutung der
Zeichen in fo weit ein, dafs, wer nicht diefe
Vor-
Drittes Kapitel, g^j
Vorftellungen damit verbindet, nicht eigentlich
redet und Geh andern nicht verständlich machen
kann; allein in jedem Fall der Anwendung der
Worte und ihrer Folgen , ift doch die Be-
deutung derfelben blos allein auf die Vorftellun-
gen des Sprechenden eingefchränkt,
Drittes Kapitel.
Von allgemeinen Sprachzeicfren.
$. x.
JL/a alle exiftirende Dinge einzeln find, fo
könnte man denken, die Worte roüfsten, um
den Dingen zu entfprechen, auch ihrer Bedeu-
tung nach individuell feyn. Allein wir finden
davon gerade das Gegentheil» Der gröfste
Theil der Worte in allen Sprachen
beftehet aus allgemeinen Sprachzei-
chen; und das ift das Werk nicht der Gedän-
kenlofigkeit und des Zufalls , fondern der Ver*
nunft und der Notwendigkeit.
Y 3 §. 2.
34* Drittes Bach.
§. a.
Es ift unmöglich auch unnütz, d a f s
jedes einzelne Ding ein bcfon-
deres Sprachzeichen für fich
habe.
Es ift erftlich unmöglich, dafs jedes ein-
zelne Ding durch ein befonder es beftim m-
tes Wort bezeichnet werde. Denn der Ver-
Itand müf te dann von allen Dingen einzelne
Vorftellungen bilden, und die Zeichen derfelben
mit ihrer beftimmten Beziehung in dem Ge-
dächtnifle aufbewahren. Allein diefes über-
schreitet jedes inenfehliche Vermögen. Untei-
fcheidende Vorftellungen und Sprachzeichen
für jedes Individuum von Thier, Vogel, Pflan-
ze, Baum, welche der Menfch wahrnimmt,
würden nicht Raum genug in dem umfaffendlUn
Verftande finden. Und wenn es fchon als Liei-
fpiel eines ungeheuren GedächtnilTes angefallen
wurde, daf» ein General alle Soldaten feiner
Armee bei ihren Namen nennen konnte, fo
werden wir leith* den Grund entdecken, war-
um die Menichen nicht einmal den Verfuch mach-
ten, jedes Schlaf ihrer Heerde, jede Krabe, die
vor ihnen vorbei flog, jedes Blait der Pflan-
zen und jedes Sandkorn , das ihnen in den
Weg kam, mit einem befondern Wort zu be-
nennen»
§• 5-
Drittes Kapitel. 343
§• 3.
Wäre es aber auch möglich , fo hätte es
doch keinen Nutzen, weil es den Haupt-
zweck der Sprache nicht beförderte. Der ein-
zige Zweck und Gebrauch der Worte gehet dar-
auf, (ich andern verständlich zu machen. Die-
/es ift nur dann möglich, wenn mein Sprach-
zeichen durch Gewohnheit oder Uebereinkom-
inen in dem Verftande des Zuhörers diejenige
Vorftellung erweckt, welche ich mit dein Zei-
chen während des Sprechens verbinde, Diefe
Abficht kann aber nicht durch diejenigen Wor-
te erreicht werden, welche ich auf individuelle
Dinge beziehe, wovon ich nur allein eine Vor»
Heilung habe; die Worte müfsten in diefera
Fall für alle andere , welche nicht diefelbe in-
dividuelle Kenntnifs haben, bedeutungslos und
unverständlich feyu.
I, 4«
Und wenn wir auch die Möglichkeit zuge-
ben, fo würde doch die Vollkommenheit
der Erkenntnifs durch folche indi-
viduelle Sprachzeichen nicht viel
gewinnen. Die Erkenntnifs gründet fich
auf individuelle Objecte ; fie wird aber nur
durch allgemeine Gefichtspunkte erweitert, wo-
zu Gelchlechsbegriffe un 1 Allgemeine Zeichen
beförderlich find, Diefe haben ihren beftimm«
Y 4 ten
344- Drittes Buch.
ten Umfang, und vermehren fich nicht mit jedem
Augenblicke über die Grenzen hinaus , in wel-
chen fie der Verftand nur allein faflen kann,
nnd welche der Gebrauch nothwendig macht.
Auf fie haben fich daher die Menfchen haupt-
fächlich eiugefcbränkt, doch fo , dafs ihnen
die Unterscheidung der Individuen, durch eig-
ne Namen, wo es nöthig ift, nicht erfchweret
wird. Und daher haben Individuen ihrer Gat-
tung, mit denen fie am in eilten zu thun haben,
eigene Namen erhalten.
§. 5-
Aus eben dem Grunde haben aufser Men-
fchen auch Länder, Städte, FiüiTe, Berge u.
f. w, eigene Namen gefunden, weil man oft
von einem beftimmten Dinge diefer Art fpre-
ehen, und es gleichfam dem Zuhörer vor Au-
gen fetzen mufs. Ohne Zweifel würden wir
für jedes einzelne Pferd eigne Namen habe«,
und fie fo geläufig gebrauchen , als Menfchen-
samen, wenn wir, wie die Pferdehäudler , in
dem Fall wärsn , dafs wir von diefem und je-
nem oft beüiuirnt zu fprechen hätten.
§. 6.
Wie allgemeine Sprachzeichen ge-
bildet werden.
Da nun einzelne Dinge wirklich exiftiren,
fo entliehet die Frage: wie wir zu allge-
mei-
Drittes Kapitel. 345
meinen Sprachzeichen kommen, und
wo fich die Gattungswefe n finden , worauf
fich jene beziehen Folien? Die Worte werden
dann allgemein , wenn ße zu Zeichen von all-
gemeinen Begriffen gemacht werden; und diefe
Werden dadurch gebildet, dafs man Zeit und
Ortbeftimmungen und andere Merkmale, wo-
durch fie auf dieFes und jenes Individuum be-
schränkt werd&n, aus ihrem Inhalte ausfchliefet.
Hierdurch erhalten üe die Fähigkeit, mehrere
Individuen vorzufallen, von denen jedes durch
feine Uebereinftimmung mit dem abftrakten Be-
griff, nach unferm Sprachgebrauch, zu diefer
Gattung oder Art gehört.
S. 7-
Die Vorftellungen der Kinder von denPer-
fonen, mit denen fie umgehen, find anfänglich,
wie dieFe Felbft, individuell. Die Vorftellungen,
Mutter, Amme, bilden fich in ihrem Verftande
und ftellen, wie Gemälde, nur diefe Individuen
vor; und fo fchränken fich diefe Worte nur
allein auf diefe ein. Wenn fis in der Folge
durch längere Erfahrung die Beobachtung ge-
macht haben, daFs es viei mehrere YVefen in der
Welt giebt , welche in RückGcht der GeFtalt
und anderer gemeinen EigenFchaften ihren Vä-
tern, ihren Müttern und andern Perfonen ih-
rer BekanntFchaft ähnlich find , fo bilden fie
einen Begriff, deffen Merkmale fich in vielen
Y 5 Indi-
346 Dritt« Buch.
Individuen finden, und bezeichnen ihn durch
das WortMenfch. So bildet fich ein allge-
meiner Begriff und allgemeines Wort, indem
aus dem concreten Begriff von Peter , Johann,
Maria und Johanne das Individuelle und Eigen-
tümliche ausgelaufen und das Gemeiufchaftli«
che zufammengefafst wird.
Auf ditTelbe Art gehen lie nun leicht zu noch
allgemeinem Begriffen und Worten fort. Wenn
difl Menfchen nehmlich beobachten, dafs ver-
fchiedt ne Wefen ihrer Verschiedenheit wegen
nicht unter dem Begriff von Menfch begriffen
werden können, ob fie gleich gewiffe gemein-
fame Merkmale mit demselben haben, und die-
fe in einfcn Begriff vereinigen, fo bilden fie ei-
nen noch allgemeinern Begriff, und ein Wort-
zeichen von gröfserm Umfange. Dief«r Begriff
entliehet nicht durch Hinzufetzung von neuen
Merkmalen, fondern durch Entfernung der
dem Menfchen eigentümlichen. Kurz, Ce
fallen unter dem Begriff Th i er die Vorliellun-
ge>i , Körper, leben, Empfindung und will-
kürliche Bewegung zufammen.
§• 9-
Drittes Kapitel. 5^
§. 9.
Die Gattungswefen find nichts als
abftracte Begriffe,
DaTs diefes die Entftehungsart diefer Begrif-
fs und Worte ift, ift To einleuchtend, dafs es
keines Beweifes, fondern nur einiger Auf.nerk-
famkeit auf den Fortgang des Verbandes in der
Erkenntnifs bei fich und andern bedarf. Wer
die Gattungswefen (notions) für etwas anders,
als für folche abftraeteaus zuran)mengefetz.teren
gebildete BegrifFe halt , die von exiftireqden
Individuen abgezogen find, der wird fiefchwer-
iich wo anders finden können. Er wird durch
fein Nachdenken finden, dafs der Begriff des
Menfcben von dem eines Individuums i^Peter,
Paul,) nur dadurch verfchieden ift, dafs in dem
erfiern dasjenige Eigenthümlkhe , was den In-
dividuen augehört, ausgefcbloffen und nur das
aufgenommen ift, was fie mit einander gemein
haben So bildet man aus dem Begriff Menfch
und 1 ferd durch Abfederung des Eigenthüm-
lichen und durch Zufammenfafhjug des Gemein-
famen einen neuen Begriff, Thier, der einen
gröfsem Umfang hat , und Menfchen mit ineh.
Tern andern Wcf?n begreift. Auf diefe Weif«
(abreitet man zu noch allgemeinem Begriffen
von lebenden Wefen, Körper, Sub-
ftanz, Wefen, Ding fort. Kurz, das gan-
ze üehfciiniiib der Gattungen und Arten, wel-
ches
3^8 Drittel Buch.
ches in den Schulen fo vielen Lertn machte,
und, mit Recht, aufser demfelben "wenig Auf-
merkfamkcit auf fich zog, beftehet nur allein
in diefen, bald weitem, bald engern abftxacten
BegriHen mit ihren Sprachzeichen,
§. Io.
Daraus leuchtet der Grund ein, warum man
bei Wortdefinitionen , d.i. Erklärungen ihrer
Bedeutung, fich der Gattung (genue) oder des
nichftfolgenden allgemeinen Wortes, welches
jenes unter fich fafst, bedienet. Es ift nicht
fowohl Notwendigkeit, als um fich die Mühe,
alle einzelnen Begriffe, die in der nächftfolgen-
den hohem Gattung enthalten find, aufzuzäh-
len; zuweilen auch wohl dieEefchämung, das
nicht thun zu können , zu erfparen. Allein
obgleich die Erklärungsart durch die Gattung
und den Artunterfchied die kürzefte ift , fo ift
es doch wohl noch eine Frage, ob fie die he-
fte ift; zum wenigften ift fie nicht die einzige
und abfolut nothwendige. Denn da definiren
nichts anders ift, als durch Worte verftändlich
inachen, welcher Begriff durch ein Wort aus-
gedrückt wird, fo gefchiehet diefes am bellen
durch die Aufzahlung der einzelnen Begriffe,
welche in der Bedeutung eines Worts zufam-
mengefafst find. Wenn man anftatt deflen die
nöchfte höhere Gattung gebraucht, fo gefchicht
das nicht aus Notwendigkeit, fondern der Be-
quem-
Drittes Kapitel. 34$
quemlichkeit und des kürzeften Ausdrucks we-
gen. Denn wenn man fagt: derMenfchift eine
ausgedehnte Subftanz mit Leben, Empfindung,
willkührlicher Empfindung und dem Vernunff.-
vermögen , fo ift die Bedeutung des Worts eben
fo gut erklärt, als wenn man Tagt: derMenfch
ift ein vernünftiges Thier, da diefes zuletzt
doch fich in jene Merkmale auflöfet. — Auch
find die Sprachen nicht allezeit den logifchen
Regeln angepaßt, dafs die Bedeutung jedes
Worts durch zwei andere beftimmt und deut-
lich ausgedrückt werden könnte. Das Gegen-
theil beweifet die Erfahrung offenbar; und wä-
re das nicht, fo hätten die Erfinder diefer Re-
gel fehr unrecht getban, dafs fie uns nicht meh-
rere Definitionen diefsr Art gegeben hätten.
Von den Definitionen ein mehreies in dem fol-
genden Kapitel.
Wir kehren zu den allgemeinen Sprachzei-
chen zurück. Es ift einleuchtend, dafs das All-
gemeine nichts mit der wirklichen
Exiftenz der Dinge zu thun hat, fon-
dern nur ein e E r fi n d u ng und einPr od uet
des V er ft an des zum Behuf feines Gebrauchs
ift, und fich blofs auf Zeichen, das ift,
B egriffe o der Worte beziehet. Die Wor-
te find nehmlich allgemein , wenn fie zur Be-
zeichnung allgemeiner Begriffe gebraucht, und
35<> Dritte« Buch.
daher ohne Unterfchied auf mehrere Individuen
angewendet werden; und Begriffe find allge-
mein , wenn fie als Stellvertieter mehrerer ein-
zelnen Dinge dienen. Das allgemeine ift kein
Merkmal der Din^e felbft, welche, infofern
fie exiftieren , |alle individuell find. Wenn
•wir das Gebiet des Individuellen verlaflen, fo
iff das Allgemeine nur ein l'Todüct des Verftan-
des , und fein Wefen beftehet einzig allein in
dem gröfsern Umfange der Bedeutung, dafa
es mehrere Individuen vorftellt. Die Bedeu-
ttn g der Worte mit nur eine Beziehung, wel-
che ihnen der Veutand beigelegt hat.
§. 12.
Jetzt mufs alfo unterfucht werden, wel-
che beftitninte Bedeutung allge-
meine Sprachzeicheu haben. Denn
offenbar bezeichnen fie kein Individuum, fonft
wären es keine aligemeinen Zeichen; aber
auch keine Mehrheit , denn fonft würde
IVlenfch und Menfchen einerlei bedeuten und
die Unterfcheidung der Zahl überflüfsig feyn»
Sie bedeuten al o eine Gattung und Art von
Dingen, und zwar dadurch, dafs fie Zeichen
eines abftrakten Begriffes find, unter welchen
die Dinge, infofern fie mit demfelben überein-
ftiinmen, geordnet werden. Man fagt dann,
fie find von der Art, Es wird hieraus deutlich,
dafs
Diittes Kapitel. 3JI
dafs das Wefen der Gefchlechter in
nichts andern'als in diefen abftrak-
ten Begriffen beftehet. Denn das We-
fen eines Gefchlechts au (ich haben, macht, dafs
etwas von dem Gefchlechf ift, und die (Jeber-
einftimmung mit dein durch das Gefchleehts-
wort bezeichneten Begriffe giebt ein Recht
auf diefe Benennung. Beides ift aKo identifch.
Z. B.jein Menfch ff yn , zur Gattung Menfch
gehören, Anfpruch auf den Namen Menfch
haben, das Wefeu eines Menfchen an fich
haben, ift ein und diefelbe Sache. — Hier-
aus ergiebt fich die Bemerkung, dafs das
Wefen der Gattungen und Arten , und die
Klaffification der Dinge unter diefe das Werk
des Verftandes ift , indem er abftrahirt und all-
gemeine Begriffe bifdet,
§. I3.
Damit follgar nicht geleugnet werden, dafs
die Natur bei Hervorbringung der Dinge eine
gewilfe Gleichförmigkeit beobachte, welches
bei den Thierarten und allen durch Saamen
erzeugten Dingen am meiften in die Augen
fallt. Demungeachtet kann man fagen , dafs
die Klaffiiicatiun der Dinge unter Gefchlechts-
namendas Werk des Verftandes ift, der, durch
die an ihnen beobachtete Aehnlichkeit- veran-
lagst, allgemeine Begriffe bildet. Er Hellt diefe
mit
jji Diitles Buch,
mit ihren Sprachzeichen als feine Mufter und
Formen auf (in welchem Sinne das Wort Form
eine ganz eigentümliche Bedeutung hat) .um
ihnen die Individuen, infofejrn fie diefen ent-
fprechen, unterzuordnen. Denn wenn wir
fagen: das ift einMenfch , ein Pferd, das ift
Gerechtigkeit oder Graufamkeit, das ift eine
Uhr, thun wir wohl etwas anders, als dafs
•wir die Dinge unter ihre Gefchlechtsnaraen
ordnen, infofern fi? mit den dadurch bezeich-
neten abftracten Begriffen übereinftimmen? Und
was ift das Wefen diefer durch Worte bezeich-
neten Gattungen anders, als die abftracten Be-
griffe des Verftandes? Wenn die allgemeinen
Worte eine Verbindung mit den exiftierenden
Individuen haben, fo find diele abftrakten Be-
giiffe das Band , welches fie unter jene verei-
niget. Das Wefen der Gattungen, infofefn
fie von uns unterfchieden und benennt werden,
kann alfo nur allein in diefen Begriffen befte-
hen. Wenn man daher ein reales Wefen der
Subftanzen annimmt, das von unfern abftrak-
tsn Begriffen verfchieden feyn foil, fo kann
es nicht das Wefen der Gattungen feyn, un-
ter welche die Dinge geordnet werden.
Wenn man fragt, welche Veränderungen kön-
nen in einem Pferde vorgehen oder nicht,
ohne einer andern Art untergeordnet zu wer-
den, fo läfst fich rtnefs nach unferer Vorfiel-
lungsart leicht beantworten; aber fchwerlich,
wenn
D iittes Kapitel; 363
wenn man ein reales Wefen zur Norm machen
will. Denn wer kann darnach beftimmt willen,
Wenn ein Ding aufhört, unter die An Pferd
zu gehören?
§. H-
Wenn wir Tagen, dafs diefe Wefen oder
abftrakte Begriffe das Product des Verftandes
find, fo wird es weniger befremden, wenn
man bedenkt, dafs die zufammengeTetzten Be-
griffe bei verfchiedenen Menrchen oft aus ver-
schiedenen einfachen Merkmalen befteben.
Selbfl die Begriffe der Subftanzen, die doch
von den Dingen felbft entlehnt fcheinen , find
nicht immer einftimmig, auch felbft nicht ein-
mal bei den gemeinften und bekannteften Ar-
ten. Es wurde mehr als einmal bezweifelt, ob
ein gebornes Kind ein Menfch fey , ja oft dar-
über geftritten , ob es auferzogen und getauft
werden foilte. Diefes würde nicht der Fall
feyn , wenn der abftracte Begriff , das Wefen,
an welches das Wort Menfchheit geknüpft iff,
das Werk der Natur, und nicht vielmehr eine
fchw^rkende und veränderliche Verbindung
einfacher Vorftelluugen durch den Verftand
wäre. So drückt alfo jeder abftrakte Begriff
ein beftimmtes Wefen aus , und Worte für
verfchiedene Begriffe bezeichnen wesentlich
verfehiedene Dinge, Z. B. Zirkel, Oval,
Locke's, II. Theil, Z Schaaf
3$/| Drittes Buch.
Srhaaf, Ziege, Regen, Schnee. Denn da«
Wefen , das ein Begriff ausdrückt, kann nicht
mit dem andern verbunden werden. Zwei
abft'akte Begriffe, die nur in einem Stücke
von einander abweichen, machen zwei be-
fummle wefentlich verftbiedene Gattungen
oder Arten aus,
§• 15.
1 Unterfchied zwifchen tlem real
und nominal VVtfen,
Weil aber einige, und nicht ohne Grund,
das Wefen der Dinge für völlig unbekannt hal-
ten; fo ift es nöthig, die verl'chiedenen Be-
deutungen des Worts zu unterfuchen. Das
Wefen kann i) für das Sern eines Dinges
genommen werden, wodurch es ift, was es
ift, alfo die reale innere, aber bei Subftan-
•zen durchgängig unbekannte Einrichtung, in
welcher die wahrnehmbaren Eigenfchaften ge-
gründet find. Dies ift die urfprüngliche Be-
deutung des Wüns, wie fcbon die Etymologie
eflentia von elfe an die Hand giebt , und
in diefer wird es gebraucht, wenn wir von
dem Wefen befomleier Dinge, ohne fie Zu be-
nennen, reden, t) Die vielen Schulgezänke
und Grübeleien über Gattungen und Arten,
find Urfache. dafs das Wort Wefen feine
ur-
Drittes Kapitel. 555
urfprüngliche Bedeutung beinahe verloren hat,
und von der realen Natur der Dinge faft gänz-
lich auf die künftliche Einrichturg der Gat-
tungen und Arten übergegangen ift. Es
ift wahr, ein realeN Wefen der Arten wird im
Allgemeinen zugeüanden , und es ift unbe-
zweifelt, dafs davon der Inbegriff einfachet
verbundener Vorltellungeu abhingen raufs.
Da aber gleichwohl die Dinge nach Worten
in Gefchlt-chter abgetheilt werden , nur info-
fern Ge mit abftra-uen Begriffen übereinßitn-
mpD, an welche diefe Worte geknüpft und,
fo ift es einlenchtend, dais das Welen jeder
Gattung und Art nichts ift als der abftrakte
Begriff, welcher durch den Gattungs - und
Artnamen bezeichnet wird. Und diefes ift die
gewöhnliche Bedeutung des Worts Wefen«.
Beide können am ücherften durch die Worte
Realwefen und Wortwefen unterfchieden wei-
den.
§. Iö.
Zwifchen dem WortweTen und dem
Worte ift eine fo enge Verkn üpfung. dafs
kein Wort einem Dinge beigelegt werden kann,
als welches diefes Weien bat, wodurch es
dem fo bezeichneten abltrakten Begriffe ent-
fprichu
Z 2 §. 17,
356 Diätes Buch,
§. 17-
In Anfehung des realen Wefens körperli-
cher Subfianzen, (um nur bei dielen flehen
zu bleiben) giebt es , Wo ich nicht irre,
zwei Meinungen. Einige bezeichnen durch
das Wort Wefen etwas , fie willen l'elbfl nicht
was, und nehmen eine beftimmte Anzanl von
Wefen an, nach denen als Muft'errl alle natür-
liche Dinge gebildet find, woran fie alle glei-
chen riieil nehmen, und dadurch unter diel'el-
be Gattung gehören. Vernünftiger ift wohl
die andere Meinung, nach welcher die Sub-
ftanzen eine reale aber uns unbekannte Natur
Und E nrichtung in ihren unbekannten Be-
ftaudti) eilen haben, von welchen die finnli-
chen Eigenfchaftfcn abhängen, welche zur Un-
terfcheulung der einen von der andern dienen,
je nachdem man Gelegenheit hat, fie unter
gemeiufchaftliche Benennungen in Gattungen
zu ordnen. Die elftere hat die Erkenntnifs
natürlicher Dinge fehr verwirrt. Die häufigen
Milsgeburien in allen Thieraiten, die Abwei-
chungen und Veränderungen iu den menfeh-
lichen Geburten führen Scbwieiigkeiten bei
fich, welche mit diefer Hypothek* unverträg-
lich find. Denn es ift fo unuegreiflich , wie
zwei Dinge, die an dem/elben realen Wefen'
Theil nehmen , als wie zwei Zirkelfiguren,
verfchiedene Eigenfchaften haben können. II
Auch
Dritte» Kapitel. gj^
Auch ift die Vorausfetzung eine, realen Wg.
fens, das unerkennbar ift, und doch das Un-
terfcheidungstnerkinal der Arten ausmachen
foll, abgefehen von allen andern Gründen, fo
unnütz und zur Erkenntiiifs unbrauchbar,
dafs diefes allein uns beftimmen roüfste, fie
bei Seite zu le^en und uns biofs allein *n das
Wefen der Gattungen zu halten , welches
in dem Kreife unfrer Erkenntnifs lieget»
§. 18»
Nach jener Unterfcheidung des Wefens,
bemerken wir noch, dafs das reale und Wort-
wefen in allen Arten von einfachen Vorftellun-
gen und Beftimmuogen völlig einerlei»
beide aber bei den Subftauzen ganz verfchie-
den find. Ein durch drei Linien eingefchlof-
fener Kaum ift fowohl das Wort - als das Sach-
wefen des Triangels ; es ift nicht allein der
abftrakte Betriff, der mit diefem Gattungs-,
worte verknüpft ift, fondern auch das Wefen
und die Natur der Sache felbft, in welcher
alle Eigenfchaften diefer Figur unzertrennlich
gegründet find. Ganz etwas anders ift es mit
dem goldnen Ringe an meiner Hand. Mehr
davon unten, wenn wir von den Wortzeichen
der Subüanzen handeln.
Z 3 §. 19*
'<* Diines Buch.
§• 19.
Noch ein Grund , dafs die abftrakten Be-
griffe mit ihren Sprachzeichen das Wefen aus-
machen , liegt in der alten bekannten Behaup-
tung, dafs die Wefen nicht entstan-
den noch zerftörbar find. Diefes kaun
Bi'cht von dem realen Wefen gellen , welches
mit den Dingen entfteht und vergeht. Alle
Dinge, ihren Urheber ausgenommen, find der
Veränderlichkeit unterworfen , vorzüglich die
uns bekannten und in Klaffen geordneten Din-
ge. Was heute noch Grafs war, iß morgen
ein fleifehigter Theil des Schafes, und wird in
wenigen Tager. ein Befiandtheil eines Men-
fchen feyn. Bei allen diefen V"e ränderungen
wechselt offenbar auch das reale Wefen, es
wird mit den Dingen zerfiöhret. Verftehet
man hingegen unter dem Wefen Begriffe des
Verftandes mit ihren Wortzeichen, fo werden
lle, ungeachtet aller Veränderungen, welche in
den SubfUnzen vorgehen, worauf ße fich be
ziehen, zu allen Zeiten als unveräuderlicli
gedacht. Was auch immer aus Alexander
und Bi-'cephalus oder allen Individuen der Gat-
tung Menfch und Pferd werden mai;, fo find
doch diefe Gattungsbegriffe gegen jeden Wech-
sel gefichert. Wenn es auch in der Welt kei
ne Cirkelßgur giebt, welches, wenn man auf
lie gröfsre Strenge in der Zeichnung Gehet,
gar
Drittes Kjpitel. 3f$
gir wohl der Fall feyo kann; fo hört doch der
an diefes Wort geknüpfte Begriff nicht auf zu
feyn, was er ift, und er dienet bei der B?ur.
theiiuDg aller Figuren, die reit diefetn Ausdruck
bezeichnet oder nicht bezeichnet werden kön-
nen, unabänderlich zur Richtfchnur. Eben
fo ift es auch mit Begriffen von Dingen , die
vielleicht nie wirklich exiftierten , z, B. den
Begriffen von Einhorn und Sirenen; wenn fie
nur keinen innern Widerfpruch enthalten . ?ö
haben fie eben fo gut ihre beftimmte , fefte
und unveränderliche Bedeutung, als die Be-
griffe von Menfch und Pferd, Die Lehre von
der Unverändeilichkeit der Wefen beweifst
alfo, dafs diefe nichts anders als die abftrak-
ten Begriffe find, dafs fie fich auf das beftimm-
te Verhäknifs zwifchen diefeu und ihren
Sprachzeichen gründen , und dafs fie fo lange
wahr bleiben, als die Bedeutung der letzten
unverändert bleibt.
§. So.
Das Refill tat ift, um alles kurz zufammea--
zufaffcn , diefes: Gattungen, Arten und ihr
Wefen, und das ganze grofse Gefchäft des
Verbandes mit ihnen , läuft nur dahin aus,
dafs die Menfchen abftrakte Begriffe bilden,
und dafs fie fich durch die Bezeichnung derfel-
ben in den Stand fetzen, eine Anzahl von
Z 4 Din-
$6* Drittes Buch.
Dingen zufammenrufHlTen. Dietes erweitert
ihre Erkenntnifs und befördert die Mittheilting
derielben, welches nicht möglich wäre, vvenu
fich Begriffe und Worte nur auf einzelne Din.
ge einfehränkten«
yievte» Kapitel.
Von den Sprach zeichen der einfachen
Vorftellungen.
f. i.
EigenthümlichkeitendieferSprach-
z ei che n.
Weun gleich alle Worte unmittelbar nur
die Vorftellungen des Sprechenden bezeichnen,
fo werden wir doch bei näherer Betrachtung
finden, dafs die Worte für einfache Vorftellun-
gen, gemifchte Beftimmungen (worunter ich
auch Verhältnifle begreife,) und Subftanzen et-
- was
Viertes Kapitel. 361
was Eigenes und von einander Abweichendes
haben.
§. a.
J) Die Worte für einfache Vorftellungen
und Subiianzen weifen auf etwas Realexi-
ftierendes hin, von welchem als ihren
Originalen diefe abgeleitet find; die Worte
für gemifchte Beftimmungen beziehen lieh
blofs auf Vorftellungen des Gemütbs , und
führen den Verftand auf nichts weiter hin«
aus,
> 3.
H. Die Worte für die einfachen Vorftel-
lungen und Beftimmungen bezeichnen allezeit
fowohl das R ea 1 als' N om inal w e fen ih-
rer Gattungen; die Worte für Subftanzen hin-
gegen feiten oder niemals etwas anders, als das
Wortwefen (6, Kap.)
$. 4-
III. Die Worte für einfache Vorftellungen
find keiner Definition fähig; diefe findet
aber bei allen zufammengefetzten ftatt. Auf
diefen Unterfchied fcheint mir bis jetzt noch
gar nicht Rückficht genommen zu Feyn, wel*
ches zu giofsen Zänkereien und Verwirrungen
Z 5 Ver-
362 -Drittes Buch.
Vera nla Hang gegeben hat. Denn einige fo-
dern Erklärungen von Worten, wo fie unmög-
lich find, andere find mit einer fchulgerechten
Erklärung durch ein allgemeineres Wort und
feine Einfchränkung (oder in der Kunftfprache,
durch die Gattung und den Unterfchied) zufrie-
den, ob fie gleich keine deutlichere Vorftellung
von d r Hedeutung des Worts giebt. Es liest,
wie mich dünkt, nicht ganz aufser meinem
Plan, zu zeigen , welche Worte, und welche
nicht, einer Definition fähig find, und was zu
einer guteu Definition erfordert wird; und viel-
leicht verbreitet dies zugleich fo viel! icht über
die liefchafieuheit diefer Begriffe und ihrer
Zeicheu, dafs es gar wohl eine befondere Un-
terfuch:!ng verdient.
Nicht alle Worte könnRn erklärt werden,
denn diefes würde ins Unendliche fortgehen;
und wenn die Ausdrücke einer Definition wie-
der erklärt werden müfsten, wo Tollte man zu-
letzt (lülo fiehpn. Doch dabei halte ich mich
nicht aif, fondern zeige vielmehr aus der Na-
tur nnleter Begriffe und ihrer Zeichen, wel-
che Worte erklärt und welche nicht
erklärt w erden können.
§. 6.
"Viertes Kapitel. 563
Worterklärung.
Darin ift man wohl einig, dafs eine Erklä
rung nichts anders ift, als die Angabe der
Bedeutung eines Worts durch ande-
re nicht fynonyme Ausdrücke. Die
Bedeutung der Worte beftebet nur in den Vor-
stellungen, zu deren Bezeichnung fie beftimmt
find; die Bedeutung wird angegeben, oder das
Wort wird erklärt, wenn man durch andere
Worte die mit jenen in dem Verftande des
Sprechenden verknüpften Vorftellurgen dar-
Hellt und gleichfam vor die Augen eines andern
bringt, und dadurch die Bedeutung beftimmet.
Dieles ift der einzige Endzweck und Nutzen
einer Definition, und alfo auch der Maafsftab
ihrer Güte.
§. 7.
Einfache Vor ft eilungen find un-
erklärbar.
Nach dirfen Voraiisfetznngen behaupte ich,
dafs nur allein die Worte einfacher Vor-
ftellungen uner kl urbar lind. Denn
(He verfchiedenen Ausdrücke einer Definition,
welche verfchiedene Vorftellungen bezeichnen,
können keine Vorftellung darftellen, welche gar
nichts Zufnrunengefetztes enthält. Daher kann
eine
3tf4 Drittes Buch.
eine Definition . d. i. die Anzeige der Bedeu-
tung eines Worts durch mehrere andere nicht
fynonyiuifchc bei diefer Art Vorfteilungen nicht
ftati finden,
§. 8-
Die Vernachläffigung diefes TJnterfchiedes
in den Vorfteilungen und ihren Ausdrücken hat
die uijübertreflicben Spielereien der Schulen
hervorgebracht, welche bei den verdichten Er-
klärungen einiger wenigen einfachen Vorftei-
lungen fo fehr in die Augen fallen. Denn diefe
berühmten Ivieifter im Definiren waren der Un-
möglichkeit wegen gezwungen , den grofsteu
Tbeil derfeiben unerklärt zu laflen. Konnte
wohl der men!chliche Verftand ein gelehrteres
Gewäfch ausiinnen , als folgende Erklärung der
JJevvegung: Actus entis in potentia quateuus in
potentta. Eine Definition, die jedem vernünf-
tigen fylenfchen Mühe machen kann, das Wort
zu rathen , welches erklärt werden foll , wenn
er es nicht fchon durch den berühmten Unfinn
jener kennt.
$• 9»
Neuere Philofophen fuchten diefes Schul-
ge'Väfch zu verbannen, und fich verftiindlicher
auszudrücken; allein fie waren in ihrem Ver-
fuch, einfache Vorfteilungen durch ihre Urfa-
chen
Yiertes Kapitel, 363
chen oder auf andere Art zu definiren nicht
glücklicher. Die AiQmiften erhlären dieBewe-
guu2 durch einen Fortgang von einem
Orte zum andern. Allein das heifst ein
Synonym für ein anderes fetzen. Ift Fortgang
etwas anders als Bewegung, und ift nicht die
Definition: Fortgang ift Bewegung von einem
Ort zum andern* eben fogutah: Bewegung
ift Fortran** vou einem Ort zum andern! Von
z\\f-A Worten mit einerlei Bedeutung eins für
das andere fetzen, heifst noch nicht erklaren,
fondern nur vertaufchen ; ift das eine verfiänd«
lieber als das andere, fo kann es wohl zur
Auffuchung der Bedeutung des andern dienen,
aber es ift bei weitem noch keine Definition.
Sonft würde jedes engüiche Wort eine Erklä-
rung von dem dabei hebenden la;einifcheri feyn.
Die Erklärung der Kaitelianer, Bewegung fey
die fucceffive Zukehiung der Theile der Ober-
flache eines Körpers zu der Oberfläche eines
andern , hält auch eine fcharfe Prüfung nicht
SUIS.
DiePeripatetiker erklären das Licht durch
die Wirklichkeit des durchfichtigen, infofern
es durchiich.ig ift. Diefe Definition ift nichs
weniger ungereimt, als die elftere , aber Ü8
veiräth ihre Unbrauchbarkeit und Bedeutung-
loiigkeit noch mehr. Denn fchwerlich wird
üch
Drittes Bueh.
fich jemand überreden hflen, dafs ein Blinder
dadurch ilie Redeutnng des Worts Licht verlie-
hen lerne Von diefer Seite läfst fich jener De-
finition der Bewegung nicht fo beikomtnen.
Denn da di< e einfache Yorftellung nicht allein
durch das Geficht, fondern auch durch das
Gefühl in die Seele kommt, fo läfst fich gar
wohl der Fall denken, dafs einer auf einem an-
dern Wege als durch die blofse Definition die
Bedeutung des Worts lernte. Wenn andt-re
Tagen, das Liebt beliebe aus einer grolsen Men-
ge von kleinen Kügelfchen , welche fchnell an
die Oberfläche des Auges anprallen, fo drücken
fie fich zwar verfländlicher als die Schule aus,
aber dennoch kaun fich niemand durch diefe
Worte eine deutliche Vorftelluns von dem Uch-
te machen, wenn er das Wort nicht vorher
fchon verlt.ind. Denn gefetzt, diefe Erklärung
wäre noch fo richtig, fo kann doch der Begriff
von der Urlache des Lichts uns eben fo wenig die
Vorftellung von dein Lichte als einer beftim in-
ten Veränderung der Seele tfeben , als die Vor-
ftellung von der Figur und Bewegung eines
fcharfen Stahls die Vorftellung von dem Schmerz
als einer Wirkung davon in uns bewirken kann»
Die Lirfache einer Empfindung und die Empfin-
dung felbft lind bei allen einfachen Vörftellun-
gen zwei und zwar ganz verschiedene VoTfteN
lungen. Wenn daher diefe Kügelchörl des Des-
cartes auch noch fo lange die Netzhaut eines
Man-
Viertes Kapitel, 367
Mannes mit dem Staare berührten, fo würde
er lieh doch weder das Licht noch etwa; Aehn-
liches vorteilen, wenn er auch fonft jene Aus-
drücke noch fo gut verftünde. Daher unter-
fcheiden die Cartefmier ganz recht das Licht,
welches die Urfache von der Empfindung des
Lichts ift, und die dadurch bewirkte Vorftel-
liin», welche im eigentlichen Sinne das Licht
ift.
§, II*
Einfache Vorftellungen kann die Seele nur:
allein vermittels der dazu beftimmten Organe
durch Eindrücke erlangen, welche die öbjeite
auf uns machen. Hat man Ge nicht auf diefem
Wege erbalten, fo kennen alle z'ur Erklärung
ihrer Sprachztichen gebrauchte Worte keine
hervorbringen. Wo te find nur Töne und kön-
nen keine andere Verkeilungen, als von eben
diefen Tönen erzeugen., und nur diejenigen
erwecken, welche mit ihnen als Zeichen will-
kühriiehfind verknüpft worden. Wer das nicht
äonimnu, kann den Verfuch machen, ob ihm
Worte die Empfindung von dem Gefchmacke
der Ananas erzeugfeii können. Er kann Geh
heilich eine analogifche vorftellung d.ivon ma-
chen, in feuern er von Hörenfa^en weift* dafs
ändert G*-fchniatksemphndungtn von Dingen,
die er gekoftet hat, mit den Ananas Aehnlich-
keit haben j allein das heifst noch nicht durch
die
Drittes Buch.
die Definition eine Vorftellnng geben , fondern
man erweckt nur pndere einfache Vbrftellun-
gen durch ihre Zeichen , welche von jenen
noch weit gienug^fieb, pntferneu. Durch Töne
Vbrftelhm;>en von Licht, Farben u. f. w. her-
vor bringen wollen, ift foviel . als erwarten,
dafs die Töne fichtbar und die Farben hörbar
werden, und das Gehör an dio Stelle aller an-
dern Sinne fetzen. Wer daher einfache
Yorfteliungen nichr durch, ihre eigentümlichen
Organe empfangen hat, kann von der Bedeu-
tung ihrer Ausdrücke d-irch keine andere Worte,
wenn fie auch nach alle» Regeln der Definition
zufamtnensjeletzt find , verltändigef werden.
Es inufs ihm lö gehen, wie jenem blinden Ge*
lehrten, der lieh über Gegenftände des Ge-
fichts den Kopf zerbrochen , und die Belehrun-
gen fein.r Hncher und Freunde dizu gebraucht
hatte, um die Worte ton Licht und Farben,
die ihm oft vorkamen, verliehen zu lernen;
als et eir>5 Tages lieh rühmte, das Wort Schar-
lach in verleben und gefragt würde, was denn
die Sch.v! ic.-ifarbe wäre, fo gab er zur Ant-
wort: es fey fo etwas, wie der Schall einer
Trompete,
$, 12.
Viertes Kapitel. 369
§. IC.
Z ufam meng e fetzte V orftellungen
können erkläret werden.
Gamanders ift der Fall mit den zufamrr.en-
gefetzten Vorftellungen. Da fie aus mehreren
einfachen beliehen , fo ift es möglich, durch
die Worte, welche die Beftandtheile bezeich-
nen, zufamraengefetzte Vorftellungen hervor-
zubringen, die nie zuvor vorhanden waren.
Hier finden Definitionen ftatt ; man kann
durch fie Worte von Dingen , die man nie zu-
vor empfunden hatte, verliehen lernen, und
Vorftellungen bilden, die denen anderer Men-
fchen entfprechen, Wenn fie fich diefer Worte
bedienen. Nur darf in der Definition kein
Ausdruck einer einfachen Vorftellung vorkom-
men , welche derjenige, dem man die Sache
erklären will, noch nie gehabt hat. DasWoit
Statue kann einem Blinden erklärt werden, aber
nicht das Wort Gemälde» denn feine Sinne
haben ihm die Vorftellungen von Figuren, aber
nicht von Farben gegeben , welche letztem
daher durch keine Worte erzeugt werden
können.
$• 13.
Wenn einer noch nie einen Regenbogen
gerehen , aber alle Farben einzeln empfinden
hat, fo kann diefesWort durch die Aufzählung
Lo«ke'«. II. Tkeil. Aa der
37<> Drittes Bucii.
der Geftalt, der Breite, der Lage und Ordnung
der Farben für ihn fogut erkläret werden, dafs
er es vollkommen verftehet. Bei einem Blin-
den ift das hingegen unmöglich, weil ihm meh-
rere einfache Vorftellungen fehlen, die durch
keine Worte hervorgebracht werden können»
$. M-
EinracheVorftellungen können, wiefchon ge*
zeigtworden. nur allein durch die Erfahrung voa
denjenigen Objecten , deren Wirkungen fie ur-
fprünglich find, erzeugt werden. Sind diefe
Vorhanden und ihre Ausdrücke bekannt, fo ift
man im Stande, die aus ihnen zufamraengefetz-
ten Vorstellungen zu definiren und durch die
Definition ihre Ausdrücke verftehen zu lernen»
Durch kein Wort kann hingegen die Bedeutuno-
eines andern erklärt werden, welches eine noch
iie gehabte einfache Vorftellung bezeichnet»
Wenn ein Menfch eine Vorftellung hat , aber
nicht weifs , dafs ein Wort das Zeichen derfel-
ben ift, fo kann er durch ein anderes gelaufi-
geres, welches diefelbe Vorftellung ausdrückt,
die Bedeutung von jenem /ich verftändlich
machen.
$. 15,
Viertes Kapitel. 571
fc 15.
Die Sprachzeichen der einfachen
Vorfteliungen find am wenig-
ften zweifelhaft.
IV. Obgleich Hie Ausdrücke der einfachen
Vorfteliungen der Hülfe der Definitionen zur
Beftimmung ihrer Bedeutung entbehren, fo find
"fie doch weniger zweifelhaft und un-
gewifs, als die Sprachzeichen der gemifch«
ten ßeftimraungen und der Subftanzen. Denn
man ftiramt leicht und völlig in ihrer Bedeutung
überein, weil fie nur aus einer Vorftellung be-
fteht; und es giebt daher hier wenig Stoff za
Mifsverftandniffen und Streitigkeiten. Wer
einmal weifs, dafs das Wort Weif s die Farbe
des Schnees oder der Milch bezeichnet, kann
daffelbe, fo lange er die Vorftellung behält*
nicht auf einen unrechten Gegenftand beziehen»
und ift De verfchwunden , fo kann es noch
weniger mifsverftanden werden. Hier kommt
1 keine Menge von einfachen zu verbindenden
i Vorfteliungen , wie bei den gemifchten Beftim-
mungen, noch ein unbekanntes Realwefen mit
den darin gegründeten "Eigenfchaften vor, de«
ren beftimmte Zahl ebenfalls unbekannt ift;
Ihier wird im Gegentheil die Bedeutung auf ein-
imal gefafst , fie befteht nicht aus Theilvorftel-
lungen , dafs die Vorftellung durch das Zufam-
menfaff«n mehrerer oder wenigerer verändert
Aa 2 und
I^l » Di i lies Buch.
und die Bedeutung dunkel oder ungewils könn-
te gemacht werden,
§. 16.
V. Es giebt hei den eii fachen Vorftellungen
nur wenig Grade zwifchen der nie-
drigften Art und der höchften Gat-
tung Denn die niedrigften Arten Gnd einfa-
che Vorftellungen, aus denen nichts ausgelaflen
werden kann, um fie nach Abfonderung <les Un-
terfchiedes mit einem andern Dinge in einem
gemeinCchafilichen Gattung shegriff iibereinftirn-
mend zu machen. Aus der Vorftellnng Roth
und Weifs kann nichts herausgenommen wer-
den , um beide mit einer allgemeinen Erfchei-
nung einftimmig zu machen , fo wie der Be-
guff Meufrh , wenn man das Merkmal der
Vernunftfähigkeit absondert, mit demG^ttungs-
b*griff Thier einftimmig ift. Wenn daher die
Menfchen Roth, Weifs und mehrere Vorfiel
lungen der Art , um unangenehme Aufzählun-
gen zu vermeiden, unter ein allgemeines Wort
zufammefifairen , fo waren üe genüthigt, dazu
ein Wort zu gebrauchen , welches nichts ak
die Art und Weife bezeichnet, wie diefe Vor-
llellmigen erzeugt werden. Das Gathingswort
Farbe bedeutet nehmlich alle Vorftellungen,
welche in der Seele durch das Sehorgan her-
vorgebracht werden.
§♦ 17»
Viertes Kapitel, 3^3
$. 17.
VI. Die Worte der gemachten Bpßimroun-
gen bezeichnen ganz willkührliche; die
Worte der Subftanzen nicht ganz will/
kührliche Vorftellungen, weil fie /ich
doch mit einiger Einfchränkung auf wirkliche
Gegenftände beziehen. Die Worte der einfa*
ehen Vorftellungen eidlich, fchliefsen alles Will-
kührliche aus, da fie ganz von Hern objeetiven
Seyn der Dinge abhängen. Welchen Einfl:;fs
diefes auf die Bedeutung diefer Art von Wor>
ten hat, werden wir in den folgenden Kapiteln
fehen. — Die Worte der einfachen Beftiin-
mungen weichen nur wenig von denen der
einfachen Vorftellungen ab.
Fünftes Kapitel.
Von den Wortzeichen für gernifcht«
Beftimraungen und Verhältnifle,
§. 1.
Eigentümlichkeiten diefer Worte»
Auch diefe Worte find allgemein, da Ce Alten
von Dingen nach ihrem verlchiedenen V\erea
Aa 5 be«
574 Drittes Buch.
bezeichnen. DasWtfen tiefer Arten ift nichts
anders, als der abftracte BegrifF, der mit dem
Worte verknüpft ift. Ungeachtet diefer Aehn-
lichkeit mit andern Begriffen haben fie doch
bei näherer Anficht noch manches Eigentüm-
liche , welches vielleicht unfeie Aufmerkfam-
keit verdient,
§. *.
I, Diefe abftracten Begriffe» oder»
Wenn man lieber will, dasWefen der verfchie-
denen Arten von gemifchten Beftiinmungeiu
find ein Product des Verllandes. Da-
durch, unterfcheiden (ie lieh von den einfachen
Vorftelluugen , welche der Verftand nicht ei-,
genmächtig machen, fondern nur von den exi-
ftire.nden Dingen empfangen kann,
§. 3,
II, Sie find nicht nurvondemVer-
ftande gebildet, fondern auch will-:
kühriieh lufainmengefetit, ohne Rück-
licht auf ein reales Object. Hierin befteht ihr
Unterfchied von den Subftanzen. Der Verftand
nimmt fich hier die Freiheit, exiftirende Ob-
ject« nicht fo genau nachzubilden ; er bildet
gewiffe zufammengefetzte Begriffe als eben fo
viele Arten, und fafst fie in Worte, während
mancher Stoff dazu in der Außenwelt nicht fo
ver*
Tüpftes Kapitel. 3^5.
verarbeitet wird. Den Maafsftab zu ihrer Beur-
theilung pilegt man auch nicht von den Auflen-
dingen zu nehmen, welche einen folchen In-
begriff von Merkmalen enthalten. Wird wohl
ein Menfch, um zu wiflen, ob fein Begriff von
Ehebruch richtig ift , ihn irgendwo aufser fieh
aufTuchen ? Oder ift er deswegen wahr, weil
er Zeuge von einer folchen Handlung gewefen
ift? Nein, es ift genug, dafs die Menfchen
folche Vorftellungen in eine zufammengefetzte
verbunden haben , die nun als Original und,
Artbegriff anzufehen ift, es mag eine folche
Handlung in der Welt begangen werden, ode?
nicht,
§-. 4.
Doch darf man das nicht fo verftehen , als>
brächte derVerftand eine ganz neue Vorftellung
hervor; er fetzt nur vorhergehabte zufainmen.
Hier kommen drei Akte vor: zuerft wird eins
gewiffe Anzahl von Vorftellungen gewählt;
dann werden diefe in eine Vorftellung verbun-
den, und endlich durch ein Wort zufammen-
geknüpft. Wenn wir unterfuchen, auf welche
Art und jmit welcher Freiheit der Verftand da-
bei verfähret, fo wird Geh die Bemerkung von
felbft aufdringen, dafs das Wefen der Artbegrif-
fe von den gemifchten Beftiflaniungen ein Pro-
duet des Verftandee ift,
Aa 4 §. 5,
37Ö Drittem Buch.
§♦ 5-
Kein Mm Ich kam leugnen, dafs dieTeVor-
ftellungen willkührliche Verbindungen von
Vorstellungen find, die unabhängig von einem
Originale in der N^tur gebildet werden, wenn
er nur bedenkt, dafs fie gebildet, abftrahirt, und
mit Worten bezeichnet, altb Arten feftgefetzt
werden können, ehe noch eiu einzelner Fall
diefer Art emittierte. Warum follten nicht die
Begriffe von Teinpelraub und Ehebruch in
dem menfchlichen Verbände Geh gebildet ha-
ben, ehe noch eine folche Handlung ausge-
übt war? Und follte man nicht eben fo gut
über fie gefproeben, nachgedacht, und ge-
wirte Wahrheiten in Beziehung auf fie feftge-
fetzt haben, als fie nur noch in dem Verftande
exiftierten , als jetzt, da fie nur zu häufig auf-
fer demselben vorkommen? Die Gefetzgeber
verordneten ohne Zweifel oft Gefetze für ge-
wiffe Arten von Handlungen , die blofs in ih-
rer Vorftellung exiftierten.
§. 6,
Man darf nur einige gern i fehle Beftimmun«
gen etwas aufmerkfam betrachten , um fich
zu überzeugen, daTs das Wefen derfelben blofs
willkührlich von dem Verftande gebildet ift;
dafs er verfchiedene zerftreute Vorftcllungen
ver-
Fünftes Kapitel. 37y
vereiniget , die znfammengefetzten und mit
eiuem Worte bezeichneten zum Wefen einer
ge willen Art macht, ohne fich nach ihrer Ver-
bindung in der Natur zu richten. Ift wohl
die Verbindung zwifchen Menfch und Tödten
gröfser, als zwifchen Schaaf und Tüdten , dafs
jene allein als befondere. Art einer Handlung
mit dem Wort Mord bezeichnet wurde ? Hat
die Vorftellung des Tödten eine natürlichere
Beziehung und Verbindung mit Vdter, als mit
Sohn oder Nachbar? Und doch wird aus jenen
ein Begriff Vatermord, aus diefen aber keiner
zufaramengefetzt, In einem Begriffe Blutfchan-
de fiud hingegen die Vorftellungen von Sohn
und- Tochter eben fo gut als die von Vater
und Mutter vereiniget. So verfährt der Verftand
willkührlich, er vereinigt wo er es zweckmäfßg
findet, und läfst andere natürliche Verbindun-
gen und Verhältnifle zwifchen den Dingen
ohne Begriffe und Sprachzeichen.
§. 7»
Obgleich diefe zufaramengefetzten Vorfiel-
lungen von dem Verftande und feiner Willkühr
abhängen , fo find fie doch nicht auf das Ge-
rathewohl und ohne alle Gründe gebildet.
Sie beziehen fich auf diefelben Zwecke als ab-
ftrakte Begriffe überhaupt, wenn fie gleich
nicht immer der Natur nachgebildet find, nehm,
lieh auf die leichtere Mittheilung der Gedan-
Aa 5 ken
37§ Dritte» Buch.
kon , als dem Hauptzwecke der Sprache» Ihr
Gebrauch bcftehet darin, durch wenig zufaru-
mengefeUte Sprachlaute allgemeine Begriffe
mit Leichtigkeit anzuzeigen, unter weichen
nicht nur eine grofse Menge einzelner Vorfiel«
Jungen enthalten, fondern auch eine Menge
ifolirter Vorftellungen in eine vereiniget find.
Bei Bildung der Artbegriffe von gemifchten
Beftimmungcn fehen daher die Menfchen blofs
auf folche Verbindungen, zu deren Gebrauch
die gewöhnlichen Vorfälle des Lebens mehr
Veranlagung geben. Wenn man mit dem Be-
griff Mord, den von Vater oder Mutter ver-
band, und diefe Art von Handlung vor andern
durch einen fignen Begriff auszeichnete, fo
gefchah es, ihrer gröfsern Abfcheulichkeit und
Straffälligkeit wegen.
§. 8.
Eine mäfsige KenntfdCs verfchiedener Spra*
chen ftellt uns eirre grofse Menge von W o r«
tcinauf, für welche es in einer an.
dern keinen entfp rechenden Aus-
druck giebt. Dieles beweifset offenbar,
dals die Bewohner eines Landes vermöge ih-
rer Sitten und Lebensart ein befonderes Be-
dürfnis zur Bildung und Bezeichnung gewif-
fer zufammengefetzten Vorftellungen hatten,
welches unter andern Völkern fehlte. Dies
hatte
Fünftes Kapitel. 370
hatte aber nicht gefchehen können, wenn die-
fe Arten unveränderliche Producte der Natur
und nicht vielmehr willkührüche Verbindun»
gen der Vorftellungen zum Behuf ihrer Mitthei-
lung wären« Für die Ausdrücke unferer Ge-
fetze, die doch nicht ohne Inhalt Gnd, wird
man fchwerlich in dem Spanifchen und Italie*
aüchen, an fich gar nicht wortarmen Spra-
chen, entfprechende Worte finden; noch we-
niger würden lie in die Karaibifch« Sprache
zu überfetzen feyn. Für die Verfura der Rö-
mer und das Corban der luden finden fich
keine paffenden Ausdrücke. Die Urfache da-
von leuchtet aus dem vorhergehenden ein»
Ja es findet fich bei näherer Unterfuchung und
Vergleichung der Sprachen, dafs, obgleich die
Ueberfetzungen und Wörterbücher gleichgel-
tende Worte zweier Sprachen au die Hand
zu geben fcheinen , doch unter zehen folchen
Wörtern , welche zufaramengefetzte Vorftel-
lungen , zumal der gemifchten Beftimmungen
bezeichnen, kaum [ eins vorkommt, das in
feiner Bedeutung dem aus einer andern Spra-
che vollkommen entfpricht. Von den gewöhn»
lichften und am wenigften zufamrnengefetz-
ten Zeit- Länge- und Gewichtsmaafsen kön-
nen die lateiuifchen Worte Hora, Pes , Libra
leicht mit Worten aus andern Sprachen ver-
täu (cht werden; aber offenbar ift die Vorfiele
lung dss Römers von einem pes etwas anders,
als
380 Dritt« Buch.
als die de* Ensjel'bnders von einem Foot, und
wenn der eine mit den M-iafsen, die durch die
Worte des andern ausgedrückt werden , mef-
fen wollte, fo würde er lieh Oark verrechnen,
Diefe Beispiele fprechen in laut für unTere
Wahrheit, als dafs de könnte bezweifelt wer-
den; aber noch mehr beweifet fie der gröfste
Theil der Worte für abftraTuere und zufara-
mengefetztere Begriffe, z, B. von moralifchen
Ge^enftänden ; wenn man Ge aus einer Spra-
che in die andere üüerfetzt, fo wird man nur
zu bald inne, dafs f;ch nur wenige finden,
die durch andere gleichgeltende dem ganzen
Umfang ihrer Bedeutung nach ausgediückt
werden können.
$. 9-
Ich bin hier etwas umfiändlicher geweTen,
um den Irrthum zu verhüten, als wären Gat-
tungen , Arten und ihr Wefen ein unveränder-
liches Werk der Natur, und als hätten fie ob-
jeetive Exiftenz, Bei näherer Anficht erfchei-
nen Ge als künftliche Bildungen des Verftandes,
um folche Verbindungen der Vorftellungen
anzuzeigen, welche in der menfehlichen Ge-
fellfchaft öfters vorkommen, und Ge durch all-
gemeine Ausdrücke zu bezeichnen, damit man
durch fie alle einzelnen verfchiedenen Fälle,
di e mit dem abftrakten Begriff einitimmig find,
zulaininenf äffen könnte.
§. IO.
Fünftes Kapitel. 381
§. TO.
Dies enge Verbältnifs zwifchen
Begriffen der Gattungen, Arten, We-
fen und ihren allgemeinen Sprach-
zeichen, zum wenigften bei gemifchten Be-
ftimmungen , wird noch deutlicher durch die
Bemerkung werden, dafs Worte eigentlich die»
fem Wefen Beftar.d und Dauer geben. Denn
da die Verbindung zwischen den auzufarnrneti-
bä.ngenden B; ftandtueilen diefer Begriffe von
dem Vc-ritinde herrührt, und nicht in der Na-
tur gegründet iß, lo würde fie bald wieder
aufhören, weun nicht etwas da wäre, welches
der Verbindung Haltung und Fettigkeit gäbe.
Welche Mannigfaltigkeit von Vorftellunjjen ent-
hält nicht das Wort Triumph? Wäre diefes
Wort nicht gebildet worden oder verloren ge-
gingen, fo hätten wir wahrfcheinlich zwar Be-
fehreibungen von diefem Pr ichtaufiuge erhal-
ten ; aber gleichwohl macht nur allein das Wort,
dafs wir die verfchiedenen Theile dtffclben in
eine zuCjmmengcfetzie Vorftetlung vereinigen,
und würden ohne diefes fo wenig c!amn\ den-
ken, ais man bei einem andern Schauspiele,
das vorher nur einmal gefeheu worden, an ei-
ne Verbindung der TheilvOrfteilungen in eine
Vorftellung untpr einem Namen denket. Wie
fehr alfo die Einheit des Wefens in gemifchten
Böfttmmun°en von dem Verfeinde, und dieFi-
xirung und Bdßändigkeit diefer Einhrit von
dem
3S2 Britta Bach.
dem Worte und dem gemeinen Sprachgebrauch«
abhänge, diefe Unterfuchung empfehle ich de-
nen, welch« die Gattungen und ihr Wefen füt
reale Objecto in der Natur halun.
§. II.
Diefcm gemäfs werden nurfolche gemifchte
neftimmungen als Arten vorgeftelit, die durch
Worte ausgezeichnet find. Das Wort ift das
Zeichen, dafs ein Menfch verfchiedene unter-
bundene Vorftellungen in eine vereiniget hat,
und es giebt diefer Vereinigung erft Feftigkeit.
Sobald ein Wort an einen zufammengefetzten
ßegriff angeknüpft ift, fo ift das Wefen der Art
gleich fam fixirt und vollendet. Denn zu wel-
chem Zwecke follte fich das Gedächtnifs mit
folchen Verbindungen überladen, wenn es nicht
der wäre, um fie durch Abftraction allgemein
zu machen, und zu was könnte diefes dienen,
als um fie zur Beförderung einer leichten Ge-
darkenmittheilung mit allgemeinen Sprachzei-
chen zu verteilen ? So wird die Ermordung
eines Menfchen durch ein Schwerdt oder durch
eine Axt als keine verfchiedeneArt von Handlung
angefallen , aber die Handlung, wo die Spitze
des Degens zuerft in den Körper eindringet, als
eine befondre Art durch ein eignes Wort, das
Erftechen (ftabbing) ausgezeichnet. Wenn aber
in einem Lande diefes Wort fehlet, fo ift auch
nicht diefer Artbe griff gebildet. Die Arten kör-
per-
Ffiuftes Kapitel. 983
petlicher Subftanzen hingegen werden als ver-
schiedene Arten angefehen, welche nicht erft
durch den Verftand ihr Dafe.yn erhalten, un-
geachtet diefer das Nominal wefen bildet, weil
man annimmt, dafs die verbundenen Vorftel-
lungen fchon in der Natur ohne Zuthun des
Verßandes in Verknüpfung flehen,
§. 12»
Da alfo hier die Arten und ihr Wefen mehr
das Werk des Verbandes als der Natur; find, fo
führen ihre Sprachzeichen auch un-
fere Gedanken nicht auf etwas an-
ders, fondern nur auf den Verftand
zurück. Wenn wir von Gerechtigkeit und
Dankbarkeit fprechen, fo fällt es uns nicht ein-
mal ein, ein exiftirendesDing uns vorzufallen,
und das Denken gehet nicht über den abftrak-
tenBegrifF diefer Tugenden hinaus. Hingegen
beziehen lieh die Vorftellungen Pferd, Eifen
auf Dinge aufser dem* Verftande, als ihre Ori-
ginale. Bei dengemifchten Beftimraungen und
vorzüglich bei Begriffen von moralischen Din-
gen , welche den beträchtlichften Theil derfel-
ben ausmachen, betrachten Wir das Mufter als
in dem Verftande enthaltend, und hierauf fehen
wir, um die einzelnen Dinge zu klaffificiren».
Daher denn auch die Begriffe von dem Wefen
und Arten derselben N o t i 0 11 e 0. Vefftandes-
b*-
384 Drittes Buch.
begriff« heifsen , als hatte der Verband ein be-
fondeits Eiientautusrecht an ihnen.
Hierin liegt auch der Grund , warum dieTo
Begriffe auf mannichtaltig^ere Art zu-
fammengefetit werden. Denn weil fie
bu s Producie des Verftaudes find, die nur zu
leinen Zwecken und zur Beförderung] der Ge-
dankenmittheiiung dienen, io verbindet er hier
mit gröfserer Freiheit Dinge , die in der
Natur nicht zufarnmenhangen, und vereiniget
unter ein Wort «ine giofse Menge von ein-
fach und doppelt zufarn mengefetzten Vorftel-
lungen. Welche Mifchung von Perfoiier.
Kleidungen, Fackeln, Ordnung, Bewegung,
Tönen ili nicht in dem Wort Procefiion
ausgedrückt und wilikührlich verbunden? Und
aus wie wenig einfachen Vorftellungen bege-
hen dagegen die zurainmen^efetzteu Begriffe
von den Arten der Subftanzen?
§. 14.
Wenn die Wr0rte der gemifchten ßefrirn-
mungen eine beftimmte Bedeutung haben, fo
bedeuten fie allezeit das reale W e-
fen ihrer Arten. Denn diefe abftr<<ktea
Begriffe, lii blufse Pioducte d«i Verftaudes,
be-
Fünftes Kapitel. 385"
beziehen fich auf kein reales Object, und der
Verftar.d~will durch ihre Sprar.hzeichen nichts
als eben diefe zufemineneefetzten Begriffe aus-
gedrückt haben, von denen alle Eigenfchaften
diefer Alten abhanden. Das Sach- und Wort-
wefen ift hier alfo einerlei. Von wehhem
Eiuflius diefes auf die Erkenntnifs allgemeiner
Wahrheiten ift, werden wir weiter unten fehen»
% *?♦
Hieraus läfst Geh die Urfacbe einfehen,
warum diefe Worte gröfstentheils vor
der völligen Kenntnifs der dadurch
bezeichneten Begriffe gebildet find«
Denn da diefe Altbegriffe nur dann, wenn lie
mit Woiten bezeichnet fiud, bemerkt wer-
den können, und wiiikührlich zufammenge-
fetzte Abftraktionen find, fo ift es beinahe notb>
wendig, die Worte zu kennen, bevor man
diefe Begriffe bilden will» Wer fein Gedächt-
nifs mit Begriffen anfüllt, für welche andere
keine Worte haben, der kann nichts mit ihnen
anfangen . als fie bei Seite legen und wieder
vergeffen. Zwar mufs man, wenn eine Spra»
che fich bildet, den Begriff vor dem Worte
haben, und fo ift es auch bei Bildung neuer
Begriffe. Diefes gilt aber nicht für fchon ge-
bildete Sprachen, welche gewöhnlich reichli-
chen Stoff und Anlafs zu unentbehrlichen Be-
Locke's. IL Tlieil. ß D grjf_
3?6 Drittes Buch.
griffen enthalten. Lernen nicht in diefen die
Kinder gewöhnlicherweife eher die Worte als
die Begriffe von gernifchten Beftimmungen ?
Wie wenige unter taufenden bilden wohl den
Ergriff von Ruhm und Ehrgeitz , ehe lie die
Worte davon gehört haben ? Bei einfachen
Voiftellungen und Subftanzen, welche objec-
tive Realität und Verbindung in der Natur ha-
ben, können freilich bald die Worte, bald die
Begriffe, je nachdem es der Zufall will, frü-
her entliehe«.
§. 16.
Das Gesagte kann mit wenig Veränderung
auch auf die Verhäitniffe angewendet werden,
und ich überlaffe diefes um fo mehr jedem Le-
ier, da vielleicht fchon manche denken, dafs
ich in diefem Buche weitläufiger bin, als ein
fo unbedeutender Gegenftand erfodern konnte.
Ich hätte allerdings alles dieles mehr zufam-
xuendrängen können; allein ich wollte abficht-
lich den Lefer auf einen Gegenftand aufmerk-
lam machen, der mir neu zu feyn und nicht
weit aufser meinem Plane zu liegen fchien,
(woran ich aber wirklich bei dem Anfang des
Weiks nicht dachte) um durch gründliche Un-
terfuchung von allen Seiten ieinen Berührungs-
punkt für andere zu finden , und den Trägern
Veranlalfung zu geben, über einen allgeinei*
pen
fünftes Kapitel. $tj
nen , wenig bemerkten aber in feinen Folgen
weit ausfeilenden Fehler nachzudenken.
Wenn man bedenkt, welcher Unfug mit dem
Wort Effentia getrieben worden, und welche
Verwirrung und Schwierigkeit ein unbedacht-
famer und fchwankender Gebrauch der Worte
über alle Arten von Kenntnifle, RaTonnemenis
und Gefpräche gebracht hat, fo wird man es
nicht der Mühe unWerth halten, das ganze
UnweTen offen darzulegen. — | Und ich glaube
der Wahrheit , der Verträglichkeit und tder
Gelehr famkeit* einen Dienft zu erweifen, wenn
ich die Menfchen zum Nachdenken über den
Gebrauch der Sprache bringe, und durch Grün-
de den Verdacht errege, was andern fo oft
begegnet, könne auch ihnen begegnen, dafs
fie fich beim Reden und Schreiben guter und
bewährter Worte bedienen, die doch fchwan-
kend und von kleiner oder gar keiner Bedeu>
tung find«
Bb a Sech*
3IS
Sechftt* Kapitel.
Von den Porten für Subftanzen.
§. i.
Die gemeinen .Wort« der S u b-
[tanzen bezeichnen Gattungen
und Arten.
L'ie gewöhnlichen Worte der Subftanzen be-
zeichnen, wie andere allgemeine , Gattungen
und Arten d. h« fie und Zeichen von folchen
zufammengefetzten Begriffen, in welchen meh«
rere eiuzelne Subftanzen übereinftiinmen oder
übereinftimmen können, fo dafs fie dadurch un-
ter einen allgemeinen Begriff und ein Wort zu-
faunnengefafst werden, Ichfage, fie können
übereinftiinmen. Denn ob es gleich nur eine
Sonne giebl , fo ift doch der Begriff abftrakt,
dafs, wenn es mehrere Sonnen gäbe, fie in
denselben einftimmig feyn würden, und er ift
daher als ein Gattungsbegriff änzufehen. Es
fe dt nicht an Gründen, die Mehrheit der Son-
nen anzunehmen , und jeden Fixftern für ein«
zu (halten; zum wenigften würden die Fixfter-
ne dem Begriff der Sonne entfprechen , wenn
wir ihnen näher wären. Hierdurch wird
es
Sechßes Kapitel. 3&J
es einleuchtend , wie die Arten und Gat-
tungen von zufammengefetzten Begriffen der
Menfchcn un.l nicht von der realen Natur der
Dinge abhängen. Denn es ift ".nicht unmög-
lich, dafe dem einen eine Sonne ift, was für
den andern ein blofser Stern ift, h der es dabei
det fich blofs auf die EigenthümliGhkeit der
Sprache ankommt,
* 2.
Das VVefen jeder Gattung ift der
abftrakts Begriff,
Der Maasftab und die Grenze, wodurch
jede einzelne Gattung beftimmt und von an-
dern unerLhuden wird, ift das Wefen der-
felben, d. i. der ablirakte Begriff , der an das
Wort geknüpft ift. Alles was in diefeni Begriff
enthalten ift, ift für diefe Gattung wefentlich.
Obgleich diefes Wefen alles iß, was wir von
den, Subftanzen "erkennen, und woruach wir
fie in Gattungen ordnen, fo nenne ich es doch
mit dem beCondern Namen, Wort wefen,
um es von der realen Befchaffenheit der Sub-
ftanzen, von welcher das Wortwefen abhän-
get, zu unterfcheiden. — Der Uuferfi.hied
zwilchen beiden, ift, ob fie gleich eine ge-
rneinfehaftliche Benennung führen, doch bei
dem erften Anblick zu bemerken,
B b 3 §• 3.
38» ; Drittes Buch.
§• 5»
UnterTchied des Wort- und Sach-
wefens.
Der Betriff , den wir mit dem Wort
MenTch verknüpfen, belteht aus, folgenden
Merkmalen : willkührliche Bewegung , Em-
pfindung , Vernunft und ein Körper von be-
ftimmter Geftalt. Diefer Begriff macht das
Wortvvefen diefer Gattung aus; aber auch das
Sachvvefen , die Quelle aller Thätig'teiten , die
bei irgend einem Individuum gefunden wer-
den? Das wird wohl niemand behaupten.
Der reale Grund aller Eigenfchaften , welche
Beftandiheile jenes Begriffs find, ift gewii'i
etwas ganz verfchiedenes. Hätten wir von
feiner innern Natur, worin das Vermögen 'der
Bewegung, der Empfindung, Vernunft uud
feine regelmäßige Geftalt gegründet ift, die
Erkenntnifs , welche der Schöpfer befitzt,
wir würden zuverlafsig einen andern Begriff von
demWefen desMenfchen haben, als jetzt in irgend
einer Definition ausgedrückt ift. Dann würde
der Begriff von einem individuellen Menfchen
in eben dem Verhälmifs zu unfern jetzigen
ftehen als ein Mann, der alle Räder, Triebfe-
dern und Mafchinen der berühmten Strafsbur-
ger Uhr erkannt hätte, zu einem neugierigen
Reifenden i der nur die Bewegung des Ham-
mers
Seclifies Kapitel, 391
mers gefehen , den Schall gehört, und die
Auffenfeite der Uhr beobachtet hat»
§. 4..
Bei einem Individuum ift nichts
we ffen ilich.
Das Wpfen in der gewöhnlichen Bedeu-
tung des Worts beziehet fich auf Gattungen,
und es kommt bei -ndividuen nicht weiter in
Betrachtung als infofern fie Gattungen und
Arten untergeordnet find. Denn wenn man
den abftrakten begriff aufhebt, durch welchen
diefe Klaffification gefchiehet, fo verfchwindet
fogleich jeder Gedanke von etwas wefentlichen
in eine;n einzelnen Dinge, Wir können das
eine ohne das andre nicht denken , und daraus
erhellet die Beziehung zwifchen beiden» Ich
bin nothvvendig das, was ich bin; Gott und
die Natur haben mich fo gebildet j aber an alle
dem ift nichts wefentliches für mich. Eine
Krankheit kann meine Farbe und Geßalt än-
dern, ein Fieber oder Fall mein Gedächtnifs
oder Vernunft rauben; ein'Schlagßufs alles Be-
wufstfeyn nehmen, und nur das Leben noch
übrig laffen. Andere Wefen von meiner Ge-
ßalt können mehrere und beffere, oder weni-
gere und fchlechtere Fähigkeiten haben , als
ich; anderein einem ganz anders gebauetea
Bb 4 kör^
393 Drittes Buch.
Körper Empfindung und Vernunft befiUen.
Von allem ditfen ift nichts für mich, oder
ein andeies Individuum wefentlich, bis diefe
Individuen unter eine An oder Gattung geord-
net werden. Wenn man vou etwas Wefent-
lichen fpticht, fo ftellt Geh fogleich der Be-
griff von einer Gattung oder einem allgemeinen
zu^animengefetzteij Begriffe dar; und in die-
fer Beziehung ift eine Eigenfchaft oder Meik-
mal ttvvas Wefeniliches. So gehört die Ver-
nunft zum Wefen eines einzelnen Menfchen,
infofern er unter die Gattung Menfch gezählt
wird, und Vernunft ein Merkmal des zulam-
mengeretzten Gattung begriffs ift. Wefent-
lich und Nicht wefentlich" beziehet
fich alfo allein auf unfere abftrakte
Begriffe und ihre S p räch reich e n,
oder was eben fo viel ift; ein Individuum,
das nicht die in dem abttraktcn Begriffe ent-
haltenen Eigeufchaften hat, kann nicht unter
diele Art oder Gattung gezählt werden.
Wenn nach einigen blofs Ausdehnung oder
der Raum den Begriff des Körpers ausmacht,
fo ift die Dichtheit nichts wefentliches für den
Körper, He ift es aber dann, wenn man nach
andern jenen Begriff aus Dichtheit und Aus-
dehnung bsftehen läfct, Dasjenige ift alfo
allein
Sechftes Kapitel. 301
allein weltlich , was ein Beftandtheil eines
zufammengefetzten Gatlungsbegriffs ift, und
ohne Beziehung auf einen folchen abftrak'en
Begriff kann in-in von keinem GattUBTgs oder
Art'interfchied der Dinge auf eir.e verftändliche
Art fprechen. Denn wenn man drefen Maas-
ftab auf die Seite legt, und die einzelnen
Dinge nur an fich betrachtet, io ift entweder
alles, was Geh an ihnen findet, wefeutlich oder
gar nichts weftmtlich. Man kann wohl fragen,
ob das Angezogen werden vom Ma^nec ein
wesentliches Merkmal des Eifens ift: aber eben
diefe Frage von dem Fe iermeüer aufzuwerten,
Ohne es als zur Gittung des Eifens zu betrach-
ten. wäre ungereimt. Die abftrakten Begriffe
beftimmen die Grenzen zvvifchen den Arten
und Gattungen der Dinge, und daher kann
nichts wefentlich feyn, als was in jenen Be-
griffen enthalten ift.
§. 6.
Ich habe oft eines realen Wefer.s j'der Sub-
ftanzen gedacht, welches noch von dem Wort-
wefen , oJer ihren abftrakten Gattungsbegrif-
fen verfchiedeu ift. Ich verftehe darunter die
innere Einrichtung der Dinge, die Grundur-
fache aller Eigenfchaften, welche in dem Wort-
wefen beftändig vereiniget angetroffen werden,
die eigenthümliche ßefchaffenheit , welche
Bb 5 je-
~r)l Dritte« Buch.
jedes Ding an Tich ohne Beziehung auf 'ein
anderes bcfifzf. Allein auch in dir em Sinne
hstieliet Geh das Wefen auf Gattu>i<.'en , und
fetzt 'fie voraus, weil das reale YVe'en der
Grund der Figenfchaften ift, und diefe nicht
-Individuen fondern Arten und Gattungen ange-
hören. Das Wortwpfen des Golde- befteht
z. i». darin, da^s es ein ^Körper von befonde-
rer Farbe, Gewicht, Schmelzbarkeit und Aus-
dehnbarkeit durch den Hammer ift j das reale
Wefen ;iber in der Befchaffenbeit diefer Mate-
rientheiJe , wovon cliefe Eigenfchaften un4.
andere Eigentümlichkeiten , welche in lie-
fern zufammengefetztf n Begriff vorkommen,
nebft ihrer Verbindung .ibhangen. Das We-
fen und die Eigenrchaften laffen fieh 'alfo nur
unter der Vorausfetzung eines Gattungs oder
abftrakten Begriffs denken, der als unveränder-
lich betrachtet wird; mit keinem Theil der
l^aterie find aber diefe Eigenfchafien fo ver-
knüpft, dafs fie demfclben wefentlich und un-
zertrennlich anhieugen. Freilich fetzen wir
das reale Wefen der Subftanzen nur voraus,
ohne es heftimmt zu kennen j unterdeflen
wird es doch immer durch das Wortwefen,
wovon jenes als die Grundurfache ansefehen
wird, an die Gattungen und Arten geknüpft»
$♦ 7.
Secliftcs Kapitel. . 395
Das Wort- nicht das Real wefen be-
nimmt die Alten und Gattungen.
Es ift einleuchtend, dafs nicht das reale,
fondern das Wort wefen die Gattungen und Ar-
ten der Subftanzen beftimmt. Denn das letzte
drücken aliein die Worte der Gattungen und
Arten aus. Nun kann aber nur allein der Be-
griff, der durch diefe Worte bezeichnet wird,
d. i. das Wortwefen, die Gattungen und Arten
beftimmtn. Wenn wir fagen, das ift ein Pferd,
ein Maulefel, eiu Thier, eine Pflanze, fo ge-
fchiehct es deswegen , weil diefe Individuen
reit dem durch diefe Worte bezeichneten abftrak-
ten Begriffe übereinftimmen.
_§. 8.
Dafs aber die Dinge unter folche Gefchlechts-
Worte nach unfern Begriffen und nicht nach ih-
rem realen Wefen geordnet werden, ift daraus
klar, dafs oft Dinge unter eine Gattung oder
Art gerechnet werden, die doch nach ihrer
eigenthümlichen Natur Befthaffenheiten haben,
die unter einander fo verfchieden find , als an-
dere, von denen fie ficht fpecififch unterfchei-
den follen. Die Erfahrung überzeugt davon
alle diejenigen , welche Geh mit Beobachtung
natürlicher Körper befchäftigen, vorzüglich die
Chemiker. Oft fuchen he vergeblich diejeni-
gen
3gtf Drittes Tuch.
g'^n Eigenfchaften an einem S:iick Schwefel,
AiiiiuiOniuiii o, kr Vitriol , welche he !on(t an
andern der Ait enrdec k:e n. Denn obgleich
diefe Körp i zu einer' Ait gehören un>i einerlei
INan n haben, fo findet) fich doch nach
febärferer Ünterfuchung fo abweichende Eigen-
fchaften, dafs oft die Arbeit und die Erwartung
ft-hr bedacht famer Scheidekünfticr getäufebt
wird. Wenn aber die Dinge nach ihrem tteal-
cn in Arten und Gattungen eingetheilt wa-
ren , fo mühte es eben fo unmÖglic h ftyn, in
*wei individuellen Subflanzen einer Art,, als in
zwei Cirkeln, verfcLifedenarti-e Eigenfchaften
zu hnden.
§• 9-
E< ift unmöglich, die Dinge nach ihrern
realen VVefen in Gattungen und Arten zu ord-
nen, und, worauf dii's ab/.weckt, zu benennen,
weil vvir diefes VVefen nicht kennen. Unfer
Erkenntnisvermögen bringt uns in der Er-
ke ntnifs und Unterfcbeidung der Subftanzen
nicht weiter, als dafs wir die an ihnen beob-
ach'eten Eigenfchaften zufammenfaflen ; und
w t iin wir auch dabei mit der möglich gröfsten
Genauigkeit verfahren, fo kommen wir doch
der inneren INaiur, woraus jene Eigenfchaften
entfuringen, nicht näher. Das verüchtlichfte
T.-ier oder die geringfte Pflanze kann die aus-
gtbreitefle Kenntnifs zu Schande machen» Die
Scclißes Kapitel, 5^7
tägliche Anficht und Benutzung der uns umge-
benden Dinge vermindert onfer Staunen , oh-
ne unfere UnwÜlenheit zu heben» Wenn man
die Steine, die man mit Füfsen trift, und das
Eifen , das wir täglich in Händen haben, un-
terteilen wollen, fo findet man fogieich ,-dafs
wir ihren innere Bau nicht kennen, und kei-
i;e Rechenfchaft von ihren abweichenden Ei-
genfehaften geben können. Worin befieliet
die Verbindungen der Beftandtheile , die in-
nere Natur, welche macht, dafs Blei und An-
timonium« aber nicht Holz und Steine, fchmelz-
bar find, dafsjene, aber nicht die letzten, durch
den Hammer ausdehnbar find? Und in wel-
chem unendlichen Abftande ftehen nicht diefe
Eigenfchaften zu dem feinern Mechanismus,
zu der unergründlichen Natur der Pflanzen und
Thiere? Die Werke des Allmächtigen in dem
grollen B.iu des Univerfums und aller einzelnen
Theile überfteigen weit mehr die Konnrnifs und
Fällung kraft des weifeftenund eitillchfsvoliften
Menfchen, als die heften Kunftftücke des er-
finderifchften Kopfes die Voiftcllung^kral't des
üb Willen dften Menfchen, Jeder Verfuch , die
Dinge nach ihrem innern uns unerkennbaren
Wefen zu klaflificiren ift daher umfonft, und
es wäre wohl noch eher für einen Blinden mög-
lieh« die Dinge nach ihren "Fatb«o tu unltvr-
fcheiden , als dafs diefer Veifuch gelinget!
füllte«
§. 10.
39t Drittes ßuch.
§. Io.'
Daher verirrten fich diejenigen noch weiter
vom rechten Wege, welche vorgaben, \er-
fcliicdene Arten von Subftanzen hätten ihrever-
fchicclenen innern f u b ft a n t i e 1 1 en Fo r in en,
und da.Cs durch diefe die Umerfchtidung in Gat-
tungen und Arten bewirkt Werde ', denn fie
verwickelten fich in fruchtlofe Speculationen
über fubftantielle Formen, die ganz unverständ-
lich find, und von denen kaum fo etwas als
eine dunkle verwirrte Voißellung im Allgemei-
nen möglich ift.
Noch ein Beweis für unfere obige Behaup-
tung liest in den Begriffen vonGeiftern, Denn
da alle einfache Vorfiellungen , welche diefen
Wefen als Eigenfchaften beigelegt v/erden, nur
durch die Reflexion über die Wirkungen des
Hienfchlichen Geiftss entliehen, fo ift nur da-
durch ein Begriff von einem Geifte möglich,
dafs man diefe in uns beobachteten Thätigke!-
ten einer Art von Wefen, ohne Rückficht auf
Materie beileget. Selbft der Begriff von Gott
ift auf keine andere Weife gebildet. (2. Buih,
28- Kap. §. 15, 35.) Aber ob uns gleich ge«
fagt wird, das es verfchiedene Ordnungen der
Engel .'giebt, fo können wir uns doch keine
fpeciiifchen [Cegriffe davon bilden. Auch hat
der
Sechfies Kapitel. 39g
der Gedanke, dafs es nur eine Art von Ergein
giebt, nichts widertprechendes. Da -wir nun
aber keine andere Begriffe haben, welche auf
diefe Wefen anwendbar find, als jene wenigen
Vorfteüungen der Reflexion ; fo können wir
die Arten der Geifter nicht anders unterfchei-
den, als dafs wir ihnen nnfere Vermögen und
Thätiskeiten in einem höherri oder niedern
Grade beilegen. Daher ift nur allein der Be-
griff von Gott beftimmt, weil diefem Wefen
alle diefe Prädicate mit Unendlichkeit , den an-
dern Geillern aber mit Ein'ch änkung beigelegt
werden. Demi. ach entfernt fich das unendliche
Wefen in der Erhabenheit feiner Natur unend-
lich weiter von dem höchften und vollendet-
flen evfchaffeneu Wefen, als der erhabt nfte
IVIenfch, ja der reinfte Seraphim von der un-
vollkomiiienften Materie, und ift daher unend-
lich weit über das erhaben , was wir uns nach
unferm befchränktem Vermögen von ihm vor-
Aellen können,
§. 12,
Es läfst fich ohne WiderfpTuch denken, dafs
es verfchiedene Arten von Geiftern ^iebt, wel-
che Geh durch beftimmte, von uns nicht wei-
ter vorftellbare Eigenfchaften eben To unter-
fcheiden , als die Dinge der Sinnenwelt durch
Eigenfchaften , welche wir an ihnen wahrneh-
men und erkennen, Dafs es vielmehr noch
mehr
4.Q0 Dutt« r.nch.
mehr Arten von Intelligenzen über uns, als
von materiellen Dingen unter uns giebt, ift für
mich daraus wahrfcheiulich , dals wir in der
fichtbarep Weh keine Lücken finden. Die Na«
tutwefen unter uns machen eine gffchloflene
Stufenleiter mit allmähli^eu IA behängen und
wenigen Unterrcheidungbinerkmaltn aus. Es
gif-bi Fi Gehe mir Flügeln, die kcir.e Fremdlinge
in der Lq®jon find; Vögel, die im Waller
wohnen, deren Blut fo kalt, als der Fifche,
und deren Fleuch im Gefchmack den letztern
fo nahe kommt, dals es äng (Hieben Leuten an
Fafltagen erlaubt wird. Manche Thiere find
mit den Fliehen und Vierfüfsigen fo verwandt,
dafs fie eine Mittelgaitung ansruachen. Die
Amphibien verbinden die Waifer - und Land-
thiere mit einarder. Einige Thiere fcheinen
fo viel Kenntnifs und Vernunft zu befiuen, als
manche Menfchcn. Das Thier- und Pflanzen-
reich und fo nahe mit einander verbunden, dafs
man zvrifchen dem unvollkommer.Üen aus jenem
und dem vollkommensten aus diefem nur ei-
nen kittinen Unterlchied findet. Man fteige von
da bis auf die niedrigfte und am wenigften or-
ganiürte Materie herab, und man wird alle-
zeit bemerken, dafs verfchiedene Arten an ein-
ander grenzen , und nur nach unmerklichen
Graden verfchieden find. Es ift alfo in Hin-
ficht auf die unendliche Macht und Weisheit
des ScliQufers allerdings vernünftig , anzuneh-
men,
Secfoßes Kapitel. /pi
men, dafs es der erhabenen Harmonie des
Weltalh, dem großen Plane und der unendli-
chen Güte des Urhebers angemeffen ift, dafs
die Wefen von uns an durch allmählige Taufte
Abfhiffung fich erheben und der unendlichen
Vollkommenheit nähern, fo wie fie von uns
ab gradweife herabfteigen. Und dann ift es
wahricheinlich, dafs es weit mehr Arten von
Wefen über, als unter uns giebt, weil wir von
der unendlichen Vollkommenheit Gottes weiter
entfernt find, als von dem unterften zunächft
an Nichts gränzewdem Grade des Seyns. Und
doch haben wir aus den angeführten Gründen
von allen diefen Arten keine deutlichen Be-
griffe.
Doch wir kehren wieder zu den Arten kör-
perlicher Subftanzen zurück. Sind Waffer und
Eis zwei verfchiedere Arten von Dingen? Die
bejahende Antwort ift wohl unftreitig die rich-
tige. Gefetzt nun ein Engländer, der zu Jama-
ika geboren, und in feinem Leben nichts von
Eis gefehen oder gehöret hat, kommt des Win-
ters nach Engelland, findet eines Morgens d<*s
Waffer in dem Becken gröfstentheiK gefroren,
und nennt es, weil er kein eigenes Wort dafür
hat, etwa verhärtetes Waller, Ift nun das Eis
ihm eine vom Wafler verfchiedenc Aft ? Ge*
Locke's. II, Thcil, C c v>'ifa
4<g2 Drittes Buch.
vtiU eben fo wenig, als warme und kalte Gal
lerte. Es ift alfo daraus einleuchtend , dafj
verfchiedene Gattungen und Arten
nichts anders find , als verfchiedene zu-
fa m in enge fetzt e Begriffe, geknüpft an
ge wille Sprachzeicheu.
§. 14—20.
Schwierigkeiten gegen die Hypo-
thefe vom realen Wefen, al$
Grund der Klaffi f ik ation.
Wenn man, wie gewöhnlich, vorausfetzt,
dafs es gewiffu beftimmte Wefen und For-
men giebt, nach welchen alle exiftirenden Din-
ge durch die Natur in Gattungen und Arten
geordnet find , fo würde die wirkliche KlafTifi-
kation der Dinge nur unter folgenden Bedin-
gungen möglich feyn : i) Die Ueberzeugung,
dafs die Natur bei Hervorbringung der Dinge
immer die Abfichthabe, dafs die hervorgebrach-
ten Dinge an dem beftim raten Wefen als feftge-
fetzten Model, allezeit Theil nehmen follen.
Ehe man diefes in dem gewöhnlichen rohen
Sinne annehmen kann, müfste erft eine befle-
re Erklärung davon gegeben werden, 2) Die
Erkenntuifs, dafs die Natur bei Hervorbrin-
gung der Dinge diefes Wefen als Model alle-
zeit erreicht. Die abweichenden Bildungen
und Mifsgeburten, die bei einigen Thierartcu
beob-
Sechfies Kapitel. 403
beobachtet werden, berechtigen uns, das eine
und das andere zu bezweifeln. 3) Es müfste
beftimmt werden, ob die Mißgeburten von be-
ftimmter objectiv realer Art (in dem Sinne der
Scholaftiker) find. Es ift unläugbar, daTs je-
des exiftirende Ding feine eigentümliche Na-
tur hat; und einige Mifsgeburten haben wenig
oder gar keine Eigenfchaften von denjenigen
an lieh, "welche dem Wefen der Art anhängen
Tollen , der fie ihre Erzeugung verdanken.
4) Das reale VVefen der Dinge müfste von uns
durch Begriffe erkennbar feyn. Da wir aber
in dielen vier Punkten unwiflend find , fo
hilft uns die Vora usfet z ung des rea-
len Wefens zur Unterfcheidung der
Subftanzen in Gattungen und Arten
gar nichts. 5) Ein vollftändig zufammen*
gefetzter Begriff von den Eigenfchaften derDin*
ge , welche aus ihrem realen Wefen entfprin-
gen, würde uns bei diefer Unterfcheidung noch
allein zu Statten kommem Aber auch diefes
ift unmöglich. Da wir das reale Wefen nicht
erkennen, fo ift es auch nicht möglich, alle
Eigenfchaften zu erkennen , welche in densel-
ben gegründet, und mit derofelben fo verknüpft
find, dafs wenn eine fehlte, man mit Gewifs-
heit fchliefsen könnte , das Wefen fey nicht
vorhanden, und das Ding gehöre nicht unter
die Gattung. Wir können nie die beftimmte
Anzahl von Eigenfchaften willen , welche von
Cc 2 dem
404 Drittes Buch.
dem realen Wefen des Goldes abhängen, fodafs
mit dem Mangel der einen diefes Wefen felbft
aufgehoben wäre, wofeme wir von diefem
Wefen felbft keinen Begriff haben. Das Re-
fultat aus dein allen ift , dafs die KlaiTihkation
der Subftanzen durch Gefchlecbtsnamen fich
nicht auf ihr reales Wefen gründet, und dafs
es ein vergebliches Unternehmen ift, nach ih-
ren innern wefentlichen Unterfchieden ihre
Gattungen und Arten befümmen zu wollen.
$'♦ 21.
Die KlaTfifik a tion gründet Tich auf
ab ftrakte Begriffe und ihre Zei-
chen.
Ob wir gleich das reale WeTen der Dinge
nicht erkennen , fo können wir doch der all-
gemeinen Worte nicht entbehren. WTir kön-
nen daher nichts anders thun, als die einfachen
Merkmale, die man nach genauer Unterfucbung
in den exiftirenden Dingen vereiniget findet,
zu fainmeln und Ge in einen Begriff zufammen
zu faffen. Diefes ift zwar nicht das reale We-
fen einer exiftirenden Subftanz, aber doch ihr
fpeufifches Wefen, welchem das Sprachzeichen
anhänget. Das Wefen und das Ding, deffen
Wefen es ift , find gleichgeltend ; eins mufs
ohne Irrthum an des andern Stelle können ge-
fetzt werden j hierin liegt der Probierftein der
Wahr-
Sechfi.es Kapitel. 4°?
Wahrheit des Wortwefens. Man fetze z, B.
Ausdehnung fey das Wefen des Körpers,
fo mufs man auch eben fo gut fagen können :
der Körper bewegt, als, die Ausdehnung be-
wegt. Allein die Unftatthafiigkeit des letztern
Ausdrucks offenbaret fich fogleich. Denn das
Wefen eines Dinges in Beziehung auf uns ift
der ganze in dem Worte defTelben enthaltene
zufammengefetzte Begriff, und in den Begriffen
der Subftanzen ift aufser den einfachen Vorftel-
lungen allezeit noch ein notwendiger Befiand-
theil, nehmlich der dunkle Begriff der Sub-
ftanz als Grund und Subject der Verbindung
der einfachen Vorftellungen. Daher macht
nicht blofs die Ausdehnung, fondern eine aus-
gedehnte dichte Subftanz das Wefen des Kör-
pers aus. Man kann alfo gleich wahr und ver-
ftändlich Tagen : ein ausgedehntes dichtes We-
fen oder ein Körper beweget; ein thierifches
vernünftiges Wefen, oder der Menfch ift ge-
fellig. Aber unrichtig würde man fagen : die
Vernunfifähigkeit ift gefeilig ; denn diefe ift
nicht das ganze Wefen des Menfchen.
§. 22.
Es giebt Gefchöpfe, welche eine menfehen-
ähnliche Bildung haben, aber behaart find, und
weder Sprache noch Vernunft befitzen» Eini-
ge haben eine vollkommene menfchlkhe Ge-
Cc 3 ßalt,
406 Drittes Ruch.
ftalt, aber es fehlt ihnen an Vernunft oder gar
auch an der Sprache. Andere haben nach ge-
wiffen Berichten , (welche ihre Urheber ver-
bürgen mögen,) Sprache, Vernunft, vollkom-
mene menrchliche Geftalt, kurz, alles, wie wir,
aber aufserdein noch behaarte Schwänze, In
gewiffen Ländern find die Männer unbärti»
und die Weiber bärtig. Sind alle diefe Wefen
Menfcheu , gehören fie zur Menfchengattung
oder nicht ? Diefe Frage beziehet fich offenbar
nur auf das Wortween ; denn alles dasjenige
ift ein Menfch. was mit dem durch diefes Wort
bezeichneten Bt-^riffe übereinftirnmt. Gehet
aber jene Frage auf das reale Wefen, und will
man willen, ob die innere Natur jener verfchie-
denen Gefchöpfe fpecififch verfchieden ift, fo
iß Ge für uns ganz unbeantwortlich, weil in
unferm Gattungsbegriff nicht das geringfte von
der innern Natur enthalten ift, Dafs die in-
nere Natur nicht ganz diefelbe ift, wo die Ver-
mögen und die äufsere Geflalt fo fehr abwei-
chen, dies läfst fich mit Grund denken J wel-
che Abweichung aber in der innern Natur ei-
nen fpecififchen Unterfchied begründet , dies
läfst fich nicht ausmachen, weil wir jene nicht
kennen , und diefen blofs nach unfern abftra,-
cten Begriffen beftirament
§. 23,
Sechftes Kapitel. 407
$. 2?.
Wenn auch das Vorgeben , als wenn das
Zeugungsvermögen der Thiere und Pflanzen
die Gattungen und Arten rein und unvermifcht
«rhalte« wahr wäre, fo würde es uns doch nur
bei der Klaffifikation der Pflanzen und Thiere
zu Statten kommen, und felbft hier reicht es
nicht aus Denn wenn die Gefchiehte nicht
lügt, fo find Weiber von grofsen Affen fchwan-
ger worden; und es entfteht alfo eineneueFra-
ge, unter welche reale Art oder Gattung ein
folches Naturerzeugnifs gehört. Unglaublich
ift das Factum nicht, da es Tbiere giebt , wel-
che aus der Vermifchung eines Ochfen und ei-
nes Efels mit einer Stutte entfiehen. Ich fahe
einmal ein Thier, welches von einer Katze und
Ratte erzeugt war, und von beiden Thierarten
Merkmale an fich hatte; die Natur fchien hier
nicht eine Thierart von beiden zum Mufter ge-
wählt, fondern aus beiden eine neue Ferm ge-
bildet zu haben. Man fetze noch die fo häufi-
gen Mifsgeburten hinzu, und man wird die
Schwierigkeit fühlen , durch den Stammbaum
die Art zu beftimmen , wohin jedes Erzeugnifs
des Thierreichs gehört. Und dann, wenn man
wiffen will, ob dies ein Tyger und dies Thee
ift, mufs man denn erft nach Indien gehen,
und die Alten von jenem, die Pflanze von die-
fem in Augenfchein nehmen?
Cc 4 §. 24»
4-oS Drittes Buch.
§. 24.
Die Cperififcheu Begriffe von
dem Wefen find Producte des
Verbandes und daher veränder-
lich und ungewifa.
Kurz, es ift einleuchtend, dafs das Gat-
tungsweTen der Subftanzen in nichts andern
als den zufmimengeretzfen Begriffen ihrer
finnlicnen Merkmale beftfhet. Ihre innere
Katnr kommt dabei nicht in Betrachtung, noch
weniger denkt jemand an fubftanzielle Formen
d*bei, es müTste denn einer feyn , der die
SchulTprache gelernt hat. Die Uugelehrtea
nnfren fich keiner Einficht in das innere We-
fen an, und zerbrechen fich den Kopf nicht über
fubftanzielle Formen, fondern Gnd zufrieden,
wenn fie ein Ding von dem andern nach finn-
lichen Merkmalen unterfcheiden. Dennoch
lind dieTe oft baffer mit den Unterfcheidnngs-
zeichen bekannt , unterTcheiden die Dinge
fchnrfer nach ihrem Gebrauch, und wilTen
richtiger, was von ihnen zu erwarten ifl, als
die fcharffichtigen Gelehrten , die fo tief in
die Dinge fchauen, und fo kek von verbor-
genem und wefentlichern Dingen fpreehen.
§. 35.
Sechfies Kapitel. 409
§» 23.
Gefetzt aber auch , das reale Wefen der
Dinge kannte von den Gelehrten entdeckt
werden, fo ift es doch nicht denkbar, dafs
die Subftanzen darnach unter allgemeine Worte
geordnet worden. Denn die Sprachen haben
fich [in (allen Ländern lange vor den Wiffen-
fchaften gebildet. Keine Philofophen, keine
Logiker, die den Kopf voll von Formen und
Wefen hatten, bildeten die Subftantiva, die
in allen Ländern gewöhnlich find , fondern
fie bekamen ihre Bildung und Bedeutung [von
unwiflenden und ungelehrten Leuten, welche
die Dinge nach ihren finnlichen Merkmalen
klafuficirten und durch Worte bezeichneten»
§. 26»
Das Namenwefen, nach welchem die Sub-
ftanzen in Gattungeu und Arten geordnet wer-
den, ift von dem Verftande und nicht
von der Natur gebildet; fonft würde
es nicht bei verfchiedenen Menfchen fo abwei-
chend und veränderlich feyn , als die Eriah-
rung beweifet. Denn wir werden kaum alle
Menfchen in dem Namenwefen einer Gattung,
auch derjenigen, mit der fie am bekannteften
find , einftimmig finden. Die Uneinigkeit in
dem abftrakten Begriff, der mit dem Wort
Cc 5 Menfch
4»o Drilles Buch.
Menfch verknüpft ift, könnte nicht ftait finden,
wenn er ein Werk der Natur wäre. Der eine
denkt lieh in diefem Begriff die ( Merkmale,
Empfind im» , willkührliche Bewegung und
einen KörpeT von beftimmter Geftalt; der an-
dere fetzt noch das Merkmal Vernunfifähig-
keit hinzu j beide haben eine andre Vorftel-
lung von dem Wefen des Menfchen, und dem
einen ift nach denselben ein Individuum ein
wahrer MeüTch , dem andern nicht. Nicht
leicht wird jemand die aufrechte Stellung für
den wefentlichen Unterfcheidungscharakter
der Menfchengattung halten ; gleichwohl liegt
es am Tage, in wieferne die Menfchen die
Klaffe, wohin ein Thier gehört, eher nach
der Geftalt als nach der Abkunft beftimmen,
da fchon mehr als einmal darüber, ob ein
menfehlicher Fötus auferzogen und getauft
werden follte oder nicht, ein Streit blofs des-
wegen entftand , weil feine äufsere Geftalt
nicht die gewöhnliche der Kinder war, da man
doch nicht wilfen konnte , ob er nicht fo gut
als anders gebildete Kinder der Vernunft fähig
feyn weTde. Dazu kommt noch, dafs einige
Kinder von gewöhnlicher Geftalt, ihr ganzes
Leben hindurch nicht mehr Vernunft als ein
Affe" oder Elephante zeigten. Hiernach würde
alfo die äufsere Geftalt und nicht das Vernunft-
v^rmögen zum wefentlichen Charakter der
Menfchengattung gemacht, und die Gotte^ge-
lehrtep
Seeliftes Kapitel. 4.1 1
lehrten und Rechtsgelehrten muffen in folchen
Fällen an die Stelle ihrer ' geheiligten Defi-
nition von dem vernünftigen Thiere eine an-
dere fetzen.
§♦ 27.
Worin beftehet denn alfb der befummle,
unveränderliche Grenibegriff diefer Gattung ?
Offenbar hat die Natur keinen folchen ge-
macht , und unter den Menfchen als unverän-
derlich aufgeftellt. Wir kennen das reale
Wefen weder diefer noch einer andern Gat-
tung; und daher kommt die Uneutfchieden-
heit in dem Namenwefen, welches unfer eig-
nes Machwerk ift, dafs wenn man mehrere
Menfchen fragen follte, ob ein etwas unge-
ftalteter Fötus gleich nach der Geburt ein
Menfch fey oder nicht , gewifs mehrere abwei-
chende Antworten erfolgen würden. So we-
nig wiffen wir, was ein Menfch ift; ob es
gleich vielleicht für die gröfste Unwiffenheit
gelten wird , diefes in Zweifel zu ziehen. Al-
lein ich darf demungeachtet behaupten, dafs
die Grenze zwifchen einer und der andern
Gattung, die beftimmte Anzahl von einfachen
zu dem Namenwefen der einen gehörigen Ver-
fiellungen, fo wenig beftimmt und erkennbar
ift, dafs immer bedeutende Zweifel darüber
entflehen werden. Keine Definition von dem
W7ort
4.12 Drittes Bück.
dem Wort Menfch, keine Befchreibung die-
fer Gattung von Wefen iß, meines Bedünkens
fo febari" und vollkommen, dafs fie einer ftren-
gen Prüiiins: Genüge thun, oder allgemeine Ein"
ftimmung erhalten, und endlich in allen ftrei-
tigen Fallen, die Leben und Tod, Taufe und
Nichttauf« u. f. wr. betreuen, volle Entfchei-
dung geben könnte.
§. 28.
Dennoch nicht fo willkührlich
als die gemifchten B e ft i m m u n-
gen.
Wenn gleich die Begriffe von dem Nomi-
nal wefen der Subltanzen von uns geraachte
Begriffe find, fo verfährt doch der Ver-
band nicht fo willkübrlich dabei
als bei den gemifchten Beft immun,
gen. Zu ihrer Bildung ift erfoderlich, dafs
die ßeltandiheile, wie fie auch zufammengefetzt
werden mögen, nur einen Begriff ausmachen ;
und dann , dafs die fo verbundenen Begriffe
identifi.he und numerifche Einheit haben. Denn
wenn zwei abfirakte ziifanimengefetzte Be-
griffe entweder in der ßefchaffenheit oder
Zahl der Beftandiheile verfchieden find, fo
niarlini fie nicht ein fondern zwei verfchie-
deue Wefcu aus. In dem aßen Punkte be-
fol-
SecLiies Kapitel, a\$
folget der Verftand bei Bildung diefer Begriffe
die Natur, und fetzt keine Vorstellungen zufara-
men, die nicht wirklich oder vermeintlich in
der Natur Verbindung haben. Niemand ver-
bindet das Blöcken des Schafs mit der Gefialt
des Pferdes, oder die Farbe des Bleis mit dem
Gewicht und der Dichtheit des Goldes, wenn
er Begriffe von wirklichen Subftanzen und
keine Hirngefpinfte bilden will; fondern man
beobachtet Eigenfchaften , die immer verbun-
den mit einander exiftieren , und copieret
darin die Natur. Die Wenrchen können zwar
willkührlich Begriffe zufaramenfetzen und mit
Worten bezeichnen; aliein, wenn fie von wirk-
lichen Dingen auf eine verftändliche Art fpre-
chen wollen , fo muffen fie ihre Begriffe doch
einigermaafen den Dingen , von denen Ge
fprechen , anpaffen. Es würde fonft eine Art
von Sprachverwirrung entliehen j die Worte
würden nur immer den Einzelnen verständlich
feyn , und nicht zur allgemeinen Miitheilbav-
keit und in die VerhältnilTa des tnenfchlichen
Lebens paffen, wenn die Begriffe, die fie be-
zeichnen ,: nicht den allgemeinen Erfcheinun-
gen der Subftanzen entfprüchec.
§. 29,
414 Drittes Bn«.h.
Obgleich fehr unvollkommen.
Obgleich der Verftand bei Bildung diefer
Begriffe die Einheil von der Natur entlehnt,
fo hangt doch die beftiinmte Zahl der
Theilvorftellungen von dem Verän-
derlichen Grade der Aufmerkfam-
ke i t, d es Nachdenkens und der Ein-
bildung s kraft deffen ab, der fie bildet.
Gewöhnlich fchränken lieh die Menfchen auf
einige wahrnehmbare Eigeufchaften ein, und
überfeheu, wo nicht allereit, doch oft eben fo
wefentlicbe. Von den wahrnehmbaren Sub-
ftanzen giebt es zwei Arten. Erftlich organi-
fche Körper, welche durch den Saamsn fort-
gepflanzt werden. Bei diefen ift die Geftalt
die chaTakteriftifche Eigen fchaft, welche die
Art und Gattung beftimmt. Wenn auch einige
einen noch fo hohen VVerth auf die Definition
des Menfchen , ein vernünftiges Thier, fetzen,
fo würde doch ein Wefen , das Vernunft und
Sprache, aber keine menfchliche Geftalt be-
fäfse, eben To wenig für einen Menfchen gel-
ten, als Bileams Efel , wenn er auch fein gan-
zes Leben hindurch fo vernünftig gefprochen
hittCj als das einemal. So wie bei Pflanzen
und Thieren die Geftalt, fo ift bei andern Kör-
pern, die nicht durch den Saamen fortge-
pflanzt werden, die Farbe das charakteriftifche
Merk-
Sechftes Kapitel. 4^5
Merkmal, von dem man Geh am meiden lei-
ten läfst. Wo man die Farbe des Goldes fin-
det, da fetzt man auch alle andere in dem
Begriff vorkommende Eigenfchaften voraus;
und man halt die Geftalt und Farbe für fo
entfeheidende Charaktere der Gattungen, dafs
man bei einem guten Gemälde, hlos nach Ver-
fchiedenheit der dargeftellten Form und Farbe
fogleich entfeheidet , was ein Löwe , eine
Rofe , ein goldner oder ein Alberner Be-
cher ift.
§♦ 3o,
Dieles ift zwar zu den gröbften
and daher auch unbeftimmtern Grundzü°en
der Begriffe und zu Räfonnements , wo
nicht gerade die gröfste Schärfe eTfoderlich
ift, zureichend. Allein die Menfchen find
roch keinesweges in der Anzahl der zu
einem Gattungsbegriff gehörigen
einfachen Vorftellungen oder Merk-
male einig. Und darüber darf man fich
nicht wundern , weil viel Zeit, Mühe, Kenut-
nifs.ftrenge Unterfuchung und lange Prüfung
eifoderlich ift, um zu beftimmen, welche
und wie viele einfache Vorftellungen beftän-
dig und unveränderlich in der Natur vereiniget
und in einem Subjecte anzutreffen und. Di?
tneiften Menfchen , denen es an dazu erfo lerli-
cher
4l6 Duttci ikich.
eher Zeit, Neigung: unj anhaltender Energie
fehlet, begnügen lieh, einige wenige äufseie
auffallende Merkmale aufzufallen , die Dinge
darnach 7.u unterfcheiden , zu klalihciren , mit
neuen oder Lhon gewöhnlichen VVorteu zu
bezeichnen. Diefe Worte lind wohl als Zei-
chen /einiger äufserlichen coexiftirender Merk-
male zu den Zwecken des gemeinen Lebens
brauchbar; allein he fallen keine>wftgs eine
beftimmte Anzahl von einfachen Yoiftellungen,
noch weniger alle in dei Nat.ti vereinigten, in
beftimmter He^eutung zuiamuien. Wenn man
beder.kt, dafs nach fo vielen Unterfuchuugen
über die Gattungen, Arten und Artunterfchie-
de rioch von fo wenig Worten beftimmte De-
finitionen vorhanden find , fo ift man wohl
berechtiget, die Formen, welche ehedem fo
viel Lärmen gemacht haben, für blofse Chi-
mären zu {halten, die kein Licht über das
Wefen der Dinge verbreiten. Und derjenige
der weifs, wie wenig noch die Worte \ der
Sublianzen allgemeingeltende Bedeutung haben,
der daif mit Recht feuliefsen , dafs das Nomi-
nalwefen der Subftanzen , wenn es gleich als
von der Natur copirt angefehen wird, doch
falt durchgängig, wo nicht allgemein, fehr un-
vollkommen ift. Die Eeftandiheile diefer Be-
griffe find bei verfchiedenen Menfchen fehr
abweichend ; die Grenzheftimniung der Gat-
tungen ift nicht fo, wie fie die Natur, fondern
wie
Sechfies Kapitel. 417
wie fie die Menfchen gemacht haben, wenn
es überhaupt folche fcharf gezogene Grenzli-
nien in der Natur giebt. Einige Subftanzen
find zwar von Natur fo eingerichtet , dafs fie
gewiffe Aehulichkeiten unter einander haben,
und fo ihre Eiritheilung in Gattungen und Ar-
ten begründen. Allein da doch unfre Klaflifi-
cation nur darauf abzielet , um die Dinge un-
ter allgemeine Zeichen zufammenzufaffen , fo
fehe ich nicht ein, wie man f<gen könne, die
Natur fetze diefe Grenzen der Gattungen und
Arten; oder wenn es andern ift, fo mülfen die
Ton uns gefetzten Grenzlinien den natürlichen
nicht ganz entfprechen. Denn weil wir all-
gemeine Worte zum jetzigen Gebrauch nötbig
haben , fo klafftficiren wir die Dinge nach den
auffallenden Phänomenen, ohne die vollftän-
dige Entdeckung aller Eigenfchafien abzuwar-
ten , welche uns freilich die weTentlichen Un-
terfchiede und Uebereinftimmungen der Dinge
am heften darfteilen würden,
§. 3*<
Diefe zufammen.-?efetzten Begriffe . in de-
nen nach der Beobachtung mehrere Indivi-
duen übereinßimmen , werden auf fehr ver-
fehl edene Weife , bald mit mehrerer bald mit
weniger Genauigkeit gebildet; und fie enthal-
ten bald eine gröfsere bald eine kleinere An-
Locke's. II. Theü. Dd zahl
^i$ Drittes Buch.
zahl von einfachen Vorftellungen. Der Be-
griff des Goldes enthält bei Kindern nur die
gelbe glänzende Farbe; andere fetzen das
Merkmal des Gewichts, derjSchlagbarkeit und
Schmelzbarkeit, andere noch mehrere hinzu.
Renn die eine wie die andere diefer Eigen-
schaften hat das Recht , in den Begriff diefer
SnDtt£nz aufgenommen zu werden, weil fie
alle in derfelben vereiniget find. Da aber
einige Menfcben nach dem verfchiedenen
Grad des Scbarffinns , der Kenntnifs und Be-
obachtung einige einfache Vorftellungen aus-
lafT :n , welche andere aufnehmen oder umge-
kehrt , aufnehmen , welche andere auslailen,
fo haben üe nicht einerlei Begriff vom Wefen
des Goldes, welches daher ihr eignes nicht
aber ein Product der Natur ift,
§• 02.
Je allgemeiner die Begriffe find,
defto unvollständiger find fie.
Wenn das Nominalwefen der unterften Ar-
ten in Anfehung der Anzahl der einfachen
darin enthaltenen Vorftellungen von dem
Verftande abhängt, fo ift das noch mehr der
F3II mit den noch allgemeinern oder den Gat-
tungsbegriffen. Diefe find abfichtlich unvoll-
ftandig, infofern Eigen fchaften , welche in
den
Seclifies Kapitel. 41?
den einzelnen Dingen vorkommen, nicht mit
aufgenommen werden. So wie der Verftand
um mehrere Individuen in allgemeine Begriffe
zufammenzufaffen , Zeit, Ort und andere Um-
fiände ausläfst, welche fie nur auf ein Indivi-
duum einfchränken würden, fo fanden er auch
in den Artbegriffen diejenigen Merkmale, wel-
che nur einer Art angeboren, von denen ab,
welche allen gemeinfchaftlich find, und bildet
daraus die Gattungsbegriffe, So entfteht der
Begriff Metall, der Gold, Silber und noch
mehrere Arten von foleben Körpern unter fich
begreift. Das VVefen diefer Gattung ift diefer
abftrakte Begriff, der nur die Schmelzbarkeir,
Schlagbarkeit, einen gewiff n Grad von Ge-
wicht und Fettigkeit, worin alle diefe Körper
iibereinftimmen , aber kein Merkmal, welches
dem Gold oder Silber allein angehörte, ent-
hält. Bei diefer Bildung wird kein Mufrer,
welches die Natur aufgeteilt hätte, befolgt,
denn es giebt keinen folcheu Körper in der
Natur, der nur die Gittungsmerkmale in fich
vereinigte» Durch eine Gattung wird kein
neues Ding gemacht, fondern nur ein Zeichen
von gröfsern oJer kleinern Umfang, um damit
eine Anzahl von Individuen, welche in dem
allgemeinen Begriff einftimmig find , auszu-
drücken» Es ift leicht zu bemerken, dafs ein
allgemeineres Zeichen allezeit einen unvollfiän-
digern Begriff ausdrückt , und die Gattung nur
Dd 2 einen
4jo Duttes Buch.
einen Theil von dem Inhalte der untergeord-
neten Arten in Geh fafst. Wenn man diefe
allgemeinen B gtiffe vollftändig npuiu, lu kana
es nur in Beziehung auf das beftimmtp Verhält-
nis zwifchen ihnen und ihren Sprithzeichen,
nicht in Beziehung auf ein exiftierendes Ding
gefchehen.
§. 33-
Alles diefes beziehet Geh auf den wahren
Zweck der Sprache, welche kein anderer ift,
als die leichtefte und kürzefte Art, die Gedan-
ken auszudrücken. So braucht einer nichts
als das Wort Körper, um alle diejenigen Din-
ge zu bezeichnen, welche in Anfehung der
Dichtheit und Ausdehnung in einem Begriff
einstimmig find} verbindet er damit die Merk-
male, Lebe« , Empfindung und willkührliche
Bewegung, fo zeigt er mit dem Wort Thier
alle diejenigen Wefen an , welche diefe Eigen«
fchafteh gemeinfehaftlich befitzen. Dies ift
die eigentliche Beftimmung der Arten und
Gattungen. AhF das reale Wefen und die
Tubftai ziellen Formen wird dabei gar keine
Rücklicht genommen.
§• 34
Ich Tab vor einiger Zeit in St. James Park
einen Vögel, ungefähr drei bis vier Fufs hoch,
be
Sechfies Kapitel. 431
bedeckt jfmit einem Mitteldinge zwifchen Fe-
dern und Haaren, von dunkelbrauner Farbe,
ohne Flügel, anftatt derfelben zwei odpr drei
Aeftchen. die wie Spröfslinge am Spanifchen
Genifte hervorkamen; mit grofsen langen und
dreikrallichten Füfsen , und ohne Schwanz.
Diefe lange ßefchreibung ift nothwendig, um
mich andern verftändlich zu machen. So-
bald ich aber weifs, dafs der Name des Vogels
Cafuar ift, fo kann ich diefes Wort an ftatt
jener gebrauchen. Wenn es aber gleich ein
fpecififches Wort ift, fo erfahre ich durch daf-
felbe von der Natur und dem Wefen diefer
Vogelart doch nicht mehr , als ich vorher
wufste.
§. 35-
Die Men fchen bil den die Arten uno
Gattung en.
Es ift aus dem Gefagten deutlich, dafs die
Menfchen die Arten und Gattungen
der Dinge bilden. Denn da die Ver-
Tchiedenheit der Arten und Gattungen allein
durch die Verfchiedenheit des Nominalwefens
beftimmt wird, fo folgt, dafs diejenigen,
welche die abftrakten Begriffe, worin das No-
minalwefen beftehet, bilden, auch die Arten
und Gattungen bilden. WeDn eio Stück Gold
gefunden würde, welches alle Eigenfchaften
Dd 3 der-
4*2 Piittes Buch.
derPelben aufser der Schlagbatkeit hätte, fo
würde die Frage entftehen, ob es Gold,
ob es zu diefer Art gehöre; diefe könnte aber
nicht anders als nach deui mit dem Worto
verbuudeuon abftrakten Begriffe entfchieden
werdpri. Es würde Gold für den feyn , der
dis Merkmal der Schlagbarkeit aus feinem Be-
griff ausgefchloffen j es würde kpin ächtos
GoJd für den feyn , der es in denlelben aufge-
nommen hätte. Bilden alfo nicht IMenfchen die
fo verfchiedenen Artbegriffe, welche mit einem
und demfelben Namen bezeichnet,] werden?
Die Exiftenz eines Körpers mit allen Eigen-
fchaften des Goldes ohne die Schlagbarkeit,
ift auch keine blof>e Hypothefe, da es gewifs
ift, dafs das Gold zuw< ilen fo fprode ift, dafs ei
fo wenig als das Glas fich hämmern läfst. Was.
wir von einer Eigenschaft des Goldes gefag.S
haben, das gilt auch von allen übrigen.
§. 36>
Von der Natur rührt dieAehnlich-
k e i t her«
Alles kommt mit einem Wort darauf hin-
aus. Die Natur bildet mehrere Indi-
viduen, welche in vielen wahrnehm-
bareu Eigenfeh aften, wahrscheinlich
auch in ihrer innern Natur üb ere in ftim-
men
Sechßes Kapitel. 423
tnen« Aber diefes reale Wefen ordnet fie
nicht in Arten und Gattungen, fondern die
IVIenfchen thun diefes auf Veranlagung jener
wahrnehmbaren Eigenfchaften , die in de»
Dingen vereiniget find , um lieh des Vortheils
allgemeiner Wortzeichen zu verfichern.
§• 37.
Ich will keineswegs behaupten, dafs die
unaufhörlich bildende Natur immer neue und
andere Dinge hervorbringe; fie bildet fie a 11er-
diugs fehr ähnlich und mit einander verwandt:
aber es ift, wie mich dünkt, demungeachtet
wahr, dafs die Grenzlinien zwifchen den Ar-
ten und Gattungen nur von den IMenfchen ge-
zogen werden. Denn die Begriffe von dem
Wefen derfelben^ die durch die Verfchiedenheit
der Worte unterfchieden werden, find das
Product des inenfchlichen Verftaudes , und
entfprechen der innern Natur der Dinge, von
denen fie hergenommen find, feiten vollkom-
men»
§. 38.
Jeder abftrakte Begriff ift ein Wg-
f e n.
In diefer ganzen Lehre wird ohne Zweifel
die Folgerung, dafs jeder abftrakte, mit
Dd 4 ei-
424 Drittes Buch.
einem Worte bezeichnet« Begriff
eine befondere Art und Gattung be-
nimmt, fthr paradox vorkommen. Genug
die Wahrheit erfoilert es. Jener S;vtz bleibt
alfo ftehen, bis uns jemand zeigt , dafs die
Arten und Gattungen durch etwas anders be-
ftimmt werden, und dafs die allgemeinen
Sprachznchpn etwas anders als unfre abftrak-
ten Begriffe bezeichnen»
§. 59-
Wie fehr die Bildung der .Arten und C<at
tungpn mit den allgemeinen Worten in Yer-
hältniis ftehet, und wie unentbehrlich die
letztem, wo nicht zur Wirklichkeit doch zur
Vollständigkeit und Anerkennung der erfrern
Gnd, erhellet noch aus eiueA bekannten Bei-
Fpiele. Uliren, die fchlagen und nicht fchlagen,
machen für denjenigen , der nur ein Wort für
beide hat , nur eine Art, zwei Arten aber für
denjenigen aus, der zwei Worte, (.wie im Engli-
ichen clock und watch) und daher auch
zwei deutliche Begriffe hat. Vielleicht wird
man Tagen, der innere Mechanismus und Bau
fey in dielen beiden verfchieden , und der
Künftler habe eine deutliche Verftellung davon.
Gleichwohl machen beide nur eine Art ausf
wenn nur ein Wort für beide vorhanden ift»
Und was ift in dem innern Mechanismus er-
fo-
Secttfitrs Kapitel. 43^
foderlich, um eine neue Art zu bilden? Es
giebt Uhren mit vier und fünf Rädern, Ift
dies ein fpecifilcher Unterfchied für den Künft-
ler? Einige haben Stricke, andre nicht j einige
werden durch bewegliche Perpendikel, andere
durch Springfedern, andere durch Schweinsbor-
ften in Bewegung gefetzt. Sind diefe und
andere Veränderungen in dem Mechanismus
für den Künltler, der fie kennt, fchon fpecifi-
fche Unterfchiede? So viel ift gewifs , dafs fie
ficht wirklich von einander unterlcheiden; ob
aber der Unterfchied wefentlich und fpecififch ift
oder nicht, das kommt allein auf den zufam-
mengefetzten Begriff einer Uhr an. So lange
diefer mit feinem Sprachzeichen nicht verfchie-
dene Arten unter fich begreift, find diefe Uh-
ren weder wefentlich noch fpecififch verfehle*
den; dann aber wenn einer nach Verfchieden-
heit des innern Baues feinere Einteilungen
macht, diefe Unterfchiede in Begriffe und
Worte fafst, emftehen neue Arten , unter wel-
che die Uhren geordnet werden, und das Wort
Uhr wird ein Gattungswort. Diefe Arten
Würden aber doch nur für denjenigen, der
aufser der äufsern Geftalt auch Kenntnifs von
dem innern Mechanismus diefes Kunftvverks
hätte, deutlich], für andere hingegen nur fyno-
nyine Worte für denfelben Begriff feyn. Ge-
rade fo ift es auch mit den natürlichen Dingen.
Dd 5 §. 4°»
4-tf Drittes Buch.
§. 40. 41.
Die Arten der Kunft werke find
weniger undeutlich, als die der
Natutwcfen-
Aus dem Gefaxten erhellet der Grund, war»
um in den Arten der Kunft werke
weniger Verwirrung und Ungcwifs-
heit als in denen der INaturpro-
duete herrfcht. Denn ein Kunft werk
ift ein menfchlichcs Produci, von einem Ki'inft-
ler entworfen , dem daher der Begriff davon
genau bekannt ift. Das Sprachzeichen dafür
wird fo angefehen , dafs es [seinen andern
Begriff, kein anderes VVefen bezeichnet, als
welches mit Gewifsheit erkennt und leicht
von andern unterichieden werden kann. Der
Begriff und das Wefen eines Kunftwerkes be-
fleht meiftentheils nur in der beftimmten Form
äußerer Theile, zuweilen auch in der davon
abhängigen Bewegung, wozu der Künftler
feinem Zwecke gemiils die Materie einrichtet»
Von diefein allen einen deuiiichen Begriff zu
raffen, überfteigt nicht das Vermögen unferer
Kräfte , und daher kann die Bedeutung der
Worte, wodurch die Arten der Kunftproduc-
te unterschieden werden, mit mehr Gewifsheit,
Klarheit und Befrimmtheit, feltgefetzt werden,
als bei iSaturproducien möglich ift, deren Un.
ter:
Sechfies Kapitel. 427
terfchiede und Wirkungen von einem uns un-
erforfchlichen Mechanismus abhängen. — Man
wird mich, entfchuldigen , wenn ich annehme,
dafs Kunftwerke eben fo gut als Naturwefen
von beftimmten Arten find. Denn ich finde,
dafs fie gerade fo wie die letzten durch ver-
fchiedene abftrakte Begriffe in verfchiedene
Arten geordnet werden. Warum follte man
nicht eine Piftole und, eine Uhr für zwei eben
fo verfchiedene Arten als Pferd und Hund
halten?
§♦ 42»
Subftanzen allein haben eigene
Namen, .
1
Diefes verdient noch bemerkt zu werden,
daTs es unter allen Arten von Begriffen nur für
Subftanzen allein eigene Namen giebt,
wodurch ein einzelnes Individuum von ihnen
angezeigt wird. Der Fall, dafs man diefes
nöthig hätte, kommt bei den einfachen Vor-
ftellungen, den gemifchten Beftimmungen und
Verhältniffen feiten vor. Aufferdem find die
gemifchten Beftimmungen gröfstentheils Hand-
lungen , welche in ihrem Entftehen fchoa
wieder verfcbwinden , und daher keiner lan-
gen Dauer fähig find ; dahingegen die Subftan-
zen alswiikende Wefen beharrlich, find,
§.43*
42? Drittes Buch.
§• 43.
Ich mufs den LeCer um Verzeihung bitten,
dafs ich mich fo lange bei diefem Gegenftande
aufgehalten und doch vielleicht nicht alle
Dunkelheit vermieden habe. Aber man be-
deuke nur die Schwierigkeit, einen an-
dern durch Worte auf das Denken
eines Dinges ' hin zu führen, in dem
alle fpecififchen Unterfcheidungs-
merkmale, die wir ihm crft beige-
legt u^aben, abgefondert werden. Ich
fage gar nichts , wenn ich diefe Dinge nicht
benenne , und thue ich das lctite, fo bringe
ich de unter die eine oder andere Gattung,
und erwecke bei andern die gewöhnlichen ab-
ftrakten Begriffe derfelben, j welches jenem
Zweck Abbruch thut. Es wäre eine leere
Spielerei, wenn mau von einem Menfchen
fpräche, und doch zu gleicher Zeit von der
Bedeutung des Worts d, h, von dem daran
geknüpften zufammen^efetzten Begriff, abftra-
hirte, oder von dem Lefer verlangte, er
follte (ich den Menfchen denken , wie er an
fich befchaffen, und durch feiue innere Natur,
durch fein reales Wefen , das ift durch etwas,
wovon man keine beftimmte Erkenntnifs hat,
von andern Dingen real verfchieden iß. So
inu^te aber doch derjenige verehren, der von
dem realen Wefen , den Arten und Gattun-
gen
Sechfies Kapitel. 394.
gen der Dinge als Natureinrichtungen reden
wollte, wenn er auch keinen andern Zweck
hätte, als begreiflich zu machen, dafs durch
die an die Subftanzen geknüpften allgemeinen
Sprachzeichen nichts dergleichen angedeutet
werde. *)
Siebentes Kapitel.
Von den Partikeln.
§> 1.
Die Partikeln verbinden die ein-
zelnen Redetheile und ganze
Sätze.
-t»ufser den "Worten zur Bezeichnung der Vor-
fiellungen giebt es noch eine grofse Menge an-
derer, welche dazu belHmmt find« die durch
den
*) Die folgenden §. bii zu Ende diefes Kapitels
enthalten nichts als Wiederholungen.
4Jo Diittes Buch.
den Verfiand zwifchen Begriffen und Sätzen
geftiftple V erbinduug anzuzeigen. DerVeifbnd
braucht, uin feine Gerfat.ken mitzutheilen, nicht
nur Zeichen für die Begriffe, die er eben jetzt
hat, fondern auch für feine eigene befondere
Handlung, die er in derfelben Zeit an diefefli
Begriffen ausübt. Diefe Hundlungen find fehr
mannichLltig. So bedeutet das i (t «nd i ft
nicht Bejahung und Verneinung. INiüchftdem
aber verbindet der Verftand nicht allein die
Theile eines Satzes , fondern auch ganze Sätze
mit ihren Beziehungen und Befiimmungen,
um eine zufammenhängende Rede daraus zu
machen.
§. 2.
Die Wojte, wodurch die Verbindung Zwi-
lchen den verfchiedenen bejahenden und ver-
neinenden Sätzen einer zufamrnenbängenden Re-
de angezeigt wird, heifsen gewöhnlich Partikeln,
auf deren rechten Gebrauch vorzüglich die
Deutlichkeit und Schönheit der Schreibart be- •
ruhet. Das richtige Denken erfodert mehr,
als das Dafejn klarer und deutlicher Begriffe,
oder die Beachtung der Uebereinftimmung und
TSich;übereinftiiumung einiger derielben , fon-
dern man mufs im Zufammenhange denken,
und die Abhängigkeit des einen Gedankens, des
einen SthluiTea von dem andern wohl einfehen.
Um diefes Denken durch Worte ausdrücken,
ZU
Siebentes Kapitel. 431
zn können, muffen Worte vorhanden feyn,
welche #lie Verbindung, Einfchränkung, Un-
terfebeidung, den Ge,-.enfatz und Nachdruck je-
de. Theils der Rede anzeigen. Ein irriger Ge-
brauch diefer Wörter mafs nur den Lefer ver-
wirren, anftatt ihn zu belehren. Daher iß ihr
Gebrauch , ob fie gleich keine Vorftellungen
ausdrücken , dennoch fo unentbehrlich und
von fo grofsem Einflufs auf den richtigen Aus-
druck.
Diefer Theil der Sprachlehre ift vielleicht
eben fe fehr vernachläffi^et, als andere mitun-
verhältnirsmäffigemFleifs bearbeitet worden find.
Es ift jetzt etwas leichtes, über das Gefchlecht,
dieCafus und Zeitwörter zufchreiben; felbftdie
Partikeln, als die Vorwörter und Veirbindungs-
wörter u. f, w. find in vielen Sprachen mit
grofsem Anfchein der Gründlichkeit nnteT Klaf-
fen gebracht; allein es koftet weit mehr Mühe,
den rechten Gebrauch, die Bedeutung und den
Kachdruck der Verbindungswörter zu zei°en,
und man mufs zu dem Ende über fein eigenes
Denken und deffen verfchiedene Modifikatio-
nen nachdenken.
§, 4-
Sie werden keinesweges dadurch hinläng-
lich erklärt, wenn man fie, wie es gewöhn-
lich
4J2 Dliiic« Buch.
lieh in Wörterbüchern gefchiebt, durcH Worte
anderer Sprachen überfetzt , die ihnen an Be-
deutung am nächften kommen. Denn es ift
ineiftens in der einen Sprache fo fchwer, als in
der andern , ihre Bedeutung verfb'ndlich zu
machen. Sie find Zeichen für gewifle innere
Handlungen des Verfiandes, und fie können
daher ohne fleiffiges Studium der Anfachten,
Standpunkte) Wendungen, Einfchränkungen,
Ausnahmen und anderer Modifikationen de*
Denkens, für welche es entweder keine oder
nur mangelhafte Sprachzeichen giebt, verßan-
den werden. Die Anzahl der Verbindung«
wörter ftehot mit diefen in keinem Verhältnifs;
und daher ift es kein Wunder, dafs viele Par-
tikeln verfchiedene oft entgegengefetzte Be-
deutungen haben.
I. 5-
Buc ift eins der bekannteren Wörter der
englifchen Sprache. Es ift eine discretiveCon-
junetion , welche dem lateinifeben fed, dem
franzofifchen mais entfpricht ♦ diei ift die ge-
wöhnliche Erklärung- Mir fcheint es dagegen
verfchieden« Verhältnifle zwifchen manchen
Sätzen und ihren Theilen auszudrücken. Als
l) einen StiJlftand in dem Gange des Räfonne-
ments, ehe es bis zum Ende fortgeführt ift;
2. B. but to fay n o more. 2) Die Ein-
rchränkung der Bedeutung eines Ausdrucks mit
Aus-
Siebentes Kapitel, '<l$3
Ausfchliefsung jeder andern: ifaw but two
Planus. 3) Die Annahme von etwas andern,
als angenommen werden follte : you pray:
but it is not that God would bring
youtothetrüe Religion, 4) Den gera-
den Gegenfatz von dem, was vorhergeht: bufc
that he would confirm you in your own. 5)
Die SiibTumtion unter einen Oberfatz: all Am-
in als bave fenfe: but a Dog iß an Animal»
§. 6,
Ich zweifle nicht , dafs diefe Bedeutungen
BOch mit vielen andern vermehrt werden könn»
ten, wenn ich fie vollständig unter Tuchen woll-
te; und dann dürfte diefe Partikel wohl fchwer-
Iich die Benennung, dlscreiiv, durchgehende
verdienen. Diefe ßeifpiele nsÖ^en aber hinrei-
chen, um die Aufmerkfatnkeit auf den Gebrauche
und die Bedeutung diefer Wörter , und die"
Handlungen des Verftandes zu lenken, welche
dadurch gewifferrrafsen offenbaret werden, da
einige Partikeln beftändig, andere nur in ge-
wiffen Verbindungen , die Bedeutung eine£
ganzen Satzes in lieh fchliefsen.
Locke'$, II, Theil. £6 4cn*
434
Achtes Kapitel.
Von abftracten und concreten Worten.
§. i.
Abftracte Worte können nicht von
einander ausgefagt werden.
■L'ie Betrachtung der gemeinen Worte einer
Sprache und ihres gewöhnlichen Gebrauchs hät-
te fchon Licht über die Natur unterer Begriffe
verbreiten muffen , wenn fie mit Aufmerkfam-
keit wäre angeftellt worden. Der Verftand hat
da.s Vermögen, feine Bpgriffe abftrakt zu ma-
chen, und auf diefe Art werden fie Begriffe
für da« Wefen und das allgemeine Wefen , wo-
durch die Dinjie in Arten und Gattungen unter-
fchieden werden. Da nun jeder abftracte Be-
griff To beftimmt ift, dafs von jeden zweien der
eine nicht der andere feyn kann , fo mufa der
Verftand ihren Unterschied anfchaulich wahr-
nehrnen. Daher können in Sätzen nicht zwei
abftrakte Begriffe, wenn üe auch noch fo na-
he verwandt find , ganz von einander bejahet
werden. Diefes finden wir fchon in dem ge-
meinen Sprachgebrauche beftätiget. So gewifs ('
es ift, dafs der Menfch einThier oder vernünf- '
tig ift, fo gewifs leuchtet auch jedem unmittel- !jt
bar
Achtes Kapitel. 435
bar die Falfchheit der Sätze: die Menfch-
heit ift die Thierheit, die Vernünf-
tigkeit, ein. In allen unfern bejahenden
Sätzen wird alfa nicht ausgefagt, dafs ein ab-
ftracter Begriff ein anderer, fondern nur dafs
einer mit dem andern verbunder Cejr. Dieab-
Itracten Begriffe können bei Subft nzen Arten
und Gattungen bedeuten, gewöhnlich aber zei-
gen (je Vermögen, und fonft ausfchliefsend Ver*
hältniffe an» Der Menfch ift weifs, bedeutet,
das Ding , welches das Wefen eines Menfchen
behtzt, befitzt auch da* Wefen der Weifse in
lieh , d. i. das Vermögen, die Weifse Farbe in
einem empfänäüchen Auge hervorzubringen;
der Menfch ift vernünftig , heifst, er beüttt
das Wefen der Vernünftigkeit, d. h. das Vef>
mögen, zu fchhefsen.
§. 2.
Diefer Unterfchled in den Worten zeigt
uns auch einen Unterfchied in den Begriffen,
Denn wir bemerken, dafs es für unfre
1 einfachen Vorftellungen fowohl a b-
I firakte als concrete Worte, oder, nach
; den Ausdrücken der Sprachlehre, fowohl Sub-
! ftantive als Adjective giebt* z B weifs, die
I Weifse, füfs, die Süfsigkeit. Eben das gilt
auch von den Begriffen der ßeftimmungen und
1 VerhähniiTe, als gerecht, Gerechtigkeit; gleich,
£ e 2 Gleich-
4$S Drittes Buch.
Gleichheit; nur mit dem Unterschiede, daTs ei-
nige concrete Worte von VerhältniiTen vorzüg-
lich der Menfchen , Subftantive find , z. B. die
Vaterfchafc : wovon fich der Grund leicht an-
geben !ärst. Für Begriffe von Subftanzen hin-
gegen giebt es wenig oder gar keine abftracten
Worte. Derm ub«leich die Schulen die Th ier-
h e i t , die Meiifrhheit, tii' K 9 i p <• r 1 i c h-
keit mit einigen andern der Art eingeführt ha-
ben, fo Rehen fie doch in keinem Verhältnis
mit der Ui. zählbarkeit de» Subftanzen. Ai*ch
machte die Schule nie den lächerlichen Verhieb,
für alle Subftanzen abfiractc Worte zu bilden,
und die wenigen, die fie erfunden hat, find
nie über] die Schule gekommen, oder mit all-
gemeiner Beiftimmung in den getneiuen Sprach-
gebrauch aufgenommen worden. Hierin fcheint
mir einGeftändnifs der Menfchen zu liegen, dafs
fie, fo wie keine Worte, fo auch keine Begriffe
für das reale Wefen der Subftanzen haben; und
gewifs würde es an den erfien nicht fehlen,
wenn fie nicht das Bewufstfevn ihrer L'nwiflen-
heit von dem vergeblichen Verhiebe zurückge«
halten hätte. Ungeachtet fie daher genug Be-
griffe hatten , um Gold von Steinen,' und Me-
talle vom Holze zn unterfcheiilrn , fo wagten
fie doch nur mit grofser Schüchternheit Worte,
wie aurietas, faxietas, metalliet.is, lignietas und
ähnliche zu bilden , welche das reale Wefen
diefer Subftanzen, wovon es keinen Betriff
giebt
Achtes Kapitel, ^
giebt, anzeigen zu sollen fcheinen* In det
That war es blofs die Lehre von den fubftan-
tiellen Formen und der Wahn einer Erkennt-
nifs, was zuerft die Ausdrücke Thierheit und
Menfchheit prägte und einführte, oh üe gleich
nie bei dem gemeinen Menfchenverftande ihr
Glück machten, Humanität war freilich bei
den Römern ein gewöhnliches Wort , aber in
einer ganz andern Bedeutung, und bezeichne-
te das Abftract« von einem Accidenz, nicht vott
einer Subfianz, von humanus und nicht von
homo»
Neuntes Kapitel,
Von der Unvollkommenheit der
Worte,
Die Worte werden entweder zns
Wiedererinnernng oder zur Mit-
theilung derGedanken gebraucht»'
i*us dem , was wir in den vorhergehenden
Kapiteln gefagt haben, läfst lieb leicht einfe-
Ze 3 henÄ
438 Drittel Buch.
hen , welche Unvollkoramenheit der Sprache
anhängt, und dafs die Ungewißheit der Bedeu-
tung einiger Worte von ihrer Natur faft unzer-
trennlich ift. Die Unterfuchung iiber die Voll-
kommenheit oder Unvollkommenheit der Wor-
te fetzt aber eine andere, über ihren Zweck
und Gebrauch, voraus; denn je mehr oder we-
niger fie ihrea Zweck erreichen , defto mehr
oder weniger vollkommen find fie. Diefer
Zweck ift nach dem vorhergehenden gedoppelt,
die Erinnerung unferer Vorfiellungen und die
Mittheilung derfelben an andere.
Für den erften Zweck Gnd alle und jede
Worte ohne Unterfchied tauglich. Denn da
die Töne willkührliche Zeichen der Vorftel-
lungen find, fo kann Jeder beliebigen Gebrauch
von Worten machen , um fie für lieh felbft zu
bezeichnen. Hier kann keine Unvollkounnen-
heit ftatt finden, wenn er nur befländig einer-
lei Zeichen für einerlei Vorftellung gebraucht;
denn es kann alsdann nie fehlen, dafs er fich
felbft verfteht , und die Worie haben ihren
Zweck erreicht.
*. 3.
Die Mittheilung der Vorstellungen ift
von gedoppelter Art, eine gemeine und ei
Neuntes Kapitel» 436
ne p hilofo phifche. Unter der erden ver-
liehe ich einen folcheu Umtaufch von Vorftel-
lungen und Gedanken , als die gefellfchaftliche
Unterhaltung und die Gefchäfte und Bedürf-
nilTe des bürgerlichen Lebens erfodern. Die
letztere ift derjenige Gebrauch von Worten, wo-
durch beftimmte Begriffe von den Dingen ge-
geben , und gewiffe unbezweifelte Wahrheiten
in allgemeinen Sätzen ausgedrückt werden,
welche dem Verftande Befriedigung bei feinem
Streben nach Erkenntnifs gewähren. Es ift
zwifchen diefem und jenem Gebrauche in An-
fehung der gröfsern oder kleinern Genauigkeit
ein grofser Unterfcbied, wie wir hernach fe»
hen werden,
§> f
Ungewiße zweifelhafte Bedeutung
ift die Unvollkommenheit der
Worte. Ur fachen der felben.
Der Hauptzweck der Sprache bei der Mit-
theilung, der Wunfeh, verftanden zu werden,
wird weder in dem gemeinen noch in dem
phiiofophifchen Gebrauche durch folche Worte
fonderlich erreicht, welche in dem Zuhörer
nicht diefelben Vorftellungen erwecken, wel-
che der Sprechende mit ihnen verband. Da
nun die Sprachlaute keine natürliche Verknü-
pfung mit den Vorfteilungen, fondein nur durch
Ee 4 will«
44« Drittes Buch,
willkührliche Verbindung ihre Bedeutung ha-
ben, fo h-it die oben erwähnte Unvollkommen-
heit der Worte, oder das Ungewilfe und Zwei-
felhafte ihrer Bedeutung mehr ihren Grund in
clen Verkeilungen, als in den Sprachzeichen.
Denn die letzten find in Anfehung ihrer Taug-
lichkeit zur Bezeichnung der Vorftelluugen ein-
ander vollkommen gleich. Es mufs alfo dio
UrTache, dafs die Bedeutung des einen Worts
zweifelhafter als des andern ift , in dem Unter-
-fchiede der Vorftellungen liegen.
Da die Worte urfprünglich keine Bedeutung
haben, fo mufs die durch he bezeichnete Vor-
ilellung von denjenigen gelernt und behalten
Werden , welche ihre Gedanken umtaufchen,
und fich mit andern verftändlich unterhalten
wollen. Diefes kann aber nicht wohl gefche-
hen , I) wenn die bezeichneten Vorftellungen
aus einer zu grofsen Anzahl von TheilvOrftel-
lungen zuTammengefetzt find ; 2) wenn fie kei-
ne gevvifle Verbindunz, alfo kein beftimmtes
Object, in der Natur haben, nach dem Ge an-
gepaßt und berichtiget werden können. 3)
Wenn die Bedeutung eines Worts fich auf ein
Object beziehet, das nicht leicht erkennbar ift.
4) Wenn die Bedeutung eines Worts und das
teale Wefen eines Dinges nicht vollkommen
iden-
Neuntes KäpiteL 44 1
adentifch find. Diefes find die Schwier;'.
len, welche die Bedeutung rerftändlicher War-
te betreiFen, Die Erwahnuns ganz unverftänd-
Jieher, als der Worte für einfache \ Grftei'un-
gen , wofür Jemand keine Orgme, keine Fä-
higkeit hat, Worte der Farben für einen Bün-
den , gebort nicht hiebet. — ■ Diefe Unvoll-
kommenheit der Worte foll jetzt weitläufiger
in Beziehung auf die verfchiedenen Arten der
Vorftellungen erklärt werden. Denn es wird
lieh ausweifen, dafs die Worte der gemifchten
Beftimmungen wegen der zwei erften , die
\\ orte der Substanzen hingegen wegen derzwei
letzten Gründg vorzüglich dieler Unvollkorr.-
nienheit unterworfen find»
§. 6,
ün g e w ifsheit der Worte der ge-
iaifchten B eftim m un gen«
Viele Worte der gemifchten Beftimmungen
haben eine fehr ungewiße und zweifelhafte Be-
deutung , I) weil fie zu fehr zufain-
menge fetzt Ti n d. Die Worte muffen nach
dem Zweck der Sprache eben dieselbe Vorftel-
lung in dem Zuhörer erwecken, welche der
Sprechende durch fie bezeichnete , woferne
nicht der Kopf mit blofsen leeren Tönen ange-
füllt werden foll, die keine Vorftellungen zu-
führen. W'ena nun ein Wort eine Vorhellung
Ee 5 *.us
442 Diittes Buch.
ausdrückt, welche aus fehr vielen auch fchon
zufammengefetzten lieftandtheilen beftehet , fo
können die Menfchen diefelbe nicht immer fo
bilden und behalten, dafs das Wort in dem ge-
meinen Gebrauche immer diefelbe Vorftellung
ohne die geringfie Veränderung ausdrückte. Da-
her haben die Worte für fehr zufammengefetzte
Vorftellungen , dergleichen ineiftentheils die
moralifchen find, bei verfchiedenen Menfche«
feiten durchaus diefelbe Bedeutung, indem ihre
dadurch bezeichneten Vorftellungen feiten mit
denen anderer Menschen übereinfiimmen, ja
fogar oft bei einem Menfchen die heutigen von
den geftiigen abweichen,
S, *
2) Auch deshalb ift ihre Bedeutung fehr
veränderlich und zweifelhaft , weil es in
der Natur kein Object giebt, wo-
durch als nach einer Regel ihre Be-
deutung könnte berichtiget und b e • .
ftimint werden. Der Verftand verbindet in ih-
nen willkührlich eine Menge Vorftellungen nach
eignen Zwecken und Anflehten, ohne ein exifti-
rendes Ding zu kopieren, blofs in der Abficht, um
Dinge, infofern fie mit diefen Begriffen überein-
fiimmen, zu benennen und zu ordnen. Derjeni-
ge, der die Worte Scherz, Spafs, Liebkofung auf-
brachte, fetzte diele Vorftellungen nach Gutbe-
finden
Neuntes Kapitel. 445
finden zufammen. Wie es jetzt mit neuen
Modewörtern ift, fo war es ehedem mit alten,
als fie zuerft eingeführt wurden. Solche Wor-
te muffen daher nothvyendig von ungewißer
Bedeutung feyn, da ihre Beftandtheile nir-
gends in der Natur beftändig vereiniget vor*
kommen, noch ein Original vorbanden ift,
wonach (ie berichtiget werden könnten. Was
das Wort Mord, oder Kirchenraub be»
deutet, kann durch keine Anfchauung de*
Dinge felbft erkannt werden. Die Abficht,
die Beziehung auf heilige Sachen , welche in
jenen Begriffen mit enthalten ift, ftehet in
keiner nothvvendigen Verbindung mit der puf-
fern Handlung, und wird durch diefe auch
nicht fichtbar» Das (Losdrücken des Ge-
wehrs , womit der Mord ausgeübt wird,
ift das einzige fichtbare in der Handlung, und
doch in keiner natürlichen Verbindung mit den
andern Beftandtheilen jenes Begriffs. Da dief*
nur durch den Verfiand in einem Worte ver-
bunden find, aber ohne Regel, ohne Vorbild,
fo mufs die Bedeutung folcher Worte bei ver-
fchiedenen Menfchen fehr veränderlich feyn,
da fie keine fefte Regel für folche willkühr?
liehe Begriffe haben.
$. I.
4.44 lautes Buch.
§. 8-
U e jr eigentliche Sprachgebrauch
ift kein hinreichendes Ciyg e.n*
m i 1 1 e.
Der gemeine Sprachgebrauch kommt hier
freilich durch die Feftfetzung der Bedeutungen
gewiflermafsen zu Hülfe ; und diefes reicht
tum wenigften für d?s gemeine Leben hin,
Da aher kein Einzelner das Anlehen har, die
Bedeutung der Worte unabänderlich zu ent-
fcht -iden, oder zu beftimmen , mit welchen
Begriffen He verknüpft werden follen , fo ift
der gemeiue Sprachgebrauch unzureichend,
den Worten Beftimmtheit zu geben , wie fie
für philoCophitche Unterteilungen gehört»
Denn es giebt kern Wort eines zufarumeuge-
feU I - iffs (vielleicht überhaupt keines)
welches nicht in dem geraeinen Leben einen gröf-
fern Umpfang hätte , indem es, ohne die Gren-
zen .feiner eigentlichen Bedeutung zu über«
fchreiten, als Zeichen ganz verfchiedener Be-
griffe kann gebraucht werden. Dazu kommt
noch, dafs felbft keine Regel für den Sprach-
gebrauch ieftgefetzt ift» und oft darüber ge-
ltritten wird, ob diefe oder jene Bedeutung
zum eigentlichen Sprachgehrauch gehöre, oder
nicht. Alles diefes beweifst, dafs die Worte-
diefer Art ihrer Natur nach der Unvollkom-
men heit einer ungewißen [und zweifelhaften
/ Be.
2M«nutes ^apitsl« 44.5
Bedeutung unterworfen find, und felbß bei
denen, die den Willen haben, einander zu ver-
lieben, nicht immer einerlei Vorftellung in'
dem Sprechenden und Hörenden bezeichnen.
Die Begriffe , welche durch die Worte R ü h m,
Dankbarkeit ausgedrückt werden, weichen,
obgleich diefe Laute in einem Lande vollkom-
men ernartig Gnd , doch bei verfchiedene^
Menfchen äugen fcheinlich fehr ab.
§'♦ $
Selbft die Art, wie diefe Worte
gewöhnlich gelernet werden, trägt
nicht wenig zur Unbeftimmtheit ih-
rer Bedeutung bei. Man weift die Kin-
der, um ihnen die Worte für einfache Vor-
Heilungen und Subftanzen verftändlich za ma-
chen, auf diefe Dinge hin, und wiederholt
oft dabei die Benennungen : das ift weifs, füfs,
das ift Milch, Zucker u. f. w. Bei den Wor-
ten für geinifchte Beftimmungen und vorzüg-
lich für moralifche Ge?enftände werden hinge-
gen zuerft die .Sprachlaute erlernt, und ihre
Bedeutung kennen zu lernen, fiberläfst manl
entweder der Erklärung anderer, oder, wel-
ches der gewöhnlich fte Fall ift, dem eignen
Beobachtungsgeifte und Nachdenken, Gewöhn'
lieh wird aber auf die Erforschung diefes Ge-
genftandes wenig Mühe gewendet, und daher
fiindi
44^ Dritte» Buch.
find (liefe Worte bei den meiften Menfchen
wenig mehr als leere Töne; oder wenn fie
auch noch einen Sinn haben, fo ift er gröfs-
lOntheils verändeilich und unbeftimmt, und
folglich dunkel und verwirrt. Auch felbft die-
jenigen, welche ihre Sprachzeichen mit mehr
Ji 'onnenheit beftimmen, können doch Feiten
den Nachtheil vermeiden, dafs Ge damit zu«
rammengefetzie Begriffe bezeichnen, welche
von denen anderer eben fo bedachtfamer Men-
fchen abweichen. Wer bemerkt nicht fowohl
in den gefellfchaftlichen Unterhaltungen, als
in den gelehrten Streitigkeiten über Ehre,
Glauben, Gnade, Religion, Kirche u, f. w.
daTs die Menfchen über diefe Dinge verfchieden
denken, oder dafs Ge in dem Sinne diefer Worte
Dicht einltimmig und ihre Streitigkeiten daher
Wortftreitigkeiten find. Daher ift die Ausle-
gung der göttlichen und meufchlichen G'fetze
endlos; Hypothek) erzeugen Hypothefen, und
Erklärungen geben Stoff zu neuen Erklärungen,
und es ift kein Ende in dem Einfchränken,
Ünterfcheiden und Verändern der Bedeutung
cüefev Worte. Solche Begriffe werden dls
Bildungen menfchlicher Willkühr ins Unend-
liche vermehrt. Viele Menfchen , welche hei
dem erften Durchirren eines Abfchnitts in der
Bibel oder dem Gefetrbuche einen Sinn gefun-
den hatten, der üe vollkommen befriedigte, ver-
loren denfelben wieder, lobald Ge die Lrklä«
rer
Neuntes Kapitel. 447
rer zu Rathe zogen , und die Erläuterungen
derfelben erweckten oder vermehrten Zweifel
und Dunkelheit über jene Stellen. Diefes Toll
nicht beweifen . dafs die Kommentare unnütz,
fondern wie ungewifs die Worte der gemifch-
ten Bedeutungen ihrer Natur nach t'elbft bei
denjenigen und , welche den Willen und das
Vermögen baben , ihre Gedanken fo deutlich,
als es die Sprache erlaubt , auszudrücken.
§. io.
Daher unvermeicl liehe D u n k e i-
heit in allen S ehr if t ßellern.
Welche Dunkelheit diefes in die Schriften
der Männer, welche in entfernten Zeiten und
Ländern fchrieben , gebracht hat. bedarf kei-
ner Erwähnung, da die zahlreichen zu ihrer
Erklärung gefchriebenen Werke nur zu fehr
beweifen, was für Aufcnerkfamkeit, Gelehrfam-
keit, Scharffinn und Nachdenken erfodert wird,
um den wahren Sinn der Alten zu finden. Da
aber nur diejenigen Schriften uns in dem Gra-
de intereffiren , dafs wir ihren Inhalt rein auf-
zufallen fuchen , welche entweder Glaubens-1
Wahrheiten oder gefetzliche Vorfchriften ent-
halten, deren Verfälfchung und Uebertretung
nachtheilig für uns werden kann, fo haben
wir weniger Urfache . dem Sinre anderer
Schriftftsller ängftlieh nachzuiorichen, welche
nur
/(.'|S' Diitrcs Bhcbi
nur ihre eij^en Aleinungen fcliTifrlich nieder-
legen, die olme Einflufs auf untere Glückfelig-
k* it oder Unilückfeligkeit , uns unbekannt
bleiben können. Wenn iie daher in ihren
Schriften nicht die gehörige Klarheit und Deut-
lichkeit des Ausdrucks anwenden, fo können
\ ir fie bei Stile legen , und ohne ihnen Un-
r c ; i,u thun, nach der Maxime verfahren t
Wer nicht verbanden leynwill, der
verdient nicht g e 1 e f e n zu werden.
§. ir»
Üngewilfe Bedeutung der Worte
für Subiianzen.
Wenn die Bedeutung der Worte für ge-
inifchte B^ninumm^eri ungev üs ift , Weil lie
lieh auf kein reales Öuject in der Natur bezie-
hen, wonach fie könnten berichtiget weiden,
fo haben die Wurte für Subltanicn aus
der entgegen geletzten Urfache eine
i weife lha fi e Bedeutung, weil man
vorausletzt, nals die enthaltenen Begriffe mit
realen Dingen übereinftirmrieri und lieh auf
Originale in der Natur beziehen. B V lielen
Begriffen haben wir weniger Freiheit, ;i)s l»ei
jenen; wir muffen der i\atur folgen, die Be*
grille existierenden Dingen aupaffen , und nach
dielen die Bedeutung der Worte beitiuimen,
ttenn diele Zeichen ?on jenen fe>n follen.
Hier
Neuntes Kapitei. 449
Hier haben wir alfo wirklich Originale vor
uns, aber folche , welche die Bedeutung der
fich a«f fie beziehenden Worte fehr ungewifs
machen müITen ; denn das mufs die Folge feyn,
wenn die Begriffe fich auf Objecte beziehen,
welche entweder gar nicht oder
doch fehr unvollkommen und unge-
wifs erkannt werden können.
§. 12.
In Beziehung auf das reale Ws-
f en.
Die Worte der Subßanzen enthalten , wie
fchon getagt wurden , in ihrem gewöhnlichen
Gebrauche eine doppelte Beziehung. Erftlich,
werden fie zuweilen fo angefehen , als ent-
fpräche ihre Bedeutung dem realen W e-
fen der Dinge, aus dem, wie aus einem
Mittelpunkte, alle Eigeofchaften derfeiben ent-
fpringen. Da aber diefes Wefen für uus gana
unerkennbar ift, fo mufs jedes Wort, wodurch
es dargeftalt w7erden foll , fehr ungewifs in
feiner Anwendung feyn, und es kann nach die-
ler Vorausfetzung unmöglich erkannt werden,
was ein Pferd, oder Antimonium an fich für
Dinge find. Die Bedeutung diefer Worte kann
daher durch Originale, die unerkennbar find,
nicht beftiramt und berichtiget werden.
Locke's. II. Theil. Ff §■ *3
*>» Drittes fiucli,
f. 13.
In Beziehung auf die coexiftiren-
den Eigenfc haften.
Zweitens die Worte der Subftauzen be-
zeichnen unmittelbar die einfachen Vorftellun-
geu, welche in Jen Subftanzen vereiniget vor-
komu.en , und diefe und daher in ihrer Verei-
nigung das eigentliche Original, worauf fictt
jene Worte beziehen , und wornach ihre Be-
deutung am beften berichtiget werden kann.
Demungeachtet kann dadurch allein noch nicht
alle Veränderlichkeit und Ungewifsheit ihrer
Bedeutung verhütet werden. Denn da diefe
coexiftireuden einfachen Merkmale 'f© zahl-
reich find, und alle gleiches Recht auf eine Stelle
in dem zulammengefetzten Begriff der Art oder
Gattung haben , fo bilden die Menfchen fehr
verfchiedene Begriffe von einem und densel-
ben Gegenftande. Die Beftandtheile der zu-
fammengefetzten Begriffe find grefstentheils
Vorftellungen von Vermögen , und diefe in
Beziehung auf die Veränderungen , welche
die Subftanzen bewirken oder erleiden , faft
unzählich. Welche mannichfaltige Veränder-
ungen * können nicht blofs durch verfchiedent-
liche Anwenduug des Feuers in den unedlen
Metallen bewirkt werden? Und wie weit man-
nichfaltiger find nicht die Modifikationen, wel-
che einige Metalle unter den Händen der
Che-
Neuntes Kapitel, 45*
Chemiker durch die Verbindung mit andern
Körpern erleiden? Wer diefes bedenkt, wird
fich nicht wundern , wenn ich behaupte, dafs
die Eigenfchaften jeder Art von Körperu auf
keinem Erkenntnifswege vollftändig erkannt
und gefammlet werden können. Zum wenig«
fieu kann niemand ihre beftiramte Anzahl an-
geben. Daher kommt es, dafs nach Verfchie-
denheit der Kenntnifs , Befchäfcigung und
Aufmerkfamkeit , der eine Menfch diefe, ein
andrer jene Eigenfchaften erkennet; notwen-
dig entftehen daher von einer und derfelben
Subftanz verfchiedene Begriffe, und folglich
muffen auch diefe Worte eine fehr ungewiße
und wandelbare Bedeutung erhalten. (3 Buch
6 Kapitel §. 29. 31.). Wer foll darüber ent«
fcheiden? Jeder hat feine Regel in der Natur,
jeder hält fich mit Grund für eben fo berechti-
get, in feinen Begriff von Gold die Merkmale
aufzunehmen, die er durch Verfuche fand,
als ein Anderer, der nicht fo genau beobach-
tete, fie auszufchliefsen , und ein Dritter, det
andere Verfuche machte , andere aufzunehmen.
Hat einer mehr Recht dazu , als der andere«
da die Verknüpfung aller diefer Eigenfchaften
in der Natur der wahre Grund ihrer Vereini-
gung in einen Begriff ift ? Die Begriffe der
Snbftanzen muffen daher, ungeachtet fie durch
ein Sprachzeichen ausgedrückt werden, unver-
meidlich fehr verfchieden und veränderlich feyn.
Ff 2 §.14,
45i Din:es Biuk.
§. M-
Faft jedes Individuum ftimint in Riickficht
gewiffer Merkmale bald mit m^hrern bald mit
wenigem andern exiftirenden Dingen überein.
Wer foll in diefem Falle vorfchreiben, aus wel-
chen der Gefchlechisbegriff zulammenzufetzen
ift. oder welche ausgefcblollen werden muffen?
Alle dbfe Urfachen veifehlen feiten oder nie
ihres Erfolgs, die Bedeutung der Worte für
Subfianzen zweifelhaft und veränderlich zu
machen, und dadurch in ihrem philofophifchen
Gebrauch Streitigkeiten oder Mifsverlläudnille
zu veranlagen»
$• 15»
Diefe generellen Worte der Subftanztn,
welche in ihrer gewöhnlichen Bedeutung nur
eir.ige in die Sinne fallende Eigen fchaften (z.
B. Geftalt, Form, Farbe) in bch fallen, ent-
fprei.hen zwar in dem gemeinen Leben der Ab-
hebt ihres Gebrauchs, die Dinge anzuzeigen,
welche man will verftanden und von andern
unterfchieden willen. Allein das ift nicht der
Fad in philofophifchen Unterteilungen , wo
allgemeine Wahrheiten feftgefetzt und daraus
Folge fätze hergeleitet werden follen. Hier
wird mau finden, dafs die Bedeutung diefer Art
Woite entweder nicht fcharf genug oder gar
nicht beftiuunt ift. Wenn einer z. B, die Schlag-
bar-
'Neuntes Kapitel. 4^3
barkeit und einen Grad der Feuerbeftandigkeit
in feinen Begriff von Gold aufuimmt, fo kann
er gewiffe Salze vortragen uncf Folgerungen
daraus herleiten , welche aus diefer Bedeutung
des Worts richtig und deutlich abgeleitet find;
dennoch kann ein Anderer, der diefe Merkma-
le nicht in den Begriff leget , nie gezwungen
werden, jene anzunehmen , und fich. von ih-
rer Wahrheit zu überzeugen,
$. 16.
Diefes ift eine natürliche und faft unver-
meidliche Unvollkommenheit , welche Jeder
faft an allen Worten der Subftanzen in jeder
Sprache entdecken wird, wenn er von den ver-
wirrten und lofen Begriffen zu ftrengeren Un-
terfuchungen übergehet j und er wird dann über-
zeugt werden, wie zweifelhaft und dunkel auch
die Bedeutung derjenigen Worte ift , welche
in dem gemeinen Gebrauche fehr klar und be-
flimmt fcheinen. In einer Gefellfehaft von ge-
lehrten und fcharfünnigen Naturforfchern , wo
ich zugegen war , wurde die Frage aufgewor-
fen : ob irgend ein Saft (liquor) durch die Ner-
venfafern dringen könne? Nachdem der Streit
eine ziemliche Zeit gedauert hatte, und eine
Menge Gründe für und wider zur Sprache ge-
kommen waren, äufserte ich den Wunfeh : man
möchte den Streit einftellen, und zuvor die Be-
F f 5 eleu-
/|5| Diu*« Biiclt,
deotung des Worts Saft unterfueben und fefi>
fetzen; denn mir pflege fich immer bei allen
Streitigkeiten der Verdacht aufzudringen, ak
hätten fie mehr die Bedeutung der Worte, als
ahweichende Begriffe von den Dingen zum
Grunde, Diefer Vorfchlag erregte zuerft all-»
gemeines Erftaunen , und wären diefe Männer
weniger Denker gewefen , er wäre als finnlos
und ungereimt verworfen worden. Jedermann
bildete lieh ein, das Wort genugfam zu verlie-
ben ; und in der Tbat ilt es auch keines von
den verwickeltften, Unterdeffenliefsen fie lieh
doch den Vorfchlag endlich gefallen , und die
Unterfuchung wies aus , dafs die Bedeutung
tliefes Wortes nicht fo gewifs und beftimmt war,
als Ge fich eingebildet hatten, und dafs Jeder
einen verfchiedenen zufaminengefeUten Begriff
damit verbunden hatte. Nun fahen fie ein, dafs
der Hauptpunkt ihres Streits nur auf der Be-
deutung eines Worts beruhete. Sie waren faft
völlig einverftanden, dafs eine gewifle feine
flüffige Materie durch die Nerven dringe, nur
konnten fie fich nicht darin vereinigen , ob
diefe ein Saft (Liquor) oder nicht zu neu neu
fey.
$. i7-
Ich werde an einem andern Orte Gelegen-
heit zu der Bemerkung finden , dafs diefes
meiftentheHs in den hitzigften Streitigkeiten
der
Neuntes Kapitel, 4??
der Fall ifh Wir wollen hier nur rtocb etwas
bei dem Worte Gold flehen bleiben , um zu
zeigen » wie fchwer eine fcharfe Beftimmung
feiner Bedeutung ift. Ich fetze als eiuverftan-
den voraus, dafs darunter ein Körper von ei-
ner gewiffen gelben glänzenden Farbe verftan-
den wird — der erfte Begriff, den Kinder
mit diefem Worte verbinden. Andere entdek-
ken aufser der Farbe auch die Schmelzbarkeit
als Eigenfchaft diefer Materie, und fetzen dar-
aus ihren \ Begriff von Gold zufammen. Hier-
durch werden alfo alle Subftanzen, welche die*,
glänzende gelbe Farbe befitzen, und die das
Feuer zum Schmelzen bringt, unter diefen Art-
namen zufammengefafst, und alle diejenigen aus-
gefchloffen, welche das Feuer in Afche ver-
wandelt. Ein anderer feizt aus demfelben
Grunde das Gewicht hinzu, und hält den vo-
rigen Begriff für unvollftändig. So gehet es
mit allen übrigen Eigen'chafteu. Und niemand
kann einen Grund angeben, warum einige von
diefen in der Natur unzertrennlichen Eigen-
fcbaften als wesentliche in den Betriff aufge«
nommen und andere davon ausgefchloffen wer-
den, warum z, B, die Auflösbarkeit in Gold-
waffer nicht eben fo gut als die Schmelzbar-
keit diefe Art Körper beftimmen foü; denn ei-
ne ift fo unzertrennlich vom Golde als die an-
dere, und beide find nichts als Verbältnifle za
andern Körpern , welche mit verfcbiedenen
Ff 4 Kräf-
456 Drittes Buch.
Keiften auf das Gold wirken. Oder aus wel-
chem Rechte käme die J>chmp!zbarkeit dazu,
einen Theil d'-s ^ efens, die Auflösbarkeit hin-
gegen nur eine eigenthümliche Kefchaffenhcit
des Goldes zu hedfLhnV V\ arum ioll die Far-
be znm \y t fen , die Schlagbarktit zu den ei-
gen hümliehea ßefchaffenheiten gehören ? Ich
denke hierüber fo. Alle diefe Merkmale find
nur eigenthümliche , von dem realen Wefen
abhängige Bestimmungen , und entweder lei-
dende oder thalige Vermögen in Beziehung auf
andere Köiper. Es iftalfo kein Grund vorhan-
den, die Bedeutung diefes Worts auf den Inbe-
griff diefer oder jener Merkmale einzufchrän-
ken , und fie mufs daher nothwendig ungewifs
bleiben. Denn verfchiedene Menfcheu beob-
achten auch verfchiedene eigene Merkmale an
einer Subftanz; aber keiner dürfte fie wohl
alle entdecken.
§. 18-
R e f u 1 t a t e.
Aus dem Gefagten läfst Geh leicht eine der
obigen Bemerkungen ableiten, nthmlich : dafs,
und aus welchen Gründen, die Worte für
einfjehe Vor ft eilungen am wenig-
ften IMifsverftändnilfen ausgefetzt
find. Sie bezeichnen nehtnlich nur einzelne
Vorftellungen, welche leichter gefafst und treuer
be-
Neuntes Kapitel. 457
behalten werden können, als zufam mengefetzte.
Daher find diefe Worte von keiner folchen un-
gewißen Bedeutung, als gewöhnlich den Wor-
ten für Subftanzen und gemifchte ßeftimmun-
gen anhängt, da man fich bei denfelben über
die beftimmte Zahl von einfachen: Vorftellun--
gen , welche ihren Inhalt ausmachen follen,
nicht leicht vereinigen kann, und das Ganze
fchwerer zu behalten ift. Daun werden fieauch
auf kein anderes Wefen , als die Vorftellung,
bezogen, welche ihr« unmittelbare Bedeutung
ift; diefe Beziehung macht aber die Bedeutung
der fubflanziellen Worte fo verwickelt. Wenn
die Worte nicht verkehrt und Mbfichtlich zu
Selbfttäufchungen gebraucht werden, fo ver-
kennet nicht leicht jemand in einer ihm be-
kannten Spracheden Gebrauch und die Bedeu-
tung der Worte für einfache Voritellungen, z.
B, weifs, füfs , gelb, bitter; ihr Sinn ift fo
einleuchtend, dafs man ihn eniwcHlerfogleicb.
vollkommen fafst, oder fich bewuist wird, ihn
nicht zu verftehen.
§. 19.
Nach derTelben Regel ift die Bedeutung
der einfachen Beftimmungen nächft
den einfachen Vorftellungen am we-
nig ften zweifelhaft und ungewifs.
Vorzüglich gilt das von den Beftimmungeu der
F f 5 Fi-
458 Drittes Buch.
Figur und der Zahl, deren Begriffe außeror-
dentlich klar u 'cutlich find. Werhatwohl
je den Sinn von fi eb en und einem Trian -
gel inifsvcyftanden, wenn er nur die Worte
verftai.i .1 / UeLeihaupt find die Worte der we-
niger zufaiuraengefeu-n B. griffe in der Regel
auch weniger zwtifelhaft.
§. 20.
Die Woarte der nicht fehr zufammengefetz-
ten gemifchteia Beftitnrnungen find daher ge-
wöhnlich nicht fehr unbeftimmt; hingegen iß
die Bedeutung derer, welche fehr zufammen-
gefetzte bezeichnen, in der Regel fehr fchwan-
kend und zweifelhaft. Aber noch weit unvoll-
fcommner. find die Worte für Subftauzen, vor-
züglich in ihrem philofophifeben Gebrauche,
§. 2r.
Inwiefern diefe U n Vollkommen-
heit den Worten beigelegt wird.
Da die Unvollkommenheit der Worte für
SubU^zer gröf<tentheils von dem Mangel un-
ferer Erkenatnifs und von dem Unvermögen,
das innere Wefen der Subftanzen zu ergründen,
herrührt, fo wird es wahrfcheinlich befremden:
warum ich f ie doch mehr den Wor-
ten, als dem Verftande beim eile, Die-
f«
Neuntes Kapitel. 459
fer Einwurf fcheint fo gerecht zu feyn, dafs
ich nothwendig mein Verfahren rechtfertigen
mu^s. Ich geftehealfo, dafs , als ich diel'es
Werk begann, und auch nachher noch, die Be-
trachtung der Worte ganz und gar nicht für
meinen Zweck nothwendig erachtete. Als ich
aber von den einfachen Vorftellun^en und ih-
rer Zufamrnenfetzung gehandelt hatte, und im
Begriff war, den Umfang und die Gewifsheit
unferer Erkenntnifs zu unterfuchen , Fo ent-
deckte fich der enge Zufammenhang zwifchen
der Erkenntnifs und den Worten, und daf» fich
über jene kaum etwas Beftimmtes fagen lalle,
wenn man nicht vorher über den Werth und
Bedeutung der letztern richtig nachgedacht ha-
be. Die Erkenntnifs hat die Wahrheit zum
Gegenftande und immer mit Sätzen zu thun ;
und wenn fie fich auch auf Dinge beziehet, fo
v gefchiehet es doch meiftentheils vermittelft der
Worte. Diefe können daher kaum von unfe-
rer Erkenntnifs getrennt werden ; zum wenig-
ften treten fie fo fehr in die Mitte zwifchen
unfern Verftand und der Wahrheit, die man
erkennen will, dafs ihre Dunkelheit und fehler-
hafte Befchaffenheit nicht feiten, wie bei den
Gefichtsempfindungen das Medium, das Auge
des Verftandes umnebelt und berückt. Wenn
wir erwägen , welchen grofsen Antheil die
Worte und ihre unfichere Bedeutung an den
Täufchungen und Mifsverftändniffen in Begriffen
und
460 Drittes Ruch.
und Streitigkeiten haben, fo müffpn wir darin
kein geringes Hiinlerni's für den Fortgang (1er
Eikenntnifs finden, und uns um fo forgf dtiger
davoi warnen lafTen, da die Menfchen, anltatt
diefes Hindernifs mit allen nachtheiligen Fol-
gon zu beachten , vielmehr auf Künfte gedacht
hab^u, es noch zu vermehren, und diefe Kün-
fte fogar den Ruhm der Gelehrfamkeit und des
Scharf finnes davon getragen haben. (S. lo,
Kapitel, §.7~ '3) Wenn die Unvollkorn-
menheiten der Sprache, als eines Erkenntnifs-
miüels , reiflicher erwogen würden, fo dürfte
wohl, wie ich denke, ein grofser Theil von
Streitigkeiten , welche in der Welt fo viel Ge-
raufch machen , von felbft aufboren, und der
Weg zur Erkenntnifs, \ ielleicht auch zum Frie-
den, grofsentheils geebneter feyn.
§. 22.
Folgen daraus für die Erklärung
alter Schrift ft eller.
So viel ift wohl gewifs , dafs Menfchen
von einer Sprache und ans einem Lande fchon
unvermeidliche Schwierigkeit»» finden muffen,
die beftimmte Bedeutung der Worte ihrer
Sprache zu finden,- da diefe fo fehr von dein
Denken, Gefichtspunkt und Begriffen des Spre-
chenden oder Schreibenden abhängt. Einen
augenfcheiulichen Beweis davon liefern die
grie
Neuntes Kapitel» 461
griechifchenSchriftfteller. Wenn man fie durch-
lieft, fo findet man zwar durchgehend diefel-
ben Worte, aber bei jedem eine andere Spra-
che. Wenn aber zu diefen in der Natur ge-
gründeten Schwierigkeiten einer jeden Lan-
desfprache noch die Verfchiedenheit des Lan-
des und die Entfernung des Zeitalters kommt,
worin die Sprechenden und Schreibenden ganz
andere Sinnesarten, Begriffe, Gewohnheiten,
Ausfchmückungen und Wendungen der Spra-
che hatten, fo würde die Kenntnifs diefer uns
jetzt unbekannten Umftande , die fo grofsen
Einflufs auf die Bedeutung der Worte haben,
fehr wohlthätig bei Erklärung der alten Schrif-
ten werden , welche, ungeachtet ihr richtiges
Verftändnifs uns fo fehr intereflirt , dennoch
allen unvermeidlichen Schwierigkeiten der Spra-
che unterworfen find. Keine Sprache kann,
wenn man nicht alle Ausdrücke entwickelt,
den Sinn und den Zweck des Sprechenden
dem Zuhörer offenbaren , ohne einigen Grad
von Zweifel und Ungewifsheit zurückzulaffen,
die Worte für die einfachen VorfteUungen und
die gewöhnlichen Dinge des Lebens etwa aus-
genommen. Diefe Schwierigkeit ift am be-
deutendften bei Abhandlungen von fo wichti-
gem Interefle, als Religion, Moralität und Ge-
setze find.
$• 23.
fSp JJiiuoä Buch.
Die Werke der Erklärer des alten und neu-
en Teftaments find die fprechendften Beweife
davon. Alles, was der Text enthält, ift un- •
trü^üch wahr; und doch kann, ja mufs der
Lefer oft in der Erklärung deiTelben irren.
Und es ift utn fo weniger befremdend , dafs
der Wille Gottes, in Worte eingekleidet, eben
den Zweifeln und der Ungewifsheit unterwor-
fen ift, welche von jeder Sprache unzertrenn-
lich ift, da fein Sohn in Menfchengeftalt allen
Schwachheiten und Ungemach der menfchli-
chen Natur, die Sünde ausgenommen, ausge-
fetzt war. Wir follten vielmehr feine Güte
preifen , dafs er fo leferliche Züge feiner
Werke und Vorfehung vor der ganzen Welt
aufgeftellt hat, und jedem Menfchen fo viel
Licht der Vernunft gegeben hat, dafs auch die-
jenigen, zu denen fein gefchriebeues Wort nie
kam , fich fowohl von dem Dafeyu {Gottes , als
von den Pflichten gegen ihn überzeugen kön-
nen , wenn fie ernftlich darnach forfchen.
Weil nun die Vorfchriften der natürlichen Re-
ligion fo klar, fo allgemein verftändlich und
fo wenig ftrittig; die geolfenbarten Wahrhei-
ten hingegen, welche uns durch die Schrift-
fprache mitgetheilt werden, allen natürlichen
Unvollkommenheiten der Dunkelheit und Un-
gewifsheit unterworfen find , welche Worten
Neuntes Kapitel. 4^3
gewöhnlich anhängt, fo möchte es uns viel-
leicht nicht übel anltehen , wenn wir in Beob-
achtung der erltern raehrern Ernft und £ifer
bewiefen und mit weniger Dünkel und Herrfch-
fucht unfern eignen Sinn in die letztem hin»
eintrügen.
Zehntes Kapitel, j
Mifsbrauch der Worte.
S* i.
/»nfrer der natürlichen Unvollkommenheir,
der beinahe unvermeidiichen Dunkelheit und
Verwirrung in dem Gebrauche der Sprache,
machen fich die Menfchen noch mancher vor-
fätzlichen Fehler und mancher Nachlafrigkeir.
fchuldig, wodurch die Bedeutung der Gedan-
kenieichen noch dunkler und undeutlicher
wird , als üe ihrer Natur nach feyn könnte.
S. a
i|64 Drittel Buch.
** §. 2.
Gebrauch der Wo'rte ohne alle
oder ohne b e ft i in iu t e Bedeutung.
Der eifte und auffallendfte Mifsbrauch ift
der Gebrauch der Worte ohne klare und be-
fummle Vor ftellunsen , oder was noch fchlim-
mer ift, ohne alle Bedeutung« Er ift aber
von zweierlei Art.
I) Es giebt in jeder Sprache gewiffe Worte,
welche, wenn man ihrem Urfprung und ih-
rem eigentlichen Gebrauch nachforfchet, keinen
klaren und beftiramten Sinn hatten. Meiften-
theils find diefe durch verfchiedene Seelen in
der Religion und Philofophie eingeführt wor-
den Ihre Stifter und Verbreiter unterlailen
feiten , neue und zwar folche Worte zu prä-
gen , welche man nach genauerer Unterfuch-
ung mit Recht bieutungslofe A us d r ü Ic-
ke nennen kann, theils aus Hang nachdem
Sonderbaren und Ausgezeichneten , theils um
darauf fonderbare Meinungen zu gründen,
theils um die Schwächen ihrer Hypothelen
zu verbergen. Sie knüpften entweder an diefe
Worte ihrer Erfindung eine unbeftiinmte Zahl
von Vorftellungen , oder wenigftens folche,
welche nach näherer Unterfuchung unzulam-
inenhängeud befunden werden miüleu, DiefQ
Wor-
Zehntes Kapitel. 4f>5
Worte bleiben nachher in dem gemeinen Ge-
brauch derfelben Partie nur leere wenig be-
deutende Töne, zumal bei denjenigen , wel-
che nichts anders zu taim haben, al?;.üe in der
Eigenfchaft unterfebeidender Merkmale ihrer
Kirche oder Secte beständig im Munde zu füh-
ren, ohne über ihren benimmten Inhalt müh-
fam nachzudenken, Utifpiele davon zu famm-
len ift unnöthigj Leetüre und Umgang bieten
he Jedem in Menge dar; und wer will , kann
bei den Scholäßiketn »;ncl Metaphyfikern (wor-
unter auch die ffreitfücbtigeÄ ^3tur und ?.!o-
ralphilofopben diefer Zeit gehören) weiche
die gröfsten Meiner in diefer Wortmünzerei
und, noch, einen gröfsern Vorrath finden.
C r*
§« 0.
2) Andere treiben diefen Mifsbranch noch,
weiter, indem fie nicht nur wenig darauf ach»
ten , ob fie Worte iu das Gedächmifs iaiFen
mit denen gleich anfänglich kaum eine deut-
liche Vorftellung verbunden war, londern auch
mit unverzeihlicher Nachlafhgkeit , folche
Worte, an die der Sprachgebrauch wichtige
Begriffe geknüpft bat,, gewöhnlich ohne Sinn
gebrauchen. Weisheit, Ruhm, Gnade
find Worte, die man von allen Seiten hört;
v.Tnn man aber nach dem Sinn derfelben fra-
gen follte, fo würden gewifs nur wenige et«
Locke's. H, Theil. G o was
466 Di in es Buch,
was darauf zu antworten willen , ein Beweif
dafs Ge mit dii Ten gelernten und fo e<'
Lauten doch keinen deutlicheu mfllbettbare
Begiiil in ihrem Verftande verbunden haben, t
§. 4-
Veranlaffung zu die lern IVlifs
brauch.
Die MenCchen werden von Jugend auf gc
wöbnt, Worte zu lernen und zu bebalten,
ehe fie die daran geknüpften Vorftellimgen
kennen oder felbft gebildet haben. Dieles
fetzen fie ihr ganzes Leben hindurch fort, ge-
brauchen Worte für ihre fchwankeuden und
verwirrten Vorftellungen ohne weitere müh-
fame Beftimmung, und es ift ihnen genug,
wenn fie dtefelben Worte ausbrechen , deren
fich andere beJienen , gleich als wenn der
Laut nothwendig sund unverändei lieh denfel.
ben Sinn herbeiführte. Zwar behelfen fie Geh
damit in den gewöhnlichen Angelegenheiten,
wo fie das Bedürfnifs fühlen, verftanden zu
weiden , und fie bedienen fich derfelben Zei-
chen, fo lange als fie den Zweck erreichen;
allein, wenn fie über ihre eigenen Meinun.
gen oder Vortheile räTonniren, fo wird ihre
Rede eben deswegen mit einem leeren und un«
verftändiiehen Wortfchvvall angefüllt, vorzüg-
lich
Zehntes Kapitel. 467
lieh in moralifehen Materien , wo die Worte
gröfstentheils willkührliche und fehr zufam-
mengefetzten Begriffe bedeuten, für welcha
die Natur kein unveränderliches Object darbie-
tet , dafs man gewöhnlich nur an die blofsen
Sprachzeichen denket, oder doch nur dunkle,
fch wankende Begriffe daran bindet. Die Men-
fchen entlehnen die Worte, die fie bei ihren
Nachbarn im Umlaufe finden, und gebrauchen
fie keck ohne mühfames Nachdenken über
ihren Sinn, um nicht den Schein zu geben,
als wüfsten fie denfelben nicht. Hierdurch er-
halten fie auffer der Bequemlichkeit noch den
Vortheil, dafs, fo wie fie in ihren Räfonne-
ment feiten Recht haben , fie eben fo wenig
von dem Gegentheil überführt werden können.
Denn Menfchen , die keine feiten Begriffe ha-
ben, aus Irrthümern herausreifsen wollen , und
Landläufer aus ihrem Wohnfitze verjagen, iß
eins,
§• 5-
Veränderlicher Gebrauch der
Worte.
II. Ein anderer bedeutander Mifsbraueh
der Worte ift die Veränderlichkeit in
dem Gebrauche derfelben. Es wird nicht
leicht eine Schrift geben , vorzüglich wenn fie
polemifch ift, worinn man nicht nach auf
Gg 2 merk-
I<
Xjgg Drittes Ruch.
merkf.u:ier Durchlefnng Sftden Tollte,, dafs die
hlben Werta (meiÜenUr i's (Ke wibhl
auf denen die ganze Sache beruh l) verfchiede
ne Begriife bezeichnen. Die .'s ift aber eil
Bflift brauch im eigentlichen S'irsne. Denn wem
die Worte Zeichen meiner \ oilitllungen feyi
fallen *, um he amhrn zu offenbaren* und da: i
nicht durch ibre natürliche tung fori
detn durch wiiikühriirhe Veibindung , fo if
■es ein Mibb>auch und .Betrug, wenn ich durch
fie ball diei'e bald jene Sache ausdrucke. Wei
c wifentlich thut; der macht lieh einer grof
fco I'borheit oder einer noch groTsern Unred
Henkelt fchuldig. Es wäre zum wenigßei
ein eben fo unredliches Betragen, als wenn
einer in feinen Rechnungen mit andern ein
Zahlzeichen bald für diefe bald für jene Zahl»
fetten wollte. Wenn einer in Ge chäften die j
g bald für 7 bald für g gebrauchte, wie es fein
Vu.tlu il verlangte, fo würde er Geh bald einen t
von den zwei verhafstefien Namen zuziehen,
und niemand würde gerne mit ihm zu thun
haben wollen. Gleichwohl gilt daffelbe Ver«
fahren in gelehrten Abhandlungen und Streitig-
keiten für Witz und Gelehrfamkeit ; allein mir
fcheint es unmoralifcber uut\ ein grösserer Be-
trug zu feyn, als wenn man die Zahlen in einer
Schindrechnung abfichtlich aus ihrer Stelle
verrückt, weil die Wahrheit von grofsernWerth,
und lnieteffe, als das Gehl ift»
- $. 6".
Zehntes Kapitel. 4^9
§. 6.
Ab fichtlich gefachte Dunkelheit.
III. Ein anderer Mifsbrauch iit che ab-
"ichtliche Dunkelheit theiis durch den
Gebrauch alter Worte in einer neuen unge-
wöhnlichen Bedeutung, theüs durch die Ern-
ährung neuer zweideutige* Ausdrücke ohne
Weitere Erklärung , theiis endlich durch eine
olche Wortverbindung, diis die gewöhnliche
Bedeutung verdunkelt wird. Die peripate-
ifche Schule hat fich von diefer Seite am
neillen ausgezeichnet, doch find die andern
philofophifchen Seelen auch nicht ganz rein
iavon giblieben. Ihre Syfteme find faß alle
nit Schwierigkeiten verwickelt; fie fuchten
liefe durch dunkle Ausdrücke und durch Ver-
wirrung der Bedeutungen der Worte zu ver-
keken, und dadurch che Augen anderer Men-
chen in Nebel zu hüllen, hinter welchem man
lue Blöfsen nicht entdecken fohte. Es kofiet
nicht viel Nachdenken , um einzufallen , dafs
lie Ausdrücke Körper und Ausdehnung
zwei verfchiedene Begriffe bezeichnen. Denn
hätten fie einerlei Sinn, fo müfste die Wort-
verbindung, der Körper einer Ausdeh-
nung eben fo fchiklich und verltändlfch als
folgende: die Ausdehnung eines Kör-
Ipers, feyn. Gleichwohl giebt es Leute, wel-
che ein Intereße darin finden, beide Bedeutun-
Gg 3 gen
470 Dritte« Buch.
gen zu vermengen. Die ' ogik nebft anderr
WißVnfchaften hat durch ihre Behandlung in
den Schulen diefem Mißbrauch und dem l i.
w( T'ii , die Bedeutungen der Worte zu \ et
wirren , An Tehen verfchaft ; die natürliche
Unvollkominenheit der Sprachen ift durch
die bewunderte Disputirkunlt vermehrt wor-
den. Denn he läfst hch nicht nur dazu brau-
chen, den Sinn der Worte zu verwirren , fon-
dern he giebr auch mehr da^u, als zur Erkennt-
nis der Wahrheit, Anleitung. Wenn man da
her einen Blick in diefe Art Schriften thut,
fo findet man die Worte writ dunkler, un»e-
wiiler und unbeliimmter, als in dem gemeinen
Leben«
§. 7-
Die Logik und Difputirkunft trägt
viel zu diefem M i ('s brauche bei.
DieTes wird allezeit das unvermeidliche
Schickfal feyn , wo tnenfehliches Wiflen nach
der Geschicklichkeit im Disputieren gefchätzt
wird. Und wenn dieTe Eroberungen , welche
grüfstentheils von Subiilitär und Spitzfindig-
keit der Worte abhängen , Ruhm und Ehre
begleiten, fo darf mau fich nicht wundern,
wenn ein folcher Gebrauch des Verbandes die'
Bedeutung;.der Worte Tu veiwirret, verwickelt
und
Zehntes Kapitel. 471
und auf die Spitze fiellt, dafs man immer etwas
zu fagen findet, man mag einen Satz verthei-
(iigen oder bestreiten, indem der Sieg nicht dem,
der die Wahrheit auf (einer Seite hat, fondern
dem, der das letzte Wort im Streite behält, zu-
erkannt wird.
$. 8.
Diefe unnütze und, wie mir Tcheint, jedem
Wege zur Erkenntnifs gerade entgegengefetz-
te Kunft hat gleichwohl bisher den ehrenvol-
len Beinamen des Scbarffinnes, den Beifall der
Schulen und die» Aufmunterung eines großen
Theils der Gelebt en zu erwerben gewufst.
Doch dies ift nichts Unerwartetes, Denn die
alten Phiiofophen, (ich meyne die ftreitfüch-
tigen, welche Lucian mit eben fo viel Witz
und Spott, als Gründlichkeit geifselt) und die
neuen Scholaftiker fachten durch ihre grofse
und allumfallende Wilfenfchaft , die (ich eher
voifpiegeln als wirklich erwerben läfst, nur
Ehre und Ruhm zu gewinnen, und fanden in
jener Kunft ein gutes Mittel, unter ein fonder-
bares und undurchdringliches Gewebe von ver-
wickelten Worten ihre Uuwifleijheit zu ver-
decken, und durch unverftändliche Ausdiück«j
de je weniger man fie verftand, defto mehr
15 wunderung fanden, Auffeben b*i andern
zi erregen. Indellen zeigt die Gefchichte, dafs
Gg 4 diefe
*,"ti Drittes Buch,
di.fc tieflinnigeh W'ifPrr weder weifer noch
.eher als ibre Nebenmenl'cheu waren, \:ni
um da* menfcbjiiche Leben und die Gefeil*
fchaft.in der fie lebten, (ich nur wenig Wrdienft.
erwarben. Oder foüte man die Erfind
neuer Worte, die auf k-ine n?ue Gegeifrftände
des Denkens hinweifen, die Verwirrung und
Verdunkelung der Bedeutung 3lter, und die
Verbreitung cles Zweifels und der Sireitb
über alle Gegen.ftände für etwas der Menftli-
heit V'orih' jjijjft-s, der Ei:.^i\hlung und d§r
Belohnung Würdiges hallen?
Denn nicht diefen gelehrten Streitern un<!
a'.leswifler.den Lehrern haben die Staaten Ruhe,
Verteidigung und Freiheit zu verdanken, fon-
dern dein unfcholaftifchen Staatsmann , nnd
von ungelehrten, verachteten Handwerkern
erhielten fie die Cuhur nützlicher Kaufte. Uri-
terdeffen nahm doch in dem letzten Zeitalter
(liefe kunftmäfsige Unwiffenheit und dic'fer ge-
lehrte Wirrwarr durch das Interelfe und die
Ränke derjenigen fo fehr überhand, welche
auf keinen» leichteren Wege den höchften Gip-
fel ihres Anfehens und ihrer Henfchaft errei-
chen konnten , als wenn fie Gefchäftsmänneri
uud Unwillendeu mit fchweren Worten eil
Gai-
Zehntes Kapitel. 473
Cäukelfptel vormachten, ariifsigt und denken-
de Köpfq in verwirrte Streitigkeiten über un-
verftänd liehe Sat zo vervricl'elten , und in die-
fem Labyrinthe unaufhörlich ^verftrickt erhiel-
ter». Ungereimte Lehren können überdem
nicht endcrs als hinter der Schutzwehr einer
iVTenge dunkler, zweifelhafter, ur.bsftimmter
Worte Lhn5r°.n^ firdeu, und verlheidiget wer-
den. Diefe gelehrten Verfr.hanzungen Jgeben
jedoch mehr d^s Anfehen von einer Räuber-
hö!e, als einer Veftung für brave Krieger, und
he find nicht fowohl durch ihre natürliche
Stärke, als durch eine undurchdringliche Hecke
von Dornen und Gefträuch , die de von allen
Seiten umgeben, unüberwindlich. Denn Un-
wahrheit ift dem menfshlfc-hrn Verfhnde nie
willkommen, und die Unverrr.n-t kann nur
a'.lciu in der Dunkelheit Schutz finden«
§. io.
Auf diefe Art wurde diefe gelehrte Unwif-
fenheit und die Runll, feibfiuenkende Köpfe von
der Erkenntnis entfernt zu halten, in der Welt
mehr verbreitet, und Ge verwirrte den Ver-
ftand , wahrend fie vorgab, ihn aufzuklaren.
Denn wrirfehen, dafs gutdenkende, verftändi-
£e Männer, ohne durch Erziehung und eige-
r.es Talent diefe Spitzfindigkeit erreicht zu
haben» fich. verständlich gegen einander aus-
Og 5 drück«
/
4~4 Drittes Fiiicli.
drücken, und eben darin eine Wohli hat der
Sprache findeu. Allein obgleich Ungelehrte
die Worte weif« und fchwarz fehr gut verfte-
hen , und damit zwei verfchiedene \7ori'[eI! lin-
ken beftändig verbinden , fo fanden fich doch.
PhiloJii plres . welche nach ihrem Scb.arf.inn
und Einficht beweifen wollten , der Schnee
fey fchwarz., d- i, VV e i fs f e y S c h wa r z.
Welcher Vortheil konnte dadurch erreicht
weiden, als das Hülfsmittel zum Denken, zur Un-
terhaltung, Belehrung und Gefelligkeit zu zer-
nichten , durch übergTüfse Kunft und Subiili-
tät die Bedeutung der Worte zu verwirren und
die Sprache weniger brauchbar zu machen, als
fie s bei ihrer bios natürlichen Unvoükommen-
heit f- yn könnte. Ein Vortheil, deflen die
Fwchtgelehrten freilich entbehren muffen.
§. n.
• Die Bildung des Verbandes und das practi-
fche Leben gevsinnt durch folche Gelehrte un-
g fähr eben fo viel, als durch die Erfindung
jenes Mannes, der, um die Uebcrle^ enheit fei-
nes Verftandes über den genieinen einfältigen
Mann zu beweifen, gelernt hatte, die Bedeu-
tung der bekannten Schriftzüge zu verändern,
und zu nicht geringer Bewunderung und Er-
b.uiung feiner Lefer A fürB, D für E zu fetzen.
Diefte Verwechfelung ifi fo Cnnlos, als der Ge-
brauch
Zehntes Kapitel. 475
brauch eines Worts, an welches eine beftimm-
te Vorftellung geknüpft ift, 7. B. VVeifs, für ei-
ne andere oder die enfgegengefetzte.
§. 12.
Diefes Unwefen blieb nicht bei legirchen
Sub.ilitäten und leeren Speculationen ftehen j
es hat (ich über aües verbreiten, was die Menfch-
heit intereflirt, die Wahrheiten der Rechtswif-
feufchaft und Theologie verdunkelt, Verwir-
rung , Unordnung und Ungewißheit in die
menfehlichen Angelegenheiten gebracht und
die zwei grofsen Grundpfeiler des menfehlichen
Lebens, Religion und Gerechtigkeit, wo nicht
umgeftürzt, doch gröTstentheüs unbrauchbar
gemacht. Welchen Gewinn haben die meiften
Erklärungen und Streitigkeiten über göttliche
und i.«enfchliche Gefetze der Weh gebracht,
als ihren Sinn dunkler und verwickelte! zu ma-
chen? Hatten die vervielfältigten lnarfchatfen
Unterfcbeidungen und Spitzfindigkeiten einen
andern Erfolg als Dunkelheit und Ungewifs-
heit , wobei die Worte immer unverbindlicher
werden, der Leferimmer tiefer verwickelt wird ?
Kommt es nicht daher, riafs die Fürüen, wenn
fie an ihre Diener fchreiben , oder mit ihnen
fprechen , oder etwis gewöhnliches befehlen,
leicht verftanden werden, aber nicht, wenn
fie in Ge.etien zu ihrem Volke fprechen? Und
ilt
)~6 es Euch,
ift es nicht ein gew ohniicher Fall , dafs ein
hlann von gewöhnlichem Vcrftande eine Schrift -
ftellc oder ein Gefeiz richtig verhehl, bis er ei-
nen Ausleget oder einen Gerichtshof zu Käthe
zieht, welch«, wählend fie die Stellen eTklä-
t i, c'it.- -A orte entweder nach Belieben deuten,
oder gar alles Sinnes berauben 2
§. I«
Ich will hior nicht unter'uchen , ob diefe
Stünde der Gelehrten etwa ein NebenintercfJe
dabei hatten, fondern ich bitte nur, zu beher-
zigen, ob es nicht für«Menfchtfii, deren Inte-
reffe darauf beruhet, die Dmge zu erkennen
wie fie find, zu thun, was fie ihun füllen und
nicht ihr Leben in thntenlo'tn Gerede zu vef
fchw'enden oder mit den Worten v. ic mit einem-
Balle zu fpielen , ich Tage, ob es nicht für diefe
IMenfchen gut wäre, wenn der Grbrauch der
Woite an Beftiwmtheit und Deutlichkeit ge-
wönne, wenn die Sprache, deien Zweck Be-
füiderung der Erkenntnifs und Gefeiligkeit ift,
nicht dazu angewendet würde, die Wahrheit
/! verdunkeln , die Menschenrechte umzuftür-
teti, Religion und Moralität zu umnebeln und
dem Lichte des Verftandes zu entrücken; ob
nicht wenigftens/, wem fo etwas gefchähe, es
mit dem Titel der Gelehrsamkeit und Einficht
Eicht geftempelt werden follte?
§. 14.
Zehntes Kapitel. 477
§• H- v
Es i ft ein M i f s b r a u c h , wenn man
die Worte für die Dinge felbft
nimmt.
IV. Ein anderer grorserMifsbraucb beftehet
•darin , dafs man die Worte für die
Dinge nimm.t; und er kar^n in einem ge-
witfen Grane bei allen, vorzüglich aber docli
bei den fubftanxie'len Worten , vorkommen»
Diejenigen Menlchen begehen ihn am leichte-
rten ', welche ihre Gedanken auf ein Syfterö
eiafchrneken , und einen zu ftarkeu Glauben
an die Vollkommenheit irgend einer angenom-
menen Hypothefe haben, wodurch leicht die
Ueberredung entlieht,, als ertfprächen dieKunft-
worto einer Sccte der Natur der Dinge als hät-
ten fie ob jeeti veRerdit.lt. Ifi wohl einer in der
peripatetifchen Philolbphia aufgev/achTen, der
nicht die zehen Wösrte, unter welche die zehn
Prädicarnente geordnet find , für Etwas der
Natur der Dinge vollkommen etitftu eckendes
halten folite.? Wer gehört zu die Ter Schule,
ohne mit inniger Uebcrzeugung die fubftanziel-
len Formen, die vegetative Seele, den Ab-
fcheu vor dem Leeren und die fpecies intentio-
nales für etwas Reales zu halten ? Sie lernten
diefe Worte bei ihrer erden Befchäftigung; mit
den Wifienfchaften, fahen , welches Gewicht
ihra Lehrer und Syfterne darauf legten, und
kann-
\fl Drittes Bticfa.
konnten daher fich nicht von der Meinung
losmachen, als flehten fie etwas objecriv Rea-
les dar. Die Pb'.toniker haben ihre Welt-Teile,
die EpikurjSef ihie Atomen mit dem Streben
räch Bewegung. Kurz, fcft jede Secte der
Philosophie hat eine eigne Reihe von Ausdrük-
keu , welche für andere unverständlich lind.
Diefe unveriländliche Kunft nr.-.clie, welche bei
der Schwäche des menfehiighen V erftandes fehr
brauchbar itt, Unwiffenheit und Irrthum zu be-
mänteln, erhalt dennoch in derlelben Secte
durch den allgemeinen Gebrauch, das Anfehen
von der giöfsten Wichtigkeit und Bedeutung.
Ein aufmerM'amer Lefer philofophifcher
Schäften wird genug Stoff zu der Bemerkung
fiiuiiTi , wie lehr die Worte, wenn lie für ob-
jeetive Realitäten benommen werden, den \ er-
ftand irre führen können, Beifpiele davonge-
hen fehr gemeine Worte, die nicht den gering-
lien Verdacht deswegen erwecken. Wie vie-
le Streitigkeiten hat nicht die Materie veran-
lafst. ;>ls wäre iie eben fo ein reales v#n Körpern
verfchiedenes Ding, als jenes Wort einen von
Körpern verfchiedenen Begriff bezeichnet. Dafs
beide Begriffe vtrfchieden find, iit klar, denn
foult müUte jeder in allen Fällen an des andern
Stelle können gefetzt werden. Allein man kann
wohl-
Zehntes Kapitel.
479
wohl Pagen: alle Körper beliehen aus
einer Materie, ein Körper ift gr ö fser
als der andere, aber nicht, alle Mate-
rie befteht aus einem Körper, eine
Materie ift gHifser, als die andere.
Woher kommt du\res ? Materie und Körper
find nicht real verfchieden , fondern wo das
eine ift , da ift auch das andere; aber gleich-
wohl werden durch diefe Worte zwei verfchie-
dene Begriffe ausgedrückt, wovon der eine
unvollftäudig und nur ein Beftandtheil des an-
dern ift. Denn Körper bedeutet eine diehte
ausgedehnte Subftanz, unter einer gewiden
Form, Materie hingegen fcheint mir eine
dunklere Theilvorftellung für die Dichtheit und
Subftanz des Körpers, abgefondcrt von der
Figur und Ausdehnung, zu feyn. Daher fpricht
nun von der Mateiie immer als einer, weil die-
fes Wort in Wahrheit nichts als die Vorftellung
von einer dichten Subftanz enthält , welche
in jedem Räume einerlei und einstig iff. Man
denkt fich eben To wenig verfchiedene Mate-
rien in der Welt, als verfchiedene Arten der
Dichtheit , aber wohl verfchiedene Körper,
weil Figur und Ausdehnung vieler Modifikatio-
nen fähig find. Da aber Dichtheit ohne Aus-
dehnung und Figur nicht exiftiren kann, fo
mufste die Annahme eines realen Dinges , wel
ches durch das Wort Materie angedeutet wür-
de, noihwendig die dunkeln unveiftändiicuen
Er-
4oO ,.:.ck.
Erörterungen und Streitigkeiten veranlagen,
welche vvir in den Schriften der iun
über die lateiie finden. Ich will l.itr
nicht nntf. lachen, in
bei mehreren allgemeinen Ausdrücken •
fen wird; allein das dari ich wühl behau
daTs es weit weniger Streitigkeiten in der Welt
geben: würde, wenn in ■ nur für
das, was Ge und, für Zeichen unterer Yorftel-
lungen und nicht der Dinge felh t, nähme. Denn
wenn die Materie nichts als ein übject im fers
Denkern ift, fo denken wu blofs über den in
diefem Wortzeichen ausgedrückten Begriff, er
mag einem real exiitirenden Dinge vollftändig.
r entfprechen oder nicht. Und wenn allezeit
die Begriffe beftitnmt würden, welche durch
Worte ausgedruckt werden foilen, fo würde
m?.n bei Eriorfchung und Behauptung der Wahr-
heit weriger Dunkelheit und Streit bemerken)
als jetzt wirklich der Fall ift,
§. 16.
Au' er andern Xachiheilen, inofs clieferMifs-
brauch , wenn er zur üewohtiheit wird, die
Menfcbea nothwendig in Begriffe hinemzau-
bem , welche Och von der V. ler Din-
ge fehr weit entfernen. Es würde g-. Gie-
rigkeit haben, einem die Ueberieägüng beiüti-
bxinges, clai'i a;e Woite, Weiche feinVr.tcr,
Sc
Zehntes Kapitel. 4§i
Schulmeifter. Prediger oder ein anderer geehr-
ter Lehrer gebrauchte, nichts Reales bedeuten.
Hierin li« gt vielleicht keine unbedeutende Ur»
fache, wjrum die Menfchen felbft bei philofo-
phifchen Meinungen, wobei kein anderes In-
terefle al Wahrheit ftatt findet, fo ungerne ih-
re Irrthümer aufgeben. Penn da die Worte,
in welrhp fie eingekleidet waren , (ich in dem
Gedächtnifs Feßgefetzt haben, fo d^rf man fich
nicht Wundern, wenn die daran geknüpften
falfchen Begriffe unbeweglich find,
fc 17-
Es i (l ein Mifsbraüch, wenn man
fie zum Zeichen deffen macht,
was fie nicht bezeichnen kön-
nen.
V. Ein anderer Mifsbraüch der Worte be«
fleht darin, wenn mau i i e an die Stel-
le der Dinge fetzt, welche fie gar
nicht bezeichnen , oder nicht be-
zeichnen können. Wenn wir die allge-
meinen Worte der Subftanzen, deren Nominal-
wefen uns rur aliein bekannt ift, in Urtheile
faffen, und von ihnen etwas bejahen oder ver-
neinen , fö fetzt man gewöhnlich fiillfchwei-
gend voraus, dafs nun die Rede von dem rea-
len VYefen einer Art Subftanzen fey. Wenneitt
Menfch fa^t: Gold läl'st fich durch da$
Lecke'». II, TheiU H h S c h 1 a -
482 Drittes Buch.
Schlagen dehnen, fo will er das nicht
vnndem, was er Gold nennt, verftanden
willen, oh es gleich der einzige mögliche Sinn j
des Satzes ift, fondern er meint damit etwas
mehreres, nehmlich : Gold, d.h. dasjeni-
ge, was das reale Wefen des Goldes
hat, ift dehnbar, welches fo viel bedeu-
tet, als die Dehnbarkeit ift von dem
realen Wefen des Goldes abhängig
und unzertrennlich. Allein daer das reale
Wefen des Goldes nicht erkannt hat. fo kann
auch das Ptädicat Dehnbarkeit nicht mit diefein,
fondern nur mit dem Worte, welches an jenes
Stelle gefetzt ift , verbunden feyn. — WVnn
man fagt : ein vernünftiges Thier fey eine bef-
fere Definition von dem Menfchen , als die:
ein zweifüßiges, uubefiedenes Thier mit brei-
ten Nägeln, fo fetzt man offenbar voraus, dafs
das Wort Men'ch in diefem Fall das reale Wefen
einer Gattung bedeute, und man will damit
fagen, daTs das reale Wefen durch die erftere
Definition beffer, als durch die zweite befchrie-
ben werde. Denn warum hätte nicht Plato
mit eben dem Recht das Wort av-9-^wJro; zum
Zeichen feines zufaininen°efeizten Begriffs von
einem durch eine gevvilfe Geflalt und andere
äursere Merkmale von andern unierfcbiedenen
Körper machen können, als Ariltoteles damit
einen Begriff bezeichnete , der aus den Merk-
malen Körper und Vernunft 2ufammengefelzt
war.
Zehntes Kapitel. 435
war, wenn man nicht vo ausfetzte, das Wort
bedeute etwas anders, als was es bedeutet, und
es vertrete die Stelle eines andern Dinges, als
desjenigen Begriffs, den Jemand nach feiner ei-
genen Erklärung damit anzeigen will*
& 18.
Freilich würden die Worte der Subfranzen
Von wichtigern Gebrauch, und die daraus ge-
bildeten Sätze von gröfserer Gewißheit feyn>
wenn das reale VVefen der S.ibftanzen der Be-
griff des Verftandes wäre, und durch jene Wor*
te bezeichnet würde Die Worte gewähren
wegen diefes Mangels fo Wenig Ke::ntnifs und
Gewifsheit in dem Räfonnpment von Subßan-
zen; und um diefe Unvollkommenheit fo viel
als möglich zu entfernen, macht fie der Ver-
ftand durch eine dunkle Voraus etzung zu Zei-
chen desjenigen Dingps, welches diefes reale
Wefen hat , als käme er demfelben daduich.
näher. Die Worte Menfch oder Gold be-
deuten eigentlich nichts als einen zufammenge-
fetzten Begriff von Eigenfchaften , welche in
einer Art Subftanzen vereiniget find. Dennoch
gebraucht feiten Jemand diefe Worte ohne die
Vorausfetzung, dafs fie dasjenige Ding bezeich-
nen, welches das reale Wefen hat, von dem,
diefe Eigenfchaften abhängen. Hierdurch
wird aber die Unvollkommenheit diefer Worte
Hb 2 U
484 Drittes Buch.
To wenig vermindert, dafs Ce durch dieTen ol-
fenbarenMiu brauch mir noch mehr vermeinet
wirdj denn v\ \s nicht in dorn Begriffe entfial-
iei Üann auf keine Weife üurdi das (VoH
bVzdiclinel werden«
U 19.
Daher die V o * ft e U u n g , dafs nicht
jede Veränderung in den Bp grif-
fen der Suh (tanzen auch die Gat-
tung und Art andere.
Hieraus erhellet die Urfache, warum bei
gemifchten Beftimmuugen die Au laffung oder.
Veränderung eines Merkmals in dem zulammeh-
gefetzten Begriffe ein anderes Ding oder eine
andere Art beftimmt, wie in den Worten TOctt-
fchlag, Mord, Meuchelmord einleuchtend ift,
Di»1 Urfache liegt uehmlieh darin , dafs diefe
"Worte einen Begriff bezeichnen, Welcher fowohl
das Wort als Sachwefcn ilt, und dafs keine Be-
ziehung auf ein anderes Wefen als diefes biet
flatt findet. Allein bei Subftan/.cn ift es nicht
fo. Wenn gleich einer in den Begriff Gold ein
Merkmal aufnimmt, was der andere ausfthlicfst
und umgekehrt;, fo glaubt doch in der Begel
Niemand, dafs dadurch die Gattung oder Art
verändert werde, weil man unvermerkt vof-
ausfetzt, das Wort hebe in Beziehung und \ er-
tinünfung mit einem realen unveränderlichen
Z?iir.:es Kapitel. ii<
We'on eine? exiJHrenden Dinges , von dem
aiefc Eisen fcb.aften abhängen. Wenn fc'i et
zu feinem Betritt ron Guide die Merkmale Feu-
eibeftandUkeit und Aflö>barkeit in CyoldWaDet
hinzu etzt, die er vorher eicht Inf nahm . fo
glaubt er nicht eirje andere Art von Di. g Son-
dern viehnehr durch den Zu'atz ei-es neieru
einfachen, rrit den übrigen in der Natur ver-
dienen Merkmals, einen vollßä i.-:rn Be-
taset anhaben. Allein dir . ng
des Worts auf eine Sache, von der wir keine
Vorfiellu'ng haben, hilft uns zu weitet nichts,
als d?.f> fie uds nur mehr m Schwierigkeiten
verwickelt. Denu das Wert Guld wird da-
durch völlig bedeutungslos , wenn es für etwas
gefetzt wird, wovoa wir gar nicht die gering-
fie v nnd es kann auf die Art
gir nichts bedeuten, wenn diefer Körper fclofl
ei fernl l.t. Es iß ein 'ehr gro «er Unter-
| aied, ob das GpM dem Worte nach oder
sn T:ch zum Geger.hande der Be:rachtun£ je-
eird; ob ch das gewöhnlich fmj
einerlei halt] und gerne d.J.s Ding dem Worte
tih 3 >. Wfc
4««
Drittes Buch.
<j. 20.
Die Urfache diefes Mifsbrauchs i ft
die falfche Vo ra us f e t zu u g , dafs
die Natur jederzeit regelmäßig
wirke.
Was die Menfchen geneigt macht , blofse
Worte an die Stelle des Realwefens der Gattun-
gen zu fetzen, ift, wie ich glaube, die fchon
erwähnte Hypothefe, dafs die Natur immer
einförmig bei Hervorbringung der Dinge ver-
fahre, und jeder Gattung und Art dadurch
Grenzen fetze , dafs fie jedem Individuum ,
das wir einem generellen Namen unterordnen,
diefelbe innere Natur gebe. Allein wer die
verfchiedenen Eigenfchaften der Individuen
einer Art beobaebtet, kann (ich fchwerlicli
des Gedankens enthalten, dafs fie in ihrer in-
nern Natur eben fo von einander abweichen,
als Individuen verfchjedener Arten. Gleich-
wohl macht die Vorausfetzung , dafs immer
diefelbe innere Natur mit demfelben fpeeih-
fchen Worte in Verbindung ftehe , die Men-
fchen geneigt, diefe Worte für Reprä-
fentanten des realen Wefens diefer
Arten zu halten, ob fie gleich nichts anders
als die zufammengefetzten Begriffe ihres Ver
Randes bezeichnen. Diefe Art des Gebrauchs,
da fie für etwas gefetzt werden , was fie nicht
bedeuten können, verurfaebt in dem menfeh-
liehen
Zehnt« Kapitel. 487
liehen Denken groTse Ungewißheit, vorzüg-
lich bei denen , welche fteif und feft anf der
Lehre von den fubftanziellen Formen hängen
und glauben, dafs durch lie die verfch.edVrm
Arten der Dinge beftimuit und unterfeuieden
werden muffen,
$♦ 21.
Es ift unflreitig ein verkehrtes und unge-
reimtes Verfahren , die Worte für die Begriffe,
die vvir nicht haben oder welches eins ift, für
das Wefen , das wir nicht kennen, zu gebrau-
chen , weil es den Erfolg hat, dafs es die
Worte zu Zeichen von einem Nichts macht.
Und doch gefchiehet es fehr häufig, wie eini-
ge aufmer'tfame Beobachtung' zeigt. Wenn
ein Menfch, der etwa einen grofsen AfFen oder
eine menfchliche Mifsgebürt liehet, fragt, ob
das ein Menfch fey oder nicht, fo hat feine
Fia.Je offenbar nicht den Sinn: ob diefes Ge~
fchöpf mit feinem Begriff von einem Menfchen
übereinftimme , fondern ob es das reale We-
fen der Art an fich habe, welches feiner Mei-
nung nach in dem Wort Menfch enthalten ift.
Diefer Gebrauch der Worte der Subftanzen
beruhet auf zwei faifchen Voransfetziingen.
I) Dafs es ein gewiffes beftimmtes Wefen giebt,
nach welchem die Natur alle einzelne Dinge
bildet, und wonach fie in Arten und Gattun-
Hh 4 gen
4S8 Drittes Buch.
jjen geordnet werden. Es leidet keinen Zwei-
fel, dals jedes Ding feine Natur hat, wodurch.
es ift . was ev ift, und von welcher feine finn-
licherj Eigeuf« haften abhängen J dagegen ift
aber auch, wie ich glaube', erwiefen worden,
dafs diefes nicht die Unterfcheidurig der Arten,
unter welche wir fie ouluen, noch die Grenz-
linie ihrer Benennungen bestimmt, 2) Man
fetzt alfo auch ftillfchweigend voraus, dafs
wir diefes Wefen begreifen. Denn zu welchem
Zweck diente fonft die F/age : ob diefes oder
jenes Ding das Realwefen eines Alenfcheu ha-
be? Und doch ift diefes durchaus f.dfch. Die-
fer Gebrauch der Worte, da man He Begriffe
bedeuten läfst , die uns fehlen , mufs notwen-
dig grolle Vei wirrung in dem Denken verur-
fachen , und die Gedankenmittheilung durch
Le erfchweren.
§. 22.
Auch die Vosaus fetzung, als hat»
ten die Worte eine gewiffe und
evidente Bedeutung, ift einMifs-
br a uch,
VI, Ein noch allgemeinerer aber eben
deswegen vielleicht weniger beobachteter
Mifsbrauch beftehet darin, dafs die Menfchen,
nachdem fie den Worten durch öftern Ge-
brauch gewifle Vorftcllurfgen einmal angehängt
ha-
Zehntes Kapitel." 4^
haben, fo »erne glauben, die Verbindung
zwiicben den Worten und diefer
Bedeutung f e y fo innig und noth«
wendig, d a f s }h r S in n"f o g 1 eic h muff-
te verftanden werden, und dafs man
bei den überlieferten Worten ftehen bleiben
muffe, als wäre es auffer allem Zweifel gefetzt,
dafs in dem Gebrauch derfelben die Sprechen-
den und' Hurenden eben dlefeibeh VorftelJun-
gen im Bewufstfeyn haben. Da fie lieh nun
einbilden, durch' ein ausgesprochenes Wort
auch ' den Gegenftand , wovon die Rede ift,
andern gleichfam vor Augen dargeftellt zu ha-
ben, und die Worte anderer ebenfalls fo neh-
men, als bedeuteten fie von Natur eben das,
was fie mitjdemfelben zu verknüpfen gewohnt
find, fo geben fie lieh keine Mühe, den Sinn
ihrer und fremder Worte mit aller Schaffe
zu erforfchen oder zu beftimmen. Es entlieht
daraus nur Lertnen und Streit ohne Gewinil
für die Wiffenfchaft und Belehrung, wenn die
Älenfchen die Worte, die in Wahrheit nur
wilfkühriiche und wandelbare Zeichen ihrer
eignen Vorftellungen fi ti :1 , für fefte befummle
Zeichen allgemein eingeftanilener Begriffe an-
fehen. Gleichwohl befremdete;:, wenn rhan
in Unterredungen oder Disputationen, wo es
oft fchlechterdings nothwendig ift-, nach dem
Sinne der Ausdrücke fragt, da doch die täg-
liche Beobachtung desRäfonnemcnts In iulchen
Hh S Fäl.
4'l*
Diittes Buch.
Fällen es nur zu gpwifs macht, dafs feiten zwei
IVlenfchen ein b|»tachzeichen für zufainnien-
gefetzte Begiiffe mit einem und demfelben
Betriff verbinden« Faß jedes Wort bietet
fprechende Beifpiele dar. Das Wort Leben
jft eines d<.r gebräuchlichften , und es könnte
faft beleidigend Icheinen , wenn man einen
um den Sinn dellelben fragte. Wenn aber
die Frage entlh in : ob die Pflanze, die in dem
Saamen fchon völlig gebddet dalieget, Leben
habe; ob der Embryo in einem Ey vor dem
Ausbrüten, od< r ein Mciifch in einer Empfin-
dung und Bewegung raubenden Ohnmacht,
belebt Tey oder nicht, fo ift es leicht zu bemer-
ken, dafs nicht allezeit ein deutlicher bettimm-
ter Begriff jeden Gebrauch dieles fo bekann-
ten Wortes behieltst. Einige grobe und dui,kle
Vorftellungen veibinden die Menfchea ge-
wöhnlich mit den gemeinen Worten ihrer
Sprache, und mit diefem fchwankenden Ge-
brauch reichen üe in den gewöhnlichen Un-
terredungen und Gefchäften aus. Allein dies
ift für philofophifche Unterteilungen nicht
genti^: Eikenntnifs und Vernunft erfodert
genau beftimmie Begriffe. Alan will ivvar
weder fo dumm und grob noch fo ein be-
fchwerlicher Kunftrichter feyn , dafs man an-
dere nie verlieht , ohne Erklärung ihrer Aus-
diücke zn verlangen, und jeden Gebrauch der
Worte i den man von andern hört i hufmei-
ftert;
Zehntes KopiteL 4^1
ftert ; allein wo es Wahrheit und Erkenntnifs
gilt, kann es du wobl ein Verbrechen feyn^
die Erklärung der Worte zu fpdern, derer»
Sinn zweifelhaft fcheint? Oder darf hier wohl
Jemand vordem Geftändnifs erröthen , nicht
zu wiflen , in welchem Sinne ein Andrer feine
Worte nehme, da er auf keiuem andern Wege,
als auf dem der Belehrung zur Gtwifsheit
kommen bann? Diefer Mifsbrauch , Worte auf
Treu und Glauben anzunehmen, ift nirgends
fo ausgebreitet noch von fo fchädlichen Fol-
gen als unter den Gelehrten, und er ift die
Haupturfache von der Vervielfältigung und
Hartnäckigkeit der Streitigkeiten, welche die
gelehrte Welt fo zerrüttet haben. Denn an-
ftatt der gewöhnlichen Meinung, dafs die
grofse Mannichfaltigkeit widerftreitender Mei-
nungen in Büchern und Streitigkeiten die Welt
verwirre, fo finde ich doch darin die Haupt«
fache, dafs die drehenden Gelehrten von ver-
fchiedenen Secten nicht einerlei Sprache mit
einauder reden. Könnten fie nur mit Vergef-
fung ihrer Terminologie über Gegenftände
denken, und wüfsten lie, was fie denken, fo
würden fie, wie ich glaube, alle eben daileiba
denken , wenn gleich vielleicht dasjenige, Was
jeder wünlchte gefunden zu haben, noch ia»
wer verichieden wäre,
$• 23
4gs Duttes Buch.
§• 2? — 2).
Zwecke der Sprache.
Wir bcTchliefsen diefes Kapitel mit folgen
der Befrachtung. Der Zweck der iS p r a
che bei Unterredungen mit andern ift von
dreifacher Art. I) Andern feine Gedan-
ken und Begriffe bekannt zumachen
2) Diefes mit fo viel Leichtigkeit
und G e'f c h w i n d i g k e i t als möglich
zu thun; 5) Dadurch Erkenntni l*s
von Dingen beizubringen. Wenn einer
von diefen Zwecken verfehlt wird, fo liegt
es entweder an der Unvollkommenheit oder
an dem Mif.I rauche der Sprache. J) Die
Worte verfehlen den erften Zweck a) wenn
die Menfchen Worte gebrauchen , mit denen
Jie keine beftimmten Vorftellungen bezeichnen;
b) wenn fie1 gewöhnliche Worte mit folchen
Vorftellungen verbinden, auf welche fie nach
dem gewöhnlichen Sprachgebrauch nicht ange-
wendet werden j c) wenn Tie in dem Gebrauch
derre!ben veränderlich find, und mit einem
Woit bald diefen bald jenen Begriff bezeich-
nen. II) Der Zweck einer leichten und
fchnellen Gedankenmittheilung wird verfeh-
let , wenn man zufi'ninengefetzte Begriffe
denkt, aber keine beftimmten Sprachzeichen
für fie hat. Dies ift zuweilen die Schuld der
Menfchen, die noch keine Zeichen für (liefe
Be-
I
Zehntes Kapitel. /\ofi
Begriffe gelernt haben. III) Die Worte ge-
währen keine Kenntuifs der Dinge, wenn die
bezeichneten Begriffe nicht der Realüüt der
Dinge entTprecben, Diefer Mangel entTpriiigt
zwar aus unfern Begriffen, welche der Natur der
Dinge nicht lo ange in eilen find, als de es durch
Aufmerkfamkeit, . Fleifs und Nachdenken wer-
den könnten, eutreckifich aber auch überunfr«
Worte, wenn wir fie zu Zeichen von realen
Dingen machen, die doch keine objectivi
Realität oder Exiiteuz haben»
§. 26,
Weitere Ausführung diefer Mifs-
brauche.
I. Wer Worte in feinem Munde führet,
ohne in feinem Vcrftaude deutliche Voiftellun-
gen daran zu knüpfen } der giebt einen biof-
fen Laut ohne Sinn und Bedeutung von ficht.
Und wie gelehrt auch einer durch den Ge*
brauch unverßändlicber Worte und Termino-
logien fcheinen mag, fg ift er doch deshalb
eben fo wenig in der Erkenntnifs fortgerückt,
als ein Anderer durch den Befitz von vielen
Büchertiteln Fortfehritte in der Gelehrf^mkeit
gemacht hat. Denn fo'.che Worte haben,
wenn fie auch nach den grammatifchen Regelri
äer Wortverbindung und nach den Gefetzer!
hat-
41.)*- Drittes Buch.
hanriOniTch gebauter Perioden, in die Rede
eingeflocbten werden , doch keinen amlern
Werth als leere Töne.
§. 2-7.
II. Wer zufammengefptzte Begriffe ohne
befördere Sprachzeicheu bat, ift nicht viel
belTer daran als ein Buchhändler, in deffen
Niederlage Bücher ungebunden und ohne Ti-
tel herumliegen, die er andern nicht -anders
bekannt machen kann, als dafs er ihnen einen
Bogen nach dem andern in die Hände giebt.
Er kann diefe Begriffe aus Mangel eines
Sprachzeichens andern nicht tuittheilen, und
ift daher genöthiget, fie durch die Aufzählung
aller einzelnen Theüvorftellungen kenntlich
lu machen* und was ein Andrer durch ein
Wort ausdrückt, dazu inufs er oft zwanzig
gebrauchen. n
§. 28.
t!T. Wer nicht immer einerlei Zeichen für
einerlei Voiftellung braucht fondern die Be-
deutung eines Wortes verändert, ift in AnTe-
hun0 der Redlichkeit dein Kaufmanne an die
Seite zu fe'zen , der verfchiedene VVaaren
Unter einem Namen verkauft.
§♦ 29.
1
Zehntes Kapitel. 49?
§• 20.
IV. Wenn einer die Worte einer Sprache
mit andern Begriffen verbindet, als dem Sprach-
gebrauch des Landes ange.neffen ift, Üb kann
er durch 'olcbe Worie, wenn er fie nic.^t nä-
her erkläret , nicht viel zur Verbreitung der
Wahrheit und Aufklärung beitragen, wenn
auch fein Verftaud noch lo aufgeklärt ift. Die
Spracbzeichen find zwar bekannt und finden
daher bei den Zuhörern leichten Einbog; da
fie aber andere Vorftelftingfca bezeichnen als
die e gewöhnlich mit ihneü verbinden, fo
können fie die Gedanken deflen , der fich ih-
rer bedienet, nicht tu erkennen geben,
§• 33-
V. Wer Subftanzen dichtet, die nie exi-
ftierten, feinen Kopf mit Begriffen anfüllet,
welche mit der wirklichen Natur in keinet
Beziehung ftehen , und diefe an Sprachzeichen
bindet , die fehon eineri beftimmten Sinn ha-
ben , der thut keinen Schritt vorwärts in wah-
rer ETkenntnifs , follte er auch feine Reden
oder fremde Kopfe, mit den fchimärifchen Ge-
burten feiner Einbildungskraft vollpfropfen»
§• 3».
Blofse Worte ohne Vorftellupppn haben
keinen Sinn und lind leere löne, Ztuammen-
4?<> Dmtcs Buch.
•
gefetzte Begriffe ohne Sprachzeichen erfchwe-
len die Gewandtheit und Kürze des Ausdrucks
und nüUiigen m Umrchreibungen» Ein ver-
änderlicher unfteter Gebrauch der Worte hat
zur Folge, dafs man nicht angehöret oder
nicht verbanden wird. Wer mit feinen Wor-
ten andere Begriffe andeutet als der Sprachge-
brauch will, dem fehlt es an Sprachrichtig-
keit, und er redet eine verfalfchte Sprache»
Begriffe von Subfianzen , die der Natur wider-
fpnihei), und keine Materialien zur wahren
Erktnntnils für den Verftand, fondern Schi-
mären»
§. 32»
Anwendung auf die Sub (tanzen»
Alle vorerwähnten Fehler finden bei den
Begriffen von üubfranzen fialt. I ) Einer
fpr-cht zum Beispiel das Wort Tarantel aus,
aber ohne eine Vorüellung von der Bedeutung
deffelben zu haben.« und fo lange denkt er
nicht* dabei 2, Wenn einer in einem nett
a »deckten Lande verfchiedene Arten von
Thieren und Pflanze^ Gehet , die ihm vorher
unbekannt waren , fo kann er lieh dielYIbeh
zw r To rich'tig vorftellen, als Pferde oder Mir-
fche, iber nur dtirch Befchreibtingeu von ih-
nen fprechen , bis er ihren Lamleanamen er-
fahren, oder ihnen felbfi Namen gegeben hari
5>
Zehntes Kapitel, 497
g) Wer das Wort Körper zuweilen für die
b!of>e Ausdehnung, zuweilen aber für die Aus-
dehnung und Dichtheit zufamraengenoounen ge-
braucht , der redet auf eine täuTchende Art.
4) Wer durch das Wort Pferd dasjenige Thier
bezeichnet , was nach dem gemeinen Sprach-
gebrauch Maulefel hcifst , redet uu eigentlich
und will nicht verbanden fejn, 5) Wer fich.
in dem Worte Centaur ein wirkliches Ding
vorftellt, täufcht üch felbft, und nimmt Worte
für Dinge.
$. 33.
Anwendung auf Reftiraraungen und
V e r h ä 1 1 n i fl~e.
Bei den Beftimmungen und Verhältniflen
finden überhaupt nur die vier erßen Fehler ftatt.
I) Man kann die Worte Dankbarkeit, Mäldthärig-
keit in dem Gedächtnifs haben, ohne einen be-
ftitnmten Begriff damit zu Verbinden. <2) Man
kann Vorftellungen haben, ohne die ihnen zuge-
hörigen Worte zu kennen, z. ß. die VoTftellung,
dafs ein Menfch bis zu dem Grade trinkt, dafs
feine Farbe und Gemüthsftimmung fich ändert.,
die Zunge ftammelt, die Füfse wanken Und die
Augen roth ausfehen, ohne zu willen, dafs fie
durch das Wort Trunkenheit bezeichnet wird*
3) Man kann Begriffe von Tugenden und Laftem
und ihren Sprachzeichen haben , aber üe un-
Locke's, II. Tlieü, Jj recht
49S Diittcs Ruch.
recht anwenden , z. B. das Wort SparTamkeit
mit dem Begriff verbinden, den andere durch
das Wort Hubfucht ausdrucken, 4; Man kann
endlich alle diefe Worte bald iu diefer bald in
jener Bedeutung nebinen. Der fünfte Feh-
ler kann aber hier nicht fiatt Boden; Kein Be-
griff diefer Art kann einem exiftirenden Dinge
unangemeffen feyn. Denn Beltimmungen fiud
beliebig zu famra enge fetzte Begriffe, Verhält-
niffe, eine befUmmte Art Dinge zu betrachten
und zu vergleichen ; beide find keine Kopieen der
Din»e, fondern ihre eigenen Originale. (3.
Buch. 5- Kap. §. 12 — 14..) Gewöhnlich ver-
lieht man es nur darinn , dafs man diefen Be-
griffen ein unrechtes Sprachzeichen anhängr,
und alfo Worte in einem andern als dem ge-
wöhnlichen Sinne gebraucht, fo dafs man nicht
verftanden wird. Gewöhnlich fchreibt man
diefes unrichtigen Begriffen zu, da doch m.i
die Bezeichnung unrichtig ift. Nur dann, wenn
diele Begriffe aus unverträglichen Vorflellungen
zufammengefetzt werden, füllet man den Kopf
mit Schimären an ; denn alsdcnn kann ihnen
eigentlich eben fo wenig ein Dafcyn in dem
Verftande zukommen, als wirkliche Dinge nach
ihnen benennt werden können,
$?.
Zehntes Kapitel. 499
§. 34.
Bildliche Ausdrücke find auch ein.
Mifsbrauch der Sprache.
VII. Witz und Einbildungskraft finden ge-
wöhnlich eine heilere Aufnahme in der Welt,
als trockne Wahrheit und reelle Erkenntnis*
Bildliche Ausdrücke und Anfpielungen werden
daher kaum als eiue Unvollkommenhcit und
als Mifsbrauch der Sprache betrachtet werden.
Wo der Zweck ift , mehr zu unterhalten und
zu vergnügen , als zu belehren und zu unter»
lichten , da finden diefe Ausfchinückungen der
Sprache ihre Stelle und find keine Fehler. Al-
lein wenn man von den Dingen reden will»
wie fie find, da ift in der That jede Redekunft,
aufser Ordnung und Deutlichkeit, jede künft-
liche und uneigentliche Anwendung der Worte,
welche die Bert dfamkeit erfand, nurd2zu taug-
lich, falfche Begriffe einzußöfsen , die Leiden-
fchaften zu erregen, den \ erftand dadurch ir-
re zu führen, und eigentlich eine wahre Be-
trügerei. So lobenswürdig oder zulaflig die-
fes alles in Reden , vorzeitlich in den an das
Volk gerichteten, nach den Anpreifungen der
Rhetorik Teyn mag, fo mufs es doch durchaus
da , wo Belehrung und Unterricht der Zweck
ift, vermieden werden, und wo blofs das In-
terefle der Wahrheit und Erkenntnifs gelten
foll, ift es für einen grofsen Fehler entweder
Ii 2 der
5,^ Drittes Buch.
der Perfon oder der Sprache anzufeilen. Die
verfchiedenen Alten diefer uneigenllichen Aus-
drücke aufzuzählen, ift hier überflüfiig, man
kann fie in den fo zahlreichen Anweifungen
zur Beredfainkeit finden. Eine Bemerkung
aber kann ich hier nicht unterdrücken. Wie
wenig die Erhaltung und Erweiterung des Ge-
biets der Wahrheit die Menfchen intereffirr,
fiehet man daraus, dafs die Künfre der Täu-
fchung fo fehr begünftiget und vorgezogen wer-
den. Die Menfchen wollen gerne betrügan
und betrogen werden ; denn die Redekuufr,
diefes mächtige Werkzeug deslrrthums und der
Täufchung, hat ihre brfoldetcn Lehrer, wird
öffentlich gelehrt, und war immer in grofsem
Anfehen. Wahrfcheinlich wird es für grofse
Kühnheit, ja wohl für einen Mangel an Huma-
nität angefehen werden, dafs ich fie fo fehr,
mifsbillige. Die Beredfamkeit befitzt, wie das
fchöne Gefchlecht , zu mächtige Reize, als dafs
fie Widerfpruch erdulden follte; nnd es ift um-
fonft, die Künfte der Täufchung zu tadeln,
durch welche die Menfchen fich mit Vergnü-
gen täufchen laffen.
Eil/-
5»i
"■ Eilftes Kapitel.
Von den Gegenmitteln wider die an-
geführten Un Vollkommenheiten
und Mifsbräuche.
Wichtigkeit diefer Gegenmittel,
Schwierigkeit, fie aufzufinden.
Wir haben die natürlichen Unvollkommenhei-
ten der Sprache weidäuftig dargestellt, und ge-
fehen, wie diefe noch durch Fehler der Men-
fchen vermehrt werden. Da nun die Sprache
das grofse Band der GefeJlfchaft und das all-
gemeine Mittel ift, wodurch die bereicherten
Kenntniffe von einem Menfchen dem andern,
von einer Generation der andern überliefert
werden, fo rnufs dicfes unfer ernftlichftes Nach-
denken auffodem, Mittel gegen jene Unvoll-
kommenheiten aufzunähen.
§. s.
Ich halte das Unternehmen eines Mannes,
feine Landesfprache oder gar alle Sprachen in
,der Welt gänzlich umzubilden, für thöricht
und lächerlich. Die Federung, dafs alle Men-
1 i 3 fchen
jos Drittes Bück.
fchen ihre Worte bcftändig in einerlei Beden-
tuug und nur für bettimmte unveründeiliche Be-
griffe gebrauchen lollen, ift loviel , als, dafs
{ich alle einei «ei Begriffe und nur dasjenige den-
ken lollen, \vo\on lie deutliche Begriffe ha-
ben. So etwas kann nur derjenige erwarten,
der fo viel Eitelkeit befitzt, dafs er lieh fchmei
chelt, er könne die Menfchen dahin bringen,
dafs fie fchweigen , wenn fie etwas nicht voll-
kommen wiflen. Und derjenige mufs febr un-
bekannt mit der Welt feyu, der glaubt, eine
bewegliche Zunge fey immer in GefeWchaft
eines guten Verltandes, oder viel und wenig
reden ftehs in geradem Verhähnifs mit der Er-
kenntuifs.
$. 3.
Man mufs freylich dem Markte und den
Kaff eehäu fem ihre Sprache und den Kinderftu-
ben ihre alten Privilegien laffen ; und vielleicht
würden es die Gelehrten für keinen Gewinn
halten, wenn man ihnen ein Mittel anböte, wo-
durch ihre Streitigkeiten abgekürzt oder ver-
ringert werden könnten. Gleichwohl mufs je-
der, dem es ein Ernft ift, die Wahrheit zu Tu-
chen und zu vertheidigen, es für Pflicht halten,
auf Mittel zu denken, wie er fich ohne Dun-
kelheit, Ungewifsheit und Zweideutigkeit Feh-
ler, die den Worten von Natur anhängen, wenn
man
Eilftes Kapitel. 5o5
man ihnen nicht vorbeugt — gegen andere
ausdrücken könne.
§. 4.
Mifsbrauch der Worte, eine Ur-
fache grofser Irrthümer,
Wenn man die Irrthümer , die Dunkelheit,
Verwirrung und Mifsverftändniffe betrachtet,
welche durch einen verkehrten Gebrauch der
Worte in der Welt verbreitet find, fo dürfte
man nicht ohne Grund bezweifeln, ob die Spra-
che , wie (ie bisher angewendet wurde, mehr
zur Vervollkomuiung oder zur Einfchränkung
der menfchlichen Erkenntnifs beigetragen ha-
be. Wie viele richten ihre Äufmerkfamkeit,
vorzüglich bei moralifchen Gegenftänden , nur
auf Worte, während fie Objecte denken wol-
len? Und wenn fich das Denken nicht viel
weiter als über Worte erftreckt, an denen nur
dunkle und fchwackende oder gar keine Be-
griffe angeknüpft find, ift es denn ein Wunder,
dafs, nicht ein deutliches Urtheil oder Erkennt-
nifs, fondern nur Mifsverftändnifs und Dunkel-
heit zu Tage kommen?
§. 5-
Diefer Nachtheil zeigt {ich nicht nur in dem
Selbftdenken jedes Menfchen , fondern auch
vorzüglich in Unterredungen undindemDispu-
li 4 tiren
J<>4 Drittes Buch.
tiren mit andern. Wer die Sprache, diefesgTO-
fse Hülfsmittel Entdeckungen. Schlufle und Er-
kenntDiITe einander mitzntheüen, unrichtig ge-
brauchet , verdirbt zwar die Quelle der Er-
kenntnifs, welche in den Dingen liegt, felbfi
nicht, allein er verftopft doch, fo viel an ihm
ift, die Kanäle, durch welche die Erkennt-
nifs zum allgemeinen Bellen der Menfchheit
verbreitet wird. Wer mit feinen Worten kei-
nen feften, deutliclien Sinn verbindet , verlei-
tet nothwendig Pich und andere in lrrthümer,
und wer das abfichtlich thut, Tollte als ein Feind
der Wahrheit und Erkenntnifs angefehen wer-
den. Und wem darf es befremden, dafsalleWif-
fenfehaften und alle Theile der Erkenntnifs mit
dunkeln und zweideutigen Terminologien, mit
finnlofen oder zweifelhaften Ausdrücken , wel-
che auch den Aufmerkfamften und Scbarffinnig-
ften wenig oder gar nicht in die richtige Ein-
ficht der Dinge weiter einführen, fo fchr über-
laden find, da die Spitzfindigkeit bei denen,
welche die Wahrheit zu lehren oder zu ver-
theidigen vorgeben, den Rang einer Tugend
erhalten hat. Diefe Eigenfcbaft, welche in
derThat gröfstentheils nur in dem bezüglichen
Gebrauche dunkler und täufchender Terminolo-
gien befiehr, mufs nur die Menfchen mit Dün-
kel bei ihrer UnwilTcnheit und mit
Rechthaberei in ihren Irrthümern erfüllen.
§. 6.
Ellftes Kapitel. 5c5
§. 6.
Wenn wir in die Streitfchriften jeder Art ei-
nen Blick thun , fo finden wir, dafs dunkle,
zweideutige oder fchwankende Ausdrücke kei-
ne andere Wirkung; haben, als Lärmen und
Streit über blofseTöne zu veranlagen, wodurch
kein Menfch überzeugt und aufgeklärt wird.
Denn wenn die Sprechenden und Zuhörenden
nicht in dem Begriffe einig find, der durch die
Worte bezeichnet wird , fo wird nicht über
Pinge, fondern über Worte geftritten. So oft
ein Wort, deffen Bedeutung nicht ausgemacht
ift, in Gebrauch kommt, fo hat der Verlland
kein Object, über welches man einverftanden
ift, als den Laut, indem die Dinge, die man
zu der Zeit als durch das Wort ausgedrückt lieh
denkt, ganz verfchieden find.
§• f
Ein Beleg dazu ift die Streitfrage, ob die
Fledermaus ein Vogel fey? Die Frageilt nicht,
ob die Fledermaus ein anderes Ding fey, als
fie wirklich ift, ob fie andere Eigenfchaften ha-
be, als fie wirklich hat; denn diefes zu be-
zweifeln wäre die gröfste Ungereimtheit. Die
Frage findet vielmehr I) entweder bei denen
ftatt, die von beiden durch jene Worte bezeich-
neten Thierarten unvollkommene Begriffe ha«
ben. Dann betrifft fie eine objeetive Unterfu-
li 5 chung
5o6 Diiitc* Buch.
chung über die Natur des Vogels und der Fle- |
tlertnaus, um den mang'llufien Begriff vollflän-
diser zu muhen, durch die Nachforfchung,
ob alle einfache Vorftelluugen, welche einftira-
inig durch d^s Wort Vo^el bezeichnet werden,
bei einer Fledermaus anzutreffen find. Diefe
Frage bezieht fich alfo eicht auf Streitende, fon-
dern auf Forfchende, welche die Streitfrage
weder bejahen noch verneinen, fondern unter-
fuchen. Einen andern Sinn hat die Frage 2)
bei Streitenden, wo der eine bejahet , der an-
dere verneinet, dak die Fledermaus ein Vogel
ift. liier kommt alles auf die Bedeutung des
einen oder beider Worte an. Indem beide
nicht einerlei zufammengeTelzte Begriffe mit die-
len Worten verbinden, fo bejahet der eine,
was der andere läugnet, dafs das eine Wort
von dem andern bejahet werden kann. Denn
wären fie in der Bedeutung derfelbeu einftim-
roig, fo könnten fie gar nicht darüber fireiten,
fondern müfsten fogleich mit völliger Evidenz
einfehen. ob alle einfache Merkmale des allge-
meinen Worts Vogel in dem Begriffe einer Fle-
dermaus enthalten find , oder nicht. — Ich
wünfehte hierbei, dafs man recht ernfilich un-
terziehen möchte, ob nicht die meiden Strei-
tigkeiten in der Welt Wortftrcitiekeiten find,
die bald beendigt werden, oder von felbft auf-
hören würden, wenn man alle dabei vorkom-
mende Worte forgfältig bfftiminte und auf deut-
liche
Eilftes Kapitel. 5©7
liehe BegrifFe zurückführte. Möchte man doch
beherzigen, wozu die Erlernung der Disputir-
kunft hilft, und welchen Vortheil für fich und
andere diejenigen gewinnen , deren einziges
Gefcbäft ein leeres Wortgepränge ift, d. i, die
ihr ganzes Leben in Streitigkeiten und Dispuli-
ren verfchwenden. Wenn ich aber einen die-
fer Streitenden von aller feiner dunkeln und
zweideutigen Terminologie entkleidet fehe,
(welches jeder mit feinen Worten thun kann,)
dann erblicke ich in ihm nicht einen Sklaven
des eilein Ruhms, des Ehrgeitzes und der Par-
theifucht, fondern einen Kämpfer für die Wahr-
heit, Erkenntnifs und den Frieden.
§. 8.
Erfies Gegenmittel. Kein Wort
ohne Bedeutung zu gebrauchen.
Um den angegebenen Unvollkommenheiten
der Sprache, zum wenigften in einigem Grade
abzuhelfen, und den daraus entftehende Nach,
theilen vorzubeugen, halteich die Beobachtung
folgender Regeln fo lange für möglich , bis ein
gelchickterer Denker diefen Gegenftand feines
reiflichen Nachdenkens werth findet«
I. Jeder Menfch follte darauf denken, kein
Wort ohne Bedeutung, ohne daran ge-
knüpfte Vorftellung zu gebrauchen, Diefe Re-
gel
5c8 Drittes Buch.
gel wird demjenigen rieht g^nz unnütz fchei-
nen, der bedenkt, wie oft folche Worte als In«
ftinet, Sympathie, Anthipathie u. a. in den
Reden vni kommen und fo gebraucht werden,
dafs nun b<dd gewahr wird, die Redenden wif-
fen keine Begriffe an fie anzuknüpfen, und
fprechen fie blos als Töne aus, die doch gleich-
wohl in manchen Fällen als Erklärungsgründe
manclver Etfcheinuugen dienen müffeu. Diefe
Worte haben zwar ihre eigentliche Bedeutung;
da aber die Verbindung zwifchen beiden nicht
natürlich fondern willkührlich ift, fo werden
fie durch die Gewohnheit auswendig gelernt,
und von folchen Menfchen gebraucht, welche
keine Begriffe im Bewufstfeyn habeu, um fie
durch jene auszudrücken. Diefes ift aber dor.h
rothwendig, wenn auch nur um lieh felbft-zu
verliehen.
§• 9-
Man raufs bei Beftimmungen b e -
ftimmte Begriffe mit den Wor-
ten verbinden.
II, Es iß nicht genug, die Worte zu Zeichen
von gewiffen Vorftellungen zu machen, fondern
die mit ihnen verknüpften einfachen Vor-
ftellungen muffen klar und deutlich, die
zuf ainm en g e fetz ' en aber beftirnmt»
d. h- nur eine feftgefetzte Anzahl von einfa-
chen
Eilftes Kapitel. 5 09
chen Vorftellungen, und keine andere, darfn.it
dem Worte als Zeichen verbunden feym Die-
fes ift bei Worten der Beftirnmungen, vorzüglich
der movalifchen fehr nötbig. Gerechtig-
keit ift ein fehr gemeines Wort, aber von fehr
fchwankender Bedeutung, und diefe wird es
fo lange behalten , bis man alle Beitandtheile
diefes BegrifFs in dem Gemuthe beftimmt zu-
famuiengefafst hat ; und find diefe wieder zu-
fammengefetzt, fo mufs man fie fo lange zer-
gliedern, bis fie in ihre einfachen Yorftellun«
gen aufgelöft find. Woferne diefes nicht ge*
fchiehet, fo wendet man die Begriffe umich«
tigan. Ich behaupte nicht, dafs man jederzeit,
wenn das Wort Gerechtigkeit vorkommt, auf
dieTe Entwickelung ficbbefinnen, und fie je-
desmal wieder von neuem vornehmen muffe;
aber nothwendig ift es doch, die Bedeutung
des Worts fo weit zu unterfuchen und fefbu-
fetzen, dafs man fie fo oft, als es nöthig fcheint,
analyfiren kann. Wenn man unter Gerechtig-
keit eine gewilTe, dem Gefetze angemeflene,
Behandlung fremder Perfonen und Güter ver-
liehet, kann fich aber keinen deutlichen Be-
griff von dem Merkmale Gefetz machen , fo ift
jener Begriff felbft undeutlich und unvollkom-
men. Wahrfcheinlich wird diefe Genauigkeit
zu befchwerlich fcheinen , und der gröfsta
Theil der Menfchen wird fich daher erlauben,
diefe Begriffe nicht fo beftimait zu fallen ; dann
darf
5io Drittes Buch.
darf man fich aber auch (nicht über die Dun-
kelheit und Verwirrung in ihren Köpfen und
die Zankereien in ihren Unterredungen Wun-
dern»
§. 10.
t)ie Begriffe von Subflanzen muf-
fen n a tu rgemäfsfey n.
Zum richtigen Gebrauch der Worte für
Snbftanzen ift noch etwas Mthreres als die
Beit i in in t hei t etfoderlich ; fie muffen
nehm lieh den Dingen angemeffen
feyn, infofern fie exiftieren, Ich werde fo-
gleich Gelegenheit bekommen, vreitläuftig da-
von zu handeln. Diefe Genauigkeit il\ in phi-
lofophifchen Unteifuchungen und Streitigkei-
ten, wo es um die Wahrheit zu thunift, durch-
aus etfoderlich. Es wäre freilich auch gut,
Vvenn fie auch über die Unterhaltungen und
Gefchäfte des gemeinen Lebens ausgedehnt
würde ; allein das dürfte kaum zu hoffen feyn»
Die gewöhnlichen Gefpräche richten fich nach
den gemeinen Begriffen; beide find zwar ver-
wirrt genug, aber doch reichen fie zu ihren
Zwecken aus. Kauileute und Liebhaber, Kö-
che und Schneider haben ihre Worte, wo-
durch fie ihre Gefchäfte bequem abthun kön-
nen. Warum füllten das Philofophen und
Dis.
Eilftes Kapitel. Jit
Dijputirende nicht auch, wenn fie den Willen
hätten, einander zu verftehen und verbanden
zu werden.
§. II.
S p r a chrichtigkeit,
III, Nachft der Beftimmtheit der Begriffe
mufs man fo viel als möglich darauf bedacht
feyn , durch Worte diejenigen Be-
griffe auszudrücken, welche der
Sprachgebrauch mit ihnen verknüpft
hat. Denn über die Worte, zumal in fchon
gebildeten Sprachen, hat kein Einzelner ein Ei-
gentumsrecht; üe find das allgemeine Mittel
der Mittheilung und gleichfam eine Geldmünze
des Gedankenurntaufch.es. Daher hat kein Ein-
zelner das Recht, ihren Stempel oder die dar.
an geknüpften Yorftellungen zu verändern ;
zum wenig ften mufs er es anzeigen, wenn er
dazu genöthiget ift. Der Zweck der Sprache,
fich verftündlich zu machen, kann, wenn man
von dem Sprachgebrauch abweichet , nicht
ohne öftere Erklärungen , Anfragen und aude-
Te unangenehme Unterbrechungen erreicht
werden. Die Sprachrichtigkeit verfchaft
unfern Gedanken den leichteften und vor-
teilhafteren Eingang bei andern Menfchen,
und in diefer Hinficht verdient fie gewifs unfe-
reNachforfchung und Achtung, vorzüglich bei
mora-
S'2 Drittes Buch.
moralifchrn Worten. Die fprachriebtige Be-
deutung und Anwendung der Worte lafst lieh
am bcTten von denen lernen, welche in Schrei-
ben und Keilen die beftimmteften Begriffe äuf-
fern , und dazu die gefchikteften Ausdrücke
mit der lYhärfften Auswahl anwenden. Wenn
gleich «iefer fprachriebtige Gebrauch der Wor-
te nicht allezeit fo glücklich ift, \ ei ftändlich-
keit zu gewähren , fo entgeht doch feiten der-
jenige dem Tadel, der fo ungefchickt ift, dafa
er den Sprachgebrauch feiner Sprache nicht
einmal auffallen kann.
§• 12»
Erklärung der Bedeutung der
Wort e.
IV. Allein die Bedeutung , welche der
Sprachgebrauch an einige Worte geknüpft hat,
ift nicht allezeit fo klar, dafs üe jederzeit mit
Beftimmtheit erkannt werden kann. Auch
kommen die IMenfchen bei Erweiterung ihrer
Erkenntnifs auf Begriffe , welche von den ge-
wöhnlichen und aufgenommeneq abweichen,
und fie muffen daher für diefe entweder neue
Wörter bilden (.welches man aber feiten wagt,
um den Schein der Neuerungsfucht zu vermei-
den), oder alte Wörter in neuer Bedeutung
gebrauchen. Daher ift es, nächft der Beobach-
tung der vorigen Regein, oft noihweudig, d i e
Be-
Eilfte« Kapitel. 513
Bedeutung der Worte durch Erklä-
rung ihres Sinnes kenntlich zu nia-
chen, wo fie entweder der Sprachgebrauch
ungewifs und fchwankend gelailen hat, wel-
ches vorzüglich bei den Worten für fehr zu-
fammengefetzte Begriffe der Fall ift, oder wo
der Aufdruck in weltlicher Beziehung mit
dem Hauptgegenftande ftebet, und'Alifsveiftänd-
niffen unterworfen ift»
§. I?»
Diefes kann auf dreierlei Weife
ge f ch eben.
Da die Vorftellungen, welche durch Worte
bezeichnet werden, verfchieden Gnd , fo wird
auch die Bedeutung der Worte auf verfchie*
dene Art erklärt. Gewöhnlich wird die De-
finition für das einzige Mittel dazu gehalten;
allein es giebt Worte, die nicht definirt wer-
den können, andere, deren Bedeutung nur
allein Definitionen zu erkennen geben, und
vielleicht noch eine dritte Klaffe, welche von
beiden etwas Gemeiufchaftiiches hat. Wir
werden diefes bei den Worten für einfache
Vorftellungen, Beftimmungen und Subftanzen
zeigen.
Locke's. II. Theil. Kk $.14.
J*4 Dritt« Euch.
§. u-
l) Bei einfachen Vorftellungen
durch fynonyme Ausdrücke und
Aufzeiguug des Ge ge nftan d es.
Wenn Jemand ein Wort für eine einfache
VoiTtellung gebraucht-, von dtm er vermu-
then kann, dafs es nicht verbanden oder mifs-
veiftanden werde, fo ift er durch die Pflicht
der Aufrichtigkeit und den Endzweck der Spra-
che verpflichtet, feinen Sinn zu erklären , und
die Vorsehung , welche er beseichnen will,
bekannt zu machen. Definitionen finden hitr
nicht ftatt (5 Buch 4 Kapitel §. n,); wenn es
alfo an ,fynOnyrnen Worten fehlt, fo kann es
nur auf folgende zwei Arten gefchehcn- Ij
Zuweilen kann man dadurch ein Wort einer
einfachen Vorftellung vcrftär.dlich maclient
dafs man das Objcct nennt, worinn
diefes Merkmal angetroffen wird,
vorausgefetzt , dafs jenes Object fei hfl ein
verftandliches Sp-achzcichen bat, So chrf
man, um den Landieaten die Farbe feuille-
morte zu erklären, nur fagun , dafs es die Far-
be der verwelkten im Ilcrbfte abfallenden
Blatter ift, 2) Der einzig fiebere U eg ift
aber der, dafs man den Sinnen das
Object d a r ft e 1 1 1. welches in dem G e-
111 ü I h e diefe einfache Vor Heilung
erzeugen kann, indem man dadurch die
Vor-
Eüftes Kapitel, 515
VorftelJung, welche das Wort bezeichnet, wirk-
lich entftehen läfst.
2) Bei gern i fchten B eftim m u ngert
durch Definitionen.
Da die gemifchten Beftimmungen , vor-
züglich die mOralirchen) meiftentheüs willkühr-
liche Verbindungen der Vorftellungen find, und
daher lieh auf kein beharrliches Ob/ect bezie-
hen , fo kann die Bedeutung ihrer Sprachzei-
chen nicht, wie bei den einfachen Vorftellun-
gen , durch Darfteiluog des Objects erklärt,
dagegen aber genau und vollkommen definirt
werden. Durch diefes Mittel kann man die
einzelnen Vorftellungen, aus welchen der Be-
griff zufammengefezt ifi, vollftändig erkennen,
und die Worte in einer beftimmten gewiffea
Bedeutung gebrauchen. Von diefer Seite er-
fcheinen diejenigen fehr tadelsvviirdig, welche
fich über rnoralifche Gegenstände nicht deutlich
und beftimmt ausdrücken. Denn die befumm-
le Bedeutung der VVorte für geraitchte Beftira-
rnungen, oder welches eben fo viel ifi, das
Realwefen jeder Art kann veliftändig erkannt
werden, weil es das Werk der Menfchen und
nicht der Natur ifi; und es verräth daher eine
grofse Nachläfßgkeit oder Verkehrtheit, wenn
&k 3 man
ölfi Drittes Buch.
man von moralifchen Dingen dunkel nnci nn-
gewifs fpricht. Zum wenigüen ift diefes ver-
zeihlicher, wenn man von körperlichen Sub-
fianzen handelt , wo ans dem entgegengefeU-
ten Grunde zweifelhafte Ausdrücke weniger
zu vermeiden lind.
$. 16.
Die Moral iß einer Demonftration
fähig.
Hierauf wage ich die Behauptung zu grün-
den , da£s die Moral nicht weniger
als die Mathematik einer Demonltra-
tion fähig ift. Denn das reale Wefen mo-
ralischer Gegenfiände, welche durch Worte
bezeichnet werden, kann vollständig erkann1,
und daher die Uebereinftiinmung oder Nicht-
nbereinftimmung der Dinge felbft mit Gewifs-
heit eingefehen werden. Hierin beftehet aber
die vollkommene Erkenntnifs. Ich erwarte
hier nicht den Einwurf, dafs durch die Worte
der Subftanzen , welche ebenfalls oft in der
Moral vorkommen, Dunkelheit eniftehen wer-
de. Denn in diefen Fällen wird die verfchie-
dene Natur der Subftanzen in der Moral nicht
fowohl unterfucht, als vorausgefetzt. Wenn
wir fagen, der Menfch ift dem Gefetz unter-
worfen fo wird unter Menfth nur ein körper-
lit-hes, vernünftiges Wefen verftanden, deffen
innere
Eilftes Kapitel. $17
innere Natur und wefentüchen Eigenfchsften
hier nicht weiter in Betrachtung kommen.
Ob ein Kind im pbyfifchen 'Sinne ein Menfch
fey, kann vielleicht unter den Naturforfchern
ftreitig feyn ; allein das gebet den morali-
fcben Menfchen (wenn icb fo fagen darf)
nichts an, welcher nichts anders als diefe un-
veränderliche Idee, finnlich vernünftiges We-
Ten , ift. Der Gebrauch der fubftanziellen
Worte kann daher, wo er vorkommt, eben fo
wenig der Moral als mathematifchen Erörte-
rungen nachtheilig feyn. ;Wenn der Mathe«
matiker von einem Würfel oder Kugel von
Gold fpricht, fo denkt er fich einen deutlichen
unveränderlichen Begriff , wenn er gleich
durch Mifsverftand auf einen Körper, dem er
nicht zukommt, kann angewendet werden»
§. 17»
Ich habe dies nur im Vorbeigehn erwähnt,
um; zu zeigen , von welchen wichtigen Folgen
es ift, die Worte für gemifchte Beftimmungen
und folglich auch in moralifchen Abhandlun-
gen, wo es nöthig ift, zu definiren , weil die
moralifche Erkenntnifs hierdurch zu einen ho-
hen Grade von Gewifsheit und Evidenz kann
gebracht werden. Wer das nicht thun will,
verräth, um nicht etwas fchlimmeres zu fagen,
einen grofsen Mangel an Aufrichtigkeit; denn
Kk 5 die
JlS Drittes Buch.
die Definition ift der einzige Weg, wodurch,
die beftimmte Bedeutung mor^hfeher Worte
mit völliger Gevvifsheit kann erkmnt werden.
Diejenigen, weiche fich nicht ^deutlicher in
moraiifchen als in phyftfchcn Geoenftänden aus-
drücken, beweii'en eine unverzeihliche Nacii-
läffigkeiL oder Verkehrtheit. Denn iu der Mo-
ral befchäftiüe-- min lieh mit Begiiffen des Ver-
Itandes, die nseder fslfch noch unangemeiTen
find, und kein äufserea Ding, iura Vorbild ha-
ben , dem he entfprechen müfsten« Es ift
leichter, einen Betriff zu bilden, nach welchem
als einer Be^el alle Handlungen, die damit
übereinftimmen , das Prädica* Gerechtig-
keit erhalten follen, als eine Vorlttllung zu-
fammenfttzen , die dem Ariftides in allen
Dingen vollkommen ähnlich feyn foll. Dort
darF man nur den Zufammenhang der Vorltel.
Jungen , welche in dem Verftande zufammen-
gefetzt werden, erkennen, hier mula man die
ganze innere verborgene Natur und die man-
nichfaltigen Eigenlchafien eines aufser dem
Verftande exiftierendeu Dinges erforfchen.
§• 18»
Ein anderer Grund, der die Definitionen
hier noth wendig macht, befreitet darinn, dafs
nur auf diefem We ge allein die Be-
deutung der Worte für gemifchte
Bf-
Eilftes Kapitel. öip
B e ft i m m u n g e n kann erkannt wsr-
den, Denn diefe Begriffe find gröfstentheils
von der Art, dafs ibre Beftandtkeile nirgeris
zul'ammcn iondem zerftreut und mit andern
Dingen vermifcht , exiftieren, und dafs fie
der Verftand auffammlen , und in einen Be-
griff verbinden muTs, Dalier lafst fieh nur
durch Worte, indem man die einzeln Vorfiel-
langen aufzählt, welche der Verftand verbun-
den hat, andern der Inhalt dieter Worte be-
kannt machen. Denn hier lallen uns die Sin-
ne ohne ßeifhnd, und he können uns nicht,
wie bei den einfachen Vorfiel! urigen und felbft
oft bei den Subftanzen, das Object des Wor-
tes darliehen,
§♦ 19.
3) Bei Subftanzen durch Definitio-
nen und durch Darftcllung des
Obj ects.
Zur Erklärung der Bedeutung der fubftan-
zielleu Worte, infofern diefe verfchiedene Ar-
ten und Gattungen anzeigen, find in vielen
Fällen beide vorhin erwähnte W e ge, nehm«
lieh die An fc hauung und die Defini-
tion, erfoderlich. In der Regel hat jede»
Gattung und Art gewiffe leitende Eigenfchaf-
ten , an welche wir uns die übrigen Merkmale
K.k 4 diefer
520 Drittes Buch.
zufammeDgeretzten Begriffe geknüpft denken,
und wir find genetzt , das Gattuogsvvort dem-
Üinge bcitulegen , an dem wir jene
eharakberi - Merkmale linden, Diefe
leite ü oder ciirakteriftifchen Begriffe (wie
ifcb iie nrnnen möchte) lind bei den Thieren
ur! l'H.n/en vorzüglich die Geftalt, und
bei leblofen Körpern ihrils die Farbe, theils-
beide zufa. innen. (3. Buch, ö. Kapitel.
*. »9).
§. 20.
Die leitenden Merkmale werden
am heften durch die Anfchauun»
d a r g e ß e 1 1 1.
Diefe leitenden finnlichen Merkmale find die
Hauptbeftandtheile unferer Gattungsbegriffe und
daher auch dasjenige, was in den Definitio-
nen derjenigen Gefchlechtsworte am rueiften
ausgezeichnet und am wenigfien veränderlich
iß, welche den für uns erkennbaren Artender
Subftanzen beigelegt werden. Das Wort
Menich kann an lieh fowohl den zufammenge-
leuten Begriff, deflen Merkmale, Thierheit
und Vernunft, in einem Subject vereiniget,
lir.i, als einen andern bezeichnen; wenn es
aber als Kennzeichen für eine Art von Ge-
schöpfen gebraucht wird , welche wir zu unf-
rei
Eilftes Kapitel. 521
rer eigenen Gattung rechnen , fo mufs die
äufsere Gelialt vielleicht eben fo nothwenrlia-
als jedes andere Merkmal in den durch diefes
Wort bezeichneten Betriff aufgenommen wer-
den. Von diefer Seite wird lieh daher fchwer-
licli etwas gegen die PlatOnifche Dt fiuitipa
vom Menfchen erinnern lafltn Denn die Ge.
ftalt als charakteriftifebes Merkmal Icheint die-
le Gatturg mehr zu beftin.men , als das Ver-
nunfiverniöien , welches f ch erft fpäter und
bei einigen gar nicht äußert. Will man die-
fes nicht einräumen, fo lehe ich nicht ein,
wie diejenigen von einer Morclthat freizufpre-
chen find , welche eine ungeftaltete Geburt
(wie fie es nennen; tödten, blofs wegen der un-
gewöhnlichen Geftalt, ohne zu wilfen , ob
nicht darin eine vernünftige Seele wohnet,
welches mau gleicb uacb der Geburt weder
einem wohl noch einem ubelgeftalteten Kinde an-
fehen kann. Und wer hat uns belehrt, dafs eine
vernünftige Seele keinen Körper bewohnen
und beleben kann, wenn er nicht gerade die
Auffenfeite und die äufsere Bildung , wie der
unfere, hat»
§. 21.
Diefe leitenden Eigen fch a ften
nun werden am heften und kaum auf
einem andern Wege als durch die
Kk s An-
$22 Drittes Buch.
A n Tc h a n u n g bekannt gemacht. Don»
die Geftalt eines Pferdes, eines Kafuars kann
durch Worte nur fehr unvollkommen anfge-
fafst werden; die Anficht diefer Thiere Riebt
fie täuTenduial befter. Die befondere Farbe
des Goldes läfst fich nicht durch eine Befchrei-
bting fondern durch die öftere Betrachtung
des Auges erkennen, wie die Kenner diefes
Metalls beweifen, welche fehr oft das ächto
Gold von dein nachgemachten, das reine , von
dem verfalfchten blofs durch das Geficht unter-
scheiden, wo andere, die eben lo gute Au-
gen, aber nicht die beftimmt treffende Vorftel-
lung diefer Farbe durch die Ucburg erlangt
haben , nicht den geringften Unterfchied be-
merken. Eben das liifst fich auch von andern
einfachen einer Art von Subftanzen eigentüm-
lichen Merkmalen Tagen , für welche es keine
befondern Worte giebt. Der befondre Klang
des Goldes, der fich von andern uriterfcheidet,
ift eben fo wenig als die befondere gelbe Farbe
dellelben, durch ein eigenes Wort beieich*
net worden»
§• 22.
Die Merkmale von Vermögen wer-
den am beften durch Definitio-
nen erklärt.
Viele einfache Merkmale, welche den In-
halt unfrei Gattungsbegriffe von Subftanzen
aus-:
Eil f tes Kapitel. 523
ausmachen, (ind Vermuten, welche nach den
gewöhnlichen Erlcheinuogen der Din^e nicht
in die Sinne faller. Daher wird ein '1 heil
der Bedeutung in den fübftanziellen Vv orten
bei Ter durch die Aufzählung diefer
einfachen Vorfte'lungen als durch
dicVorweifung an den Subßauzea
f e I b/t, erklaret werden. Wenn Jeniind
jnit [der gelben Farbe des Gelles , die jhm
die Anfchauung giebt, folgende Merkmal«
verbindet, fo wie ich lic in Worten darftelie,
nehmlich, grofse n:isdehnbarkeit , Schmelz-
barkeit , Feuerbeftauiigkeit und Auflö:sbar-
keit in Goldwaller , fo wird er ei-ien voll-
kommenem BegrilT von di^fera Metalle erhal-
ten, als durch die hloi'se Anficht eines Stücks
Goldes und durch die Beobachtung der ünnh-
cheu Eigpufchaffcn möglich war. Ware aber die
innere Natur djefes Metalls , woraus alle diefe
Ei £enu. haften entfprinj-en, eben fo anfehau-
lich für die Sinne als das formale Weten
eines Triangels , fo könnte die Bedeutung
des Wortes Goid eben lo durch die An-
lchamiDg beftimmt werden, als es b^i dem
Triangel möglich ift.
Hieraus läfst fich beftimmen, in wiefern
alle unfre Erkenntnifs der Körper —
wefen in unfern Sinnen gegründet
ift. Denn wie die gzuz reinen G<-ifter, deren
Er-
$24 Diii res Buch.
Erkenntnis doch gewiS weit vollkommener
;iU unfere ift, De erkennen, davon wir
keinen Begriff. Unfere eigene Vonftellui
auf unler^ Erkenntfiifsart erngefchränkt, begn.-n-
!fi) Umfang unferer Erkenntnis, Mi Ter et
Einbildungskraft, Wenn es auch uiclu bc-
W den kann, dafs die Gfcifter einer
näheren Ordnung, als die an Körper gebundemi
iiic.be fv griffe von oem t-irundwe-
jblMiuen, als wir von dem Triangel
en, und dafs fie erkennen, wie alle Eigen-
n, alle Wifkungen darin gegründet find,
ännen wir doch nicht die A.t und Weife
begreifen* wie fie zu foieher Erkenntnifs ge-
langen.
§. -4.
Aber obgleich die Definitionen ein gutes
Mine) zur Erklärung der Worte der Subfianzea
find . in :o lern die Worte unfere Kegri He
bezeichnen, fo können Ge doch nicht alle
Unvoilkoiumenheilen dcrlelben tilgen , info-
fern fte Dinge darfteilen. Denn diefe
Wo te werden nicht blols als Zeichen unferer
Begriffe i londern zuletzt auch als Zeichen der
Dinge« die ihre Stelle vertreten, gebraucht,
Ihre Bedeutung rnufts daher fowohl mit unfern
Becriffen, als mit der Wahrheit der Dinge über*
einlhmtnen. Folglich können wir bei Sublt.ni-
zen
Eilftes Kapitel. $2$
zen nicht immer bei dem gemeinen znfammen-
gefetzten Begriffe fteheu bleiben, der gewöhn*
lieb für die Bedeutung diefes Worts genommen
wird, fondern muffen etwas weiter g^hen, die
Natur und Eigenfchaften der Dinge felbft nn-
terfuchen , und dadurch die Eiegriffe von ihren
Arten und Gattungen lo vollkommen machen,
als möglich ift. oder doch von denjenigen ler-
nen, welche Erfalmmgskenntniile davon be-
fitzen. Denn da die Sprachzeichen der Sub-
ftanzen nicht nur Begriffe, wie fie in dem Ver-
ftande anderer Rlenfchen vorkommen, fon-
dern auch folche Inbegriffe von einfachen
Merkmalen bezeichnen foilen , als fie 10 den
Dingen felbft wirklich vorhanden find , fo
mufs man die N a t u r g e fc h i c h t c ft u -
diren und die Eigenfc haften der Din-
ge mit kritifcher Sorgfalt ausfin-
dig machen, wenn man diefe Worte
richtig d efinir e n will. Es ift nicht ge-
nug , um Fehler in den Unterhichurgrn und
Räfonnements über Körper und Naturwefen zu
vermeiden, dafs man von dem Sprachgebrauchs
den gemeinen aber dunkeln oder unvollkomme-
nen Begriff lerne, an welchen jedes Wort an-
geknüpft ift, und dafs man ihn bei dem Ge-
brauche allezeit mit diefem verbinde, ibndern
wir muffen uns felbft mit der Gefchiehte die-
fer Art Dinge bekannt machen, dadurch untere
Begriffe berif.htigen und fixiren, und wenn uns
Locke's. II. Theil. L 1 an_
ti6 Drittes Buch.
andere mifsverftehen, den Begriff befiimint an-
geben, den wir durch diefe> Wort ausdrücken.
Diefe Pflicht kann denen, welch« nach Er-
kenntnifs und j.diiIofophifcher Wahrheit ftreben,
um fo weniger erlaffen werden , da wir a's
Kinder bui fchr unvollkommenen Begriffen von
den Dingen Worte kennen lernen, lie at:fs
Geratbewohl ohne vieles Nachdenken anwen-
den, und feilen beftimmte Begriffe bilden , um
fie durch jene auszudrücken. Diefes Verfahren
"wird zur Gewohnheit und auch noch von Man-
nern gerne iortgefetzt, weil es bequem und für
die Verhältniffe des gemeinen Lebens zureichend
iß. Unterdeffen fangt man es doch verkehrt
an, dals man erft die Worte vollkommen
lernet, und dann hinterdrein die Begriffe, zu
welchen jene gebraucht werden, mit grofser
Flüchtigkeit bildet. Dadurch gefchiehet es,
dafs Menfchen , welche nach dem Sprachge-
brauch ihres Landes und den Regeln der Gram-
matik ganz richtig fprechen, fich doch fehr
unrichtig von den Dingen felbft ausdrücken,
dafs fie durch ihr Denken und Disputiren doch
in Entdeckung nützlicher Wahrheiten und in
der Eikenntnifs der Dinge, wie fie an fich und
wicht in unferer Einbildungskraft exiftiren, nur
geringe Fortfehritte machen, und dafs es von
U enig EinHufs für die Erweiterung der Er-
kenntnifs ift, wie fie die Dinge nennen,
§• 25-
Eilftes Kapitel. 527
§• 2?.
Es Ware daher zu wünfchen, dafs die Na*
turforfcher, welche mit den verschiedenen Arten
der Körper bekannt find, die einfachen Merk-
male feftfetzten, welche fie an allen Individuen
einer Art beobachten. Hierdurch würde gröfs-
tentheils der Verwirrung abgeholfen, welche
daraus entlieht , dafs vevfchiedene Menfchen
durch dafielbe Wort einen Inbegriff von weni-
gem oder mehreren Gnnlichen Merkmalen aus-
drücken , je nachdem fie diefelben mehr oder
weniger kennen und forgfältig an den Obje»
cten , die unter dem Worte begriffen und, un-
terfucht haben. Allein ein Wörterbuch diefer
Art, welches gleichfam eine Naturgefchichte
enthalten würde, erfodert zu viele Hände» zu
viel Zeit, Koften , Mühe und Scharffinn, als
dafs man es je erwarten dürfte. Bis dahin mufs
man fich aber mit folchen Definitionen der fub-
flantiellen Worte begnügen , die nur ihre ge-
wöhnliche Bedeutung erklären. Doch wäre es
fchon gut, wenn auch diefes nur, wo es
nöthig ift, gefchahe, welches aber der gewöhn-
liche Fall nicht iß. Die Menfchen drücken Geh
vielmehr in Unterredungen und Disputationen
durch folche Worte aus, über deren Sinn fie
nicht einverstanden find; eine Folge von dem
falfchen Grundfatze, daTs die Bedeutung gemei-
ner Worte lieber feftgefetzt, und die beftimm-
feen Begriffe, welche dadurch bezeichnet wer-
Ll 2 den,
$28 Diines Ruch.
den. vollkommen bekannt feyen, und dafs man
Ceti fch iüitn imilste, wenn man fie nicht wüfoe.
Heide Vorausfelzunjjen find ialfeh. Kein VVotI
für zufammengeletzte Beritte hat eine fo fefte
beftimmte Bedeutung, dafs es immer nur zur Be-
zeichnung eins: und d< ffelbenßegrifls gebraucht
würde. Es HI auch kiine Schande, eine ge-
Wide Likenutnifs auf keinem andern Wege er-
langen zu können , als auf dem einzig mögli-
chen. Niemand fetzt feine Ehre dadurch aufs
Spiel , dafs er die befummle Bedeutung nicht
werfs , welche ein Anderer mit einem Worte
verbindet, fo finge dienr fie nicht durch ein
belfere^ Mittel, all der blo'.se Laut ift, bekannt
gemacht hat. Das Bedürfnis , fich durch die
Sprache mhzutheilen , nötlu'gtt die Aienfthen
freilich, (ich über die Bedeutung der Worte in
einem gewiflen Umfinge zu vereinigen , fo
weit es für die gewöhnlichen Bedürtniffe des
gefelligen Lebens nothwendig ift, und man
kann daher vOraiisfetzen , dafs jeder Bewohner
eines Landes die Vorftellungen , welche nach
dem Sprachgebrauch mit Worten verbunden
find, zum weniglteii in einigem Grade kenne.
Allein der Sprachgebrauch felblt ift eine fehr
nngewiffe und veränderliche Kegel , weil er
zuktzt doch nur auf Vorftellungen einzelner
Menfchen beruhet. Wenn gleich aber das
eben erwähnte Wörterbuch für unfer Zeitalter
picht zu erwarten ift, lo ift doch, wie ich glau-
-> be,
Eilftes Kapitel. J2q
be, der Vorfchlag nicht unßatthaft, diejeni-
gen "Worte, we'che Dinge bezeichnen, die
durch ihre aufsere Geftalt erkannt und unter-
fchieden werden, durch Zeichnungen und Ku-
pferftiche von diefen Dingen genauer zu be-
flimmern Ein Wörterbuch, nach diefer Metho-
de ausgearbeitet , würde die Bedeutung vieler
Worte, vorzüglich aus Sprachen entfernter Zei-
ten und Lande, viel bequemer und in kürzerer
Zeit lehren, und von vielen Dingen, welche in
der Leetüre aiter Schriftftelier vorkommen,
richtigere Begriffe verbreiten, als die grofsen
und mühfanien Kommentare der Gelehrten.
Die Natuikündiger, welche von Piianzen und
Thieren handeln, haben die Vortheile diefer
Methode erfahren , und wer he zu lefen Gele-
genheit hatte, wird geftehen muffen, dafs er
durch eine kleine Abbildung eine klarere Vor-
ftellung von einer Pflanze oder einem Thiere
erhielt, als ihm eine lange Definition diefer
Worte hätte geben können. Eben das würde
auch der Fall mit dem Strigil und Siftrum der
Römer feyn. Die Worte Toga, Tunica und
Pallium laffen ficu leicht durch die Worte Ober-
kleid, Unterkleid und Mantel überfetzen, aber
dadurch erhält man noch keine ar.fchauliche V'or-
ftellung von diefer Tracht der Römer. Doch
dies hier nur im Vorbeigehen,
LI 5 §, 26.
53» Diätes Buch.
.§. c6.
Einförmigkeit in dem Gebrauch
der Worte.
V. WennMenrchen die Mühe (ebenen, den
Sinn ihrer Worte zu' erklären , und nicht alle-
zeit Definitionen davon möglich find , fo darf
man doch wenigftens foviel von ihnen erwar-
ten, dafs ß'e da, wo gegenieitige Belehrung
und Ueberzeugung ihr Zweck ift, ein Wort
immer in einerlei Sinn gebrauchen.
Wenn diefes allezeit gefchähe, was jedem die
Redlichkeit zur Pflicht macht , fo wäre man-
ches gefchriebene Buch überflüffig, viele Strei-
tigkeiten würden beendiget ieyn, viele dicke
Bande, aufgefchwellt mit zweideutigen Aus-
drücken, in einen kleinen Umfang zufammen«
f.dlen, und vißle philofophifche uhd dichten-
fche Werke in eine Nufsfchale zu fallen feyn»
§. 27.
Wo die Veränderung der Bedeu-
tung mufs angegeben werden.
Bei dem allen iß doch derVorrath der Wor-
te in Verhältnifs zu der unendlichen Mannich-
faltigkxit der Dinge fo klein, dafs die Men-
fchen, ungeachtet aller angewandten Vorficht,
doch durch deu Mangel an paflenden Ausdrük-
ken fich genötbigt fehen werden , ein und daf-
felbe
Eilftes Kapitel. 531
felbe Wort in einem etwas veränderten Sinne
zu gebrauchen. Wenn es gleich in einer zu-
fammenhänsenden Rede oder Schrift wohl im-
mer an Räume fehlen wird, jedesmal, wenn
die Bedeutung eines "Worts verändert wird,
eine befondere Definition einzufchieben , fo
wird doch die Einleitung und die Abficht der-
felben einen redlich forfchenden und denken-
den Lefer immer auf den wahren Sinn der
Worte hinführen , wenn nicht etwa eine ab-
fichtliche Taufchüng zum Grunde liest. Ift
diefes aber nicht hinreichend, fo erfordert es
das Interefle eines Schriftftellers , den Sinn zu
erklären , in welchem er in diefer Stelle ein
Wort gebraucht hdt.
Ende des zweiten Theils,
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